{"id":25807,"date":"2025-04-12T10:28:49","date_gmt":"2025-04-12T10:28:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/25807\/"},"modified":"2025-04-12T10:28:49","modified_gmt":"2025-04-12T10:28:49","slug":"thalia-theater-noch-feministischer-das-geht-doch-gar-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/25807\/","title":{"rendered":"Thalia Theater: \u201eNoch feministischer? Das geht doch gar nicht!\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Die geb\u00fcrtige Hamburgerin Sonja Anders, 59, kehrt als Intendantin des Thalia Theaters ab Sommer 2025 zum wiederholten Mal beruflich in ihre Heimatstadt zur\u00fcck, wo sie als Dramaturgin auf Kampnagel begann, bevor sie 1990 zu Frank Baumbauer ans Deutsche Schauspielhaus wechselte. 1993 bis 2000 arbeitete sie unter Friedrich Schirmer am Staatstheater <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/stuttgart\/\" title=\"Nachrichten, Bilder, Videos und Reisetipps zu Stuttgart finden Sie auf unserer Themenseite.\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/stuttgart\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;Nachrichten, Bilder, Videos und Reisetipps zu Stuttgart finden Sie auf unserer Themenseite.&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;Nachrichten, Bilder, Videos und Reisetipps zu Stuttgart finden Sie auf unserer Themenseite.&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuttgart<\/a>, ging dann als Dramaturgin mit Ulrich Khuon ans Thalia Theater, wo sie 2005 zur Chefdramaturgin aufstieg. Mit Khuon wechselte sie 2009 ans Deutsche Theater <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/berlin-staedtereise\/\" title=\"Nachrichten, Bilder, Videos und Reisetipps zu Berlin finden Sie auf unserer Themenseite.\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/berlin-staedtereise\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;Nachrichten, Bilder, Videos und Reisetipps zu Berlin finden Sie auf unserer Themenseite.&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;Nachrichten, Bilder, Videos und Reisetipps zu Berlin finden Sie auf unserer Themenseite.&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Berlin<\/a>, wurde 2017 zur stellvertretenden Intendantin. Seit 2019 leitet sie als Intendantin das Schauspiel <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/hannover\/\" title=\"Nachrichten, Bilder, Videos und Reisetipps zu Hannover finden Sie auf unserer Themenseite.\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/hannover\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;Nachrichten, Bilder, Videos und Reisetipps zu Hannover finden Sie auf unserer Themenseite.&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;Nachrichten, Bilder, Videos und Reisetipps zu Hannover finden Sie auf unserer Themenseite.&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hannover<\/a>.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Wie ist das Gef\u00fchl, ans Thalia zur\u00fcckzukehren?<\/p>\n<p><b>Sonja Anders<\/b>: Es ist aufregend. Und ich war tief ber\u00fchrt, als ich den Mitarbeitenden vorgestellt wurde \u2013 das ist nun auch schon wieder eine Weile her \u2013 und bemerkt habe, dass so viele Menschen noch da sind. Ich war immerhin 16 Jahre weg. Gleichzeitig hat sich in der Stadt viel ver\u00e4ndert. Und ich habe mich ver\u00e4ndert. Das ist es, was die Sache aufregend macht.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Es gibt also reichlich Gespr\u00e4chsbedarf.<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Es gibt viel zu besprechen, was die Welt betrifft, und somit auch das Theater. Die Wahrnehmung von Theater ist eine andere geworden in diesen 16 Jahren.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Auch hat das Theater wohl ein bisschen an Bedeutung verloren.<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Das sehe ich nicht so. In den Medien wird das Theater heute anders rezipiert. Und wir haben ein ver\u00e4ndertes Publikum, das \u00fcber verschiedene Kan\u00e4len kommuniziert und konsumiert. Fr\u00fcher haben wir am Montag nach einer Premiere in die WELT geguckt oder ins \u201eAbendblatt\u201c. Heute k\u00f6nnten wir theoretisch ein Dutzend Plattformen aufrufen. Insofern sehe ich nicht, dass die Bedeutung von Theater gesunken ist, aber die Sichtbarkeit und die Form der Debatte ist eine andere. Solange die Menschen kommen und sich eine Stimmung herstellt, ist das Theater am Leben.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Das ist wahr. Aber auf Dauer ist das eine Frage der Legitimation von Theater, das ja auch von denen bezahlt wird, die nicht reingehen.<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Kinderg\u00e4rten, Universit\u00e4ten und Autobahnen werden auch von denen mitbezahlt, die sie nicht selbst nutzen. Bemerkenswert ist doch, dass mit den multiplen Krisen, die wir gerade erleben, auch das Interesse am Theater steigt. Auch in dieser Hinsicht ist <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/hamburg-staedtereise\/\" title=\"Nachrichten, Bilder, Videos und Reisetipps zu Hamburg finden Sie auf unserer Themenseite.\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/hamburg-staedtereise\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;Nachrichten, Bilder, Videos und Reisetipps zu Hamburg finden Sie auf unserer Themenseite.&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;Nachrichten, Bilder, Videos und Reisetipps zu Hamburg finden Sie auf unserer Themenseite.&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hamburg<\/a> im Moment ein optimaler Ort, eine interessierte, offene, vielf\u00e4ltige Stadt. Das soll sich auch im Spielplan wiederfinden. Und die Politik hier wei\u00df, dass Kultur f\u00fcr die Stadt wichtig ist, so wie die kulturelle Auseinandersetzung mit den Krisen. Kulturelle Bildung, die demokratiest\u00e4rkend wirkt, wird anderswo oft untersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Wie w\u00fcrden Sie denn die Aufgabe von Stadttheater beschreiben?<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Die angestrebte Vielfalt unseres Spielplans ist ein Grund daf\u00fcr, dass wir kein Motto f\u00fcr die Spielzeit w\u00e4hlen. Es geht uns um eine ganze Bandbreite an Themen, die unterschiedliche Gruppen betreffen. Die Aufgabe von Stadttheater ist auch, Menschen abzuholen, wo sie sind, unterschiedliche Haltungen zu betrachten und sich hineinzuversetzen in andere Leben. Es ist eine ziemliche Herausforderung, Alt und Jung einzuladen, Arm und Reich, M\u00e4nner wie Frauen \u2013 und alle dazwischen. Wobei die Frauen ja sowieso kommen.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Das Verhalten der Zuschauer zeigt auch gesellschaftliche Trends, die sich zuspitzen. Seit jeher haben eher Frauen ausgesucht, in welche St\u00fccke Paare oder Familien gehen. M\u00e4nner gehen heute noch seltener, wie kommt\u2019s?<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Gerade tobt ein Kampf um Deutungshoheiten, auch darum, was Kunst erz\u00e4hlen soll und was nicht. Ich w\u00fcrde mich dem gerne ein bisschen verweigern und diese Kategorien \u00f6ffnen und neue Narrative suchen. Jede Form der Polarisierung fordert mich geradezu heraus, die Extreme zu untersuchen und zu fragen, welche Geschichten und Schicksale dahinterstecken und was dazwischenliegt. Das ist im Moment eine gewaltige Aufgabe, nicht nur f\u00fcr die Kultur, auch politisch gesehen, und f\u00fcr jeden Einzelnen.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Die Risse, gerade die politischen, werden langsam zu Gr\u00e4ben \u2026<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Man merkt in vielen Unterhaltungen, dass man an Grenzen st\u00f6\u00dft. Es n\u00fctzt aber nichts, auf der Stelle umzukehren. Ich hatte neulich eine Diskussion mit einer Freundin, die BSW w\u00e4hlte. Ich glaube, vor f\u00fcnf Jahren h\u00e4tte ich mich aufgeregt und abgewendet. Diesmal haben wir dar\u00fcber gesprochen, \u00fcber Russland-Politik und Migration.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Das Thalia Theater hat sein Programm in den vergangenen Jahren immer weiter aufgef\u00e4chert. Glauben Sie, man braucht diese Bandbreite, oder w\u00e4re es besser, sich st\u00e4rker auf die Kunst zu konzentrieren?<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Ich finde die Bandbreite wichtig. Das Repertoire und der Diskurs, auch die Festivals, machen heute Theater aus. Daher werden wir die Lessingtage auch weiterf\u00fchren. Gleichzeitig bin ich ein Mensch, der die Dinge gerne ordnet f\u00fcr die Zuschauenden. Ich mag Reihen, Rituale, ich mag Festivals mit klarem Programm.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Was planen Sie inhaltlich?<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Ich werde Ihnen jetzt nicht den Spielplan verraten, den gebe ich am 11. April bekannt, aber ein kleiner Einblick nur f\u00fcr Sie ist, dass wir auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz mit einer Woche er\u00f6ffnen werden, die durchaus Eventcharakter haben wird. Da gibt es jeden Tag ganz unterschiedliche Begegnungsformate, Konzerte und kleine Guckl\u00f6cher in Richtung Spielplan.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Bleibt das Ensemble stabil? Jens Harzer, Marina Galic und Sebastian Zimmler wechseln jetzt im Sommer ans Berliner Ensemble.<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Das Ensemble wird zu einem gro\u00dfen Teil bleiben. Aber es gibt Ver\u00e4nderungen. Nat\u00fcrlich schl\u00e4gt sich eine neue Intendanz auch im Personal wieder. Dazu geh\u00f6rt, dass in unserem Theater unterschiedliche Perspektiven Raum bekommen, vielf\u00e4ltige Geschichten erz\u00e4hlt werden sollen, mit ganz unterschiedlichen Menschen.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>In der Theaterszene h\u00f6rt man S\u00e4tze wie: \u201eSonja Anders macht das bestimmt wie in Hannover, nur noch feministischer.\u201c<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Noch feministischer? Das geht doch gar nicht! Im Ernst, wir stellen im Theater schon lange fest, dass der Kanon allein nicht mehr zieht. Dass die Menschen Geschichten aus ihrer eigenen Welt, ihrer Lebensrealit\u00e4t antizipieren wollen. Dar\u00fcber, wie wir miteinander leben. Und da kommt der Feminismus dann ziemlich schnell ins Spiel. Weil 50 Prozent der Bev\u00f6lkerung das Thema Gerechtigkeit und Miteinander in unserer Gesellschaft als Problem betrifft. Ich w\u00fcrde trotzdem ungern \u201enoch feministischer\u201c sagen, vielmehr finde ich, dass Zusammenhalt und nicht das Auseinanderdividieren wichtig ist. Das schlie\u00dft Feminismus nicht aus, und auch nicht die M\u00e4nner, die genauso feministisch sein k\u00f6nnen wie Frauen. Und die wir dabei brauchen.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Nat\u00fcrlich gibt es Gerechtigkeitsthemen wie die Gehaltsschere oder ungerechte Rollenverteilungen in Familien.<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Keiner w\u00fcrde ja sagen, dass er eine ungerechte Gesellschaft bevorzugt. Die Frage ist aber, was sind wir bereit aufzugeben? Wie sehr h\u00e4ngen wir an unseren Bildern? Wie unbewusst sind die Ungerechtigkeiten, die wir leben? Diese bewusst zu machen, hilft schon ein St\u00fcck weit. Ich glaube, wir haben in Hannover gelernt, wie man Gerechtigkeitserz\u00e4hlungen mit Freude auf die B\u00fchne bringt. Auch auf diese Weise kann Theater politisch sein: Indem es manchmal das Gelingen zeigt.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Mit politischem Theater \u2013 man denkt sofort an Brecht \u2013 ist ja meist noch etwas anderes gemeint.<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Wir verbreiten sicher keine Ideologie auf der B\u00fchne. Aber es ist auch politisches Theater, wenn Menschen sich ber\u00fchren lassen und Empathie f\u00fcr andere empfinden. Unser gesellschaftliches Problem ist ja gerade, dass Hass und Wut legitimiert werden, durch Parteien oder Menschen. Da erweckt unser Theater hoffentlich gegenteilige Gef\u00fchle: Neugier, Irritation, Liebe.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Sie haben gesagt, Sie m\u00fcssten sich auch absetzen und einen Neuanfang markieren. Werden die schmutzigen Gardinen, das ist nicht im \u00fcbertragenen Sinne gemeint, im Thalia Theater auch mal wieder gewaschen?<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Ich mag aufr\u00e4umen, mag Ver\u00e4nderung und Erneuerung, auch Inspiration durch andere. Es wird ein neues Corporate Design geben.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Auch am Spielplan wird sich vermutlich etwas ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Joachim Lux und ich haben durchaus \u00dcberschneidungen. Anne Lenk ist das beste Beispiel. Sie kommt mit mir als leitende Regisseurin und hat hier schon mehrere Arbeiten gemacht. Es gibt aus Joachims Zeit einfach gro\u00dfartige Regisseurinnen, an denen man nicht vorbeikommt. Gleichzeitig wird das Gros der Regiepositionen frisch und neu.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Gibt es auch Regisseure, die Sie vom Deutschen Theater Berlin oder aus Hannover mitbringen?<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Nat\u00fcrlich gibt es auch Leute, die wir entdeckt haben und nun aus Hannover mitbringen. Aber ich denke auch viel dar\u00fcber nach, was Europa f\u00fcr unseren Zusammenhang bedeutet, und m\u00f6chte ganz dezidiert ein nicht-deutsches Team einmal im Jahr holen.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Da hilft ein Blick zum Schauspielhaus, wo zum Beispiel Katie Mitchell aus London regelm\u00e4\u00dfig inszeniert.<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Und das ist total spannend. Es ist erfrischend und reizvoll, dass die Handschriften andere sind im Ausland.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b>Sie waren vor Ihrem Wechsel zur Intendantin lange Chefdramaturgin, zuletzt am Thalia und am Deutschen Theater unter Leitung von Ulrich Khuon.<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> F\u00fcr mich war es sch\u00f6n, den Berufswechsel zu vollziehen. Ich f\u00fchle mich freier als Intendantin. Das hatte ich vorher nicht erwartet, dass es so viel Spa\u00df macht, zu gestalten.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Aber Sie inszenieren weiterhin nicht?<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Nein, das werde ich nicht tun.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>\u201eLiliom\u201c von Molnar zum Auftakt der Intendanz von Ulrich Khuon am Thalia Thater war ein gro\u00dfartiger, kleiner Theaterskandal. So etwas ist heute schwer vorstellbar, weil es die leicht vertr\u00e4umte Tradition gar nicht mehr gibt, die man ersch\u00fcttern k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Ich glaube, dass das Theater lange eine relativ satte Gesellschaft wachr\u00fctteln musste. Heute muss es eine wachger\u00fcttelte Gesellschaft befrieden \u2013 oder Zusammenh\u00e4nge finden, um die Menschen ins Miteinander zu bringen. Die Frage danach, welche Qualit\u00e4t die Literatur auf der B\u00fchne hat, bewegt dabei meist eher Theaterfachleute und Kritiker. Das Publikum feiert ein St\u00fcck ab, weil es bewegt und einen Lebensnerv trifft, und sofort entsteht die Frage: Auf welchem Niveau lachen wir, wo bleibt die Qualit\u00e4t? Ich finde es sehr interessant, dass auf der einen Seite gefordert wird, die ganze Stadtgesellschaft ins Theater zu locken. Sobald man aber niederschwelliger wird, ist es auch nicht recht. Das ist dann auch eine Art Skandal.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Sie haben den Kanon angesprochen, inwiefern spielt der im Spielplan noch eine Rolle?<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Das ist in der Tat die Frage. Die St\u00fccke von William Shakespeare oder Heinrich von Kleist sind wunderbar und stabil, ich liebe sie immer noch sehr. Sie sind die gro\u00dfen Erneuerer ihrer Zeit gewesen, Provokateure, waren umstritten, teilweise sogar in Haft, haben aufbegehrt gegen die Herrschenden, gegen ihre V\u00e4ter. Diese Energie ist noch in den St\u00fccken, und deshalb werden sie auch weiter aufgef\u00fchrt. Nat\u00fcrlich besetzen wir sie anders, weil unsere Gesellschaft anders aufgestellt ist, das h\u00e4tten sie sicher damals auch gemacht. Aber was den Spielplan angeht, wird er gemischt sein, aus Neu, Alt und Projekt. Immer als Antwort auf unsere Zeit, und leider gerade auf echte antidemokratische Attacken.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Die sind in Hamburg nicht so stark ausgepr\u00e4gt wie andernorts.<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Da ist Hamburg stark, auch ein St\u00fcck weit trotzig vielleicht. In Hamburg l\u00e4sst man sich nichts sagen von Menschen, die einen f\u00fcr dumm verkaufen wollen. Vielleicht hat Hamburg eine gewisse Resistenz, weil die Stadt stolz ist auf ihre historische Unabh\u00e4ngigkeit. Und die Politik agiert hier recht klug. Allerdings stehen wir damit ziemlich allein, wenn man die populistischen Umtriebe \u00fcberall anschaut.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b>Sie meinen auch aus den USA und Russland \u2026<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Auch. Wenn Diktatoren sich zusammentun und dann noch die gro\u00dfen Konzerne zu nah an die Politik lassen, ist das fatal. Man kann nur hoffen, dass viele L\u00e4nder in Europa, in der Welt, da nicht mitspielen. Theater sind keine Gamechanger, aber in der Lage, diese Mechanismen abzubilden und f\u00fcr die Menschen, die Theater besuchen, ist es wichtig, dass zumindest den Tyrannen auf der B\u00fchne etwas entgegengesetzt wird. Shakespeare hat Typen wie Trump gekannt, kannte den J\u00e4hzorn, die Taktik und Gier dieser Menschen und hat das genial in seinen St\u00fccken abgebildet. <\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Wie sehen Sie sich im Verh\u00e4ltnis zum Schauspielhaus, also zur traditionellen Konkurrenz?<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Ich habe Karin Beier gerade erst getroffen und ihr herzlich gratuliert zu ihren aktuellen gro\u00dfen Erfolgen. Ich habe mir \u201eAnthropolis\u201c angeschaut und muss sagen, ich bin froh \u00fcber alle, die da rausgehen und sagen, Theater ist toll.<\/p>\n<p><b>WELT: <\/b>Sind Sie auch froh \u00fcber jeden, der ins Schauspielhaus reingeht?<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Das ist was anderes. Aber ich glaube, der Hype, den dieses Ereignis ausgel\u00f6st hat, kommt jedem Theater zugute. Nat\u00fcrlich denkt man \u00fcber sein eigenes Profil nach, aber man kann sich nicht \u00fcber Konkurrenz definieren. Da kann ich nur meiner Nase, meinem Bauch und meinen tollen Mitarbeitenden folgen und mich entscheiden, was wir erz\u00e4hlen wollen. Und dabei gibt es eben auch Dinge, die \u00fcberschneiden sich mit dem Schauspielhaus oder mit Kampnagel.<\/p>\n<p><b>WELT:<\/b> Wie ist der Wechsel von Hannover nach Hamburg. Die beiden St\u00e4dte haben ein irgendwie merkw\u00fcrdiges Unverh\u00e4ltnis zueinander.<\/p>\n<p><b>Anders:<\/b> Hannover ist total untersch\u00e4tzt, in vielem. Es ist eine sch\u00f6ne Stadt, die tolle Stadtviertel hat. Ich mag das Schauspielhaus Hannover, weil es eine demokratische, offene Atmosph\u00e4re hat. Ich habe dort immer gerne gearbeitet. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die geb\u00fcrtige Hamburgerin Sonja Anders, 59, kehrt als Intendantin des Thalia Theaters ab Sommer 2025 zum wiederholten Mal&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":25808,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1826],"tags":[14661,29,30,10926,692,15067,4595,14660,45,15066],"class_list":{"0":"post-25807","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-hamburg","8":"tag-anders","9":"tag-deutschland","10":"tag-germany","11":"tag-grund-stefan","12":"tag-hamburg","13":"tag-joachim","14":"tag-lux","15":"tag-sonja","16":"tag-texttospeech","17":"tag-thalia-theater-hamburg"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114324528452039777","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25807","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25807"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25807\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/25808"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25807"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25807"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25807"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}