{"id":283020,"date":"2025-07-21T15:53:12","date_gmt":"2025-07-21T15:53:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/283020\/"},"modified":"2025-07-21T15:53:12","modified_gmt":"2025-07-21T15:53:12","slug":"szene-in-aufruhr-deutschrap-ist-nicht-tot-aber-deutschrap-liegt-im-sterben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/283020\/","title":{"rendered":"Szene in Aufruhr: Deutschrap ist nicht tot. Aber Deutschrap liegt im Sterben"},"content":{"rendered":"<p>Deutschrap ist so erfolgreich wie nie zuvor. Und dennoch entbrennt gerade eine heftige Debatte \u00fcber den Status quo der Szene. Ist deutscher HipHop noch eine vitale Jugendkultur? Die Antwort ist: leider nicht.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Es gibt wenige popkulturelle Rituale, die so zuverl\u00e4ssig einge\u00fcbt sind wie der Abgesang. Wahlweise trifft es da Jugend- und Subkulturen oder gleich auch einmal ganze Genres. Und diesen Sommer hat es Deutschrap erwischt. Ironisch dabei ist, dass der Grabredner ausgerechnet ein seit \u00fcber mehrere Generationen selbst totgeglaubter Protagonist aus den Anfangstagen des Genres ist, MC Rene n\u00e4mlich, der seine Bl\u00fctezeit als Moderator des Viva-HipHop-Formats \u201eMixery Raw Deluxe\u201c Anfang des neuen Jahrhunderts hatte, zu einer Zeit, als die sogenannten jungen Leute noch vor dem Fernseher gesessen haben, also zu einer Zeit, die verdammt lange zur\u00fcckliegt. <\/p>\n<p>MC Rene \u00e4u\u00dferte sich jetzt jedenfalls mit einem vielbeachteten Instagram-Post zum Status quo der Szene. Anlass war das diesj\u00e4hrige Splash-Festival, das allj\u00e4hrliche Deutschrap-Klassentreffen, dessen Line-up er genauso kritisch sieht wie das gegenw\u00e4rtige Publikum. \u201eDas Splash ist l\u00e4ngst mehr als ein Musikfestival\u201c, schreibt er. \u201eEs ist ein Spiegelbild. Es zeigt eine Gesellschaft, die lieber Memes feiert als Inhalte, lieber Performance als Substanz kauft.\u201c Der Post ging viral und er\u00f6ffnete eine Debatte um die Frage, wie es um Deutschrap steht und ob das Genre wirklich so tot ist, wie viele Kommentatoren weit \u00fcber MC Rene hinaus das konstatieren.<\/p>\n<p>Die Frage ist spannend, denn auf den ersten Blick erscheint die Situation durchaus paradox. Rein quantitativ ist Deutschrap so erfolgreich wie nie zuvor. Deutscher Rap dominiert die Spotify-Playlists und somit die Charts, zugleich geht der neue Erfolg aber auch mit einem radikalen Wandel der Szene einher. Tats\u00e4chlich ist Deutschrap keine subkulturelle Bewegung mehr, die sich durch eigene, einge\u00fcbte Codes, durch eine eigene Sprache und einem eigenen kulturellen Verst\u00e4ndnis auszeichnet, das sich einst zwischen Battlerap-Contests, \u00fcberlangen Trash-Interviewformaten, Memes und Rapupdate-Kommentaren etablierte.<\/p>\n<p>Deutschrap ist nun Pop und Pop ist der Tod einer Subkultur<\/p>\n<p>Deutscher HipHop ist l\u00e4ngst im Mainstream-Pop aufgegangen. Die erfolgreichsten Artists der Gegenwart werden zwar weiterhin als Deutschrap klassifiziert, \u00f6ffnen sich musikalisch und kulturell aber einer sehr breiten Masse, die mit dem klassischen Zielpublikum der letzten Jahre kaum noch etwas zu tun hat. Von Apache 207 zu Shirin David von Ski Aggu zu <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article255896732\/Ikkimel-Der-Hass-auf-die-Rapperin-hat-nicht-nur-etwas-mit-Neid-zu-tun.html\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/kultur\/article255896732\/Ikkimel-Der-Hass-auf-die-Rapperin-hat-nicht-nur-etwas-mit-Neid-zu-tun.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">Ikkimel <\/a>ist eine Generation an K\u00fcnstlern herangewachsen, die zwar noch von der klassischen Szene gepr\u00e4gt wurde, sie aber nicht mehr repr\u00e4sentieren will. Stattdessen legt man das als zu eng empfundene Deutschrap-Korsett ab und transformiert den eigenen Sound und die eigene \u00c4sthetik in ein radio- und hittaugliches Format, das nicht mehr auf den kleinen, eingeschworenen Kreis, sondern auf den Mainstream zielt.<\/p>\n<p>Jetzt k\u00f6nnte man einwenden, dass Evolution im HipHop grunds\u00e4tzlich keine neue Entwicklung, sondern, im Gegenteil, ein essenzielles Wesensmerkmal der Kultur ist. Als Aggro Berlin Anfang der 2000er-Jahre den Untergrund in den Mainstream brachte, war das Gesamtprodukt, das man verk\u00f6rperte, nichts anderes als ein Angriff auf die etablierten Werte der Szene aus den 1990er-Jahren. Auch eine Generation sp\u00e4ter haben K\u00fcnstler wie Kollegah und Farid Bang die klassischen und \u00fcber Jahrzehnte hinweg heiligen Gewissheiten des Genres bewusst attackiert. Die vier klassischen S\u00e4ulen des HipHop (DJing, Rap, Breakdance und Graffiti) rissen sie ein und ersetzen sie durch ihre eigene Definition von HipHop-Werten: Geld z\u00e4hlen, Girls kl\u00e4ren, Gangbang und McFit. Eine Interpretation \u00fcbrigens, die sich durchgesetzt hat.<\/p>\n<p>Aber es gibt einen Unterschied zu den heutigen Entwicklungen. Damals wurden Werte umdefiniert, etwas Neues hat das Alte ersetzt, und aus der Reibung zwischen den Generationen entstand die Energie, die eine Szene mit all ihren Spannungen immer wieder revitalisiert hat. Heute werden keine neuen Werte, Ideen oder \u00c4sthetiken mehr geschaffen, sie werden einfach aufgel\u00f6st. Deutschrap geht blo\u00df im Pop auf. Und ja, damit wird Deutschrap so gro\u00df, bunt, breit und erfolgreich, wie er es gerade ist, er wird aber auch so beliebig wie nie zuvor. Wer heute Deutschrap h\u00f6rt, der h\u00f6rt auch Schlager, Techno, Pop, Ballermann oder einfach nur Radio.<\/p>\n<p>Ein Shindy in rosa Gay-Bitch-\u00c4sthetik, ein SSIO im Hype<\/p>\n<p>Wer vom Mainstream gefressen wird, der tauscht Erfolg gegen kulturelle Potenz. Und das f\u00fchrt dazu, dass das tragende Fundament einer Subkultur zerbricht. Festivals werden nicht mehr von distinktiv Gleichgesinnten, sondern von der Beliebigkeit einer Generation Yolo geflutet, Mode als Erkennungscode spielt keine Rolle mehr, und die gro\u00dfen Stars sind lange abgetreten. <\/p>\n<p>Bushido hat das Gangsterimage ganz bewusst gegen wechselnde RTL-Formate eingetauscht, Kollegah will jetzt nur noch Influencer sein, und selbst die einst f\u00fcr die Szene so wichtigen HipHop-Medien haben keinerlei Bedeutung mehr. Statt Szeneberichterstattung wird nun im zugem\u00fcllten Zimmer der Twitchstream f\u00fcr eine Handvoll Zuschauer angeschmissen. Einstige Rapgr\u00f6\u00dfen finden derweil ihre letzten finanziellen Brotkrumen in w\u00fcrdelosen Casino-Streams.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es noch immer Ausnahmen, der Bonner Rapper SSIO l\u00f6st mit der Promo zu seinem neuen Album einen veritablen Hype aus, ein Shindy erfindet sich in einer funkelnd rosa Gay-Bitch-\u00c4sthetik neu und euphorisiert damit nicht blo\u00df das rapprogessive Lager. Und nat\u00fcrlich gibt es auch einen spannenden Untergrund (Lacazette), sowie eine nachwachsende Generation mit Superstarpotenzial (Pashanim, Yazeek).<\/p>\n<p>Dennoch sind das eher Leuchtfeuer in einer doch kulturell sehr dunklen Nacht: Die einstigen S\u00e4ulen, die die Szene getragen haben, sind l\u00e4ngst abgerissen. Deutschrap ist somit zwar nicht tot. Aber die Szene, die das Genre getragen hat, liegt zweifelsohne im Sterben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Deutschrap ist so erfolgreich wie nie zuvor. 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