{"id":269108,"date":"2025-07-15T03:39:13","date_gmt":"2025-07-15T03:39:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/269108\/"},"modified":"2025-07-15T03:39:13","modified_gmt":"2025-07-15T03:39:13","slug":"neue-bilder-von-einem-durchaus-philosophischen-leipziger-maler-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/269108\/","title":{"rendered":"Neue Bilder von einem durchaus philosophischen Leipziger Maler \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>Wie sieht Leipzig wirklich aus? Jeder sieht die Stadt anders. Und nur selten sieht die Stadt so aus wie auf Hochglanzfotos f\u00fcr die Touristenwerbung. Erst recht, wenn man die Stadt \u2013 wie der Maler G\u00fcnter Thiele \u2013 seit 95 Jahren kennt. Dann sieht man auch ihre traurigen, grauen und trostlosen Seite. Ihre Wunden und Leerstellen. Und auch in den Gesichtern der Menschen einen Ernst, der mit der aufgesetzten Zirkusfr\u00f6hlichkeit der Werbefotos nichts zu tun hat. Und Leipzig ist eine sehr ernste Stadt.<\/p>\n<p>Vor vierzehn Jahren schon erschien ein Bildband, <a href=\"http:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2012\/06\/Leipziger-Maler-mit-skeptischem-Blick-Guenter-Thiele-42319\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">der das Lebenswerk des Malers G\u00fcnter Thiele greifbar machte<\/a>, auch damals verbunden auch mit einer Ausstellung in der Galerie Schwind. Das h\u00e4tte man schon f\u00fcr so eine Art Lebensbilanz nehmen k\u00f6nnen. Aber Thiele dachte gar nicht daran, den Pinsel aus der Hand zu legen. Malen ist sein Leben. Und so entstanden auch in den Folgejahren immer neue Bilder in der von ihm bevorzugten Technik Tempera auf Hartfaser.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/b4d730c7d67648df8e9e361ffbff4af4.gif\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/07\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/bildung\/buecher\/2025\/07\/1\" alt=\"\"\/><\/p>\n<p>Das ist sowieso schon eine zur\u00fcckhaltende Malweise mit ged\u00e4mpfter Farbgebung. Aber sie ergibt auch einen Eindruck von Vertr\u00e4umtheit. Als w\u00fcrde sich die Realit\u00e4t vor unseren Augen in einen Traum verwandeln. Oder ein Traum in die Realit\u00e4t. Was gerade in Thieles Stra\u00dfenansichten noch verst\u00e4rkt wird durch die geradezu unheimliche Leere.<\/p>\n<p>H\u00e4user stehen wie verschlossene Kulissen im Raum, aber auch die Passanten wirken verschlossen, ganz und gar mit dem besch\u00e4ftigt, was sie gerade tun. Ohne aufzusehen. Manche Stra\u00dfenz\u00fcge wirken regelrecht leer gefegt. Brandmauern erinnern an die Wunden, die die Stadt in den vergangenen Jahrzehnten erlitten hat. Noch ist nicht jede L\u00fccke wieder bebaut.<\/p>\n<p>Spuren der Moderne<\/p>\n<p>Der Passage-Verlag hat dem 2011 erschienenen Band nun eine Fortsetzung folgen lassen, die vor allem Arbeiten versammelt, die seit 2010 entstanden sind. Aber sie enth\u00e4lt auch Arbeiten, die zwischen 1956 und 2005 entstanden sind und die in \u201eStadtleben\u201c noch fehlten. Es f\u00e4llt kaum auf, denn die Art, wie G\u00fcnter Thiele auf seine Stadt und seine Mitmenschen blickt, hat sich kaum ge\u00e4ndert. Es war einst auch ein dissidentischer Blick, ein stiller, ernster Versuch, die Erwartungshaltung des \u201esozialistischen Realismus\u201c mit seiner pomp\u00f6sen Selbstinszenierung zu unterlaufen.<\/p>\n<p>Sein Kunststudium begann er zwar in Leipzig, stie\u00df aber bald auf Widerst\u00e4nde, die ihn dazu brachten, sich um einen Studienplatz an der Hochschule f\u00fcr Bildende K\u00fcnste in Berlin-Charlottenburg zu bewerben. Also im \u201eWesten\u201c, wo es kein starres Verdikt gegen die Stilrichtungen der Moderne gab. Dort war Karl Hofer Direktor, einer der wichtigsten Expressionisten in der deutschen Malerei.<\/p>\n<p>Dessen Werk man durchaus als stilles Vorbild f\u00fcr die Arbeiten G\u00fcnther Thieles sehen kann. Bis 1960 studierte er dort, kehrte dann aber trotzdem nach Leipzig zur\u00fcck und war hier fortan als freischaffender Maler t\u00e4tig, wurde sogar Lehrer an der HGB.<\/p>\n<p>Aber seinen besonderen Blick auf die Stadt und das, was auf dieser B\u00fchne vor sich ging, verlor er nie. Der ist selbst in den Portr\u00e4ts und Selbstportr\u00e4ts sichtbar, die in diesem Band zu finden sind. Ein L\u00e4cheln wird man auf diesen Gesichtern kaum einmal finden. Daf\u00fcr einen tiefen Ernst, einen kritischen, geradezu zweifelnden Blick, als w\u00fcrden die Dargestellten den Betrachter gr\u00fcndlich hinterfragen. Oder als w\u00e4ren sie in Gedanken mit lauter Dingen besch\u00e4ftigt, die ihnen keine Ruhe lassen. Die noch getan und gel\u00f6st werden m\u00fcssen. Eine andere Art Gesch\u00e4ftigkeit, als sie in unserer modernen und so gr\u00fcndlich verlogenen Medienwelt permanent gezeigt wird.<\/p>\n<p>Ein philosophischer Maler<\/p>\n<p>Im Grunde verr\u00e4t sich Thiele selbst, wenn er im Vorwort meint: \u201eLust und Last des Bildermachens nimmt bei mir weiterhin kein Ende. Philosophische Bemerkungen und Deutungen \u00fcberlasse ich den Dichtern \u2026!\u201c<\/p>\n<p>Denn tats\u00e4chlich ist er ein zutiefst philosophischer Maler. Er malt seine eigene Nachdenklichkeit in die Gesichter der von ihm Portr\u00e4tierten. L\u00e4sst sie ernst werden, versunken in Gedanken, in sich gekehrt. So, wie es uns oft geht, meist dann, wenn wir uns unbeobachtet glauben. Denn wenn wir Blicke auf uns sp\u00fcren, nehmen wir in der Regel Rollen an, zeigen uns, wie wir gesehen werden wollen.<\/p>\n<p>Aber sind wir das wirklich? Ist es nicht der nachdenkliche Ernst, der uns wirklich ausmacht, unser permanentes Gr\u00fcbeln \u00fcber die Welt und die Dinge, die noch getan werden m\u00fcssten? Oder die Gef\u00fchle, die uns verwirren. Denn die Stra\u00dfen der Stadt sind nur eine B\u00fchne. Wenn man genau hinschaut, sind die meisten Menschen ganz und gar mit sich besch\u00e4ftigt, in sich gekehrt. Wenn auch vielleicht nicht mit diesem sanften, konzentrierten Ernst, den selbst die Frauen in Thieles Bildern haben. Dazu sind dann doch zu viele Zeitgenossen au\u00dfer sich, leben dicht an der Oberfl\u00e4che, mit einer d\u00fcnnen Haut der Gef\u00fchle.<\/p>\n<p>Aber wer so lange in Leipzig gelebt hat, der wei\u00df, dass das nicht wirklich das ist, was uns bewegt. Erst recht nicht, wenn man zeitlebens die Erfahrung gemacht hat, dass einem nichts geschenkt wird und jedem gel\u00f6sten Problem zehn neue folgen, die uns im Kopf herumspuken und die angepackt werden m\u00fcssen. Eins nach dem anderen. Das war schon immer die \u00dcberlebenskunst der Leipziger, vielleicht auch nicht nur die der Leipziger, sondern aller Menschen, die mit begrenzten Ressourcen einen immer hektischeren Alltag bew\u00e4ltigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Leben der Sisyphosse<\/p>\n<p>Man sieht diesen Ernst nicht nur in Thieles Stra\u00dfenbildern, sondern auch in seinen Bildern von Gaza, Sardinien oder den Tuilerien. In der Fremde sieht Thiele dieselbe Verschlossenheit in den Gesichtern, die vielleicht keine Verschlossenheit ist, sondern nur dieser so wichtige und notwendige Ernst, mit dem Menschen ihr Leben meistern. Menschen, die ganz und gar nicht darauf rechnen, dass ihnen ein Prinz erscheint oder ein F\u00fcllhorn aus der Werbung sich \u00fcber sie ergie\u00dft. Jeder besch\u00e4ftigt damit, sein eigenes Leben mit seinen ganz eigenen Herausforderungen zu meistern.<\/p>\n<p>Die kann der Betrachter nur ahnen. Auch wenn die jungen Frauen dem Maler Modell sitzen, als w\u00e4ren sie eigentlich gar nicht da, mit den Gedanken bei ganz anderen Problemen und L\u00f6sungen. Und nat\u00fcrlich wird das philosophisch. Das werden keine netten Salonbilder, aus denen die Portr\u00e4tierten stolz auf die Betrachter herunterschauen, voller Lebensfreude gar wie in Rembrandts Saskia-Bildern. Sondern so n\u00fcchtern und still, wie sie einem eigentlich t\u00e4glich begegnen.<\/p>\n<p>Wir versuchen uns ja st\u00e4ndig aufzuheitern, ein Bild zu inszenieren, als w\u00e4ren wir immerfort fr\u00f6hlich und zuversichtlich. Was wir aber nicht immer sind. Wir sind eher wie der m\u00fchsam seine Steine rollende Sisyphos. Die \u00fcberw\u00e4ltigende Freude gibt es erst hinterher, wenn der Stein oben auf dem Berg ist und wir loslassen k\u00f6nen. Eine Szene, die es aber nur bei Mattheuer gibt.<\/p>\n<p>Thiele zeigt eher uns Sisyphosse hier unten im Tal und in der Stadt. Immerfort mit den gewaltigen Steinen besch\u00e4ftigt, die wir Tag f\u00fcr Tag einen inneren Berg hinaufrollen. Hinaufrollen m\u00fcssen, weil Leichtigkeit in dieser Welt inzwischen mit Faulheit und Nichtsnutzigkeit in einen Topf geworfen wird. Das haben wir schon l\u00e4ngst verinnerlicht. Und zeigen uns gesch\u00e4ftig und ernsthaft. Und oft genug schleppen wir das alles eben mit an den Familientisch. Und in die Sitzungen f\u00fcr den selbst stets ernst blickenden Maler, f\u00fcr den \u201eSch\u00f6nheit und Tragik\u201c steter Mittelpunkt seines Schaffens waren und sind.<\/p>\n<p>Tragik und Stille<\/p>\n<p>Denn nat\u00fcrlich ist unser Leben tragisch. Und auch deswegen sch\u00f6n. So sch\u00f6n, dass es uns betroffen macht und Kopfschmerzen bereitet. Und die Leipziger sind ganz bestimmt kein Menschenschlag, der das auf die leichte Schulter nimmt oder einfach wegl\u00e4chelt. Wer den Eindruck hat, ist noch nie durch die Stra\u00dfen abseits des Get\u00fcmmels gelaufen.<\/p>\n<p>Obwohl es tr\u00fcgerische Stra\u00dfen sind, vollgestellt mit Automobilen, die man in Thieles Bildern nur selten und ganz klein findet. Er r\u00e4umt die Stra\u00dfen auf und aus. Und macht ihre Einsamkeit sichtbar. Ihr Verlorensein, durch das die M\u00e4nner und Frauen mit versunkenen Blicken laufen, ganz besch\u00e4ftigt mit ihrem Tun. Kaum mal mit einem Blick f\u00fcr die Anderen, die da unterwegs sind.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind das sehr philosophische Szenen, zu denen sich jeder etwas denken kann. In die man Geschichten hineindenken kann. Jede Szene ein Theater ohne Worte. Obwohl Thiele auch das Theater nicht meidet, so wie in \u201eZimmertheater\u201c von 2017, wo auf der B\u00fchne scheinbar ganz Banales geschieht. Aber das Publikum schaut gebannt, jeder einzelne Zuschauer ganz ins Schauen vertieft. So wie man selbst vor Thieles Bildern steht und geradezu darauf wartet, dass gar nichts Weltbewegendes geschieht.<\/p>\n<p>Und so wird auch die Fortsetzung des 2011 erschienenen Bandes zu einem Besuch in der stillen Welt des G\u00fcnter Thiele, in der wir uns selbst begegnen k\u00f6nnen, wenn wir nur lange genug eintauchen in jedes Bild. Atemlos manchmal, weil wir die eigenen Erfahrungen mit dieser manchmal sehr einsamen Stadt gemacht haben. Manchmal scheint gar die Zeit stillzustehen wie in \u201eBaul\u00fccke Schiebestra\u00dfe\u201c von 2020. A<\/p>\n<p>ls liefe einfach die Zeit ab \u00fcber einer Stadt, die stellenweise noch immer so aussieht wie vor 40 Jahren, als noch l\u00e4ngst nicht wirklich klar war, ob sich das alles einmal ver\u00e4ndern w\u00fcrde. Oder ob die junge Frau am Stra\u00dfenrand noch jahrelang dort stehen k\u00f6nnte, ohne dass man je erf\u00e4hrt, auf wen sie wartet. Oder ob sie \u00fcberhaupt auf jemanden wartet.<\/p>\n<p><strong>G\u00fcnter Thiele <a href=\"https:\/\/www.lehmanns.de\/isbn\/9783954151622@liz\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">\u201eMalerei von 2011 bis heute\u201c<\/a><\/strong> Passage-Verlag, Leipzig 2025, 24,50 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Wie sieht Leipzig wirklich aus? Jeder sieht die Stadt anders. 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