{"id":260457,"date":"2025-07-11T17:43:12","date_gmt":"2025-07-11T17:43:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/260457\/"},"modified":"2025-07-11T17:43:12","modified_gmt":"2025-07-11T17:43:12","slug":"architekt-sep-ruf-bauen-gegen-adenauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/260457\/","title":{"rendered":"Architekt Sep Ruf: Bauen gegen Adenauer"},"content":{"rendered":"<p>Der eine wollte Trutzburg, der andere Transparenz: Sep Ruf entwarf den Kanzlerbungalow \u2013 und stie\u00df auf Widerstand. Eine Doku erz\u00e4hlt von Glas, Stahl und dem Versuch, ein neues Deutschland zu schaffen.<\/p>\n<p data-external=\"Article.FirstParagraph\">\u201eIch f\u00fcrchte, der brennt nicht einmal.\u201c Kurz darauf: \u201eIch wei\u00df nicht, welcher Architekt den Bungalow gebaut hat. Aber er verdient zehn Jahre.\u201c Mit diesen Worten von Konrad Adenauer zum Bonner Kanzlerbungalow beginnt die Dokumentation \u201eSEP RUF \u2013 Architekt der Moderne\u201c von Johann Betz.<\/p>\n<p>Derlei Zitate m\u00f6gen in der R\u00fcckschau reaktion\u00e4r wirken, und doch illustrieren sie knapp und treffsicher den Diskurs der damaligen Zeit: Hier die Traditionalisten, die mit diesem Solit\u00e4r der architektonischen Moderne nur wenig anfangen konnten, die sich Repr\u00e4sentanz im tradierten Trutzburgstil w\u00fcnschten. Sie stellten in der Kanzlerschaft der Bonner Republik die Mehrheit; selbst Helmut Kohl lie\u00df in den 1980er-Jahren noch \u00c4nderungen an dem Geb\u00e4ude durchf\u00fchren, um es seinen Vorstellungen von Behaglichkeit anzupassen.<\/p>\n<p>Und dort die Vision\u00e4re und ihr Gedanke, ein neues Deutschland brauche auch eine neue Art des Bauens, eine, die nicht hierarchisch denkt, sondern ganz und gar auf Austausch setzt; Ludwig Erhard, der den <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/gallery3559147\/Hier-wohnten-die-deutschen-Bundeskanzler.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/gallery3559147\/Hier-wohnten-die-deutschen-Bundeskanzler.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kanzlerbungalow<\/a> 1963 noch als Wirtschaftsminister in Auftrag gegeben hatte, geh\u00f6rte zu ihnen. Den Baumeister Sep Ruf kannte er bereits: Dieser hatte einige Jahre zuvor sein Wohnhaus in Gmund am Tegernsee entworfen.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article2027722\/Architektur-Haesslich-aber-sicher-die-neue-US-Botschaft.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article2027722\/Architektur-Haesslich-aber-sicher-die-neue-US-Botschaft.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ruf<\/a> (1908\u20131982) z\u00e4hlt zu den pr\u00e4genden Figuren der deutschen Nachkriegsarchitektur \u2013 und blieb doch lange untersch\u00e4tzt. Aufgewachsen in M\u00fcnchen, ausgebildet an der Technischen Universit\u00e4t seiner Heimatstadt, geh\u00f6rte er ab 1945 zu jenen Architekten, die sich der Aufgabe stellten, dem zerst\u00f6rten Land ein neues, demokratisches Gesicht zu geben. Dabei stand niemals die gro\u00dfe Geste im Vordergrund, sondern eher eine Architektur des Understatements \u2013 funktional, menschenfreundlich, bisweilen heiter.<\/p>\n<p>Ruf selbst verwendete gerne einen Begriff, den wir aus der Musiktheorie kennen: \u201eWohltemperiert\u201c sollte alles sein, was er baute. Wer heute an der M\u00fcnchner Maxburg vorbeiflaniert, an Rufs Bungalow im Berliner Hansaviertel, am ehemaligen Staatsbankgeb\u00e4ude in N\u00fcrnberg, in dem heute das bayerische Heimatministerium zu Hause ist, oder an seinen Bauten am Tegernsee, wird rasch erkennen, mit welchen Kniffen er das erreichte: filigrane Stahlst\u00fctzen, gro\u00dfz\u00fcgige Glasfl\u00e4chen, flache D\u00e4cher und immer wieder R\u00fcckgriffe auf traditionelle Baustoffe und -formen ergeben eine fast schwebende Eleganz, die in der deutschen Architektur der Moderne nur wenige Vergleiche zul\u00e4sst.<\/p>\n<p>Vielleicht erlaubt sich der Film deswegen den Luxus, sehr nah an seinem Protagonisten zu bleiben. Andere Architekten der Zeit werden kaum erw\u00e4hnt oder gezeigt, lediglich <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article423702\/Sechs-Gruende-Egon-Eiermann-zu-lieben.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/print-welt\/article423702\/Sechs-Gruende-Egon-Eiermann-zu-lieben.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Egon Eiermann<\/a>, mit dem Ruf auf der Weltausstellung 1958 in Br\u00fcssel den Deutschen Pavillon baute, wird l\u00e4nger behandelt. Stattdessen ordnen verschiedene Stimmen in einer Art Oral History, die sich an einigen von Rufs wichtigsten Bauten entlangzieht, dessen Laufbahn ein. Studenten von der N\u00fcrnberger Akademie der K\u00fcnste kommen dabei ebenso zu Wort wie Familienmitglieder, die heutigen Bewohner seiner H\u00e4user sind zu h\u00f6ren, Architekten und ehemalige Sch\u00fcler. So entsteht ein steter, von Prachtbildern begleiteter Flow, bei dem freilich eine Frage offen bleibt: Soll Sep Ruf als Architekt im Zentrum stehen \u2013 oder als Mensch, leise auftretend, gleichzeitig aber chic, oft im wei\u00dfen Anzug und mit einer Vorliebe f\u00fcr schnelle Autos?<\/p>\n<p>Hier entzieht sich der Film einer allzu genauen Antwort. Eher tastet er sich eineinhalb Stunden lang mit langsamen Kamerafahrten und beschwingten, an die 1950er-Jahre erinnernden T\u00f6nen zwischen Easy Listening und Jazz an Ruf heran. Dabei sind die Szenen am st\u00e4rksten, in denen Betz einige Schritte wegtritt von der akademischen Schilderung von Rufs ja hinreichend dokumentierten Bauten. Dann erf\u00e4hrt man von fluchenden Arbeitern, die bei der Sanierung des Ruf-Hauses in der M\u00fcnchner Theresienstra\u00dfe ihre liebe Not damit hatten, in die Metallst\u00fctzen zu bohren \u2013 irgendwann stellten sie fest, dass diese aus alten Gesch\u00fctzrohren bestanden. Erz\u00e4hlt wird aber auch von \u201eder Lutherin\u201c, Sekret\u00e4rin Rufs und so etwas wie der Majordomus seines B\u00fcros, sowie Rufs Liebe zu Italien.<\/p>\n<p>Die Befragten meiden zwar jede \u00dcberh\u00f6hung, bleiben aber stets wohlwollend, von Adenauers Eingangszitat abgesehen werden die Kritiken, denen sich Ruf und seine Bauten durchaus ausgesetzt sahen, nur am Rande thematisiert. \u201eIm Winter leiden wir immer ein bisschen\u201c, erkl\u00e4rt einmal Holger Felten, Pr\u00e4sident der N\u00fcrnberger Akademie der K\u00fcnste, man s\u00e4\u00dfe, so f\u00fcgt eine seiner Studentinnen an, dann in dicken Jacken in den Klassenzimmern. Ein Blick in die Archive ist da durchaus erhellend: Bereits 1961 berichtete die \u201eZeit\u201c von Baum\u00e4ngeln an der Akademie \u2013 \u201efehlerhafte Dacheindeckung, unzureichende L\u00fcftung und zu niedrige Arbeitsr\u00e4ume\u201c wurden ihm damals zur Last gelegt. Auch bei der Maxburg, so hie\u00df es weiter, gebe es \u201eallj\u00e4hrlich zwischen 20.000 und 30.000 Mark an Reparaturen\u201c, aus \u201eziemlich denselben Gr\u00fcnden\u201c \u2013 eine sch\u00f6ne Parallele zur Gegenwart, in der zahlreiche Bauprojekte von \u00e4hnlichem Grundrauschen begleitet werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der eine wollte Trutzburg, der andere Transparenz: Sep Ruf entwarf den Kanzlerbungalow \u2013 und stie\u00df auf Widerstand. 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