{"id":285043,"date":"2025-07-22T12:28:09","date_gmt":"2025-07-22T12:28:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/285043\/"},"modified":"2025-07-22T12:28:09","modified_gmt":"2025-07-22T12:28:09","slug":"anne-de-marcken-legt-einen-spektakulaeren-apokalyptischen-roman-vor","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/285043\/","title":{"rendered":"Anne de Marcken legt einen spektakul\u00e4ren apokalyptischen Roman vor"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Von den zahlreichen Apokalypsen, die uns die Popkultur beschert hat, geh\u00f6rt die Zombie-Apokalypse fraglos zu den intellektuell ergiebigsten. Man hat mit ihr schon von \u00dcberbev\u00f6lkerung und Kapitalismus, von der AIDS-Seuche, von Drogensucht, Revolutionen, Rassismus und \u00adKlassismus erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Jede Zeit bekommt <a href=\"https:\/\/taz.de\/Ling-Mas-Romandebuet-New-York-Ghost\/!5786427\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">den Zombie, den sie am meisten f\u00fcrchtet.<\/a> Er ist eine Art Generalmetapher, der f\u00fcr das aktuell st\u00e4rkste Unbehagen einer Gesellschaft steht. Und eine zutiefst politische Figur, insofern die Gesellschaft mit dem Auftreten der fleischfressenden Monster unweigerlich in St\u00fccke geht. Gerade in diesen Zeiten, da so viel von Disruption, von Zerst\u00f6rung die Rede ist, lohnt sich jede Spekulation \u00fcber den Zombie der Gegenwart, den Grund gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Verunsicherung.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Im Roman \u201eEs w\u00e4hrt f\u00fcr immer und dann ist es vorbei\u201c der US-\u00adamerikanischen Autorin Anne de Marcken ist es der Verlust. Ihre Erz\u00e4hlerin, ein namenloser, weiblicher Zombie, b\u00fc\u00dft schon auf den ersten Zeilen seinen linken Arm ein. Er f\u00e4llt einfach ab, wohl weil ein Bindemittel verloren gegangen ist, das so einen K\u00f6rper f\u00fcr gew\u00f6hnlich zusammenh\u00e4lt. Vielleicht ein Blutkreislauf, vielleicht eine Seele.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Letztere ist zwar nicht v\u00f6llig verschwunden, doch haben die Untoten in dieser Geschichte offenbar den Kontakt zu ihr verloren. Mitunter erinnern sie sich bruchst\u00fcckhaft an Situationen aus ihren fr\u00fcheren Leben, aber nie reicht die Erinnerung so weit, dass sie ihrer selbst wieder habhaft werden. Immer nur gelangen sie an den Punkt, an dem sie sicher sind, dass sie viel, unendlich viel verloren haben.<\/p>\n<p>Der Roman<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\"><strong>Anne de Marcken:<\/strong> \u201eEs w\u00e4hrt f\u00fcr immer und dann ist es vorbei\u201c. Aus dem Englischen von Clemens J. Setz. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025, 151 Seiten, 23 Euro<\/p>\n<p>      Dieses Jenseits ist melancholisch, nicht sozialkritisch<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">In einem Hotel vegetieren die Zombies vor sich hin, jagen ab und zu ein paar Teenager und verlieren sich ansonsten in d\u00fcsteren \u00dcberlegungen \u00fcber ihre Existenz. Man denkt an Jean-Paul Sartres \u201eGeschlossene Gesellschaft\u201c, jenes St\u00fcck, in dem eine Gruppe Menschen nach ihrem Tod in einem Hotelsalon eingeschlossen wird, und mehr noch an die ber\u00fchmte Quintessenz der Geschichte: \u201eDie H\u00f6lle, das sind die anderen\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Auch dieses Hotel hier ist eine H\u00f6lle, seine Bewohner k\u00f6nnen noch so viel Fleisch in sich hineinschaufeln, nie werden sie satt. Aber daran sind nicht die anderen schuld, dieses Jenseits ist nicht sozialkritisch, es ist melancholisch.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Was auch immer man sich hier zuf\u00fchrt, was auch immer noch erlebt werden k\u00f6nnte, es kommt nicht heran an das, was einmal war und nie wieder sein wird: \u201eIch habe immer so getan, als k\u00f6nnte alles gut werden, weil niemand einen unendlichen Abschied aushalten kann. Abschied von Heidelbeeren, vom Meer, von den Raben, von den Pelikanen und Kiebitzen und Kormoranen. Abschied von dem Fleck aus Sonnenlicht, der jeden Tag gegen vier Uhr an die Wand im Wohnzimmer fiel. Abschied vom Ger\u00e4usch deiner Schritte im Nebenzimmer.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-12\" pos=\"9\">Der Verlust ist Thema und zugleich auch der Adressat des Textes. Die fr\u00fchere Partnerin der Erz\u00e4hlerin wird angesprochen, ihr gilt jedes Wort, de Marckens Buch ist ein Tagebuch der Trauer, eine Schilderung des leeren, des hohlen Lebens nach der Trennung. Dabei ist jedoch unbedingt anzumerken, dass sich die Autorin ebenso sehr f\u00fcr die Struktur einer Metapher interessiert wie daf\u00fcr, was sie bedeutet.<\/p>\n<p>      Alles zerbricht<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"11\">Die hier beschriebene postapokalyptische Welt kann mithin als das Ergebnis einer Trennung, sei es durch den Tod oder vielleicht auch nur das profane Zerbrechen einer Beziehung, verstanden \u00adwerden. Der Roman selbst l\u00e4sst sich aber ebenso als verzweifelte Suche nach einem metaphysischen Klebstoff verstehen, der den Verlust per se verunm\u00f6glicht, also nach einer Sache, \u00adeinem Zauberspruch, irgendeinem Zeug, das etwas mit etwas \u00adanderem endlich sicher verbindet, das zusammenh\u00e4lt, was zusammengeh\u00f6rt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"12\">Was das eine konkret ist und was das andere, das ist nicht die entscheidende Frage, weil der Verlust selbst und die Reaktion darauf hier untersucht werden. Wobei \u201euntersuchen\u201c ein viel zu n\u00fcchternes Verb f\u00fcr dieses literarische Abenteuer ist, denn was de Marcken hier auf weniger als 150 Seiten an Ideen und Bildern auff\u00e4hrt, was sie den Genre\u00adkonventionen alles abringt, ist wirklich ein Ereignis, ist spektakul\u00e4r. Schon allein die Szene, in der eine menschliche Gro\u00dfmutter sich sorgf\u00e4ltig den Arm abbindet und ihn ihrem untoten Enkel hinh\u00e4lt, damit er sich an ihrem Fleisch g\u00fctlich tun kann!<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"13\">Dieser kurze Roman atmet eine tiefe Traurigkeit, ist dabei aber zugleich wirklich witzig und von \u00adErkenntnis stiftender Skurrilit\u00e4t. Man versteht sofort, warum <a href=\"https:\/\/taz.de\/Neuer-Roman-von-Clemens-Setz\/!5912278\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">B\u00fcchner-\u00adPreistr\u00e4ger Clemens J. Setz<\/a> die \u00dcbersetzung verantwortet, hat doch auch er eine gro\u00dfe Schw\u00e4che f\u00fcr Perspektivverschiebungen \u00adsolcher Art.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"14\">Die Erz\u00e4hlerin verl\u00e4sst nach einer Weile das Hotel und streift durch die entseelte USA, immer gen Westen jagt sie ihren Erinnerungssplittern nach, zerf\u00e4llt dabei in Einzelteile. Bald tr\u00e4gt sie den eigenen Kopf an einem Stock durchs Land, schaut sich selbst von au\u00dfen zu.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"15\">Das Grundgef\u00fchl dieser Prosa ist die Trauer, ist die Zerrissenheit zwischen dem, was man heute zu sein hat, und dem, was man fr\u00fcher einmal war. Das muss man nicht, kann es aber politisch verstehen: Wenn der westliche Mensch heute noch nach etwas Sehnsucht versp\u00fcrt, dann liegt das Objekt seines Begehrens in der unwiederbringlichen Vergangenheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Von den zahlreichen Apokalypsen, die uns die Popkultur beschert hat, geh\u00f6rt die Zombie-Apokalypse fraglos zu den intellektuell ergiebigsten.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":285044,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-285043","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114896889807521574","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/285043","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=285043"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/285043\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/285044"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=285043"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=285043"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=285043"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}