{"id":271664,"date":"2025-07-17T06:10:13","date_gmt":"2025-07-17T06:10:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/271664\/"},"modified":"2025-07-17T06:10:13","modified_gmt":"2025-07-17T06:10:13","slug":"historikerin-barbara-stollberg-rilinger-wird-70","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/271664\/","title":{"rendered":"Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger wird 70"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Was ist eine Staatsmaschine? Da stellen wir uns einmal ganz dumm, wenn wir die K\u00f6lner Dissertation von Barbara Stollberg-Rilinger mit dem Titel \u201eDer Staat als Maschine. Zur politischen Metaphorik des absoluten F\u00fcrstenstaats\u201c aufschlagen, die 1986 im Verlag Duncker und Humblot erschienen ist. Und zwar absichtlich dumm, methodisch unwissend, indem wir von dem absehen, was wir \u00fcber den Gegenstand schon zu wissen meinen. Wie Notker Hammerstein in seiner Rezension in der \u201eHistorischen Zeitschrift\u201c feststellte, hatte die Sch\u00fclerin von Johannes Kunisch die \u201egel\u00e4ufige aufgekl\u00e4rt-absolutistische Staatsauffassung\u201c als Thema gew\u00e4hlt. Erstaunlich nannte er es, dass es bisher keine Monographie \u201ezu dieser in der Tat wichtigen, typischen und so bezeichnenden Staatsvorstellung\u201c gegeben hatte.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Die Auffassung war offenbar zu gel\u00e4ufig: Der Topos wanderte aus der Theorie in die Forschung, das Lieblingsbild der Staatsphilosophen des achtzehnten Jahrhunderts wurde zum Gemeinplatz der sp\u00e4teren Geschichtsschreibung. Die nachtr\u00e4gliche Polemik der Romantiker gegen den Maschinenstaat Friedrichs des Gro\u00dfen verband sich mit der Begr\u00fcndung der z\u00fcnftigen Geschichtswissenschaft, die sich f\u00fcr das Besondere oder Individuelle interessierte, also das Ungeplante und nicht Schematische; jedenfalls wurde dieser Nexus in der fachgeschichtlichen Erinnerung hergestellt.<\/p>\n<p>Pionierleistung der Verwissenschaftlichung<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Ideengeschichte in dieser deutschen Tradition nahm sich eine Lizenz zur Ungenauigkeit heraus, als m\u00fcsste sie der Mechanisierung der eigenen Verfahren vorbeugen. Vor diesem Hintergrund stellt Barbara Stollberg-Rilingers erstes Buch eine Pionierleistung der Verwissenschaftlichung dar \u2013 und das am Gegenstand einer wissenschaftlichen Denkfigur, die illustriert, wie sich wissenschaftliches Denken zur Weltanschauung verfestigen kann. Die Autorin zeigte, wie man methodisch kontrolliert eine Geschichte von Konzepten schreiben kann, die sich nicht auf die gedankliche Innenseite des Sortierens von Lehrmeinungen beschr\u00e4nkt, sondern Sprachbilder und Lehrbuchdefinitionen als Denkwerkzeuge behandelt, die auch in den Dienst von Standes- oder Berufsinteressen gestellt werden.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Michael Stolleis erkannte den Rang des Buches und r\u00fchmte in seiner Besprechung in der \u201ePolitischen Vierteljahrsschrift\u201c den didaktischen Ertrag \u201eeiner darstellerischen Sicherheit, wie man sie bei einem Erstlingswerk nicht ohne weiteres erwartet\u201c. Mit der achtsamen Ironie kollegialen Respekts gestattete sich der Rezensent die Andeutung, dass sich die junge Forscherin durch ihre Beherrschung des Gegenstands der Denkungsart der von ihr untersuchten Autoren in gewissem Sinne anverwandelt hatte. \u201eEs gelingt ihr, den Variantenreichtum im Staatsdenken des 18. Jahrhunderts aus einem einzigen Punkt zu entfalten, freilich vor allem seine spezifisch rationalistische Seite.\u201c Dass alles auf einen Punkt ausgerichtet sein m\u00fcsse, die Gl\u00fcckseligkeit, war der Gedanke, der die Schule des Philosophen Christian Wolff dazu bewog, die Organisation des Staates mit der Konstruktion eines Uhrwerks zu vergleichen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Was ist eine Staatsmaschine? Das Buch enth\u00e4lt eine Art Gebrauchsanweisung, in un\u00fcberbietbarer B\u00fcndigkeit: \u201eIm Bild der Staatsmaschine wird Herrschaft so gedacht, dass sie einerseits absolute Herrschaft des Herstellers \u00fcber ein Material ist, dass sie sich aber andererseits durch den Selbstlauf des hergestellten Werks tendenziell er\u00fcbrigt.\u201c Effizienz und \u00d6konomie als Eigenschaften einer so bestimmten Maschine stellen sich dann als eingebautes Programm der Selbstkritik des Staatsapparats dar, als das Aufgekl\u00e4rte am Absolutismus. Diese an der Finanzpolitik ausgerichteten Ideale zogen der Kritik allerdings auch Grenzen, wie Stollberg-Rilinger zeigte, indem sie ein klassisches Thema der sogenannten historistischen deutschen Geschichte des politischen Denkens aufnahm, den Vergleich Deutschlands mit Westeuropa.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Die deutsche Verfassungsgeschichte nahm einen anderen Weg: Rue Montesquieu in Nantes.\" height=\"1397\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/die-deutsche.jpg\" width=\"3000\" class=\"pur:max-w-content-xl relative left-1\/2 w-[calc(100vw_-_40px)] max-w-[960px] -translate-x-1\/2\" tabindex=\"0\"\/>Die deutsche Verfassungsgeschichte nahm einen anderen Weg: Rue Montesquieu in Nantes.Wikimedia Commons \/ CC BY-SA 4.0<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Gegen Montesquieu wandten deutsche Denker ein, dass die Gewaltenteilung die Maschine zu kompliziert mache. F\u00fcr Montesquieu, wie Stollberg-Rilinger ihn liest, war das gerade der Witz seiner Lehre: Montesquieus Modell sollte politische Freiheit erhalten, eingeschlossen die Freiheit adeliger Akteure, das deutsche Gegenmodell dagegen politisches Handeln er\u00fcbrigen. Hinter dem \u201eGeist der Gesetze\u201c machte die Historikerin eine klassische Vorstellung von Politik aus, die von Hannah Arendt auf den Punkt gebrachte Unterscheidung zwischen dem technischen Herstellen und dem politischen Handeln.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Stolleis entdeckte im deutschen Staatsleben nach dem von Stollberg-Rilinger rekonstruierten Plan \u201eCharakterz\u00fcge, die sich durchaus nicht verloren\u201c h\u00e4tten: \u201eFunktionsf\u00e4higkeit, Ordnung und Rechtlichkeit rangierten vor politischer Teilhabe.\u201c Die B\u00fcrger waren nicht zur Mitwirkung aufgefordert, sondern hatten sich bis auf Weiteres dumm zu stellen. In ihrer Habilitationsschrift zur st\u00e4ndischen Repr\u00e4sentation untersuchte Stollberg-Rilinger Konzepte der Gegensteuerung bei den deutschen Standesgenossen Montesquieus.<\/p>\n<p>Spezialistin f\u00fcr Organisation<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Als Professorin in M\u00fcnster erarbeitete sie in der stimulierenden Atmosph\u00e4re des Sonderforschungsbereichs \u201eSymbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme vom Mittelalter bis zur Franz\u00f6sischen Revolution\u201c eine Verfassungsgeschichte der durchdachten Praktiken und lebenden Bilder, die ihr viele Auszeichnungen und 2018 die Berufung zur Rektorin des Wissenschaftskollegs zu Berlin eintrug. Mit Recht sah man in ihr eine Spezialistin f\u00fcr Organisation im anspruchsvollsten Sinne. Wissenschafts- und Kulturbeamte d\u00fcrfen sich nicht auf Automatismen rechtlicher Selbstkorrektur verlassen, wenn die politische Programmierung des Staatsapparats die Freiheit von Institutionen bedroht: Das war der Gedanke der von ihr als Rektorin ma\u00dfgeblich betriebenen \u201eInitiative GG 5.3 Weltoffenheit\u201c.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Nach ihrer preisgekr\u00f6nten Biographie Maria Theresias nahm Barbara Stollberg-Rilinger das Leben Friedrich Wilhelms I., des Soldatenk\u00f6nigs, in Angriff. Dessen Tabakskollegium nimmt sich wie ein Gegenmodell zum Zeremonialwesen aus, von dem aus die Historikerin das Verfassungsleben der fr\u00fchneuzeitlichen Staaten erschlie\u00dft.\" height=\"2151\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/nach-ihrer-preisgekroenten.jpg\" width=\"3000\" class=\"pur:max-w-content-xl relative left-1\/2 w-[calc(100vw_-_40px)] max-w-[960px] -translate-x-1\/2\" tabindex=\"0\"\/>Nach ihrer preisgekr\u00f6nten Biographie Maria Theresias nahm Barbara Stollberg-Rilinger das Leben Friedrich Wilhelms I., des Soldatenk\u00f6nigs, in Angriff. Dessen Tabakskollegium nimmt sich wie ein Gegenmodell zum Zeremonialwesen aus, von dem aus die Historikerin das Verfassungsleben der fr\u00fchneuzeitlichen Staaten erschlie\u00dft.Stiftung Preu\u00dfische Schl\u00f6sser und G\u00e4rten<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Auf den Seiten Geisteswissenschaften der F.A.Z. stellte Milo\u0161 Vec unl\u00e4ngst einen Beitrag Stollberg-Rilingers zu einem Sammelband vor, in dem sie mit ihren k\u00fchlen Sinn f\u00fcr begriffliche Sch\u00e4rfe das Konzept des Bandes kurzerhand in Zweifel zog, die Anwendung des Gegensatzes von \u201e\u00f6ffentlich\u201c und \u201eprivat\u201c auf die F\u00fcrstenh\u00f6fe der Fr\u00fchen Neuzeit. Denselben Gedanken hatte sie schon 1982 in ihrer allerersten Rezension in der \u201eZeitschrift f\u00fcr Historische Forschung\u201c geltend gemacht, in deren Herausgeberschaft sie 2003 ihrem Lehrer Kunisch nachfolgen sollte.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Gegen eine unter Aufsicht von Reinhart Koselleck angefertigte Doktorarbeit \u00fcber \u201e\u00d6ffentlichkeit und Geheimnis\u201c wandte sie ein: \u201eIm klassischen Sinne ist Verborgenheit seit jeher Merkmal des Privat-H\u00e4uslichen, und es erscheint selbstverst\u00e4ndlich, dass ein hausv\u00e4terlich wirtschaftender F\u00fcrst des 17. Jahrhunderts, der seinen Herrschaftsbereich nach Analogie der Familie versteht, auch im Innern dieses Bereiches \u00fcber das Mittel des Geheimnisses verf\u00fcgt, das damit noch nicht zum Mittel politischen Zusammen-Handelns wird.\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Auch hier berief sie sich f\u00fcr die klassische Vorstellung von Politik auf Hannah Arendt. Barbara Stollberg-Rilinger stellte wird heute siebzig Jahre alt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Was ist eine Staatsmaschine? Da stellen wir uns einmal ganz dumm, wenn wir die K\u00f6lner Dissertation von Barbara&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":271665,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-271664","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114867092154934409","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/271664","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=271664"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/271664\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/271665"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=271664"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=271664"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=271664"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}