{"id":259041,"date":"2025-07-11T04:53:25","date_gmt":"2025-07-11T04:53:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/259041\/"},"modified":"2025-07-11T04:53:25","modified_gmt":"2025-07-11T04:53:25","slug":"grossbritannien-die-rechte-ist-in-unsere-gesellschaft-gekrochen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/259041\/","title":{"rendered":"Grossbritannien: \u00abDie Rechte ist in unsere Gesellschaft gekrochen\u00bb"},"content":{"rendered":"<p class=\"article-header__date\">\n<a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/2523\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Nr.\u00a023 \u2013 5. Juni 2025<br \/>\n<\/a>      <\/p>\n<p class=\"article-header__subhead\">Die extrem rechte Partei Reform UK kann sich immer mehr etablieren. Das liegt auch daran, dass sich viele von Labour abwenden. Besuch in einem ehemaligen Industriegebiet in Nordengland.<\/p>\n<p class=\"article-header__byline\">        Von <a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/p\/peter-staeuber\" rel=\"author nofollow noopener\" hreflang=\"de\" target=\"_blank\">Peter St\u00e4uber<\/a>, Easington Colliery\n      <\/p>\n<p>Diesen Artikel h\u00f6ren (11:19)<\/p>\n<p>        -15<\/p>\n<p>        +15<\/p>\n<p>      -15<\/p>\n<p>\n        \/\n      <\/p>\n<p>      +15<\/p>\n<p>  Teilen<\/p>\n<p>      <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" loading=\"eager\"   width=\"480\" height=\"720\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/2523_09_England_Artikelbild_tk.jpg\" alt=\"ein Mann mit Leiter in Easington Colliery in der nordenglischen Grafschaft Durham\"\/><\/p>\n<p>          \u00abDie Regierung schert sich nicht um uns\u00bb: Die ehemalige Labour-Hochburg Easington Colliery in der nordenglischen Grafschaft Durham.<br \/>\n              Foto: Christopher Furlong, Getty<\/p>\n<p>\u00abEs geht schon lange abw\u00e4rts\u00bb, sagt Thomas McManners, 67\u00a0Jahre alt, teilpensionierter Elektroingenieur, Tr\u00e4ger einer Goldkette und eines Kurzhaarschnitts. Die jungen Leute n\u00e4hmen Drogen, die \u00e4lteren w\u00fcrden trinken, und wer k\u00f6nne, ziehe anderswohin, sagt er \u00fcber seine Heimat Easington Colliery, eine Siedlung in der nordenglischen Grafschaft Durham.<\/p>\n<p>Seit Jahrzehnten werde nichts investiert, \u00abdie Regierung schert sich nicht um uns\u00bb. Und dann seien da noch die Migranten, die die Beh\u00f6rden ins Land liessen. \u00abDas muss aufh\u00f6ren\u00bb, sagt McManners. Einst war er ein Labour-Anh\u00e4nger, aber das ist lange her. In den Gemeinderatswahlen vor einem Monat habe er die extrem rechte Reform\u00a0UK gew\u00e4hlt, sagt er mit Bestimmtheit. \u00abEs ist Zeit f\u00fcr einen Wandel.\u00bb<\/p>\n<p>McManners hat es gemacht wie die meisten hier. Im Wahlkreis Easington gingen alle drei Sitze an Reform\u00a0UK. Auch im Rest von Durham County triumphierte Nigel Farages Rechtsaussenpartei, sie gewann eine Mehrheit im Gemeinderat. Es ist eine von zehn Kommunen in Grossbritannien, die Reform\u00a0UK nunmehr kontrolliert. Die Wahlen Anfang Mai haben best\u00e4tigt, was seit vielen Monaten offensichtlich ist: Reform\u00a0UK\u00a0\u2013 gem\u00e4ss Umfragen mit rund dreissig Prozent die derzeit st\u00e4rkste Partei\u00a0\u2013 hat sich als pr\u00e4gende Kraft etabliert.<\/p>\n<p>Erinnerungen an den grossen Streik<\/p>\n<p>Easington Colliery, knapp 5000\u00a0Einwohner:innen, war mal ein \u00abpit village\u00bb, ein Bergbaudorf. Jahrzehntelang arbeitete der Grossteil der M\u00e4nner in der Zeche, 400\u00a0Meter unter dem Meeresboden bauten sie Kohle ab\u00a0\u2013 harte, gef\u00e4hrliche Arbeit, aber ordentlich entl\u00f6hnt. Nachdem die Grube 1993 geschlossen wurde, setzte schnell die Verwahrlosung ein. Heute z\u00e4hlt die Gemeinde zu den \u00e4rmsten zehn Prozent in Grossbritannien, die Kinderarmut hat Rekorde erreicht. Ebenso verbreitet sind \u00dcbergewichtigkeit, Alkoholismus und Drogenabh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n<p>Das Strassenbild ist typisch f\u00fcr ein englisches Bergbaudorf. Schmale, identische H\u00e4uschen reihen sich aneinander, in den Vorg\u00e4rten h\u00e4ngt die W\u00e4sche. Der Ballett- und Bergarbeiterstreik-Filmhit \u00ad\u00abBilly Elliot\u00bb\u00a0(2000) wurde hier gedreht. Aber wer an diesem sonnigen Vormittag Ende Mai durch die Strassen geht, sp\u00fcrt von den Feel-good-Vibes jenes Films nichts. Viele Wohnh\u00e4user sind verbarrikadiert, ebenso etliche Gesch\u00e4fte an der Hauptstrasse. Ein Auto ohne Reifen steht neben einer umgekippten M\u00fclltonne. Drei junge M\u00e4nner im Trainingsanzug schauen den Besucher misstrauisch und wortlos an.<\/p>\n<p>Dass die radikale Rechte hier, in einem ehemaligen Industriegebiet, Auftrieb hat, ist einerseits nachvollziehbar: Demagog:innen schlagen Kapital aus der verbreiteten Perspektivlosigkeit, sie schieben die Probleme den Migrant:innen in die Schuhe und versprechen, die Einheimischen an erste Stelle zu setzen. Aber eine entscheidende Rolle in dieser Geschichte spielt auch die Labour-Partei. Fr\u00fcher, so geht der Witz, h\u00e4tte man hier einer Sau die rote Labour-Rosette anheften k\u00f6nnen, und sie w\u00e4re mit grosser Mehrheit ins Parlament gew\u00e4hlt worden.<\/p>\n<p>Wenn Heather Wood einst durch die Strassen von Easington Colliery ging, sagten die Leute: \u00abAh, hier kommt die Labour-Partei!\u00bb F\u00fcnfzig Jahre lang war sie aktives Parteimitglied, acht Jahre lang sass sie als Abgeordnete im Gemeinderat. Bereits als Kind sei sie zur Sozialistin geworden, sagt Wood. Ihr Vater\u00a0\u2013 Bergmann nat\u00fcrlich\u00a0\u2013 habe ihr gesagt, \u00abwas richtig und was falsch ist\u00bb. Das einschneidende Ereignis in ihrem Leben kam 1984. Um die geplante Schliessung von zwanzig Zechen durch die konservative Regierung von Margaret Thatcher zu verhindern, trat die Gewerkschaft der Bergarbeiter in den Streik. Der einj\u00e4hrige \u00abminers\u2019 strike\u00bb war die wichtigste Konfrontation zwischen Regierung und Lohnabh\u00e4ngigen in der britischen Nachkriegszeit. Er endete mit einer Niederlage f\u00fcr die Bergarbeiter, aber dieses eine Jahr st\u00e4rkte den sozialen Zusammenhalt der Community umso mehr.<\/p>\n<p>Der bierselige Farage<\/p>\n<p>Wood engagierte sich in der Gruppe Women Against Pit Closures. Es sei f\u00fcr die Streikenden eine Lebensader gewesen, sagt sie. Die Frauen sorgten nicht nur daf\u00fcr, dass die Bergarbeiter zu essen hatten, sie stellten sich mit ihnen an die Streikposten, trieben Spendengelder auf, boten moralische Unterst\u00fctzung und Beratung. Ohne die Frauen w\u00e4re der Streik innert K\u00fcrze kollabiert, da hat Wood keine Zweifel.<\/p>\n<p>Heute ist Wood 73 Jahre alt. Sie geht am Stock und h\u00f6rt nicht mehr so gut\u00a0\u2013 aber wenn sie spricht, ist sie noch immer so feurig wie in j\u00fcngeren Jahren. Im Gespr\u00e4ch kommen ihr manchmal Tr\u00e4nen, etwa als sie von der Solidarit\u00e4t w\u00e4hrend des Streiks spricht. Dann wieder schneidet sie ihr Gesicht zu einer zornigen Grimasse und zieht die Hand zusammen, als wolle sie jemanden darin zermantschen\u00a0\u2013 zum Beispiel als die Rede auf Margaret Thatcher kommt. Oder auf Keir Starmer, den aktuellen Labour-Premierminister.<\/p>\n<p>Nach der Niederlage des Bergarbeiterstreiks und der Schliessung der Grube knapp zehn Jahre sp\u00e4ter hielten die W\u00e4hler:innen in Durham County lange Zeit an der Labour-Partei fest, wenn auch mit abnehmendem Enthusiasmus. Noch bei den Lokalwahlen von 2017 gewann die Partei eine ansehnliche Mehrheit im Gemeinderat, in Easington war das Labour-Votum \u00fcberw\u00e4ltigend. Aber zu jener Zeit stellte Wood fest, dass die Partei immer weniger sichtbar war: \u00abFr\u00fcher waren Labour-Aktivisten immer in der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sent. Manchmal luden sie zu einem Pie-und-Erbsen-Abendessen, oder sie organisierten einen Bingoabend f\u00fcr die Rentner. Sie halfen im Jugendklub aus oder im Gemeindezentrum.\u00bb Wenn man Rat brauchte, dann fand man ihn an einem dieser Orte. Aber das habe sich ge\u00e4ndert: \u00abDie\u00a0Labour-Partei verschwand im Untergrund.\u00bb<\/p>\n<p>Und diese Leerstelle habe die Rechte gef\u00fcllt. Langsam sei sie \u00abin die Gesellschaft gekrochen\u00bb und habe sie \u00abinfiltriert\u00bb, sagt Wood. Besonders aktiv seien Kreise ehemaliger Armeeangeh\u00f6riger geworden, sie h\u00e4tten sich auf ihren Patriotismus berufen und Leute rekrutiert. Vor einigen Jahren sei Nigel Farage, der Parteichef von Reform\u00a0UK, in East Durham auf Tour gegangen, erz\u00e4hlt Wood. \u00abEr klapperte ein Pub nach dem anderen ab, kaufte den Leuten ein Pint und sch\u00e4kerte mit ihnen. \u2039Der scheint ganz okay\u203a, sagten die Leute.\u00bb Wenn man am Boden sei und nichts habe, dann versuche man, sich an allem festzuhalten, sagt Wood. \u00abFarage versprach das Blaue vom Himmel.\u00bb Jobs f\u00fcr alle und ein Ende der Immigration.<\/p>\n<p>Der asoziale Starmer<\/p>\n<p>Dass gerade die Einwanderung die Gem\u00fcter so erhitzt, ist \u00fcberraschend. In Easington Colliery trifft man wenige Migrant:innen, in ganz County Durham sind fast 97\u00a0Prozent der Einwohner:innen weiss. Auf Nachfrage, was denn genau das Problem bei der Einwanderung sei, sagt der Elektriker Thomas McManners: \u00abNa ja, hier spezifisch ist sie kein Problem.\u00bb Laut Heather Wood gibt es mehr ehemalige Bergbauern, die heute in Spanien leben, als Migrant:innen in Durham County. Aber Farage und seine Reform\u00a0UK h\u00e4tten die Leute \u00abin Angst und Schrecken versetzt\u00bb. Mit tatkr\u00e4ftiger Mithilfe der konservativen Medien ist Migration seit einigen Jahren wieder zu einem heissen Thema geworden. Zudem fehlten den Kommunen die finanziellen Mittel, um den wenigen Asylsuchenden, die hierhergeschickt w\u00fcrden\u00a0\u2013 oft von s\u00fcdenglischen Gemeinden, die billige Wohnungen suchten\u00a0\u2013, angemessene Unterst\u00fctzung zu bieten, sagt Wood.<\/p>\n<p>Die Parlamentswahl vom Juli\u00a02024 sei die letzte Chance gewesen, den Vormarsch der Rechten aufzuhalten. Wood war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr Parteimitglied. Vor etwa drei Jahren sei sie zum Grab ihrer Eltern gegangen, um ihnen zu beichten, dass sie aus der Labour-Partei austreten werde. \u00abEs war eine der schwierigsten Entscheidungen, die ich je getroffen habe\u00bb, sagt sie. Aber ihre Ersch\u00fctterung \u00fcber den Rechtskurs unter Starmer ging zu tief (siehe <a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/2513\/verdruss-ueber-labour\/eine-neue-linke-fuer-das-koenigreich\/!6E80523E6GF0\" data-entity-type=\"node\" data-entity-uuid=\"2332b3c2-9715-42be-a3c8-d6d9ffd2cf13\" data-entity-substitution=\"canonical\" title=\"Verdruss \u00fcber Labour: Eine neue Linke f\u00fcr das K\u00f6nigreich?\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">WOZ\u00a0Nr.\u00a013\/25<\/a>).<\/p>\n<p>Heather Woods Plan<\/p>\n<p>Dennoch hoffte Wood auf eine Wende mit Labour. Nach vierzehn Jahren Tory-Regierung hatte Starmer die M\u00f6glichkeit, den abgewirtschafteten Regionen unter die Arme zu greifen. Der Labour-Kandidat in Easington gewann mit 49\u00a0Prozent der Stimmen, wenn ihm auch die Reform-Partei mit knapp 30\u00a0Prozent auf den Fersen war.<\/p>\n<p>Die Ern\u00fcchterung \u00fcber die neue Labour-Regierung setzte umgehend ein. \u00abWas ist das Erste, das Starmer macht?\u00bb, fragt Wood. \u00abEr k\u00fcrzt die Heizzusch\u00fcsse f\u00fcr Rentner und h\u00e4lt an der von den Tories eingef\u00fchrten K\u00fcrzung der Sozialleistungen f\u00fcr Familien mit mehr als zwei Kindern fest.\u00bb Diese Sparmassnahmen beim Sozialbudget werden in jedem Gespr\u00e4ch mit den Bewohner:innen von Easington Colliery angesprochen.<\/p>\n<p>Laut Meinungsforschenden war das ein wichtiger Grund, warum Reform\u00a0UK in den englischen Lokalwahlen so gut abgeschnitten hat. Wenig verwunderlich, dass Nigel Farage vergangene Woche versprach, die von Labour eingef\u00fchrten Sozialk\u00fcrzungen r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen, und sich k\u00fcrzlich f\u00fcr eine \u00abgute Partnerschaft mit den Gewerkschaften\u00bb aussprach.<\/p>\n<p>Nach den Wahlen vom Juli 2024 sprachen viele Expert:innen von einem \u00abKartenhaussieg\u00bb. Wenn Labour nicht den versprochenen Wandel herbeif\u00fchren w\u00fcrde, dann werde die Unterst\u00fctzung in sich zusammenfallen\u00a0\u2013 und der radikalen Rechten ein Einfallstor bieten. Genau dieses Szenario ist jetzt eingetreten. Die Umfragewerte von Labour sind seit ihrem Regierungsantritt im freien Fall; noch nie hat eine neue Regierung in ihren ersten zehn Monaten so schnell an Unterst\u00fctzung verloren. Mit Versp\u00e4tung hat Labour erkannt, was f\u00fcr einen Schaden sie mit den sozialen K\u00fcrzungen angerichtet hat, darum hat die Partei k\u00fcrzlich eine teilweise Kehrtwende eingeleitet. Aber es k\u00f6nnte bereits zu sp\u00e4t sein.<\/p>\n<p>Heather Wood gibt jedoch nicht auf. Im M\u00e4rz, als die Gedenkfeierlichkeiten zum 40.\u00a0Jahrestag des Bergarbeiterstreiks zu Ende gingen, gr\u00fcndeten sie und ihre Kolleginnen eine Nachfolgeorganisation von Women Against Pit Closures. Sie nennt sich National Women\u2019s Action for Positive Change. Sie werden da anfangen, wo sie sich auskennen: an der Basis. \u00abWir werden Frauen zum Kaffee einladen, Workshops organisieren und so weiter\u00bb, sagt sie. \u00abWir werden mit den Leuten reden und sie von einem Votum f\u00fcr Reform abbringen.\u00bb Es werde Zeit brauchen, aber eine Alternative gebe es nicht. Langsam soll so der \u00f6ffentliche Raum von der Rechten zur\u00fcckgewonnen werden.<\/p>\n<p>\u00abWir haben grosse Pl\u00e4ne\u00bb, sagt Wood.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Nr.\u00a023 \u2013 5. Juni 2025 Die extrem rechte Partei Reform UK kann sich immer mehr etablieren. 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