{"id":284432,"date":"2025-07-22T06:44:10","date_gmt":"2025-07-22T06:44:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/284432\/"},"modified":"2025-07-22T06:44:10","modified_gmt":"2025-07-22T06:44:10","slug":"die-nazi-zeit-und-unsere-strassen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/284432\/","title":{"rendered":"Die Nazi-Zeit und unsere Stra\u00dfen"},"content":{"rendered":"<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Helfer des Holocaust und Widerst\u00e4ndler gegen den Nationalsozialismus \u2013 so widerspr\u00fcchlich k\u00f6nnen deutsche Biografien des 20. Jahrhunderts sein. Franz J\u00fcrgens (1895\u20131945), Oberstleutnant der Schutzpolizei, schloss sich im April 1945 der \u201eAktion Rheinland\u201c an, die <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/duesseldorf\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">D\u00fcsseldorf<\/a> kampflos an die Alliierten \u00fcbergab; daf\u00fcr wurde er von einem Standgericht zum Tode verurteilt und erschossen. Kostenpflichtiger Inhalt <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/nrw\/staedte\/duesseldorf\/aktion-rheinland-in-duesseldorf-franz-juergens-held-oder-ns-taeter_aid-91704021\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Im Krieg war er in Darmstadt f\u00fcr den Transport von Juden in die Vernichtungslager mitverantwortlich gewesen.<\/a> Schon 1949 wurde der Platz in Unterbilk nach ihm benannt, an dem sich auch das Polizeipr\u00e4sidium befindet.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">J\u00fcrgens\u2018 Rolle in Darmstadt wurde in D\u00fcsseldorf erst vor wenigen Jahren publik; seither tobte die Debatte um den Stra\u00dfennamen. Vorerst beendet, aber m\u00f6glicherweise nicht befriedet wurde sie mit der Entscheidung zur Umbenennung \u2013 in das neutrale \u201eAm Polizeipr\u00e4sidium\u201c f\u00fcr den Platz selbst, in \u201eEdith-F\u00fcrst-Stra\u00dfe\u201c, nach einem D\u00fcsseldorfer Holocaustopfer, f\u00fcr die angrenzende Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Miterfinder der Dolchsto\u00dflegende      <\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Der J\u00fcrgensplatz ist schon ein auff\u00e4lliges Beispiel f\u00fcr eine Namensdebatte 80 Jahre nach dem Krieg; es geht allerdings noch prominenter, in <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/moenchengladbach\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">M\u00f6nchengladbach<\/a>. Dort gingen die Stadtv\u00e4ter 1916 aufs Ganze und benannten die heutige Haupteinkaufsstra\u00dfe nach <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/paul-von-hindenburg\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Paul von Hindenburg<\/a> (1847\u20131934), damals Generalfeldmarschall des Deutschen Kaiserreichs, sp\u00e4ter Reichspr\u00e4sident der Weimarer Republik. Ein Monarchist, Antidemokrat und Reaktion\u00e4r, der nach 1918 die Dolchsto\u00dflegende miterfand, wonach die revolution\u00e4re Heimat dem siegreichen Heer in den R\u00fccken gefallen sei, der sich trotzdem 1925 herbeilie\u00df, den Ersatzkaiser zu geben, und 1933 <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/adolf-hitler\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Adolf Hitler<\/a> zum Reichskanzler ernannte. Forderungen nach Umbenennung sind in Gladbach immer wieder gescheitert, zuletzt 2024; Kostenpflichtiger Inhalt <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/nrw\/staedte\/moenchengladbach\/hindenburgstrasse-in-moenchengladbach-neuer-infopfad-soll-kritisch-ueber-paul-von-hindenburg-aufklaeren_aid-130656709\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">nun unterrichtet ein \u201eInformationspfad\u201c<\/a> vor Ort \u00fcber Hindenburgs unseliges Wirken.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">In M\u00fcnster machte man es 2012 anders: Streiche Hindenburgplatz, setze Schlossplatz. Die dort sitzende Westf\u00e4lische Wilhelms-Universit\u00e4t warf 2023 gleich beide Namenszus\u00e4tze mit ab, um nicht weiter Wilhelm II. die Ehre zu geben. Weitere Namensdebatten werden landauf, landab im Dutzend gef\u00fchrt. In Dormagen votierte der Rat 2022 gegen eine Enthindenburgisierung; auch dort soll es Informationstafeln geben.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Stra\u00dfennamen sind, sofern sie nicht banale Ortsbezeichnungen oder Tiernamen tragen, historisches Alltagsgut. Sie vermitteln ein Geschichtsbild ihrer Zeit, eine Sicht der Welt, sch\u00e4rfer gesagt: Sie transportieren (demokratische wie antidemokratische) Weltanschauung und Machtverh\u00e4ltnisse. Von \u201eBenennungskonjunkturen\u201c spricht der Historiker Rainer P\u00f6ppinghege.<\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Eins ist allen Umbenennungsdebatten gemein: Sie sind schmerzhaft, ja qu\u00e4lend. Selten sind die Namenspaten ja, siehe J\u00fcrgens, eindeutig Verbrecher oder historische Verderber \u2013 die Adolf-Hitler- und Hermann-G\u00f6ring-Stra\u00dfen sind l\u00e4ngst verschwunden. Die Grauzone ist gro\u00df, das Grau unendlich fein schattiert. Was ist mit Erwin Rommel? Nationalist und Hitlers \u201eW\u00fcstenfuchs\u201c, Kontakte zum Widerstand. Richard Wagner? Genialer Komponist, Antisemit, Hitlers Idol. Hermann L\u00f6ns? Nationalist, Chauvinist und popul\u00e4rer Heimatdichter. \u00dcber L\u00f6ns und Rommel wird bereits diskutiert, Wagner scheint (noch) sakrosankt.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Wenn nicht um die willigen Helfer des Nationalsozialismus, geht es in den deutschen Stra\u00dfenk\u00e4mpfen meist um die Hohenzollern und ihre willigen Kolonialherren. Preu\u00dfens Glanz und Gloria ist matt geworden; Wilhelm- und Friedrichstra\u00dfen werden inzwischen kaum noch als untert\u00e4nige Huldigung wahrgenommen, Spichernstra\u00dfen nicht mehr als Erinnerung an den Krieg 1870. Die D\u00fcsseldorfer <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/koenigsallee\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">K\u00f6nigsallee<\/a> (benannt nach Friedrich Wilhelm IV.) umzubenennen, d\u00fcrfte ebenso aussichtslos wie \u00fcbertrieben sein. <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/krefeld\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Krefeld<\/a> hingegen leistet sich <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/nrw\/staedte\/krefeld\/debatte-ein-neuer-name-fuer-das-kaiser-wilhelm-museum_aid-21888429\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">trotz wiederkehrender Debatten<\/a> weiterhin ein Kaiser-Wilhelm-Museum. Nun k\u00f6nnte man sagen, es sei die H\u00f6chststrafe f\u00fcr den ersten Preu\u00dfenkaiser, unter seinem Namen moderne Kunst auszustellen; aber das ist dann doch allzu feine Dialektik. Der Name bleibt h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Zweifel an der repr\u00e4sentativen Demokratie      <\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Umbenennungen sind fast immer unpopul\u00e4r, denn sie bringen Beschwernis nicht nur der Kommune, sondern in erster Linie den Anrainern. Sie stellen pers\u00f6nlich-historische, vielleicht lokalpatriotische scheinbare Gewissheiten der Ehrbarkeit infrage, und bei manchen n\u00e4hren sie, vorsichtig gesagt, Zweifel an den Verfahren der repr\u00e4sentativen Demokratie, die selbst in solchen allervor\u00f6rtlichsten Dingen \u201e\u00fcber die K\u00f6pfe hinweg\u201c entscheide, wie es dann gern hei\u00dft. Manche Umbenennung unterbleibt schlicht aus Angst vorm Anwohner.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Verwiesen wird dann gern auch auf die vielen Th\u00e4lmann-Stra\u00dfen in Ostdeutschland, die einen Stalinisten ehren, und auf die Lenin-Alleen in <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/frankreich\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Frankreich<\/a>, als wenn das nur eines der Probleme in Dormagen oder D\u00fcsseldorf l\u00f6sen w\u00fcrde. Und mit dem Erstarken der AfD mischt sich in die Debatte auch ein Ton, der \u201eMohrenstra\u00dfe\u201c ebenso wie \u201eZigeunerschnitzel\u201c rein aus Prinzip sagen will, weil das immer schon so war und dies ja ein freies Land sei, aus purer hartherziger Anstandslosigkeit (wie schon beim \u201eMohren\u201c) gegen\u00fcber Gef\u00fchlen der Diskriminierung bei anderen.<\/p>\n<p class=\"text_ohne_einzug richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Die Benennung einer Stra\u00dfe stelle \u201eeine hohe Form der Ehrung\u201c dar, hielt der Deutsche St\u00e4dtetag 2021 <a href=\"https:\/\/www.staedtetag.de\/publikationen\/weitere-publikationen\/2021\/handreichung-strassennamen\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">in einer Handreichung fest<\/a>. Dass die Stadt M\u00f6nchengladbach auf ihrer Website festh\u00e4lt, den Namen Hindenburgstra\u00dfe wolle man \u201enicht mehr als Ehrung und Andenken\u201c verstehen, zeigt die abenteuerliche Gedankenakrobatik, die erforderlich ist, um ein Festhalten zu begr\u00fcnden: Hindenburg im Herzen der Stadt zu behalten, ist schon eine sehr spezielle Form der Distanzierung.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Und so sind die Stra\u00dfennamen nur ein Teil eines gr\u00f6\u00dferen Problems, n\u00e4mlich der Unachtsamkeit gegen\u00fcber dem \u00f6ffentlichen Raum, in diesem Fall: der historischen Landschaft, in der wir alle uns bewegen. Das f\u00fchrt zu so grotesken Zust\u00e4nden wie dem, dass es in <a href=\"https:\/\/rp-online.de\/thema\/duisburg\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Duisburg<\/a> eine Mafiastra\u00dfe gibt. In Duisburg, der Stadt des Sechsfachmordes der \u2018Ndrangheta mitten im Zentrum 2007. Nat\u00fcrlich ehrt die Mafiastra\u00dfe nicht das organisierte Verbrechen, sondern erinnert an eine Insel im ehemaligen Deutsch-Ostafrika. Sie liegt im (von den Nazis angelegten) Afrikanischen Viertel in Buchholz; seit 2022 kl\u00e4rt eine Hinweistafel dar\u00fcber auf. Historisch obskurer allerdings geht es kaum \u2013 wer kennt schon die Insel Mafia? Niemand. Wer die Mafiamorde? Alle. Zum Gl\u00fcck ist die Mafiastra\u00dfe kurz. Und man hat ja Informationsstelen und Hinweistafeln. Wer die liest? Unklar.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Nebenbei l\u00e4sst sich aus alldem noch etwas lernen \u00fcber den Unterschied zwischen sinnvollem Kompromiss (n\u00fcchtern in D\u00fcsseldorf, geradezu weise, siehe Infobox, in K\u00f6ln) und rheinischer L\u00f6sung. In D\u00fcsseldorf hat man die rheinische L\u00f6sung vermieden. Dort war vorgeschlagen worden, den J\u00fcrgensplatz einfach J\u00fcrgensplatz hei\u00dfen zu lassen, ihn aber nicht Franz, sondern Udo zu widmen. \u00dcber so viel fr\u00f6hliche Dreistigkeit mag man l\u00e4cheln \u2013 historisch w\u00e4re es schlicht unw\u00fcrdig gewesen.<\/p>\n<p class=\"richtext text-em-55 !leading-serif mx-6 desktop:mx-0\">Nicht so unw\u00fcrdig allerdings wie Hindenburg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Helfer des Holocaust und Widerst\u00e4ndler gegen den Nationalsozialismus \u2013 so widerspr\u00fcchlich k\u00f6nnen deutsche Biografien des 20. 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