{"id":282579,"date":"2025-07-21T11:47:12","date_gmt":"2025-07-21T11:47:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/282579\/"},"modified":"2025-07-21T11:47:12","modified_gmt":"2025-07-21T11:47:12","slug":"sigmar-polke-und-van-gogh-in-arles-abschiedsausstellung-von-bice-curiger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/282579\/","title":{"rendered":"Sigmar Polke und van Gogh in Arles: Abschiedsausstellung von Bice Curiger"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"headline__lead\">Die Schweizerin Bice Curiger verabschiedet sich als Leiterin der Fondation Vincent van Gogh in Arles mit einer Ausstellung ihres K\u00fcnstlerfreundes Sigmar Polke.<\/p>\n<p>   <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" alt=\"Sigmar Polke sch\u00fcttelte mit seiner Kunst die Welt durcheinander. Bild: D\u00fcsseldorf, 1971.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"3963\" height=\"5953\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/3466b3e6-ba01-4b23-8287-97ff32fde098.jpeg\" loading=\"eager\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    Sigmar Polke sch\u00fcttelte mit seiner Kunst die Welt durcheinander. Bild: D\u00fcsseldorf, 1971. <\/p>\n<p>Angelika Platen \/ BPK<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j096h00h1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text\">In Arles geht eine \u00c4ra zu Ende: Nach vierzehn Jahren gibt Bice Curiger die k\u00fcnstlerische Leitung der Fondation Vincent van Gogh ab. Mit ihrer letzten umfassenden Ausstellung, die Sigmar Polke gewidmet ist, setzt sie nochmals ein Zeichen ihres kenntnisreichen kuratorischen Engagements. Im rhythmischen Wechsel l\u00f6sen sich Bilder, Objekte, Fotoarbeiten und Filme ab und lassen Sigmar Polke als K\u00fcnstler und Mensch lebendig werden.<\/p>\n<p> Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen <\/p>\n<p>\n        NZZ.ch ben\u00f6tigt JavaScript f\u00fcr wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.\n      <\/p>\n<p>Bitte passen Sie die Einstellungen an.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j096h00h2\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Bice Curiger war eine Art Schwester im Geist von Sigmar Polke. Die beiden begegneten sich in ihrer Jugend und blieben sich zeitlebens verbunden. Die Schweizer Kuratorin widmete dem K\u00fcnstler Ausstellungen und Artikel. Von diesem umfassenden Wissen profitiert nun die Schau in Arles.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j096h00h3\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Da trafen zwei Rebellen aufeinander, zwei Sympathisanten der 68er Bewegung. Davon zeugt auch der Titel der Ausstellung, \u00abUnter dem Pflaster liegt die Erde\u00bb, der sich auf den Slogan der sp\u00e4ten sechziger Jahre \u00abUnter dem Pflaster liegt der Strand\u00bb bezieht. Er verbindet Protest am Bestehenden und Sehnsucht nach Befreiung. Die beiden \u00abskeptischen Utopisten\u00bb, wie Bice Curiger sich und ihren K\u00fcnstlerfreund nannte, brauchten die Realit\u00e4t, um sich dann kritisch-ironisch von ihr zu distanzieren.<\/p>\n<p>Hommage an die Kartoffel<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j096h00i0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Polkes waches und kritisches Bewusstsein f\u00fcr die Wirklichkeit verbindet ihn mit Vincent van Gogh, dem Namensgeber des Museums, der in der Stadt Arles lebendige Spuren hinterlassen hat. Seine ernste Anteilnahme an den Mitmenschen seiner Umgebung floss in die fr\u00fchen Bilder wie \u00abKartoffelesser\u00bb (1885) und \u00abBauer und B\u00e4uerin beim Pflanzen von Kartoffeln\u00bb (1885) ein.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Vincent van Gogh: \u00abTravail des champs\u00bb, 1885, \u00d6l auf Leinwand.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"2575\" height=\"2043\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    Vincent van Gogh: \u00abTravail des champs\u00bb, 1885, \u00d6l auf Leinwand. <\/p>\n<p>Kunsthaus Z\u00fcrich, 1927<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j096h00i1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Die beiden in der Ausstellung gezeigten Bilder sind in den Niederlanden entstanden und wirken dumpf, dunkel und erdverbunden. Noch wusste van Gogh nichts von der Befreiung der Farbe im Licht, wie er sie im S\u00fcden Frankreichs kennenlernen sollte. Auch Polke hatte in seiner fr\u00fchen Jugend wenig zu lachen. Er wurde in Niederschlesien (heute Polen) geboren und floh mit seiner Familie aus der DDR nach Westberlin. In D\u00fcsseldorf fand er im Austausch mit K\u00fcnstlerkollegen wie Gerhard Hoehme und Karl Otto G\u00f6tz, Gerhard Richter, Konrad Lueg und Joseph Beuys bald zu einem eigenen bildnerischen Ausdruck.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j096h00i2\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Wie f\u00fcr van Gogh spielte auch f\u00fcr ihn die Kartoffel als Motiv und Symbol eine Rolle. Er liess sich von der staubigen Knolle zu seinem luftig-lichten \u00abKartoffelhaus\u00bb inspirieren. Ein einfaches Holzgestell ist an den Ecken der Verstrebungen mit Kartoffeln best\u00fcckt. Augenzwinkernd kommen hier dadaistische Spielfreude und minimalistische Formreduktion zusammen und verbinden sich zu Polkes Hommage an die Kartoffel, die f\u00fcr ihn wie f\u00fcr van Gogh als Metapher f\u00fcr das Armeleuteessen steht.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Sigmar Polke: \u00abKartoffelhaus\u00bb, 1967\u20131990.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"10328\" height=\"7760\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"   class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    Sigmar Polke: \u00abKartoffelhaus\u00bb, 1967\u20131990. <\/p>\n<p>Pinault Collection<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j096h00i3\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Beide beziehen sich damit auf ihre unmittelbare Wirklichkeit. Mit der Kartoffel wie mit einfachen Wolldecken als Bildgrund beschwor Polke die Tristesse der deutschen Nachkriegsgesellschaft herauf. Was van Gogh nicht gelungen ist, schaffte Sigmar Polke einige Generationen sp\u00e4ter. Der Deutsche konnte sich vom Sog des oft beklemmenden Alltags losl\u00f6sen und sich in andere, allein der Kunst zugeh\u00f6rige Dimensionen katapultieren.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j096h00i4\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">W\u00e4hrend K\u00fcnstlerkollegen wie Joseph Beuys oder Bruce Nauman stets mit ernstem, nachdenklichem Blick in die Kamera schauten, mokiert sich Sigmar Polke in der Selbstdarstellung \u00fcber die eigene Person genauso wie \u00fcber die Gattung. Er zeigt sich einmal als sein eigener Doppelg\u00e4nger, dann wieder nur mit einer weiten Unterhose und einem flatternden Papierschal bekleidet als Palme, die Lieblingspflanze der 68er Bewegung. Polkes unverwechselbarer, von Ironie durchzogener Humor trieb ihn auch zum Spiel mit dem Publikum. So behauptet er auf einer Bildtafel, dass 1+1=3 oder 1+5=2 sei, und betitelt die auf Sackleinen gemalten Zahlenreihen als \u00abL\u00f6sungen\u00bb, womit er sein Gegen\u00fcber vollends vor den Kopf st\u00f6sst.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j096h00i5\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Die elementaren Gewissheiten werden \u00fcber Bord geworfen. Es tut aber gut zu merken, dass man auch Axiomen nicht blind vertrauen sollte und sie infrage stellen darf. Auf diese hintersinnige Weise hat Sigmar Polke die Welt durcheinandergesch\u00fcttelt und sie f\u00fcr neue k\u00fcnstlerische L\u00f6sungen ge\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Der K\u00fcnstler als Alchemist<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j096h00i7\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Polkes Bilder geben oft R\u00e4tsel auf. Das eine fragt \u00abWo ist der Hirsch?\u00bb, das andere verspricht \u00abLumpi hinter dem Ofen\u00bb. Man kann die Tiere zwar erahnen, aber nicht im Bild erkennen. Umso genauer schaut man hin, und es entpuppt sich dabei als wahres Palimpsest. Hinter jeder Bildebene verbirgt sich eine weitere und er\u00f6ffnet einen Raum, der zwischen Tiefe und Fl\u00e4che, N\u00e4he und Ferne oszilliert.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Sigmar Polke: \u00abLumpi hinter dem Ofen\u00bb, 1983, \u00d6l auf Leinwand.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"2400\" height=\"2968\" src=\"data:image\/gif;base64,R0lGODlhAQABAAAAACH5BAEKAAEALAAAAAABAAEAAAICTAEAOw==\" loading=\"lazy\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    Sigmar Polke: \u00abLumpi hinter dem Ofen\u00bb, 1983, \u00d6l auf Leinwand. <\/p>\n<p>The George Economou Collection<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j096h00i8\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Im experimentierfreudigen Umgang mit den verschiedensten Materialien und Stoffen, den aus der Natur gewonnenen genauso wie den k\u00fcnstlich hergestellten, stiess Polke in r\u00e4tselvolle, oft verf\u00fchrerisch sch\u00f6ne Bildwelten vor. Mit ihnen erweist er sich als Alchemist, der aus Blei Gold herstellt. Er selbst mochte diesen Vergleich und trug immer ein Blatt Gold bei sich.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j096h00i9\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Der Ausstellungsparcours endet mit einer Filmdokumentation \u00fcber Polkes Kirchenfenster f\u00fcr das Grossm\u00fcnster in Z\u00fcrich. Auch der Z\u00fcrcher Fensterzyklus ist der Initiative von Bice Curiger (zusammen mit Jacqueline Burckhardt) zu verdanken und bildet als letztes Werk im Schaffen des 2010 verstorbenen K\u00fcnstlers ein eindr\u00fcckliches Finale. Nochmals verbindet sich hier der von Wissen und Erfahrung geleitete Einsatz der Materialien mit h\u00f6chster Gestaltungslust und Ausdruckskraft.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j096h00j0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Die Achatfenster in Z\u00fcrich speichern das Tageslicht, der Turmalin hingegen funkelt im Licht. Sowohl die Ausstellung in Arles wie der Zyklus der Kirchenfenster in Z\u00fcrich sind aus der inspirierenden Begegnung eines Ausnahmek\u00fcnstlers mit einer kongenialen Kuratorin gewachsen. Beide verm\u00f6gen die Wirklichkeit mit einer anderen Brille zu sehen.<\/p>\n<p data-team-footnote=\"\" id=\"id-doc-1j096h00j1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"footnote\" data-vars-danzz-last-article-element=\"true\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent footnote nzzinteraction\">\u00abSigmar Polke\u00bb, Fondation Vincent van Gogh, Arles, bis 26.\u00a0Oktober. Katalog: \u20ac\u00a046.\u2013.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Schweizerin Bice Curiger verabschiedet sich als Leiterin der Fondation Vincent van Gogh in Arles mit einer Ausstellung&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":282580,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,29,214,30,1794,215],"class_list":{"0":"post-282579","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-kunst-und-design","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114891066682226459","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/282579","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=282579"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/282579\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/282580"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=282579"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=282579"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=282579"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}