{"id":276696,"date":"2025-07-19T04:27:11","date_gmt":"2025-07-19T04:27:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/276696\/"},"modified":"2025-07-19T04:27:11","modified_gmt":"2025-07-19T04:27:11","slug":"frankreichs-geschichte-auf-der-tour-de-france","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/276696\/","title":{"rendered":"Frankreichs Geschichte auf der Tour de France."},"content":{"rendered":"<ol class=\"id-DonaldBreadcrumb lp_west_breadcrumb id-DonaldBreadcrumb--default\" data-k5a-pos=\"west_breadcrumb\">\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"1_startseite\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Startseite<\/a><\/li>\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/kultur\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"2_kultur\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kultur<\/a><\/li>\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/kultur\/gesellschaft\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"3_gesellschaft\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gesellschaft<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"id-Story-timestamp id-Story-timestamp--default\">Stand: 18.07.2025, 16:08 Uhr<\/p>\n<p class=\"id-Story-authors id-Story-authors--default\">Von: <a class=\"id-Story-authors-link lp_west_author\" href=\"https:\/\/www.fr.de\/autor\/stephan-klemm-tnf7nf2t7.html\" title=\"Zur Autorenseite von Stephan Klemm\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" author-link=\"\" klemm=\"\" data-k5a-pos=\"west_author\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Stephan Klemm<\/a><\/p>\n<p class=\"id-Story-interactionBar id-Story-interactionBar--default\">DruckenTeilen<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"id-RatioPlaceholder-element wv_story_el_image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/39000081-der-franzose-louison-bobet-wird-von-seiner-frau-am-mont-ventoux-angefeuert-3ceblViVpzfe.jpg\" loading=\"eager\" fetchpriority=\"high\"   height=\"619\" width=\"1100\" alt=\"Der Franzose Louison Bobet wird von seiner Frau am Mont Ventoux angefeuert. \"\/>Der Franzose Louison Bobet wird von seiner Frau am Mont Ventoux angefeuert.  \u00a9\u00a0afp<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-leadText\">Bei der Tour de France wird <br \/>Frankreichs Geschichte und werden <br \/>seine Landschaften zur B\u00fchne. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Der franz\u00f6sische Philosoph Roland Barthes war so fasziniert von der Tour de France, dass er ihr in den 1957 erschienenen \u201eMythen des Alltags\u201c einen vielbeachteten Essay mit dem Titel \u201eDie Tour de France als Epos\u201c gewidmet hat. In diesen Reflexionen \u00fcber die Gegenwartskultur vergleicht Barthes die vielschichtige Aufgabenstellung der Frankreichrundfahrt mit einem Epos von Homer: \u201eWie in der Odyssee ist die Fahrt hier Rundfahrt von einer Pr\u00fcfung zur n\u00e4chsten und zugleich totale Erforschung der Grenzen der Welt.\u201c Diese Metapher ist sehr passend, denn auch jetzt, bei der Tour der Gegenwart, wird der Einzelne in der Weite einer fordernden Welt ausgesetzt, um sich dort zu bew\u00e4hren. Das Examen wird nach drei Wochen und 21 Pr\u00fcfungen, Etappen genannt, auf den Champs-\u00c9lys\u00e9es in Paris abgelegt.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Im Laufe der Jahre hat sich die Frankreichrundfahrt zu einem bestens organisierten, florierenden Wirtschaftsunternehmen und vielbesuchten Wanderzirkus durch ein Land voller Natursch\u00f6nheiten, Sehensw\u00fcrdigkeiten und inzwischen ber\u00fchmter Tour-Orte entwickelt. Diese Prozession zieht Jahr f\u00fcr Jahr um die 13 Millionen Besucherinnen und Besucher an, sie kommen bei weitem nicht nur aus Frankreich. Wichtigster Vermittler der Tour-Botschaft sind die Livebilder des franz\u00f6sischen Fernsehens, die in 190 L\u00e4nder der Welt \u00fcbertragen werden. Zum TV-Angebot dieses Sommervergn\u00fcgens geh\u00f6ren \u2013 nicht nur in Frankreich \u2013 kleine historische und kunstgeschichtliche Vorlesungen \u00fcber Schl\u00f6sser, Denkm\u00e4ler und landschaftliche Besonderheiten, eine Rahmenhandlung, die sich zu einem zweiten Wettbewerb neben dem Radrennen entwickelt hat: Frankreich gucken. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Das Land Frankreich als B\u00fchne geh\u00f6rt inzwischen genauso zur Tour wie Speichen, Ketten oder Radprofis, die sie bewegen. Tour-Direktor Christian Prudhomme, einst Journalist bei verschiedenen franz\u00f6sischen TV-Stationen, ist Hobbyhistoriker und als solcher sehr daran interessiert, dass die Jahr f\u00fcr Jahr neu abgesteckte Strecke der Tour nicht nur sportliche Geschichten pr\u00e4sentiert, sondern sich auch an geschichtlichen Erinnerungsorten zeigt. Prudhomme sagt dazu: \u201eDie Tour de France ist viel mehr als ein Wettkampf unter Sportlern. Sie ist ein Monument der franz\u00f6sischen Gegenwartsgeschichte\u201c.<\/p>\n<p>Nicht alle schauen wegen des Sports zu <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Prudhomme gibt bei der Konzeption des Streckenverlaufs die Grundlinien vor, ausgearbeitet werden die Etappen von Prudhommes Parcoursarchitekten Thierry Gouvenou. Prudhomme \u00e4u\u00dfert dabei Sonderw\u00fcnsche, \u201espezielle Berge, neuralgische Stellen und historische St\u00e4tten. Daran orientiere ich mich dann\u201c, erz\u00e4hlt Gouvenou. Die historischen St\u00e4tten beziehen sich auf besondere Daten der Tour-Geschichte und ihrer Teilnehmer, aber auch auf Ereignisse der franz\u00f6sischen Geschichte.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">In diesem Sommer war die Tour in der ersten Woche zu Gast im Norden des Landes. Den Grand D\u00e9part, den gro\u00dfen Aufbruch, hatte die Tour-Veranstalterin Amaury Sport Organisation nach Lille vergeben, eine Stadt mit pittoreskem Zentrum, die 2004 Europas Kulturhauptstadt war. Lille wirbt auch damit, \u201eHauptstadt von Flandern\u201c zu sein, einer gro\u00dfen Region des Nachbarlands Belgien, die in fr\u00fcheren Jahrhunderten intensiv in K\u00e4mpfe mit Frankreich verwickelt war. Zum Tour-Start reisten wie erwartet viele Tausend Belgier:innen in Form einer friedlichen Faninvasion nach Lille, um ihre Radstars zu umjubeln. Prudhomme wertet das als gelungene \u00dcberwindung von belgisch-franz\u00f6sischen Ressentiments.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Auf einer Linie ging es in Frankreichs Norden zudem vorbei an Gedenkorten f\u00fcr den Zweiten Weltkrieg. D\u00fcnkirchen, die von den Deutschen in diesem Weltenbrand v\u00f6llig zerst\u00f6rte Stadt, war der Zielort der dritten Etappe. Ein paar Meter hinter der Ziellinie liegt, direkt am Meer, das \u201eMus\u00e9e Dunkerque 1940\u201c, das an die Operation Dynamo erinnert. Der Codename steht f\u00fcr die riskante Evakuierungsaktion der britischen Admiralit\u00e4t im Zweiten Weltkrieg. Im Zuge dieser Kampagne konnten letztlich 85 Prozent des britischen Expeditionskorps und Teile der franz\u00f6sischen Armee, die zuvor von den Deutschen eingekesselt worden waren, \u00fcber das Meer nach England verschifft und auf diese Weise gerettet werden \u2013 insgesamt fast 340\u2009000 Soldaten.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Die sechste Etappe begann in Bayeux, unweit des Omaha Beach in der Normandie. In der Region erinnern viele H\u00e4user mit US- und britischen F\u00e4hnchen an den D-Day, die Invasion der Alliierten im Norden Frankreichs, bei der auch jene sp\u00e4ter Omaha genannte Bucht Teil der Befreiungsstrategie war. Es gibt entlang der K\u00fcste unz\u00e4hlige Gedenkst\u00e4tten und ganz nahe gelegen in Colleville-sur-Mer einen ganz besonders bedr\u00fcckenden Ort: den amerikanischen Soldatenfriedhof mit 9389 wei\u00dfen, mit Namen versehenen Kreuzen auf gepflegtem Rasen. Sie alle stehen f\u00fcr ein verlorenes Leben im Kampf gegen Nazi-Deutschland.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Es gebe Untersuchungen, sagt Gouvenou, die deutlich machten, dass sich die H\u00e4lfte der vor den Bildschirmen versammelten Zuschauer und Zuschauerinnen wegen Frankreichs Sch\u00f6nheit nachmittags die Tour im Fernsehen anschauten, f\u00fcr das sportliche Geschehen interessierten sie sich eher sekund\u00e4r. \u201eDeshalb integrieren wir nat\u00fcrlich auch die Sch\u00f6nheiten des Landes in den Kurs. Schl\u00f6sser, Fl\u00fcsse, Landschaften der verschiedenen Regionen, Kathedralen, die Sonnenblumen, die Lavendelfelder, das Meer. Wir denken nicht nur an den sportlichen Aspekt\u201c, sagt Gouvenou.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Auch viele Naturdenkm\u00e4ler sind Teil der Strecke. Eines von ihnen ragt in diesem Juli neben den Sch\u00f6nheiten in Frankreichs Norden, neben den Gipfeln der Pyren\u00e4en und der Alpen ganz besonders hervor: der Mont Ventoux, der Monolith der Provence. Der Dichter Francesco Petrarca bestieg den Berg 1336 gemeinsam mit seinem Bruder Gherardo und zwei Dienern in einer Mondnacht von Malauc\u00e8ne aus, um den Sonnenaufgang auf dem Gipfel zu erleben. Als sie ihn erreicht hatten, war Petrarca vor \u00dcberw\u00e4ltigung wie bet\u00e4ubt. Dazu schrieb er sp\u00e4ter: \u201eDen h\u00f6chsten Berg dieser Gegend (\u2026) habe ich am heutigen Tag bestiegen, allein vom Drang beseelt, diesen au\u00dfergew\u00f6hnlich hohen Ort zu sehen\u201c. Petrarcas Zeilen werden als erste literarische Darstellung der Sch\u00f6nheit der Natur aufgefasst und somit als eine Art \u00dcberwindung der mittelalterlichen Jenseitsbezogenheit. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Roland Barthes wiederum beschrieb den Ventoux in seinem Essay als angsteinfl\u00f6\u00dfendes, \u00fcberirdisches Hindernis und stellte einen konkreten Bezug zum Radsport her: \u201eDer Ventoux hat die Massivit\u00e4t des Berges, er ist ein Gott des B\u00f6sen, dem man Opfer bringen muss. Als wahrer Moloch, Despot der Radfahrer, vergibt er niemals den Schwachen, fordert ein \u00dcberma\u00df an Leid als Tribut.\u201c <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Ein paar Jahre nach Erscheinen seines Essays forderte der Berg tats\u00e4chlich ein \u00dcberma\u00df an Leid als Tribut. Denn am 13. Juli 1967 starb der Brite Tom Simpson, geschw\u00e4cht von der gewaltigen Hitze des Tages und aufgeputscht mit Amphetaminen, in den H\u00e4ngen des Ventoux, gut zwei Kilometer vor der Passh\u00f6he. Am 22. Juli m\u00fcssen die Tour-Teilnehmer wieder hinauf auf diesen Moloch und Despoten der Radfahrer. Prudhomme kann sich sicher sein, dass es in den Berichten zum Tage auch um Roland Barthes gehen wird, um Tom Simpson und vielleicht sogar um Petrarca.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Er wei\u00df: Sein Rennen, ein Sportereignis und eine Tour de Kultur, leistet einen gro\u00dfen Beitrag zum facettenreichen historischen Gedenken und auch zum Erkennen und Erlernen der landeseigenen Geografie. Das alles ist kein Zufall. Sondern steckt im Beiprogramm des drittgr\u00f6\u00dften Sportereignisses der Welt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Startseite Kultur Gesellschaft Stand: 18.07.2025, 16:08 Uhr Von: Stephan Klemm DruckenTeilen Der Franzose Louison Bobet wird von seiner&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":276697,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3974],"tags":[331,332,548,663,3934,3980,156,13,14,15,12],"class_list":{"0":"post-276696","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-frankreich","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-eu","11":"tag-europa","12":"tag-europe","13":"tag-france","14":"tag-frankreich","15":"tag-headlines","16":"tag-nachrichten","17":"tag-news","18":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114878011364181300","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/276696","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=276696"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/276696\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/276697"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=276696"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=276696"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=276696"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}