{"id":262074,"date":"2025-07-12T08:49:12","date_gmt":"2025-07-12T08:49:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/262074\/"},"modified":"2025-07-12T08:49:12","modified_gmt":"2025-07-12T08:49:12","slug":"der-juedische-friedhof-in-viersen-ist-eher-untypisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/262074\/","title":{"rendered":"Der j\u00fcdische Friedhof in Viersen ist eher untypisch"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">\u201eNathan\u201c steht auf dem schlichten flachen Stein. Vor dem Stein ein rechteckiges Feld mit d\u00fcrren Pflanzen. Ein Grab in einer versteckten Ecke des Friedhofs an der L\u00f6h. Bei Nathan handelt es sich um Bernhard Nathan, einen j\u00fcdischen B\u00fcrger der Stadt <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/viersen\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Viersen<\/a>, der 42 Jahre lang beim Standesamt Beurkundungen vornahm. Ein hochgeachteter Mann, der sich f\u00fcr die Stadt einsetzte. Er starb 1927.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Schon 1912 starb der Metzger und Feuerwehrmann Josef Cleffmann. Er alarmierte die Kollegen bei einem Brand mit seinem Horn. Seine Beerdigung fand unter Beteiligung von 80 Feuerwehrleuten statt, wie die erste Vorsitzende des Vereins f\u00fcr Heimatpflege, Beatrix Wolters, herausfinden konnte. Sie hatte am vergangenen Samstag, 5. Juli, zu einer lebendigen und informativen F\u00fchrung \u00fcber den j\u00fcdischen Teil des Viersener Friedhofs eingeladen. Im Nachruf auf Cleffmann, das \u201e\u00e4lteste aktive Mitglied der St\u00e4dtischen Freiwilligen Feuerwehr\u201c, hei\u00dft es: \u201eNun blase Halt nach mancher Schlacht, dein Werk ist sicher treu vollbracht, da stets du nur zu Gottes Ehr 40 Jahr gedient der Wehr.\u201c<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Hermann Lewin lebte im westf\u00e4lischen Hamm und war auf der Flucht in Richtung Niederlande. Die Gestapo verhaftete ihn im Zug und zwang ihn, in Viersen auszusteigen. Hier starb er: Entweder wurde er vor den Zug gesto\u00dfen oder er sprang. Grabsteine k\u00f6nnen Geschichten erz\u00e4hlen. Bei manchen bedarf es einer gr\u00fcndlichen Recherche. Die hat Beatrix Wolters vorgenommen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Der j\u00fcdische Friedhof befindet sich auf einem etwa 1600 Quadratmeter gro\u00dfen Areal. Die wenigsten der gut 30 M\u00e4nner und Frauen, die an der F\u00fchrung teilnahmen, wussten vor der Veranstaltung des Vereins f\u00fcr Heimatpflege, dass es \u00fcberhaupt einen j\u00fcdischen Teil auf dem L\u00f6h-Friedhof gibt. Zu finden ist er nahe des Eingangs L\u00f6hweg. Ein gr\u00f6\u00dferer Gedenkstein mit Davidstern auf der einen und der Jahreszahl 1945 auf der anderen Seite ist seit 1948 in der Nachbarschaft der Grabstellen aufgestellt. Nur 40 Gr\u00e4ber sind es, die hier zu sehen sind. Davon sieben Kindergr\u00e4ber, die aber also solche nicht mehr aufzufinden sind.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Der erste j\u00fcdische Friedhof der Gemeinde Viersen wurde 1829 auf der Florastra\u00dfe gegr\u00fcndet. Der Vorsitzende der j\u00fcdischen Gemeinde kaufte das 500 Quadratmeter gro\u00dfe Gel\u00e4nde, um eine Begr\u00e4bnisst\u00e4tte f\u00fcr die j\u00fcdischen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zu erhalten. Etwa 100 Gr\u00e4ber waren dort zu finden. Die Begr\u00e4bnisst\u00e4tte lag (und liegt) an der Florastra\u00dfe\/Ecke Rahserstra\u00dfe und war damit \u2013 damals \u2013 weit genug entfernt von der Bebauung und der n\u00e4chsten Kirche.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Der gro\u00dfe Abstand zu Ortschaften entspricht der j\u00fcdischen Tradition, die Unverg\u00e4nglichkeit und Best\u00e4ndigkeit des Friedhofs zu sichern. Wolters erkl\u00e4rte, dass j\u00fcdische Friedh\u00f6fe \u201eH\u00e4user f\u00fcr die Ewigkeit\u201c seien. W\u00e4hrend die Gr\u00e4ber von Katholiken und Protestanten in der Regel nach einer Liegezeit von bis zu 30 Jahren aufgel\u00f6st werden, bleiben die j\u00fcdischen Grabst\u00e4tten bestehen, \u201ebis der Messias aufersteht\u201c. In diesem Sinne existiert der j\u00fcdische Friedhof an der Florastra\u00dfe noch. Ist aber nur noch in Form einer l\u00e4nglichen Rasenfl\u00e4che zu erahnen. Eine Platte mit Inschrift gibt Aufschluss \u00fcber die Gedenkst\u00e4tte. J\u00fcdische Friedh\u00f6fe, so Wolters, seien \u201egeostet\u201c, also nach Osten ausgerichtet. Der Hintergrund: Wenn sich am j\u00fcngsten Tag die Gr\u00e4ber \u00f6ffnen und die Toten nach <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/jerusalem\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Jerusalem<\/a> gehen, kennen sie die Himmelsrichtung, in der sie sich auf dem Weg machen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">1907 wurde der j\u00fcdische Friedhof auf dem st\u00e4dtischen Friedhof angelegt, 1908 er\u00f6ffnet. Die Begr\u00e4bnisst\u00e4tte an der Florastra\u00dfe wurde aufgegeben. Mit einer Ausnahme: Helene Schwarz hatte einen Vertrag mit der j\u00fcdischen Gemeinde, nach der sie auch nach Aufgabe des Friedhofs 1914 dort neben ihrem Mann begraben werden durfte. Der Erhalt des kleinen Begr\u00e4bnisfeldes an der Florastra\u00dfe stand unter nationalsozialistischer Herrschaft unter Druck. Als 1942 die letzten Juden deportiert worden waren und der B\u00fcrgermeister meldete, dass \u201eViersen judenfrei\u201c sei, hie\u00df es von NS-Vertretern, es gehe nicht an, dass \u201edeutsche Augen auf diesen Schandfleck schauen\u201c, wie Beatrix Wolters aus einer Akte des Kreisarchivs zitierte.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Gemeindevorsteher David Katzenstein handelte mit der Stadt einen Vertrag aus, nach dem die Stadt der j\u00fcdischen Gemeinde 2000 Reichsmark zahlt, daf\u00fcr w\u00fcrden zehn Grabsteine in einer Ausnahmeregelung auf den neuen Friedhof geschafft. Die Stadt blieb ihren Teil des Handels schuldig und brachte die j\u00fcdische Gemeinde, die ausstehende Rechnungen zu zahlen hatte, in eine wirtschaftliche Notlage. 1939 schlie\u00dflich wurde die Summe entrichtet.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Der Baurat beschloss, die Grabsteine auf dem Friedhof an der L\u00f6h abzur\u00e4umen. Sie wurden nummeriert und zu Steinhandlungen gebracht. Damit verschwanden sie. Wer schon einmal j\u00fcdische Friedh\u00f6fe in Prag oder Berlin besucht hat, wird den Viersener Friedhof untypisch finden. Keine reich verzierten, hohen Grabsteine gibt es hier, denn nach dem Ende des zweiten Weltkrieges erhielten die meisten Gr\u00e4ber einheitlich gestaltete Grabsteine. Original sind tats\u00e4chlich nur noch drei schwarze Grabsteine. 1968 wurde der letzte j\u00fcdische B\u00fcrger hier beerdigt. Seitdem finden die Beisetzungen in M\u00f6nchengladbach statt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eNathan\u201c steht auf dem schlichten flachen Stein. Vor dem Stein ein rechteckiges Feld mit d\u00fcrren Pflanzen. 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