{"id":254985,"date":"2025-07-09T15:52:11","date_gmt":"2025-07-09T15:52:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/254985\/"},"modified":"2025-07-09T15:52:11","modified_gmt":"2025-07-09T15:52:11","slug":"film-ueber-den-architekten-sep-ruf-leichtigkeit-und-transparenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/254985\/","title":{"rendered":"Film \u00fcber den Architekten Sep Ruf: Leichtigkeit und Transparenz"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Die Architektur der Nachkriegsmoderne hat es heute schwer. Zu oft hatte sie Beton und Glas in feinen W\u00fcrfelformen dort auf weiten Gr\u00fcnanlagen portioniert, wo vor den Kriegszerst\u00f6rungen mal dichte historische Stadt war. Zu ingenieurhaft hatte sie das urbane Leben nach Funktionen aufgeteilt \u2013 Wohnen au\u00dferhalb, Shoppen innerhalb des Zentrums \u2013 so dass der prominente Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich 1965 auf seinem Buchtitel nur noch vor der \u201eUnwirtlichkeit unserer St\u00e4dte\u201c warnte. \u201eMan pferche den Angestellten hinter den uniformierten Glasfassaden dann auch noch in die uniformierte Monotonie der Wohnblocks, und man hat einen Zustand geschaffen, der jede Planung f\u00fcr eine demokratische Freiheit illusorisch macht\u201c, schrieb er.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Besonders Mitscherlichs Begriff der \u201eUnwirtlichkeit\u201c hat bis heute die Wahrnehmung der Nachkriegsmoderne gepr\u00e4gt. Wie elegant, leicht und menschennah sie aber auch sein kann, das zeigen die Bauten des M\u00fcnchner Architekten Sep Ruf. Dem Wirtschaftswunder-Bauer Franz Joseph \u2013 kurz \u201eSep\u201c \u2013 Ruf widmet jetzt der Regisseur Johann Betz einen Dokumentarfilm.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Oder besser: einen Image-Film. Als m\u00fcsse die \u00d6ffentlichkeit eben noch einmal \u00fcber die \u201eWirtlichkeit\u201c dieser Architektur aufgekl\u00e4rt werden. Viele von Rufs Geb\u00e4uden, die Betz mit Zeitzeugen, Expert:innen, Nut\u00adze\u00adr:in\u00adnen und Be\u00adwoh\u00adne\u00adr:in\u00adnen ausf\u00fchrlich durchdekliniert, stehen heute unter Denkmalschutz.<\/p>\n<p>Der Film<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\"><strong>\u201eSep Ruf \u2013 Architekt der Moderne\u201c.<\/strong> Regie: Johann Betz. Deutschland 2025, 96 Min.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-6\" pos=\"4\">Ikonische Bauten sind zu sehen in \u201eSep Ruf \u2013 Architekt der Moderne\u201c. Sie gaben einer Gesellschaft in Aufbruch auch eine passende Kulisse mit viel Swing: Sein M\u00fcnchner Kirchenbau St. Johann in Capistran ist ein Rundling aus Backstein, dessen Dach zu schweben scheint.<\/p>\n<p>      W\u00e4nde aus Glas \u2013 auch f\u00fcr den Bundeskanzler<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Wie eine begehbare Vitrine wirkt der Pavillon, mit dem Ruf und Egon Eiermann 1958 die Bundesrepublik auf der Weltausstellung in Br\u00fcssel repr\u00e4sentierten. Und der <a href=\"https:\/\/taz.de\/Ehemalige-Bundeshauptstadt-Bonn\/!5446718\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kanzlerbungalow f\u00fcr Ludwig Erhard in Bonn<\/a> ist eine minimalistische Skulptur aus zwei quadratischen Flachdachpavillons mit gl\u00e4sernen Au\u00dfenw\u00e4nden \u2013 in diesem Geb\u00e4ude sollte fortan ein Bundeskanzler nichts mehr zu verbergen haben.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Regisseur Betz arbeitet heraus, wof\u00fcr Sep Ruf ohnehin bekannt ist: In den 1950ern bis zu seinem Tod 1982 war er ein Star in Westdeutschland. Mit seiner Architektur schuf der 1908 geborene Ruf das Bild einer demokratischen, progressiven, sich von ihrer Nazivergangenheit befreienden Bundesrepublik. Auch wenn die bundesrepublikanische Gesellschaft bekanntlich nicht immer so einen Bruch mit dem Nationalsozialismus gemacht hatte, wie es Ruf, der nicht in der NSDAP war, mit der Leichtigkeit und Transparenz seiner Bauten versprach.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Und das ist einer der Punkte, an denen Betz der kritische, heutige Blick auf sein Sujet fehlt. Etwas verstaubt ist n\u00e4mlich sein Portr\u00e4t von einem meisterhaften Bauk\u00fcnstler, den Wegbegleiter im Film ehrf\u00fcrchtig \u201eHerr Professor\u201c nennen \u2013 Ruf lehrte auch Architektur.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>\n            Unhinterfragt bleibt die kl\u00fcngelige, m\u00e4nnlich gepr\u00e4gte BRD-Nachkriegsgesellschaft, in der Sep Ruf nicht nur die charmante und \u201euneitle\u201c Figur gewesen sein muss wie dargestellt, sondern auch ein gut vernetzter Unternehmer<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"9\">Und recht unhinterfragt bleibt die kl\u00fcngelige, m\u00e4nnlich gepr\u00e4gte BRD-Nachkriegsgesellschaft, in der Sep Ruf nicht nur die \u201echarmante\u201c und \u201euneitle\u201c Figur gewesen sein muss wie dargestellt, sondern auch ein gut vernetzter Unternehmer. 1955 etwa beauftragte der Physiker Werner Heisenberg pers\u00f6nlich seinen Freund Sep mit dem Neubau des von ihm geleiteten Max-Planck-Instituts in M\u00fcnchen und mit dem der Privatvilla gleich dazu. Der Institutsbau ist nat\u00fcrlich wundersch\u00f6n: gro\u00dfz\u00fcgig verglaste B\u00fcros, gl\u00e4serner Gang, kommunikative Freitreppe f\u00fcr die Mitarbeiter.<\/p>\n<p><a class=\"slides icon maximize_opahov large pswp-slides pl-0\" href=\"https:\/\/taz.de\/picture\/7805086\/1200\/3-Sep-Ruf-Kanzlerbungalow-Nacht-1.jpeg\" data-pswp-width=\"\" data-pswp-height=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/3-Sep-Ruf-Kanzlerbungalow-Nacht-1.jpeg\" alt=\"Ein flacher Bau mit \u00fcberkragendem Dach, rundum verglast: Lampen leuchten aus dem Inneren heraus\" title=\"Ein flacher Bau mit \u00fcberkragendem Dach, rundum verglast: Lampen leuchten aus dem Inneren heraus\" height=\"998\" type=\"image\/jpeg\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Der Kanzlerbungalow, den Sep Ruf f\u00fcr Ludwig Erhard in Bonn gebaut hat<\/p>\n<p>Foto:<br \/>\nAlpenrepublik<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"10\">Vieles an Sep Rufs Architektur ist aktuell, das vermittelt der Film schon. Etwa seine L\u00f6sungen zur Wohnungsnot Anfang der 1950er Jahre, als er, auf sehr geringer Grundfl\u00e4che, Licht und Raum so dirigierte, dass auch f\u00fcr Familien angenehme Wohnungen entstanden.<\/p>\n<p>      Mit der Geschichte umgehen<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"12\">Sein Verwaltungsbau Neue Maxburg in M\u00fcnchen ber\u00fchrt heutige Rekonstruktionsdebatten und r\u00e4umt nebenbei das Tabula-rasa-Image der Moderne ein bisschen aus dem Weg. Ruf und der Co-Architekt Theo Pabst erhielten n\u00e4mlich ein Fragment der sonst kriegszerst\u00f6rten Wittelsbacher Burg und stellten einen Neubau dahinter, der die Renaissancefassade des Bestands weiter interpretierte.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"13\">Betz\u2019 Bilder sind perfekt, die Kamera f\u00e4hrt mit cleanen Aufnahmen durch die Innenr\u00e4ume oder per Drohnenflug \u00fcber eine im Sommerlicht gl\u00e4nzende Architektur. Manchmal l\u00e4sst Betz mehrere Szenen parallel \u00fcber die Bildfl\u00e4che laufen oder schiebt historische Aufnahmen hinein \u2013 charmant, die Sekret\u00e4rinnen im Ballonrock auf der Dachterrasse. Das ist alles sehr sch\u00f6n komponiert, aber auch cheesy. Insbesondere durch die belanglose Sounduntermalung, die anfangs noch mit einem Swing der F\u00fcnfziger daherkommt und zwischendurch zum soften Fahrstuhl-Indierock abhebt, wirkt das Ganze auch wie ein auf 96 Minuten gedehnter Werbefilm.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"14\">Interessant sind vielmehr die Details am Rande: Die alten Gesch\u00fctzrohre aus dem Krieg, die Ruf Anfang der 1950er Jahre aufgrund von Materialmangel an den Balkonen verbaute. Oder sein konsequent knappes Raumma\u00df selbst bei den Luxusvillen: Wie, fragt sich im Film eine heutige Bewohnerin von Ludwig Erhards Villa am Tegernsee, hat der korpulente Wirtschaftswunderkanzler \u00fcberhaupt auf das kleine Klo gepasst?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Architektur der Nachkriegsmoderne hat es heute schwer. 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