{"id":281349,"date":"2025-07-20T23:53:09","date_gmt":"2025-07-20T23:53:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/281349\/"},"modified":"2025-07-20T23:53:09","modified_gmt":"2025-07-20T23:53:09","slug":"hamburg-bochum-angst-vor-kleinen-keimen-was-tun-wenn-sie-zu-gross-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/281349\/","title":{"rendered":"Hamburg \/ Bochum | Angst vor kleinen Keimen: Was tun, wenn sie zu gro\u00df wird?"},"content":{"rendered":"<p>Hamburg \/ Bochum (dpa\/tmn) &#8211; St\u00e4ndig die H\u00e4nde waschen oder desinfizieren, T\u00fcrklinken nur mit dem \u00c4rmel ber\u00fchren und in Ferienh\u00e4usern erstmal das \u00absaubere\u00bb Geschirr sp\u00fclen. So mancher f\u00fchlt angesichts einer angeblich \u00fcberall \u00ablauernden\u00bb Gesundheits-Gefahr ein deutliches Unbehagen au\u00dferhalb der eigenen Wohnung. Wann aber ist die Angst vor Schmutz, Viren und Bakterien normal? Und wo ist die Grenze zwischen gesundem Hygieneverhalten und \u00fcbertriebener Furcht?<\/p>\n<p>Wenn es um potenzielle Ansteckungsm\u00f6glichkeiten mit gef\u00e4hrlichen Bakterien, Viren oder Pilzen im Haushalt geht, ist Professor Johannes Knobloch, Facharzt f\u00fcr Mikrobiologie, Virologie, Infektionsepidemiologie und Krankenhaushygiene ganz gelassen. \u00abIn den wissenschaftlichen Studien, die zeigen, was auf einer Oberfl\u00e4che alles eine Woche \u00fcberleben kann, wird ganz viel \u00fcberinterpretiert. Und es sind vollkommen unrealistische Laborbedingungen\u00bb, so der Experte.<\/p>\n<p>Zwischen Schmutz und Sicherheit: Wie gef\u00e4hrlich ist Alltagsdreck wirklich?<\/p>\n<p>Denn ob man einen Fahrstuhlknopf bet\u00e4tigt, eine T\u00fcrklinke anfasst oder einen Kaffee aus einer vergammelten Maschine trinkt: \u00abDavon geht in der Regel und f\u00fcr gesunde Menschen keine ernstzunehmende Gefahr aus!\u00bb<\/p>\n<p>Ihnen k\u00f6nnten \u00fcblicherweise selbst Schimmel im Kaffeefilter oder im Toaster nichts anhaben: \u00abBei jedem wunderbaren Waldspaziergang wimmelt es unterm Laub von Schimmelsporen. Dort haben Sie viel mehr Kontakt damit als beim Abfalleimer oder Haushaltsger\u00e4t in einer fremden Wohnung!\u00bb\u00a0<\/p>\n<p>Im Normalfall hei\u00dft es f\u00fcr Menschen ohne ernste, gesundheitliche Beeintr\u00e4chtigungen: Wirklich relevant von Oberfl\u00e4chen ist nur das, was als klassische Schmierinfektion bekannt ist. Und dazu stellt sich auch noch die Frage des \u00dcbertragungsweges.\u00a0<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich kann sich beispielsweise ein Norovirus zwar \u00fcber mehrere Tage infekti\u00f6s auf einer Oberfl\u00e4che befinden. \u00abAber damit ich davon krank werde, m\u00fcsste er von dort in meinen Mund gelangen und ich ihn runterschlucken\u00bb, so Knobloch. Ergo: \u00abNur, weil ich mich auf eine Toilettenbrille setze, die kontaminiert ist, werde ich davon nicht zwingend krank.\u00bb<\/p>\n<p>Wenn man sich nach dem Besuch eines fremden WCs nicht die H\u00e4nde w\u00e4scht und dann am n\u00e4chsten Imbissstand zu Fingerfood greift, hat man allerdings den \u00dcbertragungsweg geschlossen, so der Chef der Krankenhaushygiene am Universit\u00e4tsklinikum Eppendorf in Hamburg. Bedeutet aber im Umkehrschluss auch: Wer sich nach dem Toilettengang konsequent die H\u00e4nde w\u00e4scht, hat schon ganz viel der theoretischen Ansteckungsm\u00f6glichkeiten durchbrochen. Von Haushaltsger\u00e4ten oder fremdem Geschirr gehe aber keinerlei Gefahr aus.\u00a0<\/p>\n<p>Wenn \u00c4ngste zur Mysophobie werden<\/p>\n<p>Was nicht bedeutet, dass es nicht Menschen gibt, die dennoch davor Angst haben. Oder die schon beim Gedanken an fremde Toiletten, Fahrstuhl-Kn\u00f6pfe oder Treppen-Handl\u00e4ufe \u00dcbelkeit empfinden und Herzrasen bekommen.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abSp\u00e4testens dann sollte man ernsthaft etwas dagegen tun\u00bb, sagt Andr\u00e9 Wannem\u00fcller, Psychologe und Autor (\u00abRatgeber Phobische St\u00f6rungen\u00bb). Denn dann ist es zu einer so genannten Mysophobie &#8211; der krankhaften Angst vor Schmutz und Ansteckung mit Bakterien und Viren &#8211; nicht mehr weit. Was aber ist noch normal &#8211; und wo wird eine Grenze \u00fcberschritten?\u00a0<\/p>\n<p>Klar ist: Dass man sich auf einer Bahnhofstoilette ekelt und sich nicht ohne Desinfektionst\u00fccher hinsetzt oder sich davor scheut, etwas anzufassen, was dreckig oder gar nach Exkrementen aussieht, ist absolut nachvollziehbar. Und auch von der Natur bewusst so eingerichtet. \u00abEs ist ein ganz nat\u00fcrliches Verhalten, dass wir bem\u00fcht sind, uns vor Kontaminationen zu sch\u00fctzen\u00bb, sagt der Privatdozent von der Ruhr-Uni Bochum.\u00a0<\/p>\n<p>Wenn ich jedoch anfange, vom Treffen mit Freunden fr\u00fcher nach Hause zu gehen, um dort kein WC benutzen zu m\u00fcssen, wenn ich Restaurant-Besuche ganz vermeide, weil ich dort allerorten von nicht \u00fcberschaubaren unhygienischen Verh\u00e4ltnissen umgeben bin, sollten die Alarmglocken schrillen. \u00abDann richtet man seine Alltagsstruktur danach aus, und irgendwann kommt man aus dem Teufelskreis nicht mehr heraus\u00bb, warnt Wannem\u00fcller.<\/p>\n<p>Strategien gegen die Angst vor Keimen: Tipps zum Gegensteuern<\/p>\n<p>Wie dann vorgehen, damit sich die Spirale nicht immer weiter dreht? \u00abGegensteuern kann ich grunds\u00e4tzlich, wenn ich an mir selbst merke oder es auch von anderen gespiegelt wird, dass ich mit meinem Verhalten \u00fcbertrieben reagiere und ein bisschen dr\u00fcber bin\u00bb, sagt der Experte f\u00fcr phobische St\u00f6rungen.\u00a0<\/p>\n<p>1. Vorstellungskraft benutzen<\/p>\n<p>Manchmal kann es dann schon helfen, sich ganz realistisch auszumalen, wie lange es dauern w\u00fcrde, wenn ich mich wirklich durch Viren oder Bakterien angesteckt h\u00e4tte &#8211; und schlimme Magen-Darm-Probleme oder gar eine Hepatitis bekomme. Nach einer gewissen Inkubationszeit wird den Betroffenen dann jedoch klar, dass tats\u00e4chlich nichts passiert ist.<\/p>\n<p>2. Probieren statt kontrollieren<\/p>\n<p>Dann kommt der n\u00e4chste Schritt: \u00abDen Mut aufbringen und sagen, ich teste mal ganz bewusst, was passieren kann.\u00bb Und zwar genau in solchen Situationen, die ich vorher immer vermieden habe. Sprich: Den Fahrstuhlknopf dr\u00fccken, ohne ihn vorher zu desinfizieren, und dann mit dem Finger \u00fcber die Lippe fahren oder ihn sogar in den Mund stecken.\u00a0<\/p>\n<p>\u00abIch provoziere diese vermeintliche Gefahr absichtlich und verzichte bewusst auf die Anwendung von allen Strategien, die Sicherheit schaffen. Denn das ist am Ende eh nur eine Pseudosicherheit\u00bb, sagt der psychologische Psychotherapeut.<\/p>\n<p>Die Idee dahinter f\u00fcr Betroffene: Wenn ich dann nach einigen Tagen immer noch gesund bin, und all die Horrorszenarien, vor denen ich Angst hatte, nicht eingetroffen sind, kann das dazu f\u00fchren, dass ich auch die Einsch\u00e4tzung meiner Bedrohungserwartung peu \u00e0 peu ver\u00e4ndere.<\/p>\n<p>Je nachdem, wie stark man sich f\u00fchlt und wie mutig man ist, kann man ein solches Verhalten selbst ausprobieren oder sich dabei von einem Therapeuten unterst\u00fctzen lassen. \u00abWenn die erwartete Konsequenz ausbleibt, f\u00fchrt es dazu, dass ich immer mutiger werde und auch andere Dinge wage\u00bb, sagt Andr\u00e9 Wannem\u00fcller.\u00a0<\/p>\n<p>Sprich: Wenn ich das zun\u00e4chst noch unertr\u00e4gliche Gef\u00fchl zulasse, wird es nach der Zeit immer weniger. \u00abAm Ende f\u00fchrt dies dann zu einer rationaleren Bedrohungseinsch\u00e4tzung &#8211; und dass ich Unsicherheiten tolerieren lerne.\u00bb<\/p>\n<p>3. Vergleichen: Was ist wie gef\u00e4hrlich?<\/p>\n<p>Eine andere M\u00f6glichkeit besteht darin, sich bewusst zu machen, dass andere Situationen tats\u00e4chlich viel gef\u00e4hrlicher sind als das, wovor ich solche Angst habe. Beispiel Badezimmer. \u00abAm h\u00e4ufigsten im Haushalt sterben Menschen auf nassen Fliesen &#8211; aber dar\u00fcber macht sich kein Mensch einen Kopf, weil man einfach den Eindruck hat, man kann diese Situation kontrollieren\u00bb, sagt Wannem\u00fcller.\u00a0<\/p>\n<p>Trotzdem kann es sein, dass Menschen so sehr unter einer Kontaminationsangst leiden, dass sie sich dem hilflos ausgeliefert f\u00fchlen. Und dass ihnen auch das st\u00e4ndige \u00abAusprobieren\u00bb keine Linderung bringt. Im Gegenteil: \u00abSie denken dann, wenn es zehnmal gut gegangen ist, dann wird es beim elften Mal garantiert schiefgehen.\u00bb<\/p>\n<p>Wenn Vermeidung zu Zwang f\u00fchrt: Hilfe holen<\/p>\n<p>Die Situation dauerhaft vermeiden zu wollen oder Sicherheitsstrategien gegen die Angst anzuwenden, ist jedenfalls keine L\u00f6sung. Andr\u00e9 Wannem\u00fcller sagt: \u00abDadurch wird die phobische Furcht nur aufrechterhalten, weil man keine korrigierenden Erfahrungen mehr machen kann.\u00bb Die Grenze zu einem Zwangsproblem ist dann flie\u00dfend, wenn man au\u00dferdem das Bed\u00fcrfnis entwickelt, sich zum Beispiel st\u00e4ndig \u00abrituell\u00bb waschen zu wollen, um die Angst bei Gedanken an m\u00f6gliche Kontamination zu reduzieren.\u00a0<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens zu diesem Zeitpunkt sollte man Expertenrat in Anspruch nehmen. Ebenso dann, wenn ich zwar immer wieder die gef\u00e4hrlichen Situationen provoziere, die Angst jedoch nicht weniger wird. \u00abDann muss man mit einem Profi \u00fcberlegen, welche Strategien ich einsetzen kann, um bedrohliche Gedanken und Erwartungen in Expositions\u00fcbungen zu reduzieren und Unsicherheit zu tolerieren\u00bb, so der Psychologe.\u00a0<\/p>\n<p>Unterm Strich hat Andr\u00e9 Wannem\u00fcller jedoch noch eine positive Nachricht: \u00abDas Gute an diesen situativen Phobien ist, dass sie wirklich wahnsinnig gut behandelbar sind und man sie wirklich gut in den Griff bekommen kann!\u00bb<\/p>\n<p>Hintergrund: Wie kommt es zur Kontaminationsangst?<\/p>\n<p>Woran es liegt, dass einige Menschen keinerlei Sorge haben, den Fahrstuhlknopf zu dr\u00fccken und danach einen Riegel Schokolade aus der Hand zu essen, w\u00e4hrend andere sich schon bei der blo\u00dfen Vorstellung sch\u00fctteln, kann ganz unterschiedliche Ursachen haben. \u00abEs gibt mehrere pr\u00e4disponierende Fakten, und oft ist auch ein Zusammenspiel verantwortlich\u00bb, erl\u00e4utert Wannem\u00fcller.\u00a0<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich zu einer genetischen, biologischen Veranlagung k\u00f6nnen auch Sozialisationsfaktoren kommen. Sprich: Aus einer Familie, in der die Eltern unsicher sind und alles tun, um \u00c4ngste zu vermeiden, werden auch die Kinder \u00e4ngstlicher.\u00a0<\/p>\n<p>Und wer als Kind erlebt, dass die Eltern st\u00e4ndig vor oder nach dem Essen zum Feuchttuch greifen, wer aus der Kita kommt und seine Kleidung komplett ausziehen und durch eine Art \u00abKontaminationsschleuse\u00bb muss, der hat wom\u00f6glich auch als Erwachsener eine besondere Angst vor Bakterien und Viren.\u00a0<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich kann auch die jeweilige Lebensphase \u00c4ngste verst\u00e4rken: In dem Moment, wenn ich Verluste erfahren habe, wenn sich mein Partner von mir getrennt hat, eine Freundin gestorben ist oder mir im Job gek\u00fcndigt wurde, reagiere ich oft anders auf potenziell bedrohliche Situationen, als wenn ich in einer guten psychologischen Verfassung bin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Hamburg \/ Bochum (dpa\/tmn) &#8211; St\u00e4ndig die H\u00e4nde waschen oder desinfizieren, T\u00fcrklinken nur mit dem \u00c4rmel ber\u00fchren und&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":281350,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1839],"tags":[18929,7507,3364,29,5348,67342,30,141,41839,4391,1672,288,83392,1209,13353,624,83391],"class_list":{"0":"post-281349","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-bochum","8":"tag-angst","9":"tag-bochum","10":"tag-de","11":"tag-deutschland","12":"tag-educateme","13":"tag-ekel","14":"tag-germany","15":"tag-gesundheit","16":"tag-helpme","17":"tag-hygiene","18":"tag-keime","19":"tag-krankheit","20":"tag-mysophobie","21":"tag-nordrhein-westfalen","22":"tag-psychologie","23":"tag-ratgeber","24":"tag-tmn1221"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114888258620932447","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/281349","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=281349"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/281349\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/281350"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=281349"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=281349"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=281349"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}