{"id":265965,"date":"2025-07-13T21:40:13","date_gmt":"2025-07-13T21:40:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/265965\/"},"modified":"2025-07-13T21:40:13","modified_gmt":"2025-07-13T21:40:13","slug":"philipp-springers-buch-die-hauptamtlichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/265965\/","title":{"rendered":"Philipp Springers Buch \u201eDie Hauptamtlichen\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Bei Fotografien ist derjenige, der sie aufgenommen hat, zumeist unsichtbar, zumindest vor dem Zeitalter der Selfies. Erscheint er auf seinen Bildern, so ist das meist unwillk\u00fcrlich geschehen, etwa in Gestalt seines Schattens oder einer Reflexion in einem aufgenommenen Objekt. Es nimmt kaum wunder, dass sich unter den rund zwei Millionen Fotografien, die in der DDR im Zuge der Bespitzelung durch die Stasi entstanden sind und akribisch archiviert wurden, nur wenige finden, die Mitarbeiter des Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit (<a class=\"rtr-entity\" data-rtr-entity=\"MfS\" data-rtr-id=\"33547e8beb1beb23d9a97d7cf1c3aaadd2859e09\" data-rtr-score=\"38.647450110864746\" data-rtr-etype=\"organisation\" href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/thema\/mfs\" title=\"MfS\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">MfS<\/a>) zeigen. Sie standen auf der anderen Seite der Kamera.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Philipp Springer hat vor einigen Jahren mit dem Bildband \u201eDer Blick der Staatssicherheit\u201c eine Art Album vorgelegt, das eine Auswahl von Fotos zeigt. Sie wirken ohne Kontext meist enigmatisch und manchmal nachgerade surreal, zeigen merkw\u00fcrdige Gegenst\u00e4nde und Ausschnitte, aber auch Tatorte und Grenzr\u00e4ume. Der Schrecken des \u00dcberwachungsregimes ist hier nicht Gegenstand, sondern Fotografie gewordene Methode. Nun legt Springer das Pendant dieser Auswahl vor und f\u00fchrt uns den Arbeitsalltag im MfS sowie einen kleinen Reigen der teilweise namentlich identifizierten Angestellten vor Augen. Kann man ihren Namen eruieren, so stellt er anhand der Kaderakten auch knapp ihre Geschichte vor.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Philipp Springer: \u201eDie Hauptamtlichen\u201c. Fotografische Einblicke und biografische Skizzen aus den Akten des Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit.\" height=\"2878\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/philipp-springer-die.jpg\" width=\"2028\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Philipp Springer: \u201eDie Hauptamtlichen\u201c. Fotografische Einblicke und biografische Skizzen aus den Akten des Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit.Gebr. Mann Verlag<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Viele der Aufnahmen sind zuf\u00e4llig oder zum Spa\u00df aufgenommen worden und \u00e4hneln zahllosen Schnappsch\u00fcssen dieser Zeit, die Menschen bei der Arbeit zeigen. Sie sind fade und banal, fotografisch ohne Belang und allenfalls durch die beil\u00e4ufig mitaufgenommenen Accessoires von Interesse. Wir sehen das \u201eNeue Deutschland\u201c auf dem Schreibtisch, marxistisch-leninistische Literatur im Regal, aber auch Fotos von Kakteen und jungen Frauen an der Wand. Letztere entpuppen sich bei Lekt\u00fcre des Kommentars als Werbeplakat f\u00fcr die Praktica-Kamera des VEB Pentacon.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Springer versucht diese bewusst armen Fotos zum Sprechen zu bringen, indem er den im Bild hinterlassenen Spuren nachgeht und die Fotografie als \u201eErrettung der \u00e4u\u00dferen Wirklichkeit\u201c im Sinne Siegfried Kracauers ernst nimmt. In den Einzelbildern soll nicht nur der Habitus der Aufgenommenen, sondern die Struktur des Apparats, f\u00fcr den sie arbeiten, ablesbar werden. Das ist trotz einer leichten Tendenz, die semantische Aufladung der Fotos zu hoch anzusetzen, ungemein instruktiv.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Da fotografische Aufnahmen im MfS untersagt waren, sind solche Bilder nur selten Teil des Archivs geworden. Anders verh\u00e4lt es sich, wenn sogenannte \u201eNeuerervorschl\u00e4ge\u201c pr\u00e4sentiert werden. Wir sehen Manfred Fleischer, der das sowjetische Innenraum\u00fcberwachungssystem \u201eNyrok\u201c testet, oder schauen auf Major Klaus W\u00f6llner, wie er in das Zoom-Fernrohr \u201eNegus\u201c schaut, das eine Personenobservierung aus einer Entfernung von vierhundert Metern gestattete. Und wir sehen die \u201eHandschlie\u00dfmaschine HSM 86\u201c zur Kontrolle von Briefen, aber auch Menschen, die verschiedene \u201eFotomasken\u201c vorstellen: Geheimkameras, die in der Tasche einer Arbeiterlatzhose, einem Motorradhelm oder \u201ePlastekorb\u201c, einer selbstgen\u00e4hten Jeansjacke oder in einem Campingbeutel versteckt waren. Wir sehen die konspirative Wohnung \u201eArgus\u201c und inszenierte \u201e\u00dcbergabevarianten\u201c von Geheimdokumenten mit Agenten, bei denen der angeklebte Bart und die Per\u00fccke nicht fehlen d\u00fcrfen. W\u00fcssten wir nicht um den bitteren Ernst der Geschichte, so k\u00f6nnte man sie f\u00fcr Film Stills von Agentenkom\u00f6dien halten. Aber bereits Marx merkte ja einmal an, dass geschichtliche Trag\u00f6dien als Farce wiederkehren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Philipp Springer: \u201eDie Hauptamtlichen\u201c. Fotografische Einblicke und biografische Skizzen aus den Akten des Ministeriums f\u00fcr Staatssicherheit. <\/strong>Gebr. Mann Verlag, Berlin 2025. 248. S., Abb., geb., 59,\u2013 \u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Bei Fotografien ist derjenige, der sie aufgenommen hat, zumeist unsichtbar, zumindest vor dem Zeitalter der Selfies. 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