{"id":25610,"date":"2025-04-12T08:37:21","date_gmt":"2025-04-12T08:37:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/25610\/"},"modified":"2025-04-12T08:37:21","modified_gmt":"2025-04-12T08:37:21","slug":"geschichten-juedischer-familien-bewegen-bei-den-weidener-literaturtagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/25610\/","title":{"rendered":"Geschichten j\u00fcdischer Familien bewegen bei den Weidener Literaturtagen"},"content":{"rendered":"<p>Nicht eine Person mehr h\u00e4tte am Mittwochabend in dem brechend vollen Saal des Kulturzentrums Hans Bauer Platz gefunden. Im Rahmen der Weidener Literaturtage stellte die Autorin und Journalistin Christine Ascherl ihr gerade erschienenes Buch \u201eJ\u00fcdische Familien \u2013 Schicksale hinter den Stolpersteinen in Weiden in der Oberpfalz\u201c vor und war sichtlich ergriffen, wie viele Leute es zu ihrer Veranstaltung zog. \u201eIch bin total \u00fcberw\u00e4ltigt, das h\u00e4tte ich nie gedacht,\u201c gestand die Autorin. Zusammen mit Dr. Sebastian Schott, Historiker im Stadtarchiv, hat Ascherl die Lebensgeschichten der rund 200 Weidener Juden recherchiert und in einem Buch zusammengestellt.<\/p>\n<p>Die Doktorarbeit von Schott und dessen intensive Recherche seien Grundlage zu ihrem Buch, wie Ascherl ausf\u00fchrte. Sie habe es f\u00fcr n\u00f6tig erachtet, dass die vielen Artikel \u00fcber die Stolpersteinverlegungen nicht nur digital umherschwirrten oder im Altpapier landeten. Sie wollte den Stolpersteinen ein Gesicht geben. Seit der ersten Stolpersteinverlegung 2022 f\u00fcr die Familie Kupfer habe sie sich, so Moderator und Kulturjournalist Stefan Voit, \u201egef\u00fchlt in alle Archive der Welt reingefuchst\u201c. Diese Arbeit sei wichtig, denn \u201edie Zeit der Zeitzeugen geht zu Ende, es beginnt die Zeit der Erinnerungskultur.\u201c <\/p>\n<p>Die Kunstaktion Stolpersteine sei durchweg gut aufgenommen worden, vor allem von den Schulen, begeisterte sich Schott. Drei Steine gebe es noch zu finanzieren, ein Stein kostet 120 Euro. Hierzu w\u00fcrden noch Spenden ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p>Ascherls Buch ist eine bewegende Sammlung der Schicksale der rund 40 j\u00fcdischen Familien in Weiden, in der sie sich fragt: Wer waren diese Menschen und was ist aus ihnen geworden? Unerm\u00fcdlich hat die Autorin hier neben Interviews mit \u00dcberlebenden auch bisher unver\u00f6ffentlichte Briefe zusammengetragen, sowie Fotos und internationales Archivmaterial, das bisher nicht zug\u00e4nglich gewesen war. &#8222;Die Digitalisierung alter Dokumente, die Dokumentationswut der Nazis, und vor allem die \u00fcberw\u00e4ltigende Hilfsbereitschaft der j\u00fcdischen Gemeinden international, allen voran in Israel, ma\u00dfgeblich waren f\u00fcr den Erfolg meiner Nachforschungen&#8220;, erz\u00e4hlte Christine Ascherl den Zuh\u00f6rern. Auch die \u201eoral history\u201c, also die m\u00fcndliche \u00dcberlieferung und Aufzeichnung von Gespr\u00e4chen der \u00dcberlebenden und deren Nachkommen sei von unsch\u00e4tzbarem Wert. In kurzen Kapiteln zusammengefasst, und mit klarer Erz\u00e4hlweise vermittelt Ascherl in ihrem Buch also die Geschichten dieser knapp 200 Menschen, von denen die meisten in Vernichtungslagern der Nazis umkamen.<\/p>\n<p>Das Phantom in den Archiven <\/p>\n<p>So erz\u00e4hlt sie zum Beispiel die Geschichte von Justin Kohner, der als 20-j\u00e4hriger Widerstandsk\u00e4mpfer (Deckname \u201eTintin\u201c) in die franz\u00f6sische R\u00e9sistance ging, um 1945 mit der US-Armee in seine Heimat wiederzukehren. Hier ermittelte er gegen die Beteiligten an der Reichspogromnacht 1938, in der seine Eltern und Bruder Schreckliches erlitten. <\/p>\n<p>\u201eJustin war immer ein bissl ein Phantom,\u201c so Ascherl. Sebastian Schott sei schon bei seiner Doktorarbeit aufgefallen, dass bei den Verh\u00f6ren der Nazis in Weiden immer ein Kohner dabei gewesen war. Die Spuren verloren sich aber. Die Familie lebt heute in Frankreich, niemand habe je \u00fcber den Justin gesprochen, bis die Enkelin, selbst Historikerin, recherchierte und dabei auf die Vergangenheit des Mannes gesto\u00dfen war.<\/p>\n<p>Ein Packerl, das 80 Jahre lang unge\u00f6ffnet bleibt, darauf harrend, dass der Adressierte es irgendwann doch noch \u00fcberreicht bekommt. Eine sensationelle Geschichte. Ascherl erfuhr von Werner Friedmann, dass er seit den Neunzigern ein Paket f\u00fcr die Kinder des Ehepaares Heimann in Verwahrung habe. Diese Mitteilung des j\u00fcdischen Vorsitzenden der GCJZ gab ihr den Ansto\u00df, nach den Kindern zu forschen. \u201eWerners Nichte lebt in Tel Aviv und hat sich in einem Forum f\u00fcr Hinterbliebene nach dem Verbleib der Heimann-Kinder erkundigt. Die hatten alle ganz schnell Namen parat, der Theo hie\u00dfe jetzt Daniel, und lebe hier in Tel Aviv. Das war irre&#8220;, sagte Ascherl.<\/p>\n<p>Daniel Heimann, der 99-j\u00e4hrige Enkel des Glasfabrikanten Adler, lebt in Tel Aviv. Ihn hat Christine Ascherl 2024 besucht, um seine unglaubliche Geschichte zu dokumentieren und ihm die kostbare Fracht zu \u00fcberreichen: Heimans Mutter Elisabeth hatte es 1942 vor ihrer Deportation geschafft, ein Paket f\u00fcr ihren Sohn einer Vertrauten zu \u00fcberlassen. W\u00e4hrend Elisabeth und ihr Mann Max ihre Kinder knapp vor Kriegsausbruch ins Ausland in Sicherheit bringen konnten \u2013 Theo, nach Pal\u00e4stina, seine Schwester mit dem \u201eKindertransport\u201c nach England \u2013 schafften die Eltern es trotz verzweifelter Versuche nicht, sich selbst zu retten. Nach der Deportation nach Polen verliert sich ihre Spur in den Vernichtungslagern im Osten. Was bleibt, ist ein Paket voller Erinnerungen: 50 Fotos, Zeugnisse, Ehevertr\u00e4ge und Zeitungsartikel \u00fcber die Glasfabrik des Gro\u00dfvaters Adler. Die Familie kommt im Juli zur Verlegung des Stolpersteins nach Weiden.<\/p>\n<p>Vom Buch zum Film? <\/p>\n<p>Diese und viele weitere Lebensgeschichten hat Ascherl zusammengetragen. Dabei soll das Buch neben den traurigen Gef\u00fchlen durchaus auch Mut machen und die Zivilcourage und die gro\u00dfe \u00dcberlebensst\u00e4rke der Menschen von damals vermitteln. <\/p>\n<p>Und zum Schluss hatte sie noch eine \u00dcberraschung. Wolfgang B\u00e4umler von der Firma Vantage Film aus Weiden sei auf der Berlinale ein Flyer in die Hand gedr\u00fcckt worden. Darin stand, dass die Geschichte von Daniels Packerl wohl verfilmt werde, freute sich Ascherl. Wolfgang B\u00e4umler meinte dazu: \u201eWir hatten heute morgen tats\u00e4chlich zuf\u00e4llig den Filmemacher f\u00fcr genau dieses Projekt im Haus, der bei uns das Equipment getestet hat. Es war schon ein gro\u00dfer Zufall, dass das am selben Tag passiert, an dem Christine Ascherl ihr Buch den Weidenern vorstellt.\u201c <\/p>\n<p>  <a href=\"https:\/\/www.onetz.de\/oberpfalz\/weiden-oberpfalz\/alle-podcast-folgen-nazis-weidener-glasmacher-ausloeschen-wollten-id4632172.html\" class=\"picture\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/0d4dfa6b-ebf0-458d-aacc-24315861b550.png\" alt=\"\" title=\"\" width=\"114\" height=\"64\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"img-responsive\"\/><img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1744447041_576_0d4dfa6b-ebf0-458d-aacc-24315861b550.png\" alt=\"\" title=\"\" width=\"120\" height=\"98\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"img-responsive mp-picture__image--alternative\"\/><\/a><\/p>\n<p>Weiden in der Oberpfalz24.02.2024<\/p>\n<p>  <a href=\"https:\/\/www.onetz.de\/oberpfalz\/weiden-oberpfalz\/mahnmale-messing-beton-gegen-vergessen-stolpersteine-fuer-weiden-id4954452.html\" class=\"picture\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1d50a838-c0e3-46d2-9c04-950ac980c20b.jpg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"114\" height=\"64\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"img-responsive\"\/><img src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/1744447041_788_1d50a838-c0e3-46d2-9c04-950ac980c20b.jpg\" alt=\"\" title=\"\" width=\"120\" height=\"98\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"img-responsive mp-picture__image--alternative\"\/><\/a><\/p>\n<p>Weiden in der Oberpfalz30.10.2024<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nicht eine Person mehr h\u00e4tte am Mittwochabend in dem brechend vollen Saal des Kulturzentrums Hans Bauer Platz gefunden.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":25611,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,80,12628,15006,15007,12630,15008,215,15005,15009],"class_list":{"0":"post-25610","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-kultur","14":"tag-landkreis-neustadt-a-d-wn","15":"tag-literatur-und-lesungen","16":"tag-redaktion-weiden","17":"tag-region-weiden-neustadt-a-d-waldnaab","18":"tag-stadt-weiden","19":"tag-unterhaltung","20":"tag-weiden-in-der-oberpfalz","21":"tag-weidener-literaturtage"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114324088515108257","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25610","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25610"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25610\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/25611"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25610"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25610"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25610"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}