{"id":283857,"date":"2025-07-21T23:52:10","date_gmt":"2025-07-21T23:52:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/283857\/"},"modified":"2025-07-21T23:52:10","modified_gmt":"2025-07-21T23:52:10","slug":"80-jahre-stz-die-anfaenge-renaissance-der-pressefreiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/283857\/","title":{"rendered":"80 Jahre StZ- die Anf\u00e4nge: Renaissance der Pressefreiheit"},"content":{"rendered":"<p>An Adolf Hitlers 56. Geburtstag gibt es in <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuttgart<\/a> selbst f\u00fcr Nazis nichts mehr zu feiern. Abends rollen franz\u00f6sische Panzer in Plieningen ein. Damit hat die braune Tyrannei ein Ende. Das letzte Todesopfer des nationalsozialistischen Regimes ist wohl der Landwirt Karl Bauch aus Stammheim. Er kutschiert Weizen zur M\u00fchle nach Schwieberdingen. So erz\u00e4hlt es der ehemalige Stadtarchivdirektor Hermann Vietzen. Auf der R\u00fcckfahrt passiert Bauch einen franz\u00f6sischen Vorposten, wird kurz danach von einem Leutnant der Wehrmacht angehalten und nach dem Verhalten der anr\u00fcckenden Feinde gefragt. Der Bauer erwidert leutselig: \u201eHa, das ist nicht so schlimm. Ich habe bereits mit den Franzosen in Schwieberdingen ein Glas Bier getrunken.\u201c Daraufhin erschie\u00dft ihn der Leutnant.<\/p>\n<p>Bis zuletzt Durchhalteparolen in den Nazi-Bl\u00e4ttern <\/p>\n<p>An jenem Tag erscheint der \u201eNS-Kurier\u201c in Stuttgart zum letzten Mal. \u201eTrotz alledem\u201c, steht in der braunen Postille zu lesen, \u201eauf den Tr\u00fcmmern unserer sch\u00f6nen Stadt hat zu stehen ein standhaft Herz.\u201c Falls noch irgendjemand Notiz davon nimmt, muss ihm der Satz wie Zynismus \u00fcbelster Sorte erscheinen. Von der \u201esch\u00f6nen Stadt\u201c sind 4,9 Millionen Kubikmeter Schutt und Tr\u00fcmmer geblieben. 80\u2009000 Wohnungen sind ruiniert. F\u00fchrende Nazis demonstrieren, was sie pers\u00f6nlich unter einem standhaften Herzen verstehen: Sie machen sich aus dem Staub, noch bevor alliierte Truppen am Schlossplatz aufmarschieren.<\/p>\n<p>Nach der finalen Ausgabe der im okkupierten Tagblatt-Turm produzierten NS-Gazette herrscht erst einmal Funkstille in der Stadt. Zeitungen d\u00fcrfen vorerst nicht mehr erscheinen. Bevor der Krieg offiziell zu Ende ist, regen sich allerdings schon Vorboten eines politischen Neuanfangs. Ende April und in den ersten Maitagen des Jahres 1945 formieren sich \u201eKampfb\u00fcnde\u201c, die \u201eaufbauwillige und nazifeindliche Kr\u00e4fte\u201c vereinen. Am 7. Mai, dem Tag vor der deutschen Kapitulation, wollen sie die Erstausgabe einer neuen Zeitung in Umlauf bringen. \u201eStuttgarter Aufbau\u201c soll sie hei\u00dfen.<\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/media.media.ac36dc4c-846b-409a-a547-18edfe2f68d2.original1024.media.jpeg\"\/>     Josef Eberle mit Bundespr\u00e4sident Theodor Heuss auf dem Dach des Pressehauses, dem Tagblatt-Turm.    Foto: StZ    <\/p>\n<p>Doch die franz\u00f6sische Milit\u00e4rregierung stoppt den Druck. Zehntausende Exemplare, die schon fertig sind, werden illegal verteilt. Politisches Engagement wollen die Siegerm\u00e4chte nicht dulden. Die Deutschen sollen sich erst einmal als Besiegte f\u00fchlen. Das \u00e4ndert sich zun\u00e4chst auch nicht, als am 8. Juli 1945 die Amerikaner das Regiment in der Stadt \u00fcbernehmen. Colonel William W. Dawson, Milit\u00e4rgouverneur der US-Army in Stuttgart, betont in einer Ansprache, \u201edass jede politische Bet\u00e4tigung zur Zeit verboten ist\u201c. So ist es auch in der Direktive JCS 1067 nachzulesen, einer Art Masterplan f\u00fcr die amerikanische Besatzungspolitik.<\/p>\n<p>Erst auf der Potsdamer Konferenz im August 1945 vereinbaren die Siegerm\u00e4chte, \u201edie endg\u00fcltige Umgestaltung des politischen Lebens auf demokratischer Grundlage vorzubereiten\u201c. Jetzt kann auch wieder eine Zeitung erscheinen \u2013 vorerst aber nur unter amerikanischer Regie. Im August l\u00e4sst die US-Army eine Art Amtsblatt drucken: Die \u201eStuttgarter Stimme\u201c verstummt aber schon nach sieben Ausgaben.<\/p>\n<p>Die Amerikaner suchen neue Journalisten <\/p>\n<p>Hinter den Kulissen suchen die Amerikaner verl\u00e4ssliche Journalisten, denen sie die Neugr\u00fcndung einer unabh\u00e4ngigen Zeitung anvertrauen k\u00f6nnen. Sie werden dabei von Helmut Cron beraten, dem fr\u00fcheren Chefredakteur des Mannheimer Tageblatts, den die Nazis abgesetzt hatten. \u201eDie neue Zeitung sollte den Stil der guten journalistischen Tradition fortsetzen\u201c, schreibt Cron. Sie sollte schlicht Stuttgarter Zeitung hei\u00dfen. Diesen Titel hat sich der amerikanische Presse-Offizier John H. Boxer ausgedacht. Im Vorfeld gibt es noch Streit, weil die Amerikaner sich gegen einen Leitartikel auf der Titelseite sperren. Der habe fr\u00fcher im \u201eStuttgarter Neuen Tagblatt\u201c jedoch immer dort gestanden, argumentiert Cron. Ein Meinungsbeitrag an exponierter Stelle sei als Signal zu verstehen, dass hier nichts \u201eamerikanisch diktiert\u201c werde. So kommt es dann auch.<\/p>\n<p>Die Lizenz f\u00fcr das neue Blatt wird drei h\u00f6chst ungleichen Herren anvertraut: Josef Eberle, Henry Bernhardt und Karl Ackermann. Eberle ist eigentlich ein Radiomann. Bernhard war zu Weimarer Zeiten Privatsekret\u00e4r des Au\u00dfenministers Gustav Stresemann. Ackermann hatte wegen seiner N\u00e4he zur Kommunistischen Partei im KZ gesessen. Die Wege der Herausgeber trennen sich rasch wieder: Eberle bleibt bis 1971 Patron der Stuttgarter Zeitung. Bernhard gr\u00fcndet 1946 die \u201eStuttgarter Nachrichten\u201c. Ackermann gibt sp\u00e4ter den \u201eMannheimer Morgen\u201c heraus. <\/p>\n<p>\u201eEs geht vorw\u00e4rts!\u201c ist sein Leitartikel in der ersten StZ-Ausgabe betitelt. Sie erscheint am 18. September 1945, umfasst zun\u00e4chst nur sechs Seiten, wird aber in einer Auflage von 400\u2009000 Exemplaren gedruckt. Die neu erlangte Pressefreiheit sei \u201edas beste Mittel gegen jenen Pessimismus unserer Landsleute, der in den Ruinen unserer Heimat die Hoffnung auf eine bessere Zukunft begraben sieht\u201c, schreibt Ackermann. Nichts bekunde deutlicher die \u201eehrliche Absicht, mit dem Nazismus fertig zu werden\u201c, als ein \u201evern\u00fcnftiger Gebrauch\u201c dieser Freiheit, die sp\u00e4ter zu einem Grundrecht werden sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"An Adolf Hitlers 56. Geburtstag gibt es in Stuttgart selbst f\u00fcr Nazis nichts mehr zu feiern. 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