{"id":285008,"date":"2025-07-22T12:10:15","date_gmt":"2025-07-22T12:10:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/285008\/"},"modified":"2025-07-22T12:10:15","modified_gmt":"2025-07-22T12:10:15","slug":"manfred-rommel-der-philosoph-aus-dem-rathaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/285008\/","title":{"rendered":"Manfred Rommel: Der Philosoph aus dem Rathaus"},"content":{"rendered":"<p>Als Politiker pflegte <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Manfred_Rommel\" title=\"Manfred Rommel\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Manfred Rommel<\/a> einen ironischen Blick auf die Medien. \u201eFr\u00fcher musste man noch richtig etwas machen, um in die Zeitung zu kommen\u201c, sagte er einmal. \u201eHeute braucht man blo\u00df noch etwas zu sagen.\u201c Die Pressefreiheit lobte er mit dialektischem Hintersinn: Die politischen Verh\u00e4ltnisse seien dort am besten geordnet, \u201ewo die Journalisten alles schreiben k\u00f6nnen, was sie wollen, und wo die Politiker nicht alles tun m\u00fcssen, was die Journalisten schreiben\u201c.<\/p>\n<p>Rommel w\u00e4re selbst beinahe Journalist geworden. Das erz\u00e4hlt er in seinem Buch \u201eSchw\u00e4bisches Allerlei\u201c. Demnach hat ihn sein Jurastudium, 1947 in T\u00fcbingen begonnen, eher erm\u00fcdet. W\u00e4hrend einer Vorlesung las er, was auf seiner Bank f\u00fcr ein Spruch eingeritzt war: \u201eOh, heiliger Sankt Benedikt, ich bin schon wieder eingenickt.\u201c Rommel dazu: \u201eDieser Spruch gibt meine Verfassung von damals gut wieder.\u201c<\/p>\n<p>\u201eBekanntester deutscher Kommunalpolitiker\u201c <\/p>\n<p>Der Schriftsteller und Journalist Hans Habe, befreundet mit Erich Maria Remarque, habe ihm geraten, \u201edie Jurisprudenz an den Nagel zu h\u00e4ngen und Journalist zu werden\u201c. Letztlich h\u00e4tten ihn seine Heiratspl\u00e4ne und Bedenken seiner Mutter davon abgebracht. Diese habe eingewendet, \u201edass jemand, der heiraten wolle, einen soliden Beruf brauche\u201c, schreibt Rommel. So sei er erst einmal Jurist geworden.<\/p>\n<p>Von da an war es noch ein l\u00e4ngerer Weg, bis er zum \u201ebekanntesten deutschen Kommunalpolitiker\u201c wurde, so der fr\u00fchere Bundestagspr\u00e4sident Norbert Lammert. Rommels Leben war vom Schicksal seines Vaters \u00fcberschattet. Erwin Rommel war Berufssoldat. Unter Hitler wurde er Generalfeldmarschall, wegen seiner Fortune im Afrika-Feldzug als \u201eW\u00fcstenfuchs\u201c ber\u00fchmt. Doch nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 galt Rommel als Mitwisser. Manfred Rommel, damals 15, wurde Zeuge, als die Gestapo den Vater n\u00f6tigte, Gift zu schlucken. Ansonsten h\u00e4tte ihm ein Schauprozess gedroht inklusive Sippenhaft f\u00fcr die eigene Familie.<\/p>\n<p>\u201eUngern OB geworden, aber immer gerne gewesen\u201c <\/p>\n<p>Das Trauma jener Zeit \u201eist und bleibt das beherrschende Thema seines Lebens\u201c, so schrieb Thomas Borgmann, journalistischer Wegbegleiter Rommels. Nach einer Karriere in der Ministerialb\u00fcrokratie unter Ministerpr\u00e4sident Hans Filbinger (CDU) wurde Rommel 1974 zum Oberb\u00fcrgermeister der Landeshauptstadt gew\u00e4hlt und sp\u00e4ter zweimal im Amt best\u00e4tigt. Er sei \u201eungern Oberb\u00fcrgermeister geworden, aber es immer gerne gewesen\u201c, hat Rommel wiederholt bekundet.<\/p>\n<p>Weit \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuttgart<\/a> hinaus wurde er bekannt wegen seiner Liberalit\u00e4t. In der Hysterie des \u201eDeutschen Herbstes\u201c 1977, als Anschl\u00e4ge der \u201eRoten Armee Fraktion\u201c das Land ersch\u00fctterten, verteidigte er den Schauspieldirektor Claus Peymann. Dieser hatte einen Aushang im Theater geduldet, mit dem um Spenden f\u00fcr eine Zahnbehandlung der Terroristin Gudrun Ensslin geworben wurde. Rommel bescheinigte Peymann, er sei ein \u201eVirtuose der politischen Ungeschicklichkeit\u201c, stellte sich aber vor ihn. Nach dem Suizid f\u00fchrender RAF-Terroristen in Stammheim sorgte Rommel trotz Widerstands daf\u00fcr, dass diese auf dem Dornhaldenfriedhof bestattet werden konnten. \u201eIrgendwo muss jede Feindschaft enden\u201c, sagte er, \u201ef\u00fcr mich endet sie nach dem Tod.\u201c<\/p>\n<p>Rommel \u00fcbersetzt Hegel ins Verst\u00e4ndliche <\/p>\n<p>Als Rommel sich aus der Kommunalpolitik verabschiedete, wurde er doch noch eine Art Journalist. Von 1997 bis 2008 schrieb er Kolumnen f\u00fcr die StZ. Mit diesen Texten untermauerte er seinen Ruf als \u201eRathausphilosoph\u201c. Er kannte keine Scheu vor den Heroen des Tiefsinns. In einem Beitrag widmete er sich den Teilen und dem Ganzen \u2013 einem Thema, mit dem sich der Stuttgarter Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel befasst hatte. Rommel dazu: \u201eB\u00f6se Zungen sagen, dass er oft versucht h\u00e4tte, das Ganze in einen Satz hineinzupacken, sodass man den Satz mit zehn Fingern lesen m\u00fcsse, um die vielen Nebens\u00e4tze abzudecken, das Verb zu finden und so den eigentlichen Sinn.\u201c<\/p>\n<p>Manche Sentenzen Rommels lesen sich, als seien sie in weiser Voraussicht der heutigen Menschheit ins Poesiealbum geschrieben. So befasst er sich 1999 in einer Kolumne mit der Toleranz. Rommel buchstabiert, was unter Toleranz zu verstehen sei: \u201eWer jeweils die Meinung seines Gespr\u00e4chspartners annimmt, ist nicht tolerant, sondern, auf Schw\u00e4bisch, ein Rindvieh, auf Hochdeutsch ein Cham\u00e4leon. Tolerant ist, wer eine Meinung hat und diese f\u00fcr richtig h\u00e4lt, es aber duldet, dass andere eine abweichende Meinung haben und ebenfalls meinen, diese sei richtig. Eine h\u00f6here Stufe der Toleranz erreicht er, wenn er die abweichende Meinung nicht nur duldet, sondern auch daf\u00fcr eintritt, dass deren Inhaber sie sagen kann. Auf der h\u00f6chsten Stufe ist er angelangt, wenn er die abweichende Meinung nicht nur f\u00fcr n\u00fctzlich h\u00e4lt, sondern auf die Argumente h\u00f6rt, die sie begr\u00fcnden, und wenn er den Zweifel an sich heranl\u00e4sst, ob er selber recht hat.\u201c <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Als Politiker pflegte Manfred Rommel einen ironischen Blick auf die Medien. \u201eFr\u00fcher musste man noch richtig etwas machen,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":285009,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1830],"tags":[83772,1634,3364,29,30,84169,1441,30686],"class_list":{"0":"post-285008","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-stuttgart","8":"tag-80-jahre-stz","9":"tag-baden-wuerttemberg","10":"tag-de","11":"tag-deutschland","12":"tag-germany","13":"tag-manfred-rommel","14":"tag-stuttgart","15":"tag-stuttgarter-zeitung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114896819000936775","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/285008","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=285008"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/285008\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/285009"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=285008"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=285008"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=285008"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}