{"id":278012,"date":"2025-07-19T16:29:10","date_gmt":"2025-07-19T16:29:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/278012\/"},"modified":"2025-07-19T16:29:10","modified_gmt":"2025-07-19T16:29:10","slug":"auch-untaugliche-maenner-muessen-in-der-ukraine-zum-militaer-dw-19-07-2025","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/278012\/","title":{"rendered":"Auch untaugliche M\u00e4nner m\u00fcssen in der Ukraine zum Milit\u00e4r \u2013 DW \u2013 19.07.2025"},"content":{"rendered":"<p>H\u00e4ufige Ged\u00e4chtnisl\u00fccken, Desorientierung, Verwechslung von Zahlen und Farben &#8211; das sind die Alltagsprobleme des 28-j\u00e4hrigen Wassyl aus der Zentralukraine. Seit 2015 ist er wegen einer Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung in psychiatrischer Behandlung. Das hinderte die Streitkr\u00e4fte der <a class=\"internal-link\" href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/ukraine-krieg\/t-60978725\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Ukraine<\/a>\u00a0jedoch nicht daran, den Mann zum Wehrdienst einzuziehen.\u00a0<\/p>\n<p>Nach Angaben seiner Lebensgef\u00e4hrtin Olena bekennt sich Wassyl\u00a0nie zu seinen Einschr\u00e4nkungen. Wom\u00f6glich habe er sie bei der Musterung nicht erw\u00e4hnt. Wassyl wurde f\u00fcr uneingeschr\u00e4nkt diensttauglich befunden und in den S\u00fcden des Landes zu einer Grundausbildung geschickt.\u00a0<\/p>\n<p>Olena wollte Wassyls Kommandanten klarmachen, was f\u00fcr ein Fehler die Einberufung ihres Lebensgef\u00e4hrten sei. Zun\u00e4chst habe der Offizier auch Verst\u00e4ndnis gezeigt und die f\u00fcr eine Ausmusterung medizinischen Nachweise angefordert. Das Gutachten einer psychiatrischen Klinik aus dem Jahr 2015 wies der Kommandant aber als veraltet zur\u00fcck. &#8222;Wie kann das kein Grund f\u00fcr eine Entlassung aus der Armee sein, wenn sein Zustand nicht ver\u00e4nderbar ist?&#8220;, sagt Olena verzweifelt im Gespr\u00e4ch mit der DW.<\/p>\n<p>&#8222;Eine Gefahr f\u00fcr sich selbst und andere&#8220;<\/p>\n<p>Der DW liegt das Gutachten aus dem Jahr 2015 vor. Darin hei\u00dft es: &#8222;Wassyl verf\u00fcgt \u00fcber einen d\u00fcrftigen Wortschatz, ein niedriges Abstraktionsverm\u00f6gen, einen Intelligenzquotienten (IQ) von 66 (der Durchschnitt liegt bei 100) und begreift nicht einmal den Namen des Landes oder der Hauptstadt der Ukraine.&#8220; Unter Stress verst\u00e4rkten sich seine Symptome, sagt Olena.<\/p>\n<p>Eine Psychiatrie, die Wasslys anonymisiertes Gutachten gepr\u00fcft hat, diagnostiziert eine geistige\u00a0Behinderung mit emotionaler und willentlicher Instabilit\u00e4t. &#8222;Unter Stress ist eine solche Person unberechenbar und f\u00fcr sich selbst wie auch f\u00fcr andere eine Gefahr&#8220;, sagt eine \u00c4rztin, die bei den ukrainischen Verteidigungskr\u00e4ften ist und daher anonym bleiben m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Wie Wassyls Diagnose \u00fcbersehen wurde<\/p>\n<p>Die Information \u00fcber alle\u00a0Patienten aus staatlichen Krankenh\u00e4usern ist in einer\u00a0Datenbank, die\u00a0Helsi\u00a0hei\u00dft, gespeichert. Darauf k\u00f6nnen auch die\u00a0Milit\u00e4r\u00e4rzte zugreifen. Doch Wassyls Diagnose war dort gar nicht vermerkt, sagt Rechtsanwalt Jewhen Zechmister. Denn Daten \u00fcber psychische Erkrankungen d\u00fcrften nur mit Einwilligung des Patienten gespeichert werden.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"73230333\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/73230333_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Foto von Wassyl mit einem unkenntlich gemachten Gesicht in Tarnkleidung und mit einer Waffe in der Hand\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Wassyl wurde von der Armee eine Waffe ausgeh\u00e4ndigtBild: privat<\/p>\n<p>Gem\u00e4\u00df der Anordnung Nr. 402 des Verteidigungsministeriums ist Wassyls Diagnose jedoch Grund genug, ihn nicht zum Milit\u00e4rdienst einzuziehen. Milit\u00e4r\u00e4rzte w\u00fcrden nur offiziellen Papieren vertrauen, sagt Zechmister, weil viele M\u00e4nner psychische St\u00f6rungen vort\u00e4uschten, um sich dem Milit\u00e4rdienst zu entziehen. &#8222;H\u00e4tte man rechtzeitig Rechtsbeistand gesucht, um aktuellere Nachweise vorzulegen, w\u00e4re Wassyl nicht eingezogen worden.&#8220;<\/p>\n<p>Olha Reschetylowa ist die Beauftragte des Pr\u00e4sidenten f\u00fcr den Schutz der Rechte von Milit\u00e4rangeh\u00f6rigen und deren Familien. Sie r\u00e4t, sich selbst um die Aktualisierung eigener Daten beim Milit\u00e4r und beim &#8222;Helsi&#8220;-System zu k\u00fcmmern. Zumal sich der psychische Zustand von Rekruten in der Grundausbildung verschlechtern k\u00f6nne. Die Kommandeure wollten aber keine psychisch Kranken in ihren Einheiten, weshalb sie oft eine Behandlung erm\u00f6glichten, sagt Reschetylowa der DW.<\/p>\n<p>Was meint der ukrainische Ombudsmann?<\/p>\n<p>Seit Jahresbeginn seien mehr als 2000 Beschwerden \u00fcber Verst\u00f6\u00dfe gegen Menschenrechte bei der Mobilmachung eingegangen, berichtet der Ombudsmann des Parlaments, Dmytro Lubinez. Im Jahr 2024 seien es etwa 3500 gewesen. &#8222;Wir reagieren immer. Es gibt F\u00e4lle, wo meine Vertreter vor Ort selbst zum Einberufungsamt gehen und den B\u00fcrgern zu ihrem Recht verhelfen&#8220;, sagt er der DW. &#8222;Durch unser Eingreifen konnten kranke Personen aus der Armee entlassen werden.&#8220; Aber nicht alle Beschwerden seien gerechtfertigt.<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"71187689\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/71187689_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Olha Reschetylowa\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Olha ReschetylowaBild: Andreas Stroh\/picture alliance <\/p>\n<p>Es sei vorgekommen, dass sogar Schwerkranke einberufen wurden, r\u00e4umt Lubinez ein. Zahlen dazu gebe es jedoch keine. &#8222;So etwas passiert, wenn Mitarbeiter medizinische Unterlagen oder den tats\u00e4chlichen Zustand von Personen ignorieren&#8220;, kritisiert der Menschenrechtsbeauftragte. Die Einberufenen sollten in der Armee sorgf\u00e4ltiger verteilt werden: &#8222;Nicht mit jeder gesundheitlichen Beeintr\u00e4chtigung ist man automatisch untauglich. Mit R\u00fcckenproblemen kann man nicht zu den Sturmtruppen, aber gut am Computer arbeiten.&#8220;<\/p>\n<p>Was berichten ukrainische Milit\u00e4rs?<\/p>\n<p>Ein ukrainischer\u00a0Brigadeoffizier schildert der DW seine Erfahrungen in einem Ausbildungszentrum der Armee. &#8222;Ich erhielt das Privileg, mir die Leute auszusuchen. Aber da kamen welche ohne Z\u00e4hne oder mit Tuberkulose&#8220;, so der Offizier, der nicht genannt werden m\u00f6chte. Die M\u00e4nner seien bereits mehrfach den Brigaden angeboten worden, doch keiner habe sie nehmen wollen. Nicht einmal, um Sch\u00fctzengr\u00e4ben zu bauen.<\/p>\n<p>Kyrylo (Name ge\u00e4ndert) ist in diesem Fr\u00fchjahr eingezogen worden. Er habe im Einberufungsamt auch Obdachlose mit geschwollenen Beinen, Drogenabh\u00e4ngige und Alkoholiker gesehen, kritisiert er.\u00a0Die erste Musterung sei oft nur eine Formsache. Mancherorts finde\u00a0sie gar nicht statt. Erst im Ausbildungszentrum sei dann gr\u00fcndlicher gepr\u00fcft worden<\/p>\n<p><img data-format=\"MASTER_LANDSCAPE\" data-id=\"66403826\" data-url=\"https:\/\/static.dw.com\/image\/66403826_${formatId}.jpg\" data-aspect-ratio=\"16\/9\" alt=\"Zwei Rekruten in einem Sch\u00fctzengraben bei der Ausbildung\" style=\"padding-bottom: 56.25%; height: 0; max-height: 0;\"\/>Ausbildung von Rekruten in den Streitkr\u00e4ften der UkraineBild: DW<\/p>\n<p>Der Soldat Oleksandr (Name ge\u00e4ndert) hatte bei der Musterung sogar Epileptiker gesehen. Auf solche Missst\u00e4nde sei zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass 2024 ein Rekrut mit Schizophrenie nach der Grundausbildung in eine Marinebrigade geriet, berichtet er. Zum Gl\u00fcck sei dies schnell aufgefallen. &#8222;Man gab ihm keine Waffe und schickte ihn nach einigen Tagen weg.&#8220;<\/p>\n<p>Begleiterkrankungen nicht ber\u00fccksichtigt<\/p>\n<p>Laut Rechtsanwalt Jewhen Zechmister ist die Einberufung untauglicher M\u00e4nner weit verbreitet. &#8222;Ein Soldat, 1,75 Meter gro\u00df, 38 Kilogramm schwer, mit einer Sehschw\u00e4che, Entwicklungsst\u00f6rung und einem falsch geformten Brustkorb kann in einer kugelsicheren Weste weder gehen noch atmen. Aber er ist seit 2022 in der Armee. Er wird st\u00e4ndig von einer Einheit zur anderen oder in Krankenh\u00e4user verlegt und bekommt die Grundversorgung&#8220;, sagt Zechmister. Da keine seiner einzelnen Diagnosen unter die Kategorie &#8222;untauglich&#8220; falle, k\u00f6nne er nicht ausgemustert werden.<\/p>\n<p>Und die Kommandeure k\u00f6nnten solchen Rekruten weder reale Aufgaben geben noch sie entlassen. Besonders akut sei die Lage bei den Bodentruppen und Logistikkr\u00e4ften, die zu einem &#8222;Abstellgleis&#8220; f\u00fcr solche Personen geworden seien, sagt Zechmister. &#8222;Sie kommen in Brigaden, die Verteidigungslinien bauen sollen. Dort\u00a0sind sie aber unbrauchbar.&#8220;<\/p>\n<p>Sanit\u00e4tskr\u00e4fte sehen keine Probleme<\/p>\n<p>Das Kommando der Sanit\u00e4tskr\u00e4fte hat an den Musterungen nichts auszusetzen:\u00a0&#8222;Das Urteil der Milit\u00e4r\u00e4rzte basiert auf von Fach\u00e4rzten erstellte\u00a0Diagnosen. Ein Urteil aufgrund der Kombination mehrerer Krankheiten ist nicht vorgesehen&#8220;, antwortet Oberst Jurij Podoljan, dem stellvertretenden\u00a0Kommandeur der Sanit\u00e4tskr\u00e4fte, auf eine Anfrage der DW. Seiner Meinung nach entspricht die Anordnung Nr. 402 den Gesetzen sowie internationalen Standards.<\/p>\n<p>Ganz anders sieht das Olha Reschetylowa, Beauftragte des Pr\u00e4sidenten f\u00fcr den Schutz der Rechte von Milit\u00e4rangeh\u00f6rigen. Diese Anordnung m\u00fcsse \u00fcberarbeitet werden, sagt sie. Das Verteidigungsministerium sei schon damit befasst.<\/p>\n<p>Unterdessen neigt sich Wassyls Grundausbildung dem Ende zu, danach wird er einer Einheit zugeteilt. Nach Angaben seiner Lebensgef\u00e4hrtin Olena hat Wassyl Zugang zu Waffen. Rechtsanwalt Jewhen Zechmister versucht, f\u00fcr Wassyl eine zweite psychiatrische Untersuchung bei Milit\u00e4r\u00e4rzten zu erreichen. &#8222;Wenn er an der Front landet, dann ist er eine Gefahr f\u00fcr die Einheit&#8220;, warnt der Anwalt.\u00a0&#8222;Man kann nicht vorhersehen, wann seine Psyche versagt. Und wer dann in sein Visier ger\u00e4t.&#8220;<\/p>\n<p>Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"H\u00e4ufige Ged\u00e4chtnisl\u00fccken, Desorientierung, Verwechslung von Zahlen und Farben &#8211; das sind die Alltagsprobleme des 28-j\u00e4hrigen Wassyl aus der&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":278013,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4012],"tags":[331,332,13,14,15,12,317],"class_list":{"0":"post-278012","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-ukraine","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-headlines","11":"tag-nachrichten","12":"tag-news","13":"tag-schlagzeilen","14":"tag-ukraine"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114880850364928950","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/278012","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=278012"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/278012\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/278013"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=278012"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=278012"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=278012"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}