{"id":271046,"date":"2025-07-17T00:28:13","date_gmt":"2025-07-17T00:28:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/271046\/"},"modified":"2025-07-17T00:28:13","modified_gmt":"2025-07-17T00:28:13","slug":"der-soldat-in-stuttgart-2010-wurde-ich-postmigrantisch-2012-schwarz-jetzt-bin-ich-wohl-bipoc","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/271046\/","title":{"rendered":"\u201eDer Soldat\u201c in Stuttgart: \u201e2010 wurde ich postmigrantisch, 2012 Schwarz, jetzt bin ich wohl BIPoC\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Der Psychiater Frantz Fanon gilt als eine der Begr\u00fcnder der postkolonialen Theorie. Doch l\u00e4sst sich seine Wut einfach so auf die Verh\u00e4ltnisse der Gegenwart und des Kulturbetriebs \u00fcbertragen? Das fragt Julian Warner bei seinem klugen Solo-Theater-St\u00fcck.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Als er mit dem Theater anfing, erz\u00e4hlt Julian Warner, dachte er, das sei Arbeit. Aber dann wurde ihm erz\u00e4hlt, alles sei politisch, auch die B\u00fchne. Und Politik ist Kampf. So war er nicht l\u00e4nger ein K\u00fcnstler, sondern fortan Soldat im Kulturkrieg: jeder gegen jeden. Und die Kampfschriften? Finden sich bei Frantz Fanon, der Ikone der Dekolonisierung. <\/p>\n<p>In seiner autofiktionalen Soloperformance \u201e<a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/theaterrampe.de\/event\/der-soldat\/\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/theaterrampe.de\/event\/der-soldat\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">Der Soldat<\/a>\u201c am Stuttgarter Theater Rampe n\u00e4hert sich der Kurator, K\u00fcnstler und Kulturmanager Warner auf h\u00f6chst erhellende Weise dem widerspr\u00fcchlichen Erbe von Fanon \u2013 und seinem eigenen Engagement als Kultursoldat an der Front des antirassistischen Theaters. Es ist ein Abend dar\u00fcber, welche historischen Kost\u00fcme im politischen Theater angesagt sind.<\/p>\n<p>Eine Leinwand hat Warner mitten in den Raum geh\u00e4ngt, auf die im \u00fcberlebensgro\u00dfen Heldenformat das Gesicht des vor 100 Jahren geborenen Fanon projiziert wird. Entr\u00fcckt, wie eine Ikone oder ein Heiliger, wirkt Fanon, der Autor von \u201eSchwarze Haut, wei\u00dfe Masken\u201c und \u201eDie Verdammten dieser Erde\u201c, das bereits vor \u00fcber 50 Jahren zum Bestseller wurde und heute als \u201eKlassiker der Dekolonisierung\u201c. <\/p>\n<p>Warner umkreist diese monumentale Lichtfigur, angetrieben vom Schlagzeug von Markus Acher: eine Mischung aus Beat und Sprache wie bei <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/welt_print\/kultur\/article6499272\/Die-Revolution-laeuft-auch-nicht-bei-YouTube.html\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/welt_print\/kultur\/article6499272\/Die-Revolution-laeuft-auch-nicht-bei-YouTube.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">Gil Scott-Heron<\/a>. \u201eThe Revolution Will Not Be Staged\u201c k\u00f6nnte der Abend im Untertitel hei\u00dfen, denn Warner will keine h\u00f6heren aktivistischen Weihen von Fanon empfangen, sondern fragt nach der Faszination solcher Ikonen.<\/p>\n<p>Warner, der bis dieses Jahr das <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article255529542\/Brecht-Festival-Man-muss-Brecht-den-Deutschlehrern-entreissen.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article255529542\/Brecht-Festival-Man-muss-Brecht-den-Deutschlehrern-entreissen.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Brecht-Festival in Augsburg<\/a> leitete, ist bekannt daf\u00fcr, auch die hei\u00dfen Eisen in der Debatte \u00fcber Kunst und Aktivismus anzufassen. So forderte er k\u00fcrzlich im <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/diversitaet-im-theaterbetrieb-kommt-jetzt-der-rechte-backlash-100.html\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/diversitaet-im-theaterbetrieb-kommt-jetzt-der-rechte-backlash-100.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">Theaterpodcast des Deutschlandfunks<\/a>, sich kritisch mit der aktuellen Kulturf\u00f6rderung, ihren Parolen und ihren Ergebnissen auseinanderzusetzen: \u201eBitte keine neuen Diversit\u00e4tsprogramme!\u201c Auch zeichnet Warner eine reflexive, ironische Distanz zum Identit\u00e4tsdiskurs aus. \u201eAls ich 1985 in Deutschland zur Welt kam, war ich ein Ausl\u00e4nder, 2005 wurde ich zum Mitb\u00fcrger mit Migrationshintergrund, 2010 dann postmigrantisch, 2012 Schwarz, jetzt bin ich wohl BIPoC\u201c, schrieb Warner einmal \u00fcber den sich stetig wandelnden Diskurs mit seinen eigenen sprachlichen Bl\u00fcten.<\/p>\n<p>Warner war Dramaturg bei der \u201eSchwarzkopie\u201c von \u201eMittelreich\u201c, dem meistdiskutierten St\u00fcck der Theatersaison von 2017, eingeladen zum darauffolgenden Theatertreffen. Dabei brachte die Regisseurin Anta Helena Recke eine bereits existierende Inszenierung wieder auf die B\u00fchne, allerdings ausschlie\u00dflich mit schwarzen Schauspielern. Mit den Mitteln der \u201eApprobiation Art\u201c sollte das Theater als wei\u00dfe Institution entlarvt werden. Mit der Schwarz-Wei\u00df-Brille sieht man auch entsprechend. In Warners \u201eDer Soldat\u201c klingt es, als h\u00e4tte man Fanons \u201eSchwarze Haut, wei\u00dfe Masken\u201c auff\u00fchren wollen. Nur d\u00fcrfte ein M\u00fcnchner Stadttheater zwar keineswegs diskriminierungsfrei sein, ist deswegen aber auch kein brutales Kolonialregime wie das damalige Algerien. <\/p>\n<p>Je l\u00e4nger Warner seine Runden um das Portr\u00e4t und die in Fetzen eingespielte Biografie von Fanon dreht, desto n\u00e4her kommt er der Frage, wie verf\u00fchrerisch es ist, die Welt heute so zu sehen wie Fanon damals: als gespaltene Welt des Kolonialismus, mit Kolonisatoren und Kolonisierten. Nicht zuletzt in der fatalen, weil irref\u00fchrenden Rede vom \u201eSiedlerkolonialismus\u201c verbreitet sich dieses Weltbild heute rasend, wie es Adam Kirsch in einem klugen Essay seziert hat.<\/p>\n<p>Was soll die Kunst leisten? Soll sie heilen, kampff\u00e4hig machen oder Solidarit\u00e4t simulieren? Was Warner als Kultursoldat umkreist, ist das Schlachtfeld der Kulturpolitik, das er nicht mit neuer Munition versorgen will, sondern zun\u00e4chst nach der eigenen, ambivalenten Rolle darin fragt. Auch hier nimmt Warner die eigene Erfahrung als Material, spricht von der Besatzungsmacht einer Stadt, die ihn mit einer symbolischen \u00d6ffnung beauftragt hat, um die N\u00f6te der Bev\u00f6lkerung in h\u00fcbsche Kunst zu verwandeln. Das Ergebnis sei eine \u201etoxische Dynamik\u201c gewesen. <\/p>\n<p>So richtet er direkt das Wort an das Fanon-Abbild und sagt: \u201eDen ganzen Abend reden wir aneinander vorbei. Du redest vom bewaffneten Kampf gegen das franz\u00f6sische Imperium, ich von deutscher Kulturpolitik.\u201c Nur sieht politisches Theater oft genau so aus, dass man dieses Missverst\u00e4ndnis als gelingenden Dialog darstellt. Die Folge ist ein Verbalradikalismus, dem die zu bek\u00e4mpfenden \u00dcbel nie gro\u00df und abstrakt genug sein k\u00f6nnen: politisches Theater als Donquichotterie.<\/p>\n<p>Warner unterl\u00e4uft das Identifikationspotenzial von Fanon als politischer Ikone \u2013 und setzt dem ber\u00fcchtigten ersten Kapitel von \u201eDie Verdammten dieser Erde\u201c, das die Unausweichlichkeit politischer Gewalt konstatiert, das letzte Kapitel mit Fallstudien aus Fanons psychiatrischer Arbeit entgegen, in dem die Verheerungen der Gewalt (und zwar bei Opfern und T\u00e4tern) beschrieben werden. Fanon wusste, was Gewalt anrichtet \u2013 und als Psychiater versuchte er, ihre Wunden zu heilen. <\/p>\n<p>Daran ankn\u00fcpfend ist f\u00fcr Warner, selbst Gruppenpsychoanalytiker in Ausbildung, Fanons wahre revolution\u00e4re Tat nicht dessen Engagement beim FLN, sondern sein Beitrag zur Ethnopsychoanalyse. In diese Richtung geht auch die neue Fanon-Biografie \u201eArzt, Rebell, Vordenker\u201c von Adam Shatz.<\/p>\n<p>Warners knapp einst\u00fcndige Performance \u201eDer Soldat\u201c greift in ihrer geschickten Doppelb\u00f6digkeit zweifelnd und korrigierend in den aktivistischen Theaterdiskurs der Gegenwart ein. Warner ist kein Propagandist im Kulturkrieg, sondern ein Kartograf der Konfliktlinien im Handgemenge. Warner zeigt eine innere Zerrissenheit, die er bei Fanon, der in der R\u00e9sistance f\u00fcr den Universalismus von 1789 k\u00e4mpfte und von der Restauration unter de Gaulle entt\u00e4uscht wurde, wiederfindet: nicht als Ikone der Guerilla, sondern als Psychiater. Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Gespaltenheit und gegen den diskreten Charme der Identifikation, das Fanon gegen seine Liebhaber verteidigt, die sich nur die historischen Kost\u00fcme borgen wollen, ohne die widerspr\u00fcchlichen Einsichten zu bergen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der Psychiater Frantz Fanon gilt als eine der Begr\u00fcnder der postkolonialen Theorie. 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