{"id":278162,"date":"2025-07-19T17:49:13","date_gmt":"2025-07-19T17:49:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/278162\/"},"modified":"2025-07-19T17:49:13","modified_gmt":"2025-07-19T17:49:13","slug":"ukrainisches-grenzgebiet-urlaub-machen-mitten-im-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/278162\/","title":{"rendered":"Ukrainisches Grenzgebiet: Urlaub machen mitten im Krieg"},"content":{"rendered":"<p class=\"Initial paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">E uropas Mitte ist still. Fast menschenleer. Alle paar Minuten f\u00e4hrt ein Lastwagen vorbei, oft mit Holz beladen. Neben der Stra\u00dfe rauscht die Thei\u00df, ein Nebenfluss der Donau. Sie kommt aus dem Gebirge im S\u00fcdwesten der \u00adUkraine und flie\u00dft hinab Richtung ungarische Tiefebene. Der Wasserstand ist hoch. Die Schneeschmelze dauert an diesem Tag Ende Mai noch an, es regnet seit Tagen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Den geografischen Mittelpunkt Europas markiert ein wei\u00df get\u00fcnchter Stein. Er wurde aufgestellt, als die Region zur Doppelmonarchie \u00d6sterreich-Ungarn geh\u00f6rte. Das Nachbardorf Dilowe und die ganze Region Rayon Rachiw in Transkarpatien vermarkten sich seit einigen Jahren damit. Neben dem Markierungsstein haben Dutzende Motorradklubs und ein paar Fu\u00dfballfans ihre Sticker hinterlassen. Einige P\u00e4rchen haben sich dort handschriftlich ewige Liebe geschworen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Ob das mit dem Mittelpunkt Europas genau so stimmt, ist allerdings Ansichtssache \u2013 beziehungsweise Sache der Berechnungsmethode. Die Lage des Mittelpunkts h\u00e4ngt n\u00e4mlich davon ab, ob und wenn ja, welche Inseln man mit einbezieht. Z\u00e4hlt man Spitzbergen zu Europa, wandert der Mittelpunkt nach Norden, z\u00e4hlen die Azoren dazu, wandert er nach Westen. Ein halbes Dutzend weitere Orte in Polen, Ungarn, Belarus, Estland, in Litauen und in der Slowakei behaupten deshalb, Europas Mittelpunkt zu sein.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Die Landschaft am s\u00fcdwestlichen Rand der Ukraine erinnert an irgend\u00adetwas zwischen Heidi-Idylle und Modell\u00adeisenbahn. Kleine Orte schmiegen sich in die T\u00e4ler. Holzh\u00e4user stehen auf den Weiden mit K\u00fchen, Schafen und Pferden. Es gibt Eisenbahntunnel und Viadukte aus dem 19. Jahrhundert. Und eine ganze Palette an Gr\u00fcnt\u00f6nen erinnert daran, wie Mischwald im Mittelgebirge aussehen kann, wenn man keine Monokulturen anpflanzt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/taz.de\/!112039\/#matomo:pk_campaign=standard_wot-only&amp;pk_source=Online&amp;pk_medium=taz.de&amp;pk_kwd=textbox-wot-texte\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/wochentaz-kennzeichen-3zu2-klein-1.png\" loading=\"lazy\" height=\"363\" type=\"image\/png\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>wochentaz<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\">Dieser Text stammt aus der <strong>wochentaz<\/strong>. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist \u2013 und wie sie sein k\u00f6nnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und <a href=\"https:\/\/taz.de\/!112039\/#matomo:pk_campaign=standard_wot-only&amp;pk_source=Online&amp;pk_medium=taz.de&amp;pk_kwd=textbox-wot-texte\" target=\"_blank\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\">nat\u00fcrlich im Abo<\/a>.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"5\">Man ist hier weit weg von <a href=\"https:\/\/taz.de\/Russische-Luftangriffe-treffen-die-Ukraine-ueberall-auch-im-Westen\/!6097364\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">der Front<\/a>, Luftalarme gibt es kaum. Trotzdem ist der Krieg pr\u00e4sent: Die Gedenktafeln in den D\u00f6rfern f\u00fcllen sich mit Portr\u00e4ts gefallener Soldaten, es gibt Checkpoints wegen der nahen Grenze zu Rum\u00e4nien. Die sollen M\u00e4nner abschrecken, die vor der Einberufung fliehen. Auch deutlich weniger Touristen kommen hierher. Wer in der Region wohnt, versucht mit der Lage klarzukommen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Viele w\u00fcrden sich jetzt \u00fcber ein paar Biker freuen oder \u00fcber jeden anderen Besucher. Auch Maryna. Auf einem Parkplatz hat sie ihren Verkaufsstand in einer Holzh\u00fctte ge\u00f6ffnet. Es gibt Gesticktes und Gestricktes mit regionalen Mustern und bunte Kuscheltiere. \u201eWenn es regnet, kommen keine Kunden\u201c, sagt sie. Ein zweiter Stand preist ger\u00e4ucherte W\u00fcrste und Honig aus der Region an. An einem dritten w\u00fcrde Kaffee gekocht, wenn denn jemand k\u00e4me. Die anderen zehn Holzbuden haben gar nicht erst ge\u00f6ffnet und auch der Holzkohlegrill im Ausflugsrestaurant nebenan ist nicht angefeuert.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Ein Grund, warum hier in diesen Tagen nur wenige ukrainische M\u00e4nner auftauchen, steht ein paar hundert Meter entfernt auf der Nationalstra\u00dfe Nummer 9: ein Checkpoint des ukrainischen Grenzschutzes. Die Oblast Transkarpatien, zu der auch Rachiw geh\u00f6rt, ist Grenzgebiet. Im Westen liegen Polen und die Slowakei, im S\u00fcdwesten Ungarn und im S\u00fcden Rum\u00e4nien. Alles L\u00e4nder, die in der EU und der Nato sind. Und in allen herrscht Frieden.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">\u201eRum\u00e4nien ist vier Kilometer von hier entfernt\u201c, sagt Grenzsch\u00fctzer Serhiy und zeigt die Stra\u00dfe entlang. Er und seine zwei Kameraden schieben Dienst am Checkpoint oder, wie es in der Ukraine hei\u00dft, am Blokpost. Eine etwas verbogene Metallschranke blockiert eine Fahrspur. In einem Blechcontainer k\u00f6nnen sich die M\u00e4nner vor dem Regen sch\u00fctzen und ihre Suppe auf dem Gaskocher aufw\u00e4rmen.<\/p>\n<p><a class=\"slides icon maximize_opahov large pswp-slides pl-0\" href=\"https:\/\/taz.de\/picture\/7818326\/1200\/HUtsulen-Ukraine-Karpaten-3.jpeg\" data-pswp-width=\"\" data-pswp-height=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/HUtsulen-Ukraine-Karpaten-3.jpeg\" alt=\"Gedenksteinam vermeintlichen Mittelpunkt Europas\" title=\"Gedenksteinam vermeintlichen Mittelpunkt Europas\" height=\"998\" type=\"image\/jpeg\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Der Stein in der N\u00e4he des Dorfes Dilowe soll den geografischen Mittelpunkt Europas markieren<\/p>\n<p>Foto:<br \/>\nMarco Zschieck<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"9\">Ein Schild weist darauf hin, dass fotografieren verboten ist. Die Grenzsch\u00fctzer kontrollieren im Hinterland, wer sich der Grenze n\u00e4hert. Denn immer wieder versuchen ukrainische M\u00e4nner, sich auf diesem Weg dem Wehrdienst in ihrer Heimat zu entziehen. Wer ohne die n\u00f6tigen Papiere an den Blokposts vorbeikommen will, muss sich entweder gut auskennen oder Hilfe von Ortskundigen haben. Dennoch schaffen es nicht alle. Immer wieder gibt es Meldungen, dass ukrainische M\u00e4nner ersch\u00f6pft aus der Thei\u00df gezogen werden. Andere ertrinken.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"10\">Serhiy tr\u00e4gt die \u00fcbliche Uniform ukrainischer Soldaten mit dem sandfarbenen Pixelmuster. Dar\u00fcber hat er sich eine neongr\u00fcne Warnweste angezogen. 23 Jahre alt soll er sein. Mit seinem glatten Gesicht k\u00f6nnte er auch als 16-J\u00e4hriger durchgehen. Als eine Marschrutka vorf\u00e4hrt, ein als Sammeltaxi genutzter Kleinbus, steigt er ein und kontrolliert die Passagiere. F\u00fcr die Frauen interessiert sich der Grenzschutz nicht. Die M\u00e4nner nesteln ihre Dokumente hervor. Es sind alles Einheimische. Nach rund einer Minute f\u00e4hrt die Marschrutka weiter.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"11\">Serhiys Vorgesetzter am Blokpost ist Vitaliy. Er ist gr\u00f6\u00dfer und breiter als Serhiy und mehr als doppelt so alt. Um den Oberk\u00f6rper hat er eine kugelsichere Weste geschnallt, die ihn noch massiger aussehen l\u00e4sst. In den Taschen vor seinem Bauch stecken drei Magazine f\u00fcr eine Kalaschnikow. Er sei schon vor Russlands gro\u00dfangelegter Invasion der Ukraine beim Grenzschutz gewesen, erz\u00e4hlt er. So ruhig wie hier sei der Dienst aber nicht immer.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"12\">Er zeigt auf seinem Smartphone Fotos vom Einsatz im Osten des Landes. Vitaliy im Keller, dann in einem anderen Keller. \u201eDas war <a href=\"https:\/\/taz.de\/An-der-Front-im-Donbass\/!6079632\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">im Donbass<\/a>\u201c, sagt er. \u201eUnd das war in Charkiw.\u201c Er meint die Region Charkiw, nicht die Stadt. Man sieht ihn mit anderen Soldaten auf einem alten Sch\u00fctzenpanzerwagen aus der Sowjetzeit sitzen. Ein anderes Foto zeigt ihn neben dem Ortsschild von Wowtschansk als sie daran eine ukrainische Fahne befestigen. Sie l\u00e4cheln in die Kamera. \u201eDas war im September 2022\u201c, sagt er. Damals befreite die ukrainische Armee die russisch besetzten Teile der Region Charkiw innerhalb weniger Tage in einer \u00fcberraschenden Offensive. Inzwischen ist das grenznahe <a href=\"https:\/\/taz.de\/Krieg-in-der-Ukraine\/!6058468\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">St\u00e4dtchen eine Tr\u00fcmmerw\u00fcste<\/a>: Vor einem Jahr hatten die Russen die Grenze wieder \u00fcberschritten. Seitdem verl\u00e4uft die Front mitten durch den Ort.<\/p>\n<p>      Werchowyna, die Hauptstadt des Huzulengebiets<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-19\" pos=\"14\">Rachiw schmiegt sich derweil noch unverwundet in das Tal der Thei\u00df. Auf dem zentralen Platz zwischen Stadtrat und Kulturhaus sind zwei Dutzend Portr\u00e4ts von gefallenen Soldaten aus dem Rayon aufgestellt. Vor ihnen stehen Vasen mit frischen Blumen. Es gibt ein bisschen Industrie, Holzverarbeitung und einen Steinbruch. Und die Verwaltung des Rayons, was in etwa ein kleiner Landkreis ist. Die Leute aus den D\u00f6rfern kommen zum Einkaufen in das St\u00e4dtchen. Abgesehen davon hat es der Ort mit Tourismus versucht. Es gibt viele Ferienh\u00e4user und wenige Hotels. Viele Urlauber steigen hier nur um und bevorzugen die h\u00f6her gelegenen Orte.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>\n            Rund 20.000 Menschen geh\u00f6ren zur nationalen Minderheit der Huzulen. Die Ukraine erkannte die russinische Sprache 2012 als regionale Sprache an<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"15\">Beliebt ist auch Werchowyna in der <a href=\"https:\/\/taz.de\/Sprachenpolitik-in-der-Ukraine\/!6081428\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">benachbarten Oblast Iwano-Frankiwsk<\/a> auf der \u00f6stlichen Seite des Hauptkamms der Karpaten. Das St\u00e4dtchen liegt im Tal des Flusses Tscheremosch und streckt sich relativ locker bebaut \u00fcber mehrere Kilometer. Wie in anderen Orten der Region kommt es h\u00e4ufig vor, dass die K\u00fche auf der Suche nach frischem Gras frei durch den Ort laufen. Vor Russlands Angriff auf die Ukraine lebten knapp 6.000 Menschen in dem Ort.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-22\" pos=\"16\">Der Landkreis Werchowyna grenzt im S\u00fcden ebenfalls an Rum\u00e4nien. Deshalb ist auch diese Gegend Grenzgebiet. Ukrainische M\u00e4nner zwischen 18 und 60 Jahren d\u00fcrfen nur dort sein, wenn sie die n\u00f6tigen Dokumente besitzen. Das kann eine Bescheinigung \u00fcber Wehruntauglichkeit sein oder eine Zur\u00fcckstellung vom Wehrdienst, weil sie einen kriegswichtigen Job haben. Viele Arbeitgeber k\u00f6nnen bis zu 50 Prozent ihres Personals reservieren. Der Aufwand mit den Dokumenten schreckt ab, zumal andere Reiseziele weiter n\u00f6rdlich, wie das Skiressort Bukowel, nicht zum Grenzgebiet z\u00e4hlen. Wer die Dokumente nicht hat und einberufen werden soll, k\u00f6nnte bei einer Kontrolle an einem Bahnhof oder einem Checkpoint gleich in die Kaserne geschickt werden.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-23\" pos=\"17\">An mehreren Stellen im Ort wird auf Infotafeln stolz verk\u00fcndet, dass es sich bei Werchowyna um die Hauptstadt des Huzulengebiets handle. Das geht auf ein Zitat des Schriftstellers Iwan Franko zur\u00fcck, der im 19. Jahrhundert mehrere Jahre in der Gegend verbrachte.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-24\" pos=\"18\">Die Huzulen sind ein slawisches Bergvolk, das wie die weiter westlich lebenden Lemken und Bojken in den Karpaten lebt.Ihr Siedlungsgebiet befindet sich im Grenzgebiet der Ukraine, Ungarns und Rum\u00e4niens. Viele Huzulen sprechen einen russinischen Dialekt. Die Ukraine erkannte die russinische Sprache 2012 als regionale Sprache an, die Huzulen allerdings nicht als nationale Minderheit. Rund 20.000 sollen es laut Sch\u00e4tzungen sein. Genaue Zahlen gibt es nicht.<\/p>\n<p><a class=\"slides icon maximize_opahov large pswp-slides pl-0\" href=\"https:\/\/taz.de\/picture\/7818326\/1200\/Hutsulen-Ukraine-Karpaten-1.jpeg\" data-pswp-width=\"\" data-pswp-height=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Hutsulen-Ukraine-Karpaten-1.jpeg\" alt=\"Mikola Ilyuk in der Tracht der Hutsulen\" title=\"Mikola Ilyuk in der Tracht der Hutsulen\" height=\"443\" type=\"image\/jpeg\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Mykola Ilyuk ist Musiker und lebt in Werchowyn<\/p>\n<p>Foto:<br \/>\nMarco Zschieck<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-26\" pos=\"19\">Alex f\u00fchrt in Werchowyna ein G\u00e4ste\u00adhaus mit f\u00fcnf Zimmern am Ufer des Tscheremosch, das auch genau so hei\u00dft. Zehn Meter hinter dem Haus rauscht der Fluss durch sein felsiges Bett. Die Einrichtung ist modern, der Rasen gem\u00e4ht. Doch Alex wartet bisher vergeblich auf Kundschaft. \u201eEigentlich \u00f6ffne ich Anfang Mai, aber bisher hat niemand gebucht\u201c, klagt er. Seit dem Kriegsrecht sei es schwierig.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-27\" pos=\"20\">F\u00fcr ukrainische Verh\u00e4ltnisse z\u00e4hlt Alex wohl zum gehobenen Mittelstand. Vor dem Haus parkt sein Tesla. In dem G\u00e4stehaus stecken seine Ersparnisse. Er kommt aus der rund 100 Kilometer entfernten Universit\u00e4tsstadt Tscherniwzi, dort leben auch seine Frau und die zwei Kinder. 20 Jahre hat er in Spanien in verschiedenen Jobs gearbeitet. \u201eDie meiste Zeit als Fahrer f\u00fcr eine Spedition\u201c, erz\u00e4hlt er. \u201eIch bin auch viel nach Frankreich und Deutschland gefahren.\u201c<\/p>\n<p>      Instrumente, Wolldecken, bestickte Hemden<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-29\" pos=\"22\">Als die Pandemie begann, brachen der Spedition die Auftr\u00e4ge weg und Alex kehrte heim. \u201eDann hab ich die Annonce f\u00fcr dieses Haus gesehen.\u201c Der Vorbesitzer habe es an eine Bank verpf\u00e4ndet. \u201eIch habe es f\u00fcr einen guten Preis bekommen\u201c, sagt Alex und l\u00e4chelt. Einiges musste renoviert werden, au\u00dferdem hat er am Ufer eine Bade\u00adwanne gebaut, die man mit einem Holzfeuer beheizen kann, und einen steinernen Grillofen. Als alles fertig war, griff Russland an.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-30\" pos=\"23\">Damit er nicht zu einsam ist, hat er sich einen Hund angeschafft. Der Jack Russell Terrier Lucky weicht ihm nicht von der Seite. \u201eEr ist erst zwei Monate alt. Gestern hat er zum ersten Mal drei Kilogramm gewogen.\u201c Neben dem Welpen besch\u00e4ftigt sich Alex mit der Geschichte der Region. Auch wenn er gar nicht von hier kommt, ist er bestens vernetzt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-31\" pos=\"24\">Alex empfiehlt einen Besuch bei Mykola Ilyuk. Der 58-j\u00e4hrige Musiker betreibt in einem zweist\u00f6ckigen Holzhaus am anderen Ende des Ortes eine Ausstellung zur huzulischen Kultur. Es hei\u00dft Museum der Trembita. Das Instrument ist sozusagen das Alphorn der Karpaten. Oder wie Ilyuk es nennt: das Telefon der Huzulen, mit dem sich fr\u00fcher Hirten von Berg zu Berg Signale gaben. Um das Museum zu erreichen, muss man einige H\u00f6henmeter erklimmen, wird dann aber mit einem Ausblick auf die schneebedeckten Gipfel des Karpatenhauptkamms belohnt.<\/p>\n<p>\n\ue80f\n<\/p>\n<p>\n            Dann beginnt Ilyuk seine Show: Er spielt auf mehreren Blasinstrumenten und erkl\u00e4rt jeweils, wie sie funktionieren. Von Mal zu Mal werden die Instrumente gr\u00f6\u00dfer. Bis er dann auf der drei Meter langen Trembita spielt<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-33\" pos=\"25\">Eigentlich \u00f6ffne er seine Schatzkammer nur nach Anmeldung f\u00fcr Gruppen, sagt Ilyuk. Jetzt macht er eine Ausnahme. Ein paar Minuten sp\u00e4ter \u00f6ffnet er die T\u00fcr. Er tr\u00e4gt ein besticktes Hemd, Lederkoppel und Filzhut. Seine \u201eSchatzkammer\u201c quillt \u00fcber, es seien mehrere Hundert Exponate, sagt er. Instrumente sind dabei, Werkzeuge, bestickte T\u00fccher und Hemden, Wolldecken.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-34\" pos=\"26\">Dann beginnt Ilyuk seine Show: Er spielt auf mehreren Blasinstrumenten und erkl\u00e4rt jeweils, wie sie funktionieren. Von Mal zu Mal werden die Instrumente gr\u00f6\u00dfer. Bis er dann auf der drei Meter langen Trembita spielt. Sie erzeugt einen erstaunlich lauten Ton. Die Zymbaly, ein Saiteninstrument, das man mit Kl\u00f6ppeln spielt, zeigt er als n\u00e4chstes, eine Maultrommel und eine Leier hat er auch. Zum Schluss packt er einen Dudelsack aus.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-35\" pos=\"27\">Ilyuk hat Karriere gemacht mit seiner Musik. Auszeichnungen und Fotos von diversen Festivals hat er am Ausgang des Museums aufgeh\u00e4ngt. Sie zeigen ihn bei Auftritten in Frankreich, in Polen, in der Slowakei. Im G\u00e4stebuch wird er f\u00fcr seine Expertise gelobt und f\u00fcr seinen Witz.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-36\" pos=\"28\">Er habe sich schon immer f\u00fcr die Musik interessiert und f\u00fcr die Geschichte dahinter, erz\u00e4hlt er. Nat\u00fcrlich sei das Museum auch eine Gelegenheit, neben der Musik noch etwas zu verdienen. Aber es gehe ihm darum, das kulturelle Erbe zu bewahren und zu zeigen. \u201eWer soll es sonst tun, wenn nicht wir?\u201c<\/p>\n<p><a class=\"slides icon maximize_opahov large pswp-slides pl-0\" href=\"https:\/\/taz.de\/picture\/7818326\/1200\/Hutsuken-Ukraine-Karpaten-2.jpeg\" data-pswp-width=\"\" data-pswp-height=\"\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Hutsuken-Ukraine-Karpaten-2.jpeg\" alt=\"Weselka steht vor einem Holzhaus und spricht\" title=\"Weselka steht vor einem Holzhaus und spricht\" height=\"443\" type=\"image\/jpeg\"\/><\/p>\n<p><\/a><\/p>\n<p>Weselka besitzt in Kryworiwnya ein traditionelles huzulisches Holzhaus<\/p>\n<p>Foto:<br \/>\nMarco Zschieck<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-38\" pos=\"29\">Ilyuk stellt nicht nur Instrumente aus. Rostige Stahlhelme aus dem Zweiten Weltkrieg h\u00e4ngen an ein paar Haken \u2013 ein sowjetischer, ein deutscher und ein rum\u00e4nischer. \u201eDie kamen alle mal hierher\u201c, sagt er. Daneben h\u00e4ngt ein orangefarbener Bauhelm, der an einigen Stellen etwas schwarz verkohlt ist. \u201eDen habe ich im Winter 2013\/2014 in Kyjiw auf dem Maidan getragen\u201c, sagt er. \u201eSeitdem m\u00fcssen wir unsere Freiheit verteidigen.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-39\" pos=\"30\">Ein paar Kilometer weiter im Dorf Kryworiwnya empf\u00e4ngt Weselka ihre Besucher. Der 71-J\u00e4hrigen geh\u00f6rt ein typisch huzulisches Bauernhaus, errichtet im Jahr 1790. Das Dach sei weit heruntergezogen, um vor dem Wetter zu sch\u00fctzen, aber auch, um die Haustiere nah dabei zu haben, sagt Weselka. Wer eintreten will, muss sich beugen und den Kopf einziehen. F\u00fcr gr\u00f6\u00dfere T\u00fcren sei seinerzeit eine Steuer verlangt worden, die sich die Besitzer lieber gespart h\u00e4tten, sagt sie. Die Fenster sind winzig, im Haus ist es ziemlich finster. Es riecht nach Holz und Stroh.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-40\" pos=\"31\">Das Haus war einer der Drehorte des Films \u201eSchatten vergessener Ahnen\u201c des Regisseurs Sergei Paradschanow. Weselka zeigt gerahmte Fotos. Der 1965 erschienene Film nach dem gleichnamigen Roman von Mychajlo Kozjubynskyj erz\u00e4hlt eine Abwandlung des Romeo-und-Julia-Motivs voller Mystik, Halluzinationen und huzulischer Folklore. Er gilt bis heute als einer der besten ukrainischen Spielfilme. Weil der Film damals stark vom verordneten sozialistischen Realismus abwich, landete er sp\u00e4ter auf dem Index. Regisseur Paradschanow selbst kam ein paar Jahre sp\u00e4ter in Lagerhaft und hatte danach Berufsverbot.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-41\" pos=\"32\">Weselka betreibt auch noch einen kleinen Shop. Sie kocht den Besuchern Kaffee. Bietet Dutzende Sorten Kr\u00e4utertee aus den Karpaten an, Honig und Wolldecken mit den Mustern, die sich auch auf den gestickten Hemden wiederfinden. \u201eDie sind alle hier im Ort hergestellt\u201c, sagt sie. Die Fasern seien l\u00e4nger als bei den industriell gefertigten Decken. Dadurch sei die Struktur dichter und haltbarer. Zum Beweis bohrt sie einen Finger in eine der Decken, er kommt nat\u00fcrlich nicht durch.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-42\" pos=\"33\">Viel verkaufen k\u00f6nne sie im Moment nicht. Wer k\u00f6nne schon Urlaub machen mitten im Krieg? \u201eAuch aus unserem Dorf sind viele in der Armee\u201c, sagt sie. \u201eUnd viele kommen nicht zur\u00fcck.\u201c Sie hat Tr\u00e4nen in den Augen. Die Ukraine m\u00fcsse sich verteidigen. Sie selbst sei in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen. Viele Leute aus dem Dorf seien damals nach Sibirien deportiert worden. In den waldreichen Gebieten der Karpaten und ihres Vorlandes hatten ukrainische Partisanen noch jahrelang Widerstand gegen die sowjetische Okkupation geleistet. Und Moskau versuchte, ihnen die Unterst\u00fctzung zu nehmen, indem es die Menschen wegbrachte. \u201eMit den Moskauern wollen wir hier nichts zu tun haben.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-43\" pos=\"34\">An diesem Tag kann Weselka dann doch noch ein gutes Gesch\u00e4ft machen. Gerade, als sie ihr Museum abschlie\u00dfen will, kommt ein Minibus vorgefahren. Gut ein Dutzend Teenager steigt aus. Schulausflug.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-44\" pos=\"35\">Auch das passiert mitten im Krieg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"E uropas Mitte ist still. Fast menschenleer. 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