{"id":282871,"date":"2025-07-21T14:28:12","date_gmt":"2025-07-21T14:28:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/282871\/"},"modified":"2025-07-21T14:28:12","modified_gmt":"2025-07-21T14:28:12","slug":"paul-lynch-jenseits-der-see","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/282871\/","title":{"rendered":"Paul Lynch: &#8222;Jenseits der See&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>\u201eWer wei\u00df schon, ob das Leben Tod ist, oder der Tod das Leben?\u201c, r\u00e4tselte der antike griechische Dichter Euripides vor zweieinhalbtausend Jahren. Mit dem Satz \u00fcber die Austauschm\u00f6glichkeiten von Tod und Leben er\u00f6ffnet Paul Lynch seine Novelle. Und deutet an, dass \u201eJenseits der See\u201c mehr erz\u00e4hlen wird als den \u00dcberlebenskampf zweier Fischer, die vor der K\u00fcste Mexikos in einen Sturm geraten und so konfrontiert werden mit der nackten menschlichen Existenz angesichts jener Katastrophe, die sich in einer der ersten Szenen ank\u00fcndigt: \u00a0<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">\u201eVon Nordost kommt Sturm auf. Die Meldung ist raus. Sieh dir doch den Strand an. Die meisten Boote sind rausgezogen. Die \u00fcbrigen kommen gerade rein.\u201c<\/p>\n<p>              Konfrontiert mit der Sinnlosigkeit allen Seins<\/p>\n<p>Obwohl die Warnung abgesetzt wurde, werden sich an diesem Tag zwei Menschen in \u00e4u\u00dferste Gefahr begeben \u2013 und dabei mit der Sinnlosigkeit allen Seins konfrontiert werden. Die Konstellation und ihre symbolische Ausdeutung sind keinesfalls neu. Hans Blumenberg hat bereits das Motiv des Schiffbruchs von der Antike bis in die Gegenwart untersucht und als philosophische Leitmetapher erkannt. <\/p>\n<p>Lynchs Buch beginnt \u00fcberaus harmlos und stellt einen Helden vor, der in der Mitte seines Lebens steht, wie der Reisende in Dantes \u201eG\u00f6ttlicher Kom\u00f6die\u201c oder der Seemann Charlie Marlow in Joseph Conrads \u201eHerz der Finsternis\u201c. Lynch charakterisiert seinen Helden Bolivar als geistestr\u00e4ge Figur, als einen Mann, der ambitionslos in den Tag hineinlebt, der Spelunken besucht und leidenschaftlich raucht, seinen Job als Fischer immer mal wieder vernachl\u00e4ssigt und weiblichen Verlockungen eher lose ergeben ist, weshalb ihm auch bescheinigt wird: \u201eDu glaubst an nichts. Du k\u00fcmmerst dich um nichts, nur um dich selbst.\u201c<\/p>\n<p>              Totenkopf als Menetekel<\/p>\n<p>Bolivar will sich ein gutes Gesch\u00e4ft nicht entgehen lassen und sticht trotz des dr\u00e4uenden Unwetters in See \u2013 und versucht zuvor, den unerfahrenen Hector anheuern, einen scheuen Jungen, der sich keineswegs vom \u00fcppigen Lohn anlocken l\u00e4sst, sondern Bolivar einen Verr\u00fcckten nennt. Auch dies ist ein Topos verschiedener Abenteuerstorys: die Warnung des Sehers vor der Gefahr \u2013 eine Warnung, die stets in den Wind geschlagen wird. Bolivar l\u00e4sst sich nicht beirren. Er stimmt den Jungen um, verspricht ihm die H\u00e4lfte des gemeinsamen Fangs, ums\u00e4uselt ihn auf manipulative Weise.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">\u201eSag mir, Hector, was ist ein Sturm? Ein bisschen Wind, mehr nicht. Das Meer wird ein bisschen kabbelig. Echte Fischer sind so was gew\u00f6hnt. Mir ist noch kein Sturm begegnet, der mich unterkriegt. Wir fahren einfach raus und kommen einfach wieder rein. Kein Stress.\u201c<\/p>\n<p>Dass auf Hectors Pullover wie als Menetekel ein Totenkopf gedruckt ist, wird Bolivar erst sp\u00e4ter erkennen. Da sind die beiden bereits auf hoher See. Sie fahren weiter als die anderen Schiffer dorthin, wo Bolivar glaubt, besonders fette Beute zu machen. <\/p>\n<p>Dann erfasst der Sturm die Fischer. Das Funkger\u00e4t f\u00e4llt aus. Der Motor versagt. Damit ist klar, dass sie aus eigener Kraft nicht mehr an Land zur\u00fcckkommen k\u00f6nnen. Bolivar und Hector sind nun auf hoher See in Gottes Hand. Sie k\u00f6nnen lediglich abwarten, in banger Hoffnung. Ausschau halten nach einem Flugzeug, nach Rettungsbooten.<\/p>\n<p>              Die Reise als Parabel<\/p>\n<p>Bolivar bleibt verf\u00fchrbar von fantastischen Welten, in die er sich so lang verkrochen hat, offen f\u00fcr Visionen und Rettungsfantasien. Sein tiefgl\u00e4ubiger Begleiter begegnet der ernsten Lage dagegen offenen Auges \u2013 und zeigt sich standhaft wie der ebenfalls Hektor genannte Heerf\u00fchrer Trojas in der \u201eIlias\u201c von Homer. Auf hoher See wird Paul Lynchs Novelle zum Kammerspiel \u00fcber zwei Menschen auf engstem Raum, die derselben Extremsituation ausgesetzt sind, aber auf je verschiedene Weise der drohenden Vernichtung begegnen.<\/p>\n<p>Deutlich wird, dass diese Reise als mehrdeutige Parabel angelegt ist, als Sinnbild des Lebenswegs, als Versuch \u00fcber die Absurdit\u00e4t unserer Existenz, als Gewissenspr\u00fcfung und als Meditation \u00fcber das Gemeinwesen an sich: Wie wichtig \u2013 so eine im Hintergrund immer mitlaufende Frage \u2013 sind stabile Bindungen? <\/p>\n<p>              Weder Himmel noch H\u00f6lle &#8211; sondern eine Strafe<\/p>\n<p>Schuld ist das gro\u00dfe Thema dieser Novelle, die sich deutlich unterscheidet von den zuvor auf Deutsch erschienenen Romanen \u201eGrace\u201c und \u201eDas Lied des Propheten\u201c, die sprachlich unkonzentriert waren, w\u00e4hrend diese Geschichte ihre literarische Spannkraft beh\u00e4lt, nicht ausfranst, sondern mit Bedacht ganz nah an seine Figuren r\u00fcckt. Wie bei einer teilnehmenden Beobachtung folgt der Text forschenden Blicks den Wandlungen dieser Lebensreise, weitet aber jederzeit den Horizont \u00fcber das real Gegebene hinaus, sodass dieses kleine Boot ebenso als Charons Barke erscheint, die zwei verlorene Seelen zur anderen Seite des Hades \u00fcbersetzt: ins \u201eJenseits\u201c der See.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">\u201eWei\u00dft du, Bolivar, das ist weder Himmel noch H\u00f6lle. Das ist unsere Strafe. Wir sind ausgesto\u00dfen. Wir haben Gott aus den Augen verloren. Jetzt lernen wir, was es in Wahrheit bedeutet, ihn nicht zu sehen. Nicht sehen. Nie sehen. Nie sehen werden. Vielleicht immer nicht. Das ist die wahre Abwesenheit. Sie muss als Leid erfahren werden.\u201c<\/p>\n<p>Ihre Reise verzettelt sich, wird strukturlos wie der Text, der auf sprachlicher Ebene zwischen Gedankenstr\u00f6men und tagebuchartigen Beobachtungen schwankt, die Zeit ins schier Endlose dehnt, bis pl\u00f6tzlich ein einzelnes Wort auf der fast leeren Seite hervorsticht: \u201eSturm\u201c. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend Bolivar den Realit\u00e4tsgrund unter sich irgendwann doch wieder sp\u00fcrt, aus seinem Traum zu erwachen scheint, schw\u00e4chelt der J\u00fcngere. Hector gewahrt, dass er seine Kraft und Standfestigkeit, dass er seinen Glauben und somit den eigenen Verstand verliert.<\/p>\n<p>Dieser Schiffbruch hat tats\u00e4chlich stattgefunden. Am 17. November 2012 stachen Salvador Alvarenga und der 20-j\u00e4hrige Ezequiel C\u00f3rdoba vom mexikanischen Fischerdorf Costa Azul aus in den Pazifischen Ozean. Auch sie gerieten in st\u00e4rkstes Unwetter. Ihr Boot trieb 438 Tage auf dem Meer und legte eine Strecke von 10.000 Kilometern zur\u00fcck. Die totgeglaubten Seem\u00e4nner ern\u00e4hrten sich wie im Buch von rohem Fisch, von Vogelblut und Quallen. Nur Salvador Alvara sollte nach \u00fcber 14 Monaten auf den Marshallinseln stranden. Sein Begleiter war angeblich verhungert \u2013 und der so wundersam Gerettete sollte noch lang verd\u00e4chtigt werden, er habe Ezequiel C\u00f3rdoba schlichtweg aufgegessen. <\/p>\n<p>              Bez\u00fcge zu Joseph Conrad und Apocalypse Now<\/p>\n<p>Doch hat der irische Schriftsteller diesen Schiffbruch und seine Hintergr\u00fcnde ausreichend verfremdet. Wie Joseph Conrad, der seine Erfahrungen als Handelsschiffsoffizier im belgisch kolonisierten Kongo mythologisch \u00fcberh\u00f6hte in \u201eHerz der Finsternis\u201c &#8211; dieser unheimlichen Erz\u00e4hlung, die eindreiviertel Jahrhundert sp\u00e4ter die Vorlage bilden sollte f\u00fcr Francis Ford Coppolas Vietnamkriegsfilm \u201eApocalypse Now\u201c. Auf das Buch und den Blockbuster bezieht sich Lynch nicht nur im Aufbau, sondern auch in Details seiner Geschichte.<\/p>\n<p>Ob das Leben nun Tod oder der Tod das Leben ist, beantwortet Paul Lynchs \u201eJenseits der See\u201c nicht. Das m\u00fcssen die Leserinnen und Leser f\u00fcr sich selbst entscheiden, so wie Bolivar, der selbst nach anderthalbj\u00e4hrigem Radikalexil an seiner urspr\u00fcnglichen Identit\u00e4t festhalten wird. Er bekennt mit letzter Kraft: \u201eIch bin blo\u00df ein Fischer.\u201c <\/p>\n<p>Mehr nicht \u2013 aber auch keinesfalls weniger. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"\u201eWer wei\u00df schon, ob das Leben Tod ist, oder der Tod das Leben?\u201c, r\u00e4tselte der antike griechische Dichter&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":282872,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,10927,30,5300,83706,2337,93,83705,1795,215],"class_list":{"0":"post-282871","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-fischer","13":"tag-germany","14":"tag-irland","15":"tag-jenseits-der-see","16":"tag-lesen","17":"tag-literatur","18":"tag-paul-lynch","19":"tag-roman","20":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114891699286709045","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/282871","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=282871"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/282871\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/282872"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=282871"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=282871"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=282871"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}