{"id":275465,"date":"2025-07-18T17:05:20","date_gmt":"2025-07-18T17:05:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/275465\/"},"modified":"2025-07-18T17:05:20","modified_gmt":"2025-07-18T17:05:20","slug":"nahrungssorgen-stellen-sich-immer-haeufiger-ein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/275465\/","title":{"rendered":"\u201eNahrungssorgen stellen sich immer h\u00e4ufiger ein\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Die im Friedrich-Jubil\u00e4umsjahr 2024 geweckte Neugier auf den epochalen K\u00fcnstler kann mit der von den drei Romantik-Forschern Johannes Grave, Petra Kuhlmann-Hodick und Johannes R\u00f6\u00dfler besorgten Neuedition \u201eS\u00e4mtliche Briefe und Schriften\u201c gestillt werden. Alle Fragen zu Friedrichs Kunsttheorie und Philosophie hinter den Bildern, die in den zahllosen Ausstellungen nur angerissen werden konnten, erschlie\u00dfen sich durch das Borges-hafte Mosaik eines Lebens in Briefen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Zugegeben, die Ver\u00f6ffentlichung von Tageb\u00fcchern dient nicht selten als Futter f\u00fcr den Voyeurismus. Instinktiv regen sich Bedenken gegen\u00fcber einem m\u00f6glicherweise zu intimen Eintauchen in das Privatleben Friedrichs. Aber wie sollte man sonst bei einem K\u00fcnstler, der au\u00dferhalb der Briefe so gut wie nichts \u00fcber Erl\u00e4uterungen seiner Bilder hinterlassen hat, Fehldeutungen und \u00dcberinterpretationen vermeiden, zumal bei einem Maler, der dem eigenen Anspruch zufolge stets \u201einnere Bilder\u201c anstelle von \u00c4u\u00dferlichkeiten in Farbe zu bannen versuchte. Derartig gef\u00fchlte Bilder lassen sich nun einmal nahezu ausschlie\u00dflich aus \u00c4u\u00dferungen von Innerlichkeit im Schutzraum des Briefs an Angeh\u00f6rige und enge Freunde destillieren.<\/p>\n<p>Details \u00fcber die Produktion der Bilder<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Die Aufzeichnungen sind so offenherzig wie aufschlussreich. An seine Frau Caroline (ein weiteres wesentliches Verdienst der Edition: die bisherige Transkription der Ansprache seiner Ehefrau als \u201eLiene\u201c wird endlich auf \u201eLiena\u201c revidiert, weil sich die liebgewonnene, aber falsche alte Schreibweise de facto nirgendwo in den Briefen finden lie\u00df) schreibt er auch \u00fcber Stoffe, wie ihm der (Ostsee-)Schnabel, der durchg\u00e4ngig \u201ejenial\u201c f\u00fcr \u201egenial\u201c nutzt, gewachsen ist:<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Der seidendurchwirkte Stoff \u201eGros de Naples\u201c als letzter Schrei des Jahres 1822 wird ihm dem H\u00f6rensagen nach zu \u201eGrodtenabel\u201c, was manche irrige Deutung als Naturmetapher \u201eGrottennebel\u201c in Bezug auf sein in dem Brief erw\u00e4hntes Bild der \u201eGescheiterten Hoffnung\u201c evozierte. Derartige, oft erstmals \u00fcberhaupt vorgenommene Richtigstellungen waren allein die immense Arbeit wert, die in dem Band steckt \u2013 wirklich jeder Begriff und jeder Schritt Friedrichs an den jeweiligen Tagesdaten wird aufgef\u00fchrt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Caspar David Friedrich: \u201eS\u00e4mtliche Briefe und Schriften\u201c. Herausgegeben von J. Grave, P. Kuhlmann-Hodick und J. R\u00f6\u00dfler.\" height=\"1950\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/caspar-david-friedrich.jpg\" width=\"1266\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Caspar David Friedrich: \u201eS\u00e4mtliche Briefe und Schriften\u201c. Herausgegeben von J. Grave, P. Kuhlmann-Hodick und J. R\u00f6\u00dfler.C.H. Beck<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Doch erf\u00e4hrt der Leser eben auch zahlreiche Details \u00fcber die Produktion der Bilder wie auch f\u00fcr den K\u00fcnstler existenzielle Fragen des Transports etwa nach Russland zu seinem M\u00e4zen Wassili Schukowski, der sich \u00fcber das Ausbleiben der Gem\u00e4lde beklagt hatte, woraufhin ihn der Maler wortreich in mehreren Briefen und mit Zeichnungen vertr\u00f6stete.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Wie prek\u00e4r die \u00f6konomische Lage Friedrichs nach seinem Schlaganfall in den letzten Lebensjahren tats\u00e4chlich war, zeigen die ber\u00fchrenden Schilderungen seiner Situation sehr deutlich: \u201eBei meinen vorger\u00fcckten Jahren wo die Abnahme meiner Kr\u00e4fte immer f\u00fchlbarer werden, und die T\u00e4htigkeit immer minder und Bed\u00fcrftni\u00df immer mehr, da stellen sich nath\u00fcrlich die Nahrungssorgen immer h\u00e4ufiger ein.\u201c So der Brief vom 19. November 1835 an den \u201eHochwohlgeborenen Herrn Staatsrath\u201c.<\/p>\n<p>\u201eWie willenlos ist alles\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Sorgf\u00e4ltig baut Friedrich raum- und kostensparende Transportkisten f\u00fcr seine Kunst, bei denen der Boden zugleich das mit Wachsleinwand gesch\u00fctzte Bild ist, und gibt pr\u00e4zise Anweisung, wie das Gem\u00e4lde nach Ankunft noch mit Mastix zu firnissen sei. Ohnehin ist man erstaunt, wie er f\u00fcr den Bruder Christian eine komplette Innenausstattung f\u00fcr einen Kaufmannsladen in Greifswald entwirft und in der Zeichnung zentimetergenau skizziert (Brief vom 22. September 1821).<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Auch den Aufbau seiner hinterleuchteten Transparentbilder zu einer Art avantgardistischer Dia-Schau, auf deren transluzent-magische Wirkung er sp\u00fcrbar stolz war, ger\u00e4t Friedrich zur schulischen Vorgangsbeschreibung: \u201eWenn man zuerst den Schieber F. er\u00f6ffnet hat, und den Deckel X lo\u00dfgeschraubt und die nicht angestrichenen Leisten aus der Kiste genommen, wird man bald sehen, wie die Bilder aus der Kiste zu heben sind. Die gr\u00f6\u00dft von den beiden kleinen Kisten enth\u00e4lt zwei Gla\u00dfkugeln, die kleinere eine Lampe und einen Klotz.\u201c Beigegeben sind der Gebrauchsanweisung Zeichnungen der zu installierenden Lampe und eines Klotzes.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Nichts bleibt bei ihm je dem Zufall \u00fcberlassen, den er hasst. Hei\u00dft es doch in seinen scharfen Kurzgutachten \u00fcber die Bilder einer Sammlung etwa: \u201eWie willenlos ist alles, alles ist dem Zufall \u00fcberlassen. Wenn der hohe Berg so im Nebel liegt, wie kann dann in der Niederung alles so klar erscheinen?\u201c (Bogen XXII).<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Aufschlussreich sind auch seine \u00c4u\u00dferungen gegen\u00fcber dem Malerfreund und Arzt Carl Gustav Carus, der in der Natur einen einzigen gro\u00dfen Gesamtorganismus sah \u2013 was Friedrichs christlichem Weltbild zuwiderl\u00e4uft. Was aber l\u00e4sst sich Neues \u00fcber die Deutung der Bilder aus den Schriften und Briefen entnehmen?<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Die im Brief an die Herzensfreundin Louise Seidler gegebene Erkl\u00e4rung seines wohl symbolistischsten Bildes \u201eKreuz auf R\u00fcgen\u201c, auf dem lediglich das roh gezimmerte Marterholz an dunklem Meeresgestade aufragt, ein Anker der Hoffnung davor liegt und die dritte christliche Tugend \u201eCaritas\u201c-Liebe seltsam fehlt, kann hier pars pro toto stehen: \u201eDas Bild f\u00fcr Ihre Freundin bestimmt ist bereits angelegt, aber es kommt keine Kirche darauf, kein Baum, keine Pflanze, kein Gra\u00dfhalm.\u00a0Am nackten steinigen Meeresstrande steht hoch aufgerichtet das Kreutz, denen so es suchn ein Trost, denen so es nicht suchn ein Kreutz.\u201c Wer sich durch den verdienstvollen Band in den Friedrich-Sound einge\u00adlesen hat, findet in den wenigen Zeilen \u00adalles zum Verst\u00e4ndnis von dessen inneren Bilder.<\/p>\n<p><strong>Caspar David Friedrich: \u201eS\u00e4mtliche Briefe und Schriften\u201c. Herausgegeben von J. Grave, P. Kuhlmann-Hodick und J. R\u00f6\u00dfler.<\/strong> C.H. Beck Verlag, M\u00fcnchen 2024. 821 S., Abb., geb., 78,\u2013 \u20ac.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die im Friedrich-Jubil\u00e4umsjahr 2024 geweckte Neugier auf den epochalen K\u00fcnstler kann mit der von den drei Romantik-Forschern Johannes&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":275466,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,29,214,30,1794,215],"class_list":{"0":"post-275465","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-kunst-und-design","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114875329722484687","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/275465","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=275465"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/275465\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/275466"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=275465"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=275465"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=275465"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}