{"id":262969,"date":"2025-07-12T16:58:19","date_gmt":"2025-07-12T16:58:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/262969\/"},"modified":"2025-07-12T16:58:19","modified_gmt":"2025-07-12T16:58:19","slug":"brahms-erleben-wenn-der-klang-zu-sprechen-beginntonline-merker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/262969\/","title":{"rendered":"Brahms erleben \u2013 Wenn der Klang zu sprechen beginntOnline Merker"},"content":{"rendered":"<p><strong>WIESBADEN\/ Kurhaus: Brahms erleben \u2013 Wenn der Klang zu sprechen beginnt<\/strong><\/p>\n<p><strong>Brahms erleben \u2013 Wenn der Klang zu sprechen beginnt<\/strong><\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-434723\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/lisa.jpg\" alt=\"lisa\" width=\"600\" height=\"409\"  \/><br \/>Foto: Copyright by Ansgar Klostermann<\/p>\n<p>Lieben Sie Brahms? Diese ber\u00fchmte Frage, einst zum Titel einer melancholischen Film-Romanze erhoben, schwebte unweigerlich \u00fcber dem Konzertabend im <strong>Friedrich-von-Thiersch-Saal des Wiesbadener Kurhauses<\/strong> am 11. Juli 2025. Und sie stellte sich nicht nur rhetorisch \u2013 sie wurde mit unerbittlicher Intensit\u00e4t musikalisch beantwortet. Denn gleich zweimal standen Werke Johannes Brahms auf dem Programm: Das Klavierkonzert Nr.\u202f1 in d-Moll und die Sinfonie Nr.\u202f1 in c-Moll \u2013 zwei Monumente des sinfonischen Denkens, zwei k\u00fcnstlerische Bekenntnisse. Unter der Leitung von Chefdirigent <strong>Jakub Hr\u016f\u0161a<\/strong> und mit den <strong>Bamberger Symphonikern<\/strong>, deren tonale Spannkraft und interpretatorische Pr\u00e4zision zu den markantesten Erscheinungen der deutschen Orchesterlandschaft z\u00e4hlen, wurde dieser Abend zur tiefsch\u00fcrfenden Brahms-Befragung. Weitere Brahms Konzerte sind im Rahmen eines Zyklus geplant.<\/p>\n<p>Jakub Hr\u016f\u0161a, der mit analytischer Wachheit und gestalterischer Feinf\u00fchligkeit dirigierte, lie\u00df keinen Zweifel an seiner Lesart: Brahms war kein Gr\u00fcbler, sondern ein Architekt des Inneren, ein Meister der Klangpsychologie. Und das wurde auch in Hr\u016f\u0161as Dirigat deutlich: sehnig, klare Strukturen und mit viel Herzblut musiziert. Die Bamberger formten diesen Zugang mit faszinierender Durchh\u00f6rbarkeit \u2013 kein Abschnitt klang \u201eaus dem Bauch\u201c, jeder Phrasenbogen war bewusst gebaut, jede dynamische Entwicklung sorgf\u00e4ltig abgestimmt. Die Streicher grundierten mit geschmeidiger W\u00e4rme, das Holz arbeitete mit einer Palette voller irisierender Farben, die Blechbl\u00e4ser agierten klar konturiert, aber nie dominant. Es war ein Zusammenspiel von sinnlicher Pr\u00e4senz und geistiger Klarheit \u2013 ein orchestraler Organismus, der nicht nur funktionierte, sondern sprach. Dazu als Energiepuls die energische Pauke und das auffallend starke Kontrafagott.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-434725\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/ligt.jpg\" alt=\"ligt\" width=\"631\" height=\"412\"  \/><br \/>Foto: Copyright by Ansgar Klostermann<\/p>\n<p>Im Zentrum des Abends stand <strong>Jan Lisieckis<\/strong> Darbietung des Klavierkonzerts Nr. 1 von Johannes Brahms. Schon das Eingangsthema seines ersten Satzes entfaltete sich mit dramatischer Pracht, als w\u00fcrde der Fl\u00fcgelraum in ein Eruptionsfeld getaucht. Lisiecki lie\u00df den ersten Akkord mit schlichter Ruhe erklingen, um anschlie\u00dfend in eine weitgespannte Klangbahn \u00fcberzugehen. Seine Phrasierung atmete \u2013 punktgenau und expressiv \u2013 und er erzeugte an markanten Stellen subtil aufbl\u00fchende Crescendi, die den Zuh\u00f6rer f\u00f6rmlich in den Sog zogen. Die dialogische Struktur zwischen Solist und Orchester war minuti\u00f6s austariert: Wenn die Violinen mit zarten Gegenmotiven antworteten, reagierte Lisiecki mit feinem Agogikspiel, das jedes Motiv zugleich entfaltete und atmete. Sein dynamisches Spektrum reichte von einem ber\u00fchrend transparenten Pianissimo im lyrischen Mittelteil bis zu einem ersch\u00fctternden Fortissimo, in dem der Klang des Fl\u00fcgels f\u00f6rmlich flammend aufleuchtete.<\/p>\n<p>Der zweite Satz offenbarte Lisieckis Kantabilit\u00e4t in ganzer Sch\u00f6nheit. Sein Anschlag war geschmeidig, gesungen, die Melodielinien glitten wie fl\u00fcssiges Silber durch den Saal. In den leisesten Passagen schimmerte sein Ton wie Morgenlicht, w\u00e4hrend die zur\u00fcckhaltende Unterlegung des Orchesters \u2013 ged\u00e4mpfte Streicher, dezentes Holzbl\u00e4serspiel \u2013 eine intime Kammermusik-Atmosph\u00e4re entstehen lie\u00df. Besondere interpretatorische Entscheidung: Lisiecki verz\u00f6gerte gelegentlich rhythmische Richtungswechsel minimal, was dem musikalischen Fluss eine f\u00fchlbare Menschlichkeit verlieh, ohne den formalen Rahmen zu dehnen.<\/p>\n<p>Der robuste Finalsatz erweckte ein orchestrales Donnern, das jedoch stets von rhythmischer Pr\u00e4zision geleitet wurde. Lisiecki agierte hier nicht als einsamer Virtuose, sondern als Teil eines orchestral pulsierenden Ganzen: Jeder Triller, jede Oktavfigur wurde klar modelliert, zugleich aber in den gro\u00dfen Orchesterklang eingebunden. Erst in diesem Satz erlaubte sich Lisiecki den gro\u00dfen dynamischen Effekt am Fl\u00fcgel. Die Bamberger Symphoniker leisteten hierzu ihren Beitrag in exemplarischer Manier \u2013 die Blechbl\u00e4ser setzten heroische Akzente, w\u00e4hrend die Pauken pr\u00e4zise<\/p>\n<p>untermalten. Die Dynamikgestaltung war vorz\u00fcglich: Ein energetisch vibrierendes Fortissimo, gefolgt von atmenden, fast verg\u00e4nglichen Pianissimi \u2013 wie das Schwellen und Abebben einer Klangwelle. Keine Frage, dieser Vortrag wirkte wie eine Klavier-Sinfonie, so eng verschmolzen waren die Musiker zu erleben. Ein herausragender Vortrag, den das Publikum dankenswert still verfolgte, um am Ende in Jubel auszubrechen. Jan Lisiecki spielte sodann das e-moll Pr\u00e9lude Nr. 4 op. 28 von Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin in subtiler Poesie.<\/p>\n<p>In der zweiten H\u00e4lfte erwies sich Brahms\u2019 Sinfonie Nr.\u202f1 in c-moll op.\u202f68 als monumentales Kapitel deutscher Musikgeschichte. Schon der er\u00f6ffnende Unisono-Satz nahm barocke Strenge an, wurde aber rasch in sp\u00e4tromantische Weite transformiert. Hr\u016f\u0161a zog das Orchester zun\u00e4chst zu hochpr\u00e4zisem Zusammenklang zusammen, um es dann sukzessive in einen breiten, melodischen Strom zu lenken. Die Streicher pr\u00e4sentierten sich als sonorer Klangk\u00f6rper, ein vibrierender Teppich aus W\u00e4rme und Kraft \u2013, w\u00e4hrend die H\u00f6rner dunkle, heroische Farben beisteuerten. Die Pauke gab dazu den unerbittlichen Rhythmus vor.<\/p>\n<p>Der zweite Satz brachte dann die stillen Momente. Die Holzbl\u00e4ser f\u00fchrten feine Dialoge, \u00e4hnlich wie in einem M\u00e4rchenerz\u00e4hlen. Die Streicher legten einen samtigen, fragilen Teppich darunter. Herrlich sang dazu die Solo-Violine ihre Melodien. In solchen Momenten entsteht N\u00e4he \u2013 nicht zum Werk, sondern zum Menschen, der es schrieb.<\/p>\n<p>Im dritten Satz dann jene rhythmische Leichtigkeit, die oft \u00fcberh\u00f6rt wird. Hr\u016f\u0161a lie\u00df das Thema nicht tanzen, sondern wiegen. Kein fr\u00f6hliches Intermezzo, sondern ein kurzer, fast sp\u00f6ttischer Seitenblick. Die Bamberger spielten das mit einem Augenzwinkern, ohne es zu verniedlichen.<\/p>\n<p>Das Finale: keine Frage, sondern eine Antwort. Das ber\u00fchmte Alphornmotiv \u2013 weich, melancholisch und doch golden leuchtend im Horn-Choral. Dann das Wachsen, das Gl\u00fchen, das \u00d6ffnen. Das gro\u00dfe C-Dur-Thema kam nicht wie ein strahlender Sieg, sondern wie ein inneres Aufbrechen. Die H\u00f6rner trugen, die Streicher spannten \u2013 und das Blech, meist so riskant in dieser Passage, gl\u00e4nzte kraftvoll und kontrolliert. Hr\u016f\u0161a hielt das Ganze zusammen, ohne es zu z\u00fcgeln. Und als die Musik zum Schluss hin wuchs, tat sie es mit einem Furor, der nicht schmetterte, sondern befreite.<\/p>\n<p>Der letzte Akkord \u2013 laut, strahlend, gewichtig. Und dennoch: kein Triumphgeschrei. Eher das Gef\u00fchl, etwas Schweres hinter sich gelassen zu haben. Kein Ziel erreicht \u2013 aber eine Schwelle \u00fcberschritten. Riesige Begeisterung. Als Dank gab es dann noch zwei ungarische T\u00e4nze (18 und 21) von Johannes Brahms. Hinrei\u00dfend!<\/p>\n<p>Dieses Konzert erz\u00e4hlte nicht von Brahms. Es sprach mit ihm. Und mit einem Publikum, das bereit war, aufmerksam zuzuh\u00f6ren. Nicht nur den T\u00f6nen, sondern dem, was zwischen ihnen liegt. Und ja: Es war ein Abend, der gezeigt hat, was es hei\u00dfen kann, Brahms nicht nur zu lieben \u2013 sondern ihn wirklich zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Dirk Schau\u00df, 12. Juli 2025<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Konzert der Bamberger Symphoniker beim Rheingau Musik Festival am 11. November 2025 im Wiesbadener Kurhaus<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"WIESBADEN\/ Kurhaus: Brahms erleben \u2013 Wenn der Klang zu sprechen beginnt Brahms erleben \u2013 Wenn der Klang zu&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":66189,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1847],"tags":[3364,29,548,663,3934,30,13,2052,14,15,12,4544],"class_list":{"0":"post-262969","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-wiesbaden","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-eu","11":"tag-europa","12":"tag-europe","13":"tag-germany","14":"tag-headlines","15":"tag-hessen","16":"tag-nachrichten","17":"tag-news","18":"tag-schlagzeilen","19":"tag-wiesbaden"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114841328509615092","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/262969","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=262969"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/262969\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/66189"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=262969"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=262969"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=262969"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}