{"id":266108,"date":"2025-07-13T23:05:13","date_gmt":"2025-07-13T23:05:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/266108\/"},"modified":"2025-07-13T23:05:13","modified_gmt":"2025-07-13T23:05:13","slug":"auf-den-spuren-des-grossvaters-abgruende-einer-familienbiografie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/266108\/","title":{"rendered":"Auf den Spuren des Gro\u00dfvaters: Abgr\u00fcnde einer Familienbiografie"},"content":{"rendered":"<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/susannebeyer-102.webp\" alt=\"Zwei Frauen stehen nebeneinander und schauen sich l\u00e4chelnd an.\" title=\"Susanne Beyer zusammen mit Redakteurin Claudia Christophersen. | NDR\" class=\"responsive\"\/><\/p>\n<p>AUDIO: Kornblumenblau: Abgr\u00fcnde einer Familienbiografie (55 Min)<\/p>\n<p>\n            Stand: 14.07.2025 00:01 Uhr<\/p>\n<p class=\"preface\">Susanne Beyer rekonstruiert das Leben ihres Gro\u00dfvaters im NS-Regime und entdeckt dabei eine verst\u00f6rende Mischung aus Schuld, Schweigen und famili\u00e4ren Tabus. Im Interview erz\u00e4hlt Sie, wie Sie bei der Recherche vorgegangen ist.<\/p>\n<p class=\"textauthor\">von <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/claudia-christophersen,christophersen218.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Claudia Christophersen<\/a><\/p>\n<p class=\"\">\nSusanne Beyer geht den Dingen auf den Grund, bohrt nach, stellt Fragen, auch &#8211; und gerade &#8211; die unbequemen. Seit 1996 ist sie Redakteurin beim &#8222;Spiegel&#8220;, ist Autorin der Chefredaktion und hat gerade die Leitung des Hauptstadtb\u00fcros \u00fcbernommen. \u00dcber Themen, die sie nicht loslassen, schreibt die Journalistin auch B\u00fccher. 2021 erschien beispielsweise &#8222;Die Gl\u00fccklichen&#8220;. Ein Buch \u00fcber Frauen, die ab 50 gelassen und erfolgreich im Leben stehen. In ihrem j\u00fcngsten Buch nimmt sie die komplizierte, auch mysteri\u00f6se Geschichte ihres Gro\u00dfvaters unter die Lupe. Als Chemiker war er in die Kriegswirtschaft der Nationalsozialisten verwickelt, wurde dann, kurz vor Kriegsende, auf bis heute ungekl\u00e4rte Weise erschossen.<\/p>\n<p class=\"\">\nSusanne Beyer hat sich auf eine aufwendige Spurensuche begeben, hat ihre Familie befragt, Akten in Archiven studiert, mit Zeitzeugen gesprochen, sich mit der Enkelgeneration der T\u00e4ter besch\u00e4ftigt. Und gerade auch mit sich selbst. Die aufw\u00fchlenden Ergebnisse ihrer tiefen Recherche haben sich ausgewirkt auf das Seelenleben der Enkelin, die ihren Gro\u00dfvater nie kennengelernt hat. Dar\u00fcber schreibt Susanne Beyer in ihrem Buch &#8222;Kornblumenblau&#8220; und spricht in <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/sendungen\/ndr_kultur_a_la_carte\" title=\"NDR Kultur \u00e0 la carte\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">NDR Kultur \u00e0 la carte<\/a> mit Claudia Christophersen.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>Warum haben Sie so sp\u00e4t, 80 Jahre nach Kriegsende, mit der Familienrecherche begonnen? Gab es daf\u00fcr eine Initialz\u00fcndung oder irgendetwas, was Sie bewegt hat, damit anzufangen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>Susanne Beyer:<\/strong> Ich finde das geradezu verr\u00fcckt, dass es so sp\u00e4t ist. Ich bin Journalistin, ich habe eine Journalistenschule besucht und in der Berufspraxis das Recherchieren gelernt. Dann hatte ich als zweites Studienfach Geschichte. Ich war viel in Archiven. Ich habe mich immer f\u00fcr diesen Gro\u00dfvater interessiert, weil meine Mutter so ein schw\u00e4rmerisches Bild von ihm entworfen hat. Ich wollte immer mehr wissen und dann fange ich jetzt erst mit diesem Verlauf von Zeit an. In der Zeit sind auch viele Leute gestorben, die mir viel h\u00e4tten erz\u00e4hlen k\u00f6nnen. Aber ich glaube, dass auch ich als Enkelin in so ein Gef\u00fchlskonstrukt mit hineinverwoben bin und diesen freundlichen Gro\u00dfvater brauchte. Deswegen habe ich mich erst so sp\u00e4t daran gemacht.<\/p>\n<p class=\"\">\nSie fragten mich, warum jetzt? Ich bin immer mal wieder auf Statistiken gesto\u00dfen, die belegen, dass wir Deutschen wirklich ganz viel \u00fcber den Nationalsozialismus wissen, aber \u00fcber unsere Gro\u00dfv\u00e4ter und erst recht \u00fcber unsere Gro\u00dfm\u00fctter wissen wir kaum etwas. Wir k\u00f6nnen uns, den Zahlen nach, kaum vorstellen, dass sie in irgendeiner Weise in den Nationalsozialismus verstrickt waren. Die Zahlen sind ersch\u00fctternd, und andererseits kennen wir die historischen Fakten alle ganz gut und wissen, dass es eigentlich nicht sein kann. Es gibt ein Tabu in den Familiengeschichten.<\/p>\n<p>\n            <strong>Video:<\/strong><br \/>\n            Susanne Beyers &#8222;Kornblumenblau&#8220;: Spurensuche der Familiengeschichte (6 Min)\n        <\/p>\n<p class=\"\"><strong>Sie haben eine umfangreiche und aufwendige Recherche gemacht. Am Ende musste vieles letztlich doch auch ungekl\u00e4rt und im Bereich des Wahrscheinlichen bleiben. Was haben Sie alles gemacht? Sie sind in Archive gefahren, waren im Bundesarchiv, haben mit Zeitzeugen gesprochen und einen Stammbaum erstellt. Was haben Sie noch unternommen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>Beyer: <\/strong>Ja, ich wollte wirklich so vorgehen, wie alle vorgehen k\u00f6nnen. Ich h\u00f6re ganz oft, dass Leute sagen, ich w\u00fcrde schon gerne genauer wissen, was die Gro\u00dfeltern gemacht haben. Aber wie soll ich das noch herausfinden? Man kann zum Beispiel Gentests machen, um etwas \u00fcber Herkunft herausfinden zu k\u00f6nnen. Ich habe es nicht gemacht, weil die ein bisschen unseri\u00f6s sind und weil sich die Nazis &#8211; f\u00fcr meinen Geschmack &#8211; auch zu sehr f\u00fcr Herkunft interessiert haben. Aber auch im naturwissenschaftlichen Bereich der Biologie kann man sehr tief reingehen, wenn man will. Zeitzeugengespr\u00e4che sind ganz wichtig, weil sich dar\u00fcber auch Gef\u00fchle vermitteln. Die Geschichte wird sehr farbig.<\/p>\n<p class=\"\">\nIch w\u00fcrde immer empfehlen, an Orte zu fahren, weil man Bilder bekommt, selbst wenn die Orte erst einmal klein und unbedeutend wirken. Wenn man dort ist, sieht man, wie sehr Deutschland noch mit diesem Nationalsozialismus verwoben ist. Meine Gro\u00dfeltern haben in einer Stra\u00dfe gewohnt, die hat immer noch Gaslaternen, der Stra\u00dfenzug sieht ganz \u00e4hnlich aus wie in den Fotoalben. Ich w\u00fcrde sowieso auch tief in Fotoalben reingehen, denn man kann sich Abzeichen angucken und deren Bedeutung im Internet herausfinden.<\/p>\n<p class=\"\">\nEs gibt viele Uniformbilder. Dann kann man anhand der Abzeichen sehen, in welchem Dienstgrad der Gro\u00dfvater gek\u00e4mpft hat. Wenn der Gro\u00dfvater sowieso in der Wehrmacht war, kann man \u00fcber das Bundesarchiv ganz viel herausfinden, in welcher Einheit er gek\u00e4mpft hat, dann wei\u00df man, was die Einheit an welchem Ort gemacht hat. Man kann sehr oft herausfinden, ob er nun an der rechten oder linken Schulter angeschossen wurde und in welchem Lazarett er war. Dieses Unget\u00fcm Wehrmacht wird \u00fcber Familiengeschichten lesbar und erfahrbar.<\/p>\n<p class=\"\">\nIch habe meine Arbeit zweigeteilt. Was kann man historisch finden? Und dann habe ich auch geguckt, wie wirkt sich das, was ich herausgefunden habe, auf mich selbst aus. Da habe Einiges ausprobiert. Ich habe eine Familienaufstellung gemacht. Man stellt dann Gro\u00dfvater, Mutter und sich selbst auf und guckt sich die Dynamiken an. Ich habe Fragezeichen an die Methode, aber ich habe mir dadurch auch einiges ganz gut vorstellen k\u00f6nnen. Dann gibt es Gespr\u00e4chsseminare f\u00fcr die Nachkommen der Kriegsgeneration, also von Leuten, die sich oft auch mitschuldig f\u00fchlen, was ich tats\u00e4chlich auch tue. Dar\u00fcber kommt man auch weiter.<\/p>\n<p class=\"\">\nDann habe ich mich mit K\u00f6rperarbeit besch\u00e4ftigt und mit der Frage, wie wird man diese Gef\u00fchle der Mitschuld, die man hat, eigentlich wieder los, oder wie ordnet man sie? Ich bin weit \u00fcber die historische Forschung hinausgegangen, weil ich wirklich glaube, es gibt diese Tabus und dieses Schweigen \u00fcber die Gro\u00dfeltern, weil man da emotional verkantet ist. Deswegen reicht es nicht aus, sich nur \u00fcber Archivalien zu beugen.<\/p>\n<p class=\"\">Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/claudia-christophersen,christophersen218.html\" title=\"Claudia Christophersen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Claudia Christophersen<\/a>. Einen Ausschnitt davon lesen Sie hier, das ganze Gespr\u00e4ch k\u00f6nnen Sie oben auf dieser Seite und in der <a href=\"https:\/\/www.ardaudiothek.de\/sendung\/ndr-kultur-la-carte\/20246234\/\" title=\"NDR Kultur \u00e0 la carte in der ARD Audiothek\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">ARD Audiothek<\/a> h\u00f6ren.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/dagmarschlingmann104.webp\" alt=\"Eine Frau mit einer dunklen Brille und einem schwarzen Oberteil schaut l\u00e4chelnd nach vorne. \" title=\"Dagmar Schlingmann im Portr\u00e4t bei NDR Kultur \u00e0 la carte. | Bj\u00f6rn Hickmann\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>Die Intendantin verl\u00e4sst das Staatstheater Braunschweig. Im Gespr\u00e4ch blickt sie zur\u00fcck &#8211; auch auf ihren Kampf in der M\u00e4nnerdom\u00e4ne.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/fazilsay112.webp\" alt=\"Mehrere Menschen auf einer B\u00fchne im Gespr\u00e4ch, davon links eine Frau, daneben drei M\u00e4nner.\" title=\"Pianist Faz\u0131l Say ist der diesj\u00e4hrige Portr\u00e4tk\u00fcnstler des SHMF. | SHMF \/ Fabian Lippke, Fabian Lippke\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>Der Pianist und Komponist schl\u00e4gt als Portr\u00e4tk\u00fcnstler des SHMF Br\u00fccken zwischen Ost und West. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Klang, Musik und Kulturen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"AUDIO: Kornblumenblau: Abgr\u00fcnde einer Familienbiografie (55 Min) Stand: 14.07.2025 00:01 Uhr Susanne Beyer rekonstruiert das Leben ihres Gro\u00dfvaters&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":266109,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,1800,2878,215],"class_list":{"0":"post-266108","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-romane","14":"tag-sachbuecher","15":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114848433876712556","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/266108","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=266108"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/266108\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/266109"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=266108"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=266108"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=266108"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}