{"id":257202,"date":"2025-07-10T12:14:10","date_gmt":"2025-07-10T12:14:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/257202\/"},"modified":"2025-07-10T12:14:10","modified_gmt":"2025-07-10T12:14:10","slug":"schweighoefer-film-brick-paartherapie-mit-dem-vorschlaghammer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/257202\/","title":{"rendered":"Schweigh\u00f6fer-Film \u201eBrick\u201c: Paartherapie mit dem Vorschlaghammer"},"content":{"rendered":"<p>Lockdown ohne Virus: In Philip Kochs Netflix-Gruselfilm \u201eBrick\u201c werden Matthias Schweigh\u00f6fer und Ruby O. Fee als traumatisiertes Paar von einer Wand aus schwarzen Steinen in ihrer Wohnung eingeschlossen. Daraus h\u00e4tte ein schicker Gegenwarts-Schocker werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Es gab mal eine Frau \u2013 das ist schon Jahrzehnte her und an so etwas wie Lockdown war nicht zu denken \u2013, die fuhr in die Berge. Da war es sch\u00f6n. Als sie aber eines Morgens erwachte, war die Welt verwandelt und sie allein. Und als sie losging, die zu suchen, mit denen sie unterwegs war (Mann und Cousine), stie\u00df sie \u201ean einer Stelle, an der doch gar nichts sein konnte als Luft\u201c auf eine gl\u00e4serne Wand. <\/p>\n<p>\u201eMein Herz hatte sich schon gef\u00fcrchtet, ehe ich es wusste\u201c, schreibt sie (etwas anderes als das Schreiben bleibt ihr in ihrer Einsamkeit nicht) \u2013 so wie Marlen Haushofer ihren Roman schrieb, am K\u00fcchentisch, in linierte Hefte. Anfang der Siebziger war das. Und \u201eDie Wand\u201c wurde \u2013 weil Marlen Haushofer das Schicksal einer Frau im Gef\u00e4ngnis der Konventionen, das sich Zivilisation nennt, zu Ende dachte \u2013 zum Kultbuch.  <\/p>\n<p>Ein existenzielles Experiment \u00fcber die M\u00f6glichkeiten eines selbstbestimmten richtigen Lebens im falschen war dieser Roman. Eine feministische, apokalyptische Geschichte des wohldosierten numinosen Schreckens, des intellektuellen Horrors. Und die war es noch <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article172596233\/Wir-toeten-Stella-Verfilmung-nach-Marlen-Haushofer.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article172596233\/Wir-toeten-Stella-Verfilmung-nach-Marlen-Haushofer.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">in Julian Roman P\u00f6lslers meisterhafter Verfilmung<\/a> mit der unvergleichlichen Martina Gedeck im Zentrum der Glaskuppel, auf die Haushofers eigentlich unverfilmbares Buch nur gewartet zu haben schien. <\/p>\n<p>Vielleicht h\u00e4tte Philip Koch, als Pandemie war und sein Haus wegen Renovierungsarbeiten von au\u00dfen wie von Christo verh\u00fcllt, im Lockdown Marlen Haushofer lesen und P\u00f6lslers Film schauen sollen. Dann h\u00e4tte er, der schon diverse \u201eTatort\u201c-Folgen und die Dystopie \u201eTribes of Europe\u201c gedreht hat, als er die Idee zu seinem neuen Film hatte, geseufzt und \u201eGibt\u2019s ja schon\u201c gesagt. Und uns w\u00e4re der Netflix-Film \u201eBrick\u201c vielleicht erspart geblieben. <\/p>\n<p>Hat er aber nicht. Und so steht Hauptfigur Liv eines Tages \u2013 wir sind nicht in den Bergen, sondern in Hamburg \u2013 auf der Schwelle ihrer Wohnungst\u00fcr, durch die sie gerade auch ihre Beziehung mit Tim verlassen wollte, vor einer Wand. Diese Wand schimmert schwarz und ist zusammengesetzt aus astreinen, anthrazitfarbenen Steinen. Dass die Wand in \u201eBrick\u201c eine Metapher ist wie die Wand bei Marlen Haushofer, hat Koch, weil er sich vielleicht nicht darauf verlassen wollte (oder konnte), dass das jeder mitbekommt, auch wenn er nicht mit dem dramaturgischen Vorschlaghammer darauf hingewiesen wird, bis dahin in R\u00fcckblenden geradezu ausgestellt. Und damit geht das ganze Elend los.<\/p>\n<p>Tim und Liv leben in einem Haus, das renoviert werden soll und deswegen verh\u00e4ngt ist. Ziemlich weit oben leben sie in diesem Haus, das ist wichtig. Tim ist Spiele-Erfinder und Liv Architektin. Auch das ist nat\u00fcrlich hochsymbolisch. Denn \u201eBrick\u201c ist ein anderthalbst\u00fcndiges Spiel, in dem sich die beiden Helden aus offensichtlich  paartherapeutischen Gr\u00fcnden von oben nach unten und von Escape-Room zu Escape-Room durch ein von kalter Hand entworfenes cineastisches Puppenhaus bohren, h\u00e4mmern und morden m\u00fcssen. <\/p>\n<p>Liv und Tim (<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/welt.de\/themen\/matthias-schweighoefer\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/welt.de\/themen\/matthias-schweighoefer\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Matthias Schweigh\u00f6fer,<\/a> der noch nie so angestrengt berufsjugendlich aussah, und Ruby O. Fee sind auch im wirklichen Leben ein Paar) haben vor zwei Jahren ihr Kind bei der Geburt verloren. Liv hat getrauert \u2013 sie ist halt eine Frau. Tim hat sich ins Gef\u00e4ngnis seiner Arbeit gefl\u00fcchtet \u2013 er ist halt ein Mann. Sie (sie ist ja eine Frau) versucht es noch einmal. Hat den Job gek\u00fcndigt, ein rosa Wohnmobil gekauft. Und will los mit ihm. Nach Paris. Tim will das nicht. Er hat den n\u00e4chsten Call mit seiner Firma. <\/p>\n<p>Eine d\u00e4mliche Mauermaschine<\/p>\n<p>So haben sie sich \u00fcber die Jahre eingemauert in ihrer perfekt ausgestatteten Wohnung, an die man sich aus einem halben Dutzend Florian-David-Fitz-Beziehungskom\u00f6dien zu erinnern meint. Dass zur Grundausstattung dieses Musterm\u00f6belappartements auch ein Vorschlaghammer und eine gewaltige Schlagbohrmaschine geh\u00f6ren, h\u00e4tte man allerdings nicht gedacht. F\u00fcr \u201eBrick\u201c aber sind solche Werkzeuge nat\u00fcrlich wichtig.  <\/p>\n<p>Philip Kochs Mauermaschine ist n\u00e4mlich, damit ein ordentlicher Horrorfilm aus \u201eBrick\u201c wird und kein High-Brow-Psycho-Kammerspiel wie \u201eDie Wand 2.0\u201c, doch eher d\u00e4mlich. T\u00fcr und Fenster verbarrikadieren die schwarzen Steine, die W\u00e4nde und die Decken aber nicht. Und so brechen Tim und Liv, als w\u00e4re es eine Aufgabe der letzten Therapiestunde, gemeinsam von Wohnung zu Wohnung durch bis zum Keller. Liv \u2013 sie ist ja Architektin und hat die Pl\u00e4ne gelesen \u2013 wei\u00df n\u00e4mlich, dass es da einen Weg ins Freie gibt. Oder geben k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>Unterwegs versammeln sie bei ihrem Zug durch die Stockwerke und Wohnungen nach der alten Kinderbuch-Heldenreisen-Dramaturgie eine absonderliche Gruppe von Menschen um sich. Die bleiben ungef\u00e4hr so flach wie die stets akkurat das jeweilige Soziotop illustrierende Ausstattung der Wohnungen (trotz des teilweise erheblichem Blutverlusts seiner Bewohner sind das Haus und seine Bewohner so sauber wie die Ikea-Muster-Abteile morgens kurz vor der \u00d6ffnung). <\/p>\n<p>Nur ganz unten im Erdgeschoss, da treffen die, die noch \u00fcbrig sind, auf einen interessanten Typen. Einen wenigstens ansatzweise komplexen Verschw\u00f6rungsschwurbler (Muratan Muslu), der meint, da drau\u00dfen sei die Apokalypse passiert und sie sollten doch froh sein um die Mauer. Sind sie aber nicht. Und so geht alles seinen Gang. <\/p>\n<p>Am Ende kommt es tats\u00e4chlich zu einem Moment der Epiphanie. Es wird Licht. Und dann sp\u00e4testens sollte man, wenn man bis dahin nicht die Nerven verloren hat mit Philip Kochs  untersubtilen Schlag- und Bohr-Spiel den Streamingdienstleister wechseln. Koch, der schon bis dahin alles getan hat, seinem Horrorfilm jedes Geheimnis austreiben, entl\u00e4sst uns nat\u00fcrlich nicht, wie es Haushofer und P\u00f6lsler in \u201eDie Wand\u201c getan haben, mit einem Gef\u00fchl der existenziellen Verunsicherung. Das Herz muss sich nicht f\u00fcrchten in diesem Film.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Lockdown ohne Virus: In Philip Kochs Netflix-Gruselfilm \u201eBrick\u201c werden Matthias Schweigh\u00f6fer und Ruby O. 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