{"id":274444,"date":"2025-07-18T07:38:09","date_gmt":"2025-07-18T07:38:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/274444\/"},"modified":"2025-07-18T07:38:09","modified_gmt":"2025-07-18T07:38:09","slug":"komplizierte-familiengeschichte-historische-schraenke-ruecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/274444\/","title":{"rendered":"Komplizierte Familiengeschichte: Historische Schr\u00e4nke r\u00fccken"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Je weniger Familie man zu haben glaubt, desto umfangreicher ist sie am Ende. Es treten neben den Gespenstern der Toten vermisste Onkel und Tanten auf, die es nach S\u00fcdamerika geschafft haben, aber von dort auch solche, die man noch gar nicht kannte. Und eben der Gro\u00dfvater in den USA, der seinen Briefen nach Deutschland immer genau einen Dollar beilegt, was den \u201eHaufen Dollarscheine\u201c ergibt, nach dem <a href=\"https:\/\/taz.de\/Deutsche-Bahn-und-NS-Widerstand\/!6096164\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Esther Dischereit<\/a> ihren Roman benennt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Das H\u00e4uschen mit den Rosen, das die Gro\u00dfeltern in Philadelphia mit den Wiedergutmachungsleistungen erworben haben, vermacht der Gro\u00dfvater seiner christlichen Haushaltshilfe, die er in zweiter Ehe geheiratet hat. Die Enkelin erinnert sich, dass sie ihren Sohn nicht mitnehmen durfte, wenn sie ihn besuchte. Der Gro\u00dfvater wohnte in einem wei\u00dfen Viertel.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Gerade hat sie das Flugzeug nach Rom bestiegen. Ihr Sohn und ihre Schwester haben sie nach Tegel begleitet. Sie sitzen noch im Limbus der Flughafenlounge, essen Erdn\u00fcsse, knabbern Schokoladenkekse und trinken Segafredo-Kaffee. Und wenn sie in dieser VIP-Vorh\u00f6lle den Besuch der Romreisenden in Gedanken noch einmal Revue passieren lassen, folgen wir den Erz\u00e4hlstimmen der \u201eTante\u201c und des \u201eNeffen\u201c, wie sie auf je eigenen Abwegen die komplexen Familienverh\u00e4ltnisse zu rekonstruieren und zu imaginieren versuchen \u2013 seit dem Zeitpunkt, an dem sie durch die nationalsozialistische Machtergreifung lebensgef\u00e4hrlich kompliziert wurden.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Wie Scott Fitzgerald es einmal formulierte, ist Nachdenken f\u00fcrchterlich anstrengend, als w\u00fcrde man schwere Schr\u00e4nke r\u00fccken. Und ob sie dann schon an der richtigen Stelle stehen? Mit ihrer den Familienverh\u00e4ltnissen entsprechenden, also nicht minder komplexen Kunst der Erz\u00e4hlung fordert Esther Dischereit uns auf, mitzur\u00fccken, bis wir die handelnden Personen und all die Orte \u2013 um nur Berlin, Rom, Oxnard, Chicago, Managua oder Heppenheim zu nennen \u2013 richtig sortiert haben.<\/p>\n<p>Der Roman<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\"><strong>Esther Dischereit:<\/strong> \u201eEin Haufen Dollarscheine\u201c. Maro Verlag, Augsburg 2024, 312 Seiten, 24 Euro<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"5\">Zwar gibt sie uns mit einer anonymen, kommentierenden Stimme am Anfang und am Ende des Romans Hilfestellung. Allerdings ihr sehr deutscher Ton naseweiser, abgekl\u00e4rter Distanziertheit trifft uns und schl\u00e4gt uns peinlich aufs Gem\u00fct. Wir sind eines anderen Tons bed\u00fcrftig, der Trauer und Melancholie, des Witzes und des Sarkasmus in den Stimmen der \u201eTante\u201c und des \u201eNeffen\u201c, die uns sofort in den Bann ziehen.<\/p>\n<p>      Die fortgesetzte Ungeheuerlichkeit<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Der naseweise Kommentar kennt nur das zynische Eingest\u00e4ndnis: \u201eSie wissen genauso gut wie ich, dass andere Menschen auch sterben, wenn auch nicht an Hitler. Manche sind an Hitler genesen, stehen auf mit Hitler, essen Hitler und legen sich mit Hitler zu Bett: Im H\u00e4uschen ihrer Gro\u00dfeltern, als sie noch in Berlin waren, beispielsweise.\u201c Genau diese Ungeheuerlichkeit setzt sich nach dem Krieg in den Erfahrungen der Nachkommen von Holocaust-\u00dcberlebenden fort: in der verweigerten Anerkennung von Zwangsarbeit und dem verweigerten Zugang zu einem Bankdepot, f\u00fcr das die seit 1942 ausstehenden Depotgeb\u00fchren noch zu zahlen sind.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Sie setzt sich fort im Rechtsstreit um das Wiedergutmachungserbe des Vaters. Seine zweite, arische Frau brachte einen Sohn mit in die Ehe, der dann mit ihrer Hilfe die \u00fcberlebende j\u00fcdische Tochter aus der ersten Ehe des Vaters um dieses Erbe betrogen hat.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">Diese Ungeheuerlichkeit setzt sich fort in der Unm\u00f6glichkeit, die Gebeine der Mutter, die 1942 mit der Tochter in den Untergrund ging und dort mit ihr \u00fcberlebte, auf einem j\u00fcdischen Friedhof in Berlin umzubetten, wie es die \u201eTante\u201c versucht hat. Sie muss aber erst einmal die Gebeine finden, da das Grab der Mutter und ihres dritten katholischen Ehemanns undokumentiert aufgelassen wurde.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"10\">Doch auch der \u201eNeffe\u201c scheitert, als er seine Mutter, die Romreisende, nach ihrem Tod durch Brustkrebs in einem noch existierenden Familiengrab v\u00e4terlicherseits in Berlin-Wei\u00dfensee bestatten m\u00f6chte. Er k\u00f6nne es f\u00fcr 20.000 Euro zur\u00fcckkaufen, denn es geh\u00f6re der Familie nicht mehr, wo doch die Mutter kein Gemeindemitglied ist, erkl\u00e4rt der russischst\u00e4mmige Rabbi dem \u201eNeffen\u201c, der verst\u00f6rt meint, er habe doch \u201evon Enteignung immer nur auf arischer Seite geh\u00f6rt\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"11\">Dabei m\u00f6chte der \u201eNeffe\u201c, dessen Vater der namentlich genannte US-amerikanische schwarze K\u00fcnstler und B\u00fcrgerrechtsaktivist Harold Bradley ist, sein Judentum in ganz strenger Form leben. Seinem Wunsch, Mitglied der Lubawitscher zu werden, steht jedoch der fehlende Nachweis j\u00fcdischer Vorfahren bis 1800 entgegen.<\/p>\n<p>      Eine engagierte Freidenkerin<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"13\">Seine \u201eTante\u201c ist da wenig hilfreich, bleibt sie doch \u201euneinsichtig, was das Interesse an j\u00fcdischer Reinrassigkeit betrifft\u201c \u2013 als politisch in den 1970er Jahren sozia\u00adlisierte und weiterhin politisch engagierte Freidenkerin. Ein Portr\u00e4t der Autorin, deren au\u00dfergew\u00f6hnliches Verm\u00f6gen, politische, <a href=\"https:\/\/taz.de\/Zur-Lyrik-von-Esther-Dischereit\/!5668189\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">poetologisch-literarische und feministische Argumente sowohl parallel wie kontrovers zu f\u00fchren, in Gedichtb\u00e4nden wie \u201eAls mir mein Golem \u00f6ffnete\u201c<\/a>, in Erz\u00e4hlungen, Essays wie \u201eMit Eichmann an der B\u00f6rse. In j\u00fcdischen und anderen Angelegenheiten\u201c, in Theaterst\u00fccken und Ausstellungen und nicht zuletzt in ihrer Klage \u00fcber die <a href=\"https:\/\/taz.de\/Die-Geste-der-Trauer-ist-stolz-und-zaertlich\/!328572&amp;s=Esther%2BDischereit\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mordopfer des NSU \u201eBlumen f\u00fcr Otello\u201c<\/a> schon lange begeistert.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"14\">Mit ihrer Geschichte als Kinder \u00fcberlebender M\u00fctter gehen die \u00adbeiden also ganz unterschiedlich um. Dabei treffen sie auf die Idiotie und die paternalistische Heuchelei \u00adeiner Gesellschaft, die sich zuguteh\u00e4lt, noch immer ihre Vergangenheit zu bew\u00e4ltigen, und sich gar nicht genug \u00fcber Antisemitismus ereifern kann, bei weitgehender Ahnungs\u00adlosigkeit, wie und wo er sich \u2013 auch bei ihnen \u2013 zeigt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"15\">Sie treffen dabei aber auch auf eine j\u00fcdische Gemeinde und j\u00fcdische Gesellschaft, die meint, in der Illegalit\u00e4t \u00fcberlebt zu haben, gut und sch\u00f6n, was tats\u00e4chlich interessiert, ist doch wirkliche J\u00fcdischkeit. Es waren eben \u201edie deutschen \u00dcberlebenden und ihre Kinder f\u00fcr die in Deutschland gestrandeten und Importierten so unwahrscheinlich wie f\u00fcr die Nicht-Juden, sodass ihre blo\u00dfe Existenz einen Makel darstellte, den sie schwerlich loswerden konnten, und eigentlich zweifelten sie selbst daran, dass sie Juden waren\u201c, res\u00fcmiert die \u201eTante\u201c ihre Erfahrung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Je weniger Familie man zu haben glaubt, desto umfangreicher ist sie am Ende. 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