{"id":284817,"date":"2025-07-22T10:20:17","date_gmt":"2025-07-22T10:20:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/284817\/"},"modified":"2025-07-22T10:20:17","modified_gmt":"2025-07-22T10:20:17","slug":"fuck-it-up-like-france-wenn-scheitern-zur-identitaet-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/284817\/","title":{"rendered":"Fuck it up like France: Wenn Scheitern zur Identit\u00e4t wird"},"content":{"rendered":"<p>Ungeschlagen seit 2008 in regul\u00e4ren Qualifikationen f\u00fcr EM und WM. In (de facto) drei Durchg\u00e4ngen der Nations League stets Gruppensieger. Letztmals 2005 in einer Turnier-Vorrunde gescheitert. Frankreich geh\u00f6rt seit 15 Jahren zur absoluten europ\u00e4ischen Spitze und verliert so gut wie nie ein Pflichtspiel.<\/p>\n<p>Au\u00dfer, es steht \u201eViertelfinale\u201c drauf. Dann bricht Panik aus. Frankreich hat bei aller Klasse noch nie einen gro\u00dfen Titel gewonnen, daf\u00fcr acht der letzten neun Viertelfinalspiele verloren. Fuck it up like France \u2013 ein Drama oder eine Kom\u00f6die, je nach Sichtweise. So konsequent wie Frankreich scheitert wirklich niemand, hier wird das Versagen zur Kunstform erhoben.<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"428\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/frankreich-seit-2009-1-1024x428.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-22235\"  \/><\/p>\n<p>Die Vorgeschichte<\/p>\n<p>Nach Aufhebung des Frauenfu\u00dfball-Verbots des franz\u00f6sischen Verbandes geh\u00f6rte das Team in den 1970ern gemeinsam mit Italien und D\u00e4nemark zu den Pionieren, war aber wegen der Vernachl\u00e4ssigung durch den FFF in den formativen Jahren der 80er und 90er eher marginalisiert. Unter \u00c9lisabeth Loisel und mit der Aufnahme der Frauen im nationalen Leistungszentrum in Clairefontaine begann der Aufschwung: 1997 war man erstmals bei einer EM dabei, 2003 erstmals bei einer WM. Es langte f\u00fcr einzelne Ausrufezeichen \u2013 etwa 2001, als man nach zwei Niederlagen zwar schon fix eliminiert war, mit einem 2:0-Sieg gegen EM-Mitfavorit Italien aber die Azzurre mit ins Aus riss.<\/p>\n<p>Knipserin Marinette Pichon vorne, die ewige Sandrine Soubeyrand im Zentrum, Organisatorin Corinne Diacre hinten \u2013 Frankreich in den Nuller-Jahren war ein respektierter Mittelst\u00e4ndler mit taktisch cleveren Spielerinnen. Die Franz\u00f6sinnen waren aber auch langsam und k\u00f6rperlich nicht sehr robust. Das \u00e4nderte sich, als immer mehr Spielerinnen aus Clairfontaine durchkamen.<\/p>\n<p>Erste Erfolge unter Bruno Bini<\/p>\n<p>Als Bruno Bini 2007 das Team \u00fcbernahm, konnte er die vorhandene Spielintelligenz immer mehr mit besserer Technik, h\u00f6herem Tempo und st\u00e4rkerer Athletik ausstatten. Bei der EM in Finnland 2009 \u00fcberstand Frankreich erstmals eine Gruppenphase und durfte sogar auf das Halbfinale spekulieren \u2013 im Viertelfinale ging es gegen Turnier-Deb\u00fctant Niederlande. Doch die Franz\u00f6sinnen bissen sich an der knorrigen Oranje-Defensive die Z\u00e4hne aus, nach 120 torlosen Minuten verlor man das Elfmeterschie\u00dfen.<\/p>\n<p>Dennoch, ein Anfang war gemacht, und bei der WM 2011 ging es wieder ins Viertelfinale, wo England wartete. Frankreich war besser,  dank der eleganten Spielmacherin Louisa N\u00e9cib, dank der Agilit\u00e4t von Camille Abily, auf den Fl\u00fcgeln dank Ga\u00ebtane Thiney. Aber Frankreich war auch im R\u00fcckstand dank eines horrenden Stellungsfehlers von Sabrina Viguier. Sie vernebelten Chancen am laufenden Band, ein Weitschuss-Tor von Bussaglia in der 88. Minute rettete die Verl\u00e4ngerung, das Elferschie\u00dfen gewann Frankreich. Im Semifinale war das US-Team <a href=\"https:\/\/ballverliebt.eu\/2011\/07\/13\/frankreich-spielt-aber-die-usa-trifft\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">nicht per se besser, aber abgekl\u00e4rter<\/a>.<\/p>\n<p>Frankeich hatte aber gezeigt, dass man da war um zu bleiben, dass man die Spielerinnen daf\u00fcr hatte und einen Trainer, der die neugewonnen St\u00e4rken einzusetzen verstand. 2012 beim olympischen Turnier von London war man im Viertelfinale im Ganzen st\u00e4rker als Schweden, blieb im Semifinale gegen Weltmeister Japan knapp h\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Link\u00f6ping 2013: Der erste Tiefschlag<\/p>\n<p>Auch in den kommenden Monaten machte Frankreich eine gute Figur, etwa in zwei Testspielen gegen das DFB-Team, die in f\u00fcr Deutschland schmeichelhaften Unentschieden endeten. Die Equipe Tricolore traute sich, die deutsche Defensive Vollgas anzupressen und wurde mit billigen Ballgewinnen und leichten Toren belohnt. Zudem war Olympique Lyon \u2013 wo der Kern der National-Equipe spielte \u2013 gerade zum vierten Mal in Folge im Europacup-Finale gewesen, zwei davon hatte Lyon gewonnen.<\/p>\n<p>Als es zur EM nach Schweden ging, war man mutma\u00dflich die potenteste Truppe und <a href=\"https:\/\/ballverliebt.eu\/2013\/07\/09\/12-teilnehmer-3-titel-kandidaten-fusball-europa-sucht-seine-koniginnen\/\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">geh\u00f6rte zur den drei Top-Titelkandidaten<\/a>. Frankreich schnitt durch die Vorrunde, ein Traum zum Zusehen. Super aufeinander abgestimmt, die Laufwege passten, die Schw\u00e4chen der Gegner wurden erkannt und angebohrt. Man ging als haushoher Turnierfavorit ins Viertelfinale. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"420\" height=\"590\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/4F4-Den-Fra-1-1-nV.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-22220\"  \/><\/p>\n<p>Aber D\u00e4nemark ging nach einer halben Stunde aus einem Konter in F\u00fchrung und parkte dann den Bus. Frankreich hatte viel Ball, aber wenig Idee, es brauchte einen Elfmeter f\u00fcr den Ausgleich, den Rest erledigte die vielbeinige d\u00e4nische Abwehr. Im Shoot-Out scheiterte N\u00e9cib an Stina Petersen und Delannoy am Aluminium. Es war Sandrine Soubeyrands 198. und letztes L\u00e4nderspiel.<\/p>\n<p>Der Verband sagte dann: Merci, Bruno, dass du uns zur spielst\u00e4rksten Mannschaft der Welt gemacht hast, aber wir w\u00fcrden damit gerne auch was gewinnen.<\/p>\n<p>Das Fanal von Montr\u00e9al 2015<\/p>\n<p>Philippe Bergeroo \u00fcbernahm und er ver\u00e4nderte nicht viel, Frankreich ging wiederum als Mitfavorit in die WM in Kanada, allerdings schon ein wenig mit dem kleinen Fragezeichen, dass es bei aller Klasse f\u00fcr den gro\u00dfen Wurf noch nicht geklappt hatte. Abgesehen von einem Freak Game gegen Kolumbien in der Gruppenphase \u2013 eine Kopie des D\u00e4nemark-Spiels, als man nach fr\u00fchem R\u00fcckstand anrannte, aber nicht mehr traf \u2013 war Frankreich unantastbar. 1:0 gegen England, 5:0 gegen Mexiko, 4:0 im Achtelfinale gegen S\u00fcdkorea. Keine Frage, Frankreich war wie schon zwei Jahre zuvor bei der EM das ganz deutlich beste Team.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"420\" height=\"590\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/4F1-Ger-Fra-1-1nV.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-22221\"  \/><\/p>\n<p>Und dann kam das Viertelfinale gegen Deutschland. Frankreich machte ein h\u00f6lzernes DFB-Team l\u00e4cherlich, zog eine ruderlose deutsche Mannschaft am Nasenring durch das (furchtbare) Olympiastadion von Montr\u00e9al, vor allem Tabea Kemme konnte dem Tempo von \u00c9lodie Thomis \u00fcberhaupt nichts entgegen setzen. Aber das Runde wollte einfach nicht ins Eckige.<\/p>\n<p>Nach einer Stunde war es dann doch so weit, N\u00e9cib traf durch einen von Krahn abgef\u00e4lschten Weitschuss zur F\u00fchrung, das geradezu absurd einseitige Spiel schien entschieden. Bergeroo nahm die \u00fcberragende Thomis nach 70 Minuten runter, die Franz\u00f6sinnen gingen vom Gaspedal, ein fataler Fehler. In der Schlussphase wurde Majri im Strafraum am Oberarm angeschossen, Referee Chenard gab den Penalty, Sasic verwertete. Verl\u00e4ngerung.<\/p>\n<p>Dort hatte Thiney noch in der 117. Minute den Sieg am Fu\u00df. Wie sie komplett freistehend Abilys Ma\u00df-Flanke am Tor vorbeischieben konnte, wei\u00df sie vermutlich noch heute nicht, daneben zu schie\u00dfen war jedenfalls deutlich schwerer als das de facto verwaiste Tor zu treffen. Was kam, war klar: Claire Lavogez, die f\u00fcr Thomis gekommen war, vergab als einzige, Angerer parierte den schwachen Versuch m\u00fchelos, und Frankreich war wieder im Viertelfinale raus.<\/p>\n<p>2016 und 2017: Apathisch und ohne gro\u00dfe Gegenwehr<\/p>\n<p>Der Schock sa\u00df tief. Bergeroo durfte f\u00fcr Olympia weitermachen, dort gab es in der Vorrunde m\u00fchelose Siege gegen Kolumbien und Neuseeland sowie eine 0:1-Niederlage in einem Match gegen die USA, das beide Teams nicht ernst nahmen. Im Viertelfinale wartete Kanada, Frankreich agierte zu langsam und mit zu gro\u00dfen Abst\u00e4nden, um f\u00fcr gro\u00dfe Torgefahr zu sorgen. So reichte eine defensive Unachtsamkeit zum Aus, weil das Selbstverst\u00e4ndnis fehlte, wenn man einen R\u00fcckstand zu jagen hatte. Man war ja auch selten im R\u00fcckstand.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"845\" height=\"590\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Frankreich-VF-2016-und-2017.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-22222\"  \/><\/p>\n<p>Louisa N\u00e9cib ging in Ruhestand, Trainer Bergeroo wurde gegangen. Es kam Olivier Echouafni und mit ihm ein sp\u00fcrbarer Shift zu mehr Pragmatik, weniger Hurra die Gams, erh\u00f6hte Stabilit\u00e4t \u2013 aber durch den extremen Fl\u00fcgelfokus auch berechenbar. Die Leistung beim 1:0 gegen Island war sehr d\u00fcnn, von \u00d6sterreich wurde man bei einem 1:1 gehalten und im letzten Gruppenspiel musste schon ein f\u00fcrchterlicher Fehlgriff der Schweizer Torh\u00fcterin Thalmann her, um das 1:1 zu retten und das Vorrunden-Aus zu verhindern.<\/p>\n<p>Im Viertelfinale gegen England zeigte Frankreich auch ohne die gesperrte Renard fraglos die beste Leistung des Turniers, es gab in einem nerv\u00f6sen Spiel auch einige Chancen, aber so richtig traute man sich nicht nach vorne \u2013  wegen der Angst vor schnellen Gegenst\u00f6\u00dfen \u00fcber Lucy Bronze. Jodie Taylor traf nach einer Stunde zum einzigen Tor des Abends.<\/p>\n<p>2019: Diacre l\u00e4sst das Team im Stich<\/p>\n<p>Corinne Diacre, einst die Dirigentin in der Innenverteidigung und danach in Clermont die erste Franz\u00f6sin, die ein M\u00e4nner-Profi-Team trainierte, kam mit gro\u00dfen Erwartungen f\u00fcr die Heim-WM 2019. Was aber vor allem kam, war Zoff \u2013 Diacre gegen die Phalanx von Lyon mit Bouhaddi, Henry, Le Sommer und Renard. Die neue Trainerin zog die Aufmerksamkeit im Mourinho-Stil auf sich, bekam hinter der Fassade aber keinen Teamgeist zu Stande. Die Vorrunde in einer schwachen Gruppe bei der WM war noch kein Problem, das Achtelfinale gegen Brasilien sehr wohl.<\/p>\n<p>Diacre hatte an diesem Tag vom 4-2-3-1 auf ein 4-4-2 umgestellt, Henry musste Achter und Zehner gleichzeitig spielen, war damit nie dort, wo sie eigentlich gebraucht wurde und es brauchte einen Wunder-Save auf der Linie von Mbock-Bathy in der 105. Minute, um mit einem blauen Auge davonzukommen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"420\" height=\"590\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/4F2-Fra-Usa-1-2-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-22224\"  \/><\/p>\n<p>Dass man schon im Viertelfinale gegen Titelverteidiger USA ran musste, ist ein wenig Pech gewesen, aber was dort passierte, hatte nichts mit Pech zu tun. Rapinoe brachte die USA rasch in Front und Diacre schaute wie die 45.000 im vollen Prinzenpark ebenso regungs- wie tatenlos zu, wie ihr Team einfach keinen Zugriff auf das Zentrum bekam, keine z\u00fcndenden Ideen hatte, keine L\u00f6sungen fand. Nach einer Stunde legte Rapinoe dann doch das 2:0 nach, aber es sollte noch weitere zehn Minuten dauern, biss Diacre eingriff.<\/p>\n<p>Wendie Renard konnte in der Schlussphase noch verk\u00fcrzen, aber es war too little, too late. Frankreich war wieder im Viertelfinale drau\u00dfen. Not with a bang, but with a mere whimper. Damit war Frankreich auch f\u00fcr das Olympia-Turnier von Tokio nicht qualifiziert.<\/p>\n<p>2022: Das eine Turnier, bei dem was gegangen w\u00e4re<\/p>\n<p>\u00dcber die Corona-Zeit quittierte die langj\u00e4hrige Torh\u00fcterin Sarah Bouhaddi im Clinch mit Diacre den Nationalteams-Dienst, Henry wurde trotz guter Form \u00f6ffentlichkeitswirksam vor der EM 2022 abges\u00e4gt. Statt der Strategin mit dem Blick f\u00fcr den Pass wollte die Trainerin Charlotte Bilbault spielen lassen, eine farblose Holding Six ohne jede Ambition im Aufbau, f\u00fcr mehr defensive Stabilit\u00e4t, damit die Offensive den R\u00fccken frei hat.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich hielt der Burgfrieden w\u00e4hrend des Turniers und Frankreich legte furios los, ging schon mit einer 5:0-F\u00fchrung in die Halbzeit des ersten Spiels gegen Italien und danach mit breiter Brust ins Viertelfinale, wo ein in interne Unstimmigkeiten verstricktes Oranje-Team das Spiel 120 Minuten lang \u00fcber sich ergehen lie\u00df.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"845\" height=\"590\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Frankreich-2022.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-22226\"  \/><\/p>\n<p>Im Vorrunden-Match gegen Belgien hatte sich St\u00fcrmerin Katoto, in der Form ihres Lebens, das Kreuzband gerissen und ihr Ersatz Melvine Malard entwickelte nicht ann\u00e4hernd Katotos Torgefahr. Frankreich dominierte das Viertelfinale, es brauchte einen Elfmeter in der Verl\u00e4ngerung, den \u00c8ve P\u00e9risset verwertete, aber dann war es geschafft. Endlich, nach zehn Jahren mit f\u00fcnf Viertelfinal-Pleiten am St\u00fcck, war die gl\u00e4serne Decke durchbrochen.<\/p>\n<p>Das Turnier in England ist so das eine, bei dem wirklich etwas gegangen w\u00e4re. H\u00e4tte Frankreich das intensive Halbfinale gegen Deutschland, ein Traum von einem Fu\u00dfballspiel, mit Katoto gewonnen? Dianis Schuss kurz nach Popps 1:0 prallte via Frohms\u2018 R\u00fccken zum postwendenden 1:1 ins Tor, zwischen der 63. und der 67. Minute fand Frankreich dreimal eine gro\u00dfe Chance auf die F\u00fchrung vor, die dann aber wiederum Alex Popp f\u00fcr Deutschland gelang.<\/p>\n<p>2023 und 2024: Renard zieht den Gift-, aber nicht den Viertelfinal-Stachel<\/p>\n<p>Der greise Verbands-Pr\u00e4sident No\u00ebl le Gra\u00ebt, der stets hinter Diacre gestanden war \u2013 selbst als Wendie Renard ihren Team-Boykott verk\u00fcndete, solange Diacre im Amt ist \u2013 wurde im Fr\u00fchjahr 2023 von einem Skandal um sexuelle Bel\u00e4stigung aus dem Amt gesp\u00fclt. Die erste Amtshandlung des interimistisch an die Spitze gestellten Komitees war es, die allseits gehasste Diacre schnellstm\u00f6glich zu entsorgen.<\/p>\n<p>Es gelang der Coup, sich die Dienste von Herv\u00e9 Renard zu sichern. Der Franzose mit dem blonden Haar und dem wei\u00dfen Hemd hatte Samia und die Elfenbeink\u00fcste zu Titeln beim Afrikacup gef\u00fchrt, mit Marokko und Saudi-Arabien bei WM-Turnieren aufgezeigt, seine Verpflichtung war ein echtes Statement. \u201eIch bin kein Zauberer\u201c, sagte Renard, der schon laut sein und die verbale Keule auspacken kann, aber rasch sp\u00fcrbar den Giftstachel der Diacre-Zeit zog. Renard war zur\u00fcck, Henry war zur\u00fcck, Le Sommer war zur\u00fcck, die gute Laune war zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Bei der WM in Australien und Neuseeland kam man nach langsamem Start (0:0 gegen Jamaika) dank eines hart umk\u00e4mpften 2:1 in einem starken Spiel gegen Brasilien in Fahrt, schenkte Panama sechs St\u00fcck ein und Marokko im Achtelfinale vier. Gastgeber Australien, angetrieben von den 50.000 Fans in Brisbane war in einer umk\u00e4mpften Viertelfinal-Partie eine Stunde lang dem Tor n\u00e4her, ehe das Match zu kippen begann. Frankreich dr\u00e4ngte in der Verl\u00e4ngerung auf den Sieg, ein Tor wurde wegen Foulspiels nicht gegeben. Es folgte der emotionale H\u00f6hepunkt der WM, das Ultra-Elfmeterschie\u00dfen, das erst nach 21 Sch\u00fcssen entschieden war \u2013 zugunsten von Australien. Vicki B\u00e8cho war am Ende die Ungl\u00fcckliche.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"846\" height=\"590\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/Frankreich-2023-und-2024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-22237\"  \/><\/p>\n<p>Der eigentliche Fokus galt aber ohnehin eher dem olympischen Heim-Turnier ein Jahr sp\u00e4ter und der Auftritt in Down Under verbreitete generellen Optimismus. Frankreich wurde in den Monaten nach der WM locker Nations-League-Gruppensieger und besiegte im Semifinale das deutsche Team, hatte Spanien im Endspiel aber nicht viel entgegen zu setzen. Es war funktional und kontrolliert, nicht so schlimm wie bei den M\u00e4nnern unter Deschamps, aber mit guter Balance und neugefundener mentaler Stabilit\u00e4t.<\/p>\n<p>Oder wie war das mit der mentalen Stabilit\u00e4t? Frankreich f\u00fchrte zum Start schon 3:0 gegen Kolumbien, ehe man sich zwei Tore einfing und nur mit Zittern den Sieg rettete. Gegen Kanada f\u00fchrte man 1:0, kassierte den Ausgleich und wusste nicht ob man den Punkt verteidigen oder den Sieg jagen sollte, verlor am Ende sogar. Herv\u00e9 Renard gab unabl\u00e4ssig Anweisungen, \u00fcber die Au\u00dfen-Mikros gut zu h\u00f6ren, aber seinem Team fehlte der Zusammenhang, die Passgenauigkeit, es spielten \u2013 wenn es eng wurde \u2013 nicht alle vom selben Notenblatt. Im Viertelfinale bohrte Brasilien genau das an, nervte Frankreich, war giftig und griffig und erzielte in der Schlussphase tats\u00e4chlich das siegbringende Tor zum 1:0.<\/p>\n<p>Wieder nix.<\/p>\n<p>2025: Der Nervenzusammenbruch von Basel<\/p>\n<p>Und j\u00e4hrlich gr\u00fc\u00dft das Murmeltier: Renards Assistent Laurent Bonadei \u00fcbernahm als Teamchef, wieder war Frankreich in seiner Nations-League-Gruppe unterfordert, wieder gab es vor dem Turnier personellen Gnatsch, diesmal mit den aussortierten Wendie Renard und Eug\u00e8nie Le Sommer und Kenza Dali. Wieder gab es eine starke Vorrunde mit einer Machtdemonstration gegen England, einem kontrollierten Sieg gegen Wales und einer starken zweiten Halbzeit gegen die Niederlande. Und wieder gab es ein Viertelfinale, in dem es schief ging.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"420\" height=\"590\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/4F4-Fra-Ger-1-1nV.webp.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-22240\"  \/><\/p>\n<p>Gegen ein verunsichertes Team aus Deutschland war Frankreich nach einer Viertelstunde eine mehr und 1:0 in F\u00fchrung. Anstatt den Deckel drauf zu machen und die Temperatur hochzudrehen, wurde aber nur sanft gek\u00f6chelt und von einem Deckel war weit und breit nicht zu sehen. Frankreich verga\u00df seine St\u00e4rken, spielte wie von Sinnen aneinander vorbei, ganz viel Kopf durch die Wand, noch viel mehr Angst vor dem erneuten Versagen, wenn schon eigentlich alles f\u00fcr Frankreich l\u00e4uft. Aus einer Ecke kam Deutschland zum 1:1, zwei franz\u00f6sische Tore z\u00e4hlten wegen Abseits nicht und man schenkte den Deutschen sogar noch einen Elfmeter. Es ging ins Shoot-Out, Deutschland bewahrte die Nerven.<\/p>\n<p>Es war ein Nervenzusammenbruch von epischen Proportionen, bei dem man sich so lange vor einem Scheitern f\u00fcrchtete, bis das Scheitern auch zuverl\u00e4ssig wirklich da war. Das Viertelfinale von Basel war ohne jeden Zweifel das \u00fcbelste franz\u00f6sische Viertelfinal-Kapitel seit Montr\u00e9al 2015, wie damals gegen Deutschland.<\/p>\n<p>Ein Fu\u00dfball-Team wie ein Eberhofer-Krimi<\/p>\n<p>Frankreichs Fu\u00dfballerinnen sind wie Romane von Rita Falk. Alle ein, zwei Jahre kommt eine neue Geschichte, von der man zwar schon vorher wei\u00df, wie es endet \u2013 aber der Weg dorthin ist immer unterhaltsam, zieht einen in seinen Bann, hat einen Hang zum Absurden und man ist gespannt, wie es der Eberhofer diesmal wieder hinbekommt.<\/p>\n<p>Und dann wird das eine Viertelfinale zum Dampfnudelblues, das n\u00e4chste zum Kaiserschmarrndrama und nach dem n\u00e4chsten Steckerlfischfiasko liegt man als franz\u00f6sischer Fan irgendwann im Sauerkrautkoma. Man kennt das Prinzip, und trotzdem (oder gerade deswegen) ist man beim n\u00e4chsten mal wieder mit dabei.<\/p>\n<p>Man will ja schlie\u00dflich erleben, wie es der Eberhofer Frankreich dann 2027 anstellt, im WM-Viertelfinale auszuscheiden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Ungeschlagen seit 2008 in regul\u00e4ren Qualifikationen f\u00fcr EM und WM. 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