{"id":262788,"date":"2025-07-12T15:17:11","date_gmt":"2025-07-12T15:17:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/262788\/"},"modified":"2025-07-12T15:17:11","modified_gmt":"2025-07-12T15:17:11","slug":"neues-buch-beleuchtet-die-geschichte-der-christen-im-gazastreifen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/262788\/","title":{"rendered":"Neues Buch beleuchtet die Geschichte der Christen im Gazastreifen"},"content":{"rendered":"<p>Der Geschichte der Christen in der Region des Gazastreifens widmet sich ein neu erschienenes Buch. Der Theologe und Kirchenhistoriker Georg R\u00f6wekamp zeichnet knapp und zugleich anhand einer Vielfalt von Quellen die kultur- und religionsgeschichtliche Entwicklung des K\u00fcstenstrichs seit den vorgeschichtlichen Urspr\u00fcngen nach. Dabei wird deutlich, wie bedeutend Gaza und benachbarte Orte in fr\u00fcheren Zeiten der Kirche waren, etwa f\u00fcr das Entstehen des M\u00f6nchtums oder als St\u00fctzpunkte f\u00fcr das Pilgerwesen im Heiligen Land.<\/p>\n<p>Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Situation der Ortskirchen im aktuellen Gaza-Konflikt, der auch den Ansto\u00df f\u00fcr die Publikation gab. R\u00f6wekamp, dessen berufliches und wissenschaftliches Feld \u00fcber Jahrzehnte im Nahen Osten lag und der mehrere Jahre als Repr\u00e4sentant des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande in Jerusalem lebte, bringt dabei Kirchenvertreter mit ihrer Einsch\u00e4tzung zum Fortbestand des Christentums in der Region zu Wort.<\/p>\n<p>Es schl\u00e4gt einen Bogen \u00fcber viele Jahrhunderte; sein Hintergrund sind die Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023, der Krieg und die Folgen f\u00fcr die christliche Minderheit.<\/p>\n<p>Geschichten von Gewalt stehen am Anfang von Gaza. Dazu z\u00e4hlen die Episoden um den alttestamentlichen Helden Simson. Als eine Art biblischer Herkules legt er sich leidenschaftlich gern mit den Bewohnern der K\u00fcstenebene an. Von seinem Ende wird erz\u00e4hlt, dass er das Haus in Gaza, in dem die F\u00fcrsten der Philister versammelt waren, zum Einsturz brachte und so sich selbst mit den Feinden unter den Tr\u00fcmmern begrub.<\/p>\n<p>Die &#8222;Simson-Option&#8220; der kalkulierten Selbstvernichtung ist bis heute Teil der israelischen Milit\u00e4rdoktrin. Den Theologen R\u00f6wekamp besch\u00e4ftigt die Frage, ob der Kreislauf von Verletzung und Gewalt sich je durchbrechen l\u00e4sst. Als Fachmann f\u00fcr Pal\u00e4stina-Kunde und fr\u00fche Kirchengeschichte beschreibt er den weiteren Rahmen, in dem solche Kreisl\u00e4ufe gedeihen. Auch eine simple historische Feststellung kann dabei politische Empfindlichkeiten treffen. Dass Gaza eigentlich nie zum israelitischen Herrschaftsbereich geh\u00f6rte und die anderslautende biblische Behauptung wohl Fiktion ist, ist so eine Aussage.<\/p>\n<p>Reich an Geschichte<\/p>\n<p>Wenn es um Christen in Gaza heute geht, darf der Hergang zur jetzigen Lage nicht fehlen. R\u00f6wekamp, mehrere Jahre Repr\u00e4sentant des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande in Jerusalem und schon lange zuvor mit dem Nahen Osten vertraut, zeichnet Mandatszeit, Besatzung, vor\u00fcbergehende Autonomie und die Entstehung des aktuellen Konflikts nach. Vor allem aber skizziert er knapp und dicht die Religions- und und Kirchengeschichte seit den Urspr\u00fcngen. Er l\u00e4sst erahnen, wie kulturell reich und bedeutend dieser K\u00fcstenstreifen ist.<\/p>\n<p>Einer der Anf\u00e4nge des M\u00f6nchtums liegt hier. In Deir al-Balah, auf halbem Weg zwischen Gaza und Chan Yunis, begr\u00fcndete M\u00f6nchsvater Hilarion die erste Klostersiedlung im Heiligen Land. Und unter den Beschl\u00fcssen des Konzils von Niz\u00e4a, das im Jahr 325 den bis heute g\u00fcltigen Grundstock der christlichen Glaubenslehre festlegte, findet sich die Unterschrift eines Bischofs von Gaza.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Beirut f\u00fcr seine herausragende Juristenausbildung bekannt war, r\u00fchmte man die Rhetorikschulen von Gaza: Als &#8222;Werkstatt der Beredsamkeit&#8220; galt Gaza und als &#8222;Stadt, die die Musen liebt&#8220;. Nicht zuf\u00e4llig verfasste hier der christliche Gelehrte Choricius im 6. Jahrhundert eine Verteidigung des Schauspielerberufs &#8211; der wegen seiner Verbindung zu heidnischen Themen von der Kirche scheel be\u00e4ugt wurde. Ein kreatives, kulturell buntes, liberales Pflaster muss Gaza gewesen sein.<\/p>\n<p>David und Orpheus<\/p>\n<p>Eine &#8222;pr\u00e4chtige und sch\u00f6ne Stadt&#8220; fand ein Pilger aus dem italienischen Piacenza hier um 570 vor. Zeugnis davon gaben bis vor kurzem das Hilarion-Kloster mit seinen Mosaiken, der ebenfalls bilderreiche Kirchenkomplex in Jabalia und die Synagoge der Hafenstadt Maiuma. Eines ihrer Bildwerke zeigt K\u00f6nig David in Gestalt des Orpheus, der musizierend Tiere um sich schart. Was von diesen Sch\u00e4tzen nach dem Krieg \u00fcbrig sein wird &#8211; niemand wei\u00df es.<\/p>\n<p>Im Mai 637 begann f\u00fcr Gaza die islamische \u00c4ra mit der Belagerung durch Amr ibn al-As. Die christlichen Soldaten in der Garnison am Endpunkt der Handelsstra\u00dfe durch die arabische W\u00fcste, die der Eroberung Widerstand leisteten, wurden die ersten M\u00e4rtyrer im Kampf zwischen Christen und Muslimen. Pilger aus dem Abendland kamen nun seltener, aber dennoch &#8211; nach 724 etwa der junge Willibald, sp\u00e4ter der erste Bischof von Eichst\u00e4tt.<\/p>\n<p>Arabische Verse<\/p>\n<p>Und weiter lebte die \u00f6rtliche Kirche und trug Frucht: Um 1000 schrieb Sulaiman ibn Hasan al-Ghazzi christlich-theologische Werke auf Arabisch und schuf ein reiches poetisches Werk. Eineinhalb Jahrhunderte sp\u00e4ter gaben andere Christen den Ton an: Gaza wurde Bastion der Kreuzfahrer gegen die Fatimiden in Aschkelon. Bauliche Spuren erhielten sich in heutigen Moscheen in Gaza und Deir al-Balah.<\/p>\n<p>Weiterhin blieb Gaza eine Station f\u00fcr Pilger auf dem Weg zum Sinai, und Ende des 16. Jahrhunderts weisen osmanische Steuerlisten noch immer einen stattlichen Anteil christlicher Haushalte aus. 300 Jahre sp\u00e4ter, 1886, schreibt der deutsch-amerikanische Templer Gottlieb Schumacher von 200 Christen unter 20.000 Einwohnern. Die Konfessionen betreiben jetzt soziale Missionen, organisieren Schulunterricht und medizinische Versorgung.<\/p>\n<p>Licht der Welt, glimmender Docht<\/p>\n<p>In einer solchen Mission gr\u00fcndet die heutige katholische Pfarrei Gazas. Der Tiroler Priester Georg Gatt (1843-1924) erwarb 1880 ein Grundst\u00fcck f\u00fcr ein Pfarrzentrum und m\u00fchte sich in Seelsorge, Spendenakquise, Projektmanagement. Ein undankbarer Job. 1902 bilanzierte Gatt bitter: &#8222;Das Volk, welches dieses Land bewohnt, ist dieser Gabe nicht wert.&#8220;<\/p>\n<p>Seit 7. Oktober 2023 ist die Lage der christlichen Gemeinden noch prek\u00e4rer. &#8222;Ob und in welcher Form diese nach dem Krieg eine Zukunft haben werden, scheint ungewisser denn je&#8220;, schreibt R\u00f6wekamp. Als vorsichtigen Ausdruck der Hoffnung zitiert er ein Wort des Lateinischen Patriarchen Pierbattista Pizzaballa, jene Christen, die blieben, seien &#8222;das Licht unserer Kirche in der ganzen Welt&#8220;. Der katholische Pfarrer von Gaza gab ihre Zahl zuletzt mit 670 an.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Geschichte der Christen in der Region des Gazastreifens widmet sich ein neu erschienenes Buch. Der Theologe und&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":262789,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-262788","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114840931134008601","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/262788","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=262788"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/262788\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/262789"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=262788"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=262788"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=262788"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}