{"id":281711,"date":"2025-07-21T03:27:10","date_gmt":"2025-07-21T03:27:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/281711\/"},"modified":"2025-07-21T03:27:10","modified_gmt":"2025-07-21T03:27:10","slug":"buecher-unter-verdacht-neue-zensur-welle-in-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/281711\/","title":{"rendered":"B\u00fccher unter Verdacht: Neue Zensur-Welle in Russland"},"content":{"rendered":"<p><a name=\"sprung2\" class=\"jumpLabel\"><strong>Zensur mittels &#8222;weicher Verbote&#8220;<\/strong><\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nDabei handelt es sich um sogenannte &#8222;weiche Verbote&#8220; \u2013 das hei\u00dft, dass es keine offiziellen, vom Kreml erlassenen Listen verbotener Werke gibt. Das Vorgehen des Staates ist subtiler und jedes Mal ein wenig anders: Mal werden B\u00fccher aus dem Verkauf genommen, mal werden sie konfisziert, bei Hausdurchsuchungen beschlagnahmt, oder den H\u00e4ndlern wird nahegelegt, Restbest\u00e4nde zu vernichten.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nMittlerweile stehen zudem Dutzende Autoren auf der Liste &#8222;ausl\u00e4ndischer Agenten&#8220;, darunter international bekannte wie der Krimiautor Boris Akunin und Dmitrij Gluchowskij, der mit seinen d\u00fcsteren, dystopischen Romanen bekannt geworden ist. Ihre B\u00fccher sind zwar formal nicht verboten, d\u00fcrfen aber nur in undurchsichtiger Verpackung mit dem Vermerk &#8222;ab 18 Jahren&#8220; verkauft werden \u2013 was bedeutet, dass Cover und Titel vollst\u00e4ndig verdeckt sind. Viele Buchhandlungen nehmen solche Werke lieber ganz aus dem Sortiment.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nDas Ziel dahinter ist, die gesamte Branche in Angst und Unsicherheit zu versetzen \u2013 und damit die Selbstzensur zu f\u00f6rdern: Aus Angst vor Strafen und Problemen verzichten Verlage und Buchhandlungen von vornherein auf manche Titel und Autoren. B\u00fccher verschwinden, bevor sie \u00fcberhaupt beanstandet werden k\u00f6nnen. Dabei bleibt alles bewusst vage formuliert, sodass niemand genau wei\u00df, welches Buch als unerw\u00fcnscht gilt.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung3\" class=\"jumpLabel\">Absurde Ausw\u00fcchse: Tote im Fokus<\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nMitunter nimmt die Zensur absurde Z\u00fcge an. Der Verlag &#8222;Belaja Worona&#8220; hat erst vor Kurzem den Verkauf mehrerer B\u00fccher des Kinderbuchautors und Illustrators Sven Nordqvist \u00fcber das K\u00e4tzchen Findus und seinen Besitzer Pettersson ausgesetzt, nur weil die \u00dcbersetzerin, Alexandra Poliwanowa, als ausl\u00e4ndische Agentin eingestuft wurde.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nAuch Werke von Autoren, die in der <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/geschichte\/zeitgeschichte-gegenwart\/politik-gesellschaft\/ende-der-sowjetunion-100.html\" title=\"Der Tag, an dem die Sowjetunion unterging\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Sowjetunion<\/a> als loyal galten, wurden bereits beschlagnahmt. Selbst Tote k\u00f6nnen der informellen Zensur zum Opfer fallen \u2013 so wie es in einer Petersburger Buchhandlung mit B\u00fcchern des 1997 verstorbenen Dichters Bulat Okudschawa geschah, nur weil das sp\u00e4ter verfasste Vorwort von Dmitij Bykow stammt, der schon Anfang der 2010er Jahre gegen die politischen Verh\u00e4ltnisse in Russland protestierte und 2022 als &#8222;ausl\u00e4ndischer Agent&#8220; gebrandmarkt wurde. Sogar \u00fcber einhundert Jahre alte Werke werden aus Bibliotheken entfernt, etwa ein philosophischer Essay \u00fcber Sexualit\u00e4t von 1911.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung4\" class=\"jumpLabel\"><strong>B\u00fccher mit queeren Themen tabu<\/strong><\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nEin besonderer Fokus der Zensur liegt auf B\u00fcchern mit LGBT-Themen. Bereits im Dezember 2022 unterzeichnete Wladimir Putin ein Gesetz, das die &#8222;Propagierung nichttraditioneller Beziehungen&#8220; f\u00fcr Menschen jeden Alters untersagt. Zuvor galten entsprechende Verbote nur f\u00fcr Minderj\u00e4hrige. Das Gesetz sieht Strafen f\u00fcr das &#8222;Bewerben&#8220;, &#8222;Aufdr\u00e4ngen&#8220; und die blo\u00dfe &#8222;Darstellung&#8220; von LGBT-Inhalten vor.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nWie dieses Verbot ausgelegt wird, zeigte sich an mehreren Eingriffen in den Buchhandel: Am 23. April 2024, dem Welttag des Buches, verschwanden gleich mehrere Bestseller aus dem Handel \u2013 unter anderem international anerkannte Werke mit queeren Inhalten, wie &#8222;Ein wenig Leben&#8220; von Hanya Yanagihara, ein Roman \u00fcber lebenslange Freundschaft, Trauma und die Identit\u00e4t schwuler M\u00e4nner, sowie &#8222;Das Lied des Achill&#8220; von Madeline Miller, das die Liebesgeschichte zwischen Achill und Patroklos in einer modernen literarischen Sprache neu erz\u00e4hlt. Die Verlagsgruppe AST stellte zudem den Verkauf von B\u00fcchern des Pulitzer-Preistr\u00e4gers Michael Cunningham (&#8222;Die Stunden&#8220;) und des Klassikers der amerikanischen Literatur James Baldwin ein \u2013 beides Autoren, die in ihren Werken offen homosexuelle Figuren und Themen behandeln.\n<\/p>\n<p><a name=\"sprung5\" class=\"jumpLabel\"><strong>Zensur wie in der Sowjetunion<\/strong><\/a><\/p>\n<p class=\"text\">\nEbenfalls im April 2024 wurde dann de facto zur Aufsicht wie in Sowjet-Zeiten zur\u00fcckgekehrt: Die Beh\u00f6rden richteten beim Russischen Buchverband ein Expertengremium ein, das Ver\u00f6ffentlichungen auf Gesetzeskonformit\u00e4t pr\u00fcft. Mit dabei: Vertreter der Medienaufsichtsbeh\u00f6rde<strong> <\/strong>&#8222;Roskomnadsor&#8220;, der Russisch-Orthodoxen Kirche und milit\u00e4rhistorischer Gesellschaften. Ein solches Gremium l\u00e4sst viele an die &#8222;Hauptverwaltung der Angelegenheiten der Literatur und des Verlagswesens (Glawlit)&#8220; in der ehemaligen Sowjetunion denken, die bis 1991 f\u00fcr die staatliche Zensur zust\u00e4ndig war.\n<\/p>\n<p class=\"text\">\nF\u00fcr Aufsehen sorgte k\u00fcrzlich eine \u00c4u\u00dferung des fr\u00fcheren Kulturministers Michail Schwydkoi. In einem Beitrag f\u00fcr die Regierungszeitung &#8222;Rossijskaja Gaseta&#8220; Anfang Juli kritisierte er die derzeitige Form der Zensur in Russland als ineffizient und chaotisch. Anstelle vager Verbote durch uninformierte Beamte pl\u00e4diert Schwydkoi \u2013 einst als der liberalste Regierungsvertreter des Landes bekannt \u2013 f\u00fcr eine offene R\u00fcckkehr zu staatlich organisierter Zensur nach sowjetischem Vorbild, betrieben von professionellen Zensoren. Nur so lasse sich eine &#8222;gesunde Atmosph\u00e4re&#8220; im Kulturbetrieb erhalten. Die fr\u00fchere Zensur in der UdSSR, so Schwydkoi, habe immerhin klare Regeln geboten und dadurch vor willk\u00fcrlicher Strafverfolgung gesch\u00fctzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Zensur mittels &#8222;weicher Verbote&#8220; Dabei handelt es sich um sogenannte &#8222;weiche Verbote&#8220; \u2013 das hei\u00dft, dass es keine&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":281712,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[29287,1784,1785,29,214,1549,30,14225,93,81,11314,14,9823,307,859,860,861,215,54754,30345,103,63],"class_list":{"0":"post-281711","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-autoren","9":"tag-books","10":"tag-buecher","11":"tag-deutschland","12":"tag-entertainment","13":"tag-extremismus","14":"tag-germany","15":"tag-lgbt","16":"tag-literatur","17":"tag-mdr","18":"tag-meinungsfreiheit","19":"tag-nachrichten","20":"tag-pressefreiheit","21":"tag-russland","22":"tag-sachsen","23":"tag-sachsen-anhalt","24":"tag-thueringen","25":"tag-unterhaltung","26":"tag-verlage","27":"tag-verleger","28":"tag-welt","29":"tag-zensur"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114889100152594429","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/281711","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=281711"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/281711\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/281712"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=281711"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=281711"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=281711"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}