{"id":262400,"date":"2025-07-12T11:46:10","date_gmt":"2025-07-12T11:46:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/262400\/"},"modified":"2025-07-12T11:46:10","modified_gmt":"2025-07-12T11:46:10","slug":"zensur-jetzt-setzt-der-kreml-zum-angriff-auf-die-russische-kulturszene-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/262400\/","title":{"rendered":"Zensur: Jetzt setzt der Kreml zum Angriff auf die russische Kulturszene an"},"content":{"rendered":"<p>Seit Beginn des Ukraine-Kriegs hat die staatliche Zensur der russischen Kulturszene neue H\u00f6hen erreicht. Gefolgsleute von Machthaber Putin rufen nun gar nach einer Wiedereinf\u00fchrung des sowjetischen Zensursystems. Doch der Plan hat einen Haken.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">F\u00fcr eine Diktatur wirkt der Vorschlag auf den ersten Blick vern\u00fcnftig: In der staatlichen \u201eRossijskaja Gaseta\u201c hat sich Michail Schwydkoj f\u00fcr die offizielle Wiedereinf\u00fchrung der Zensur in Russland ausgesprochen. Der ehemalige Kulturminister, der heute <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article256369156\/trump-frustriert-putin-tischt-eine-menge-bloedsinn-auf-aber-er-ist-die-ganze-zeit-sehr-nett.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article256369156\/trump-frustriert-putin-tischt-eine-menge-bloedsinn-auf-aber-er-ist-die-ganze-zeit-sehr-nett.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wladimir Putins<\/a> Sondergesandter f\u00fcr kulturelle Zusammenarbeit ist, schw\u00e4rmt f\u00fcr die alten Zeiten, als es \u201einnerhalb der roten Linien Raum f\u00fcr Kreativit\u00e4t gab, f\u00fcr gro\u00dfe Literatur, Journalismus mit Tiefgang, herausragendes Kino, Theater und Musik von Weltklasse\u201c. <\/p>\n<p>Die \u201eroten Linien\u201c hat Schwydkoj damals als langj\u00e4hriger Redakteur der wichtigsten sowjetischen Theaterzeitschrift miterlebt. Jetzt brauche es erneut \u201eTausende aufgekl\u00e4rter Diener des Staates\u201c, die anstatt von \u201eB\u00fcrokraten unterschiedlicher Beh\u00f6rden\u201c eine \u201egesunde Situation im kreativen Umfeld\u201c sichern. Schwydkojs Schl\u00fcsselargument dabei: \u201ePr\u00e4ventive Zensur\u201c \u00e0 la Sowjetunion sch\u00fctze vor der nachtr\u00e4glichen \u201estrafenden Zensur\u201c.<\/p>\n<p>Seit Russlands Gro\u00dfinvasion terrorisiert die \u201estrafende Zensur\u201c die russische Kulturszene. Viele der bekanntesten Musiker, von der legend\u00e4ren sowjetisch-russischen Pop-Diva Alla Pugatschowa bis zum Rapper Noize MC, haben das Land verlassen. Wegen ihrer Kritik am Ukraine-Krieg sind sie in Russland mit Auftrittsverboten belegt.<\/p>\n<p>Razzien in Buchl\u00e4den wegen \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/lgbtq\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/lgbtq\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LGBT<\/a>-Propaganda\u201c, also subversiver Werbung f\u00fcr sexuelle Minderheiten, kommen in den letzten Monaten h\u00e4ufig vor. Verlage wie der Marktf\u00fchrer \u201eEksmo\u201c weisen den Buchhandel an, bereits ausgelieferte B\u00fccher, die Homosexualit\u00e4t oder Feminismus thematisieren, \u201evor Ort zu vernichten\u201c. Werke von unliebsamen Schriftstellern wie Boris Akunin oder Dmitrij Bykow sind seit fast zwei Jahren nicht mehr erh\u00e4ltlich. Schauspieler, die sich gegen den Krieg ausgesprochen haben oder sich nicht hinreichend patriotisch geb\u00e4rden, landen auf informellen schwarzen Listen.<\/p>\n<p>Strafverfolgungsbeh\u00f6rden finden viele Gr\u00fcnde, gegen unliebsame Kunstwerke vorzugehen, auch strafrechtliche. Zurzeit sind 41 der Urheber und Urheberinnen in Haft. Zu den bekanntesten F\u00e4llen geh\u00f6rt die Verfolgung der Regisseurin Jewgenija Berkowitsch und der Dramaturgin Swetlana Petrijtschuk, die wegen \u201eRechtfertigung von Terror\u201c zu je sechs Jahren Gef\u00e4ngnis verurteilt wurden.  <\/p>\n<p>Wer ins Exil gegangen ist, soll mit dem Strafrecht von der R\u00fcckkehr abgehalten werden \u2013 etwa der Schriftsteller Dmitrij Gluchowski, dem \u201eFakes\u201c \u00fcber die russische Armee vorgeworfen werden, oder die S\u00e4ngerin Monetoschka, die zur \u201eausl\u00e4ndischen Agentin\u201c erkl\u00e4rt wurde und wegen Nichteinhaltung entsprechender Vorschriften belangt wird. <\/p>\n<p>Zugleich existiert ein informelles System der \u201eRehabilitation\u201c, das K\u00fcnstlern wieder Auftritte in Russland erm\u00f6glichen soll. Wer widerruft, dem wird verziehen. Die Bu\u00dfe: Auftritte in den seit 2022 besetzten Gebieten der Ukraine oder vor <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article252000678\/Entfuehrte-ukrainische-Kinder-sollen-in-Russland-zur-Adoption-angeboten-werden.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article252000678\/Entfuehrte-ukrainische-Kinder-sollen-in-Russland-zur-Adoption-angeboten-werden.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">entf\u00fchrten ukrainischen Kindern<\/a>. Das kommt einem Bekenntnis zum russischen Angriffskrieg gleich und versperrt den Weg ins Exil. <\/p>\n<p>Putin braucht Loyalit\u00e4t der Kulturszene<\/p>\n<p>Aber der russische Staat hat ein Problem: Nur mit betont patriotischen K\u00fcnstlern, Popmusikern und Schriftstellern sind die Bed\u00fcrfnisse des Publikums nicht zu bedienen. Das Putin-System braucht die Loyalit\u00e4t der tendenziell liberalen und kremlkritischen Kulturszene, die aber zugleich mit punktuellen Repressalien im Zaum gehalten werden.  <\/p>\n<p>Das macht eine R\u00fcckkehr zum sowjetischen Zensursystem unwahrscheinlich, denn damals war wegen der pr\u00e4zisen ideologischen Vorgaben meist klar, was erlaubt und was verboten ist. Aber genau solche Klarheit sei nicht im Sinne des Kreml, glaubt der inzwischen in Israel lebende Literaturwissenschaftler Michail Edelschtein. Eine R\u00fcckkehr zur alten Zensur sei \u201eutopisch\u201c, weil der russische Staat \u201ekeine klaren Spielregeln\u201c brauche, sondern gerade Unsicherheit. <\/p>\n<p>Die K\u00fcnstler sollten \u201eAngst haben und r\u00e4tseln, was heute erlaubt und was verboten ist, sie sollen bei B\u00fcrokraten vorstellig werden, um sich mit ihnen zu beraten\u201c, sagte Edelschtein im Gespr\u00e4ch mit dem Recherchemedium \u201eThe Insider\u201c. Das Portal zitiert auch den in Berlin lebenden Dramaturgen Michail Kaluschskij. Er erwartet ein anderes Szenario: Die \u201epr\u00e4ventive\u201c <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/themen\/pressefreiheit-und-zensur\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/themen\/pressefreiheit-und-zensur\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zensur<\/a> alter Schule werde zwar eingef\u00fchrt, aber die neuartige \u201estrafende Zensur\u201c werde deshalb nicht abgeschafft. Beide Systeme w\u00fcrden k\u00fcnftig koexistieren.<\/p>\n<p>Vor allem in der Provinz werde es dadurch zu Exzessen der Zensur kommen. Statt \u201eprofessioneller\u201c Zensur werde es das Publikum sein, das die Polizei ruft. Die Angst vor dem Volkszorn werde die Selbstzensur, die bereits in Russland herrsche, so zu einer Schl\u00fcsselkompetenz machen. Personen des \u00f6ffentlichen Lebens w\u00fcrden dann einfach \u201ealle Entscheidungen der Partei und der Regierung begr\u00fc\u00dfen\u201c, glaubt Kaluschskij, um zu Hause in der K\u00fcche vor sich hin zu saufen. So wie einst in der Sowjetunion.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/lokshin-pavel\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/autor\/lokshin-pavel\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><b>Pavel Lokshin<\/b><\/a><b> ist Russland-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2017 \u00fcber Russland, die Ukraine und den postsowjetischen Raum.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Seit Beginn des Ukraine-Kriegs hat die staatliche Zensur der russischen Kulturszene neue H\u00f6hen erreicht. 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