{"id":285491,"date":"2025-07-22T16:29:14","date_gmt":"2025-07-22T16:29:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/285491\/"},"modified":"2025-07-22T16:29:14","modified_gmt":"2025-07-22T16:29:14","slug":"nirwana-von-tommy-wieringa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/285491\/","title":{"rendered":"\u201eNirwana\u201c von Tommy Wieringa"},"content":{"rendered":"<ol class=\"id-DonaldBreadcrumb lp_west_breadcrumb id-DonaldBreadcrumb--default\" data-k5a-pos=\"west_breadcrumb\">\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"1_startseite\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Startseite<\/a><\/li>\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/kultur\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"2_kultur\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kultur<\/a><\/li>\n<li class=\"id-Breadcrumb-item\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/kultur\/literatur\/\" class=\"id-Breadcrumb-link\" data-id-ec=\"{\" shn=\"\" textlink=\"\" data-k5a-pos=\"3_literatur\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Literatur<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<p class=\"id-Story-timestamp id-Story-timestamp--default\">Stand: 22.07.2025, 16:23 Uhr<\/p>\n<p class=\"id-Story-interactionBar id-Story-interactionBar--default\">DruckenTeilen<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"id-RatioPlaceholder-element wv_story_el_image\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/39049490-das-schwarzweissfoto-zeigt-publikum-bei-einer-veranstaltung-vor-allem-maenner-in-uniform-1W.jpeg\" loading=\"eager\" fetchpriority=\"high\"   height=\"619\" width=\"1100\" alt=\"Das Schwarzwei&#xDF;foto zeigt Publikum bei einer Veranstaltung, vor allem M&#xE4;nner in Uniform.\"\/>Amsterdam 1941: Besatzer bei einer Sportveranstaltung, rechts in Zivil B\u00fcrgermeister E. J. Voute. \u00a9\u00a0Piemags\/Imago<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-leadText\">\u201eNirwana\u201c von Tommy Wieringa:  Ein Mann, der in den Niederlanden als Wirtschaftsboss gefeiert wird, hat eine dunkle Vergangenheit. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Im neuen Roman des niederl\u00e4ndischen Schriftstellers Tommy Wieringa, \u201eNirwana\u201c, taucht ein Schriftsteller auf mit Namen Tommy Wieringa. Der recherchiert die Geschichte eines bedeutenden Industriellen. Dieser Mann, Willem Adema, wird zu Beginn des Buches 100 Jahre alt. Sein Sohn kommt zu Besuch, auch seine beiden Enkel, die 40-j\u00e4hrigen Zwillingsbr\u00fcder Hugo und Willem.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">W\u00e4hrend Willem jun. inzwischen die gro\u00dfv\u00e4terliche Firma f\u00fchrt (sein Vater, also die Generation dazwischen, war nur zeitweiliger Platzhalter), hat Hugo sich auszahlen lassen und als bildender K\u00fcnstler eigene Wege eingeschlagen. Er ist die eigentliche Hauptfigur des Romans. Angesto\u00dfen durch den neugierigen Schriftsteller, geht auch er ins NIOD, ins Niederl\u00e4ndische Institut f\u00fcr Kriegs-, Holocaust- und Genozidstudien, und l\u00e4sst sich die Akten zu seinem Gro\u00dfvater geben. Er w\u00fchlt einiges auf.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">In einem viereinhalbseitigen Vorabkapitel gibt es schon ein paar Hinweise auf Fragen, die auf den folgenden 470 Seiten wichtig werden. Da ist Hugo als Teenager bei seinen Respekt gebietenden Gro\u00dfeltern in der Villa n\u00f6rdlich von Den Haag, nah am Meer. Seine Eltern haben ihn dort geparkt, um ihn der Wut und den Schl\u00e4gen seines temperamentvollen Bruders zu entziehen. Das Verh\u00e4ltnis der Zwillinge zueinander wird nie gut werden, auch Hugos Beziehung zu den Eltern ist durch die dreij\u00e4hrige Trennung gest\u00f6rt. Was die kleine T\u00e4towierung am Oberarm des Gro\u00dfvaters bedeutet, die er zuf\u00e4llig entdeckt, kann er nicht wissen. Die SS lie\u00df so die Blutgruppe vermerken.<\/p>\n<p>\u00dcber Kollaboration wurde wenig geredet<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">\u00dcber etwa ein Jahr dehnt sich die Gegenwartsebene dieses Romans. Den politischen Hintergrund bilden der erste Wahlsieg Donald Trumps  und das Erstarken einer neuen rechten Partei in den Niederlanden. In der Zeit treibt Willem jun. mit dem Familienkonzern Adema Marine Operations die Entwicklung eines F\u00f6rderschiffs voran, gr\u00f6\u00dfer und flexibler als alle vorherigen; Firmen aller Staaten, die Offshore-Bohrungen vornehmen, sind potenzielle Abnehmer.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Willem Adema sen., so erz\u00e4hlt es der Roman, hatte stets erkl\u00e4rt, er sei zwar \u201eBef\u00fcrworter der deutschen Ideologie\u201c gewesen, habe sich aber 1943 dem SS-Dienst entziehen k\u00f6nnen und dem Widerstand angeschlossen. Hugo nennt dies \u201eeine klassische Erz\u00e4hlung von S\u00fcnde und Bekehrung\u201c.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Es wirkt wie ein ironischer Trick, dass der fiktive Tommy Wieringa in Tommy Wieringas Roman als Katalysator auftritt und Hugo in die Spur setzt, die tats\u00e4chliche Vergangenheit des Gro\u00dfvaters und weitere Familiengeheimnisse zu ergr\u00fcnden. Als w\u00fcrde hier dem \u00fcblichen Verfahren, dass ein Schriftsteller Dinge aus der Wirklichkeit k\u00fcnstlerisch nutzt, ein doppelter Boden eingezogen.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Das viel bewunderte Familienoberhaupt hat in der SS Karriere gemacht, am Russlandfeldzug teilgenommen, hat daran verdient und seinen Nachkriegserfolg darauf aufbauen k\u00f6nnen. Wieringa und Hugo Adema recherchieren dies zun\u00e4chst wie \u201ein einem unsichtbaren Wettstreit\u201c. Der Maler verachtet dabei den Schriftsteller: \u201eWie armselig und parasit\u00e4r die Literatur doch war, eine Kunstgattung, die sich aus dem Leben der anderen bediente und so tat, als g\u00e4be sie es unab\u00e4nderlich verbessert zur\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Er erh\u00e4lt einen entscheidenden Vorsprung (wodurch, sei hier nicht verraten). Hugo, k\u00fcnstlerisch eben noch wie gel\u00e4hmt, weil ihn seine Freundin verlassen hat, kann wieder arbeiten. Nicht ein Buch im Buch, also der m\u00f6gliche von der Wieringa-Figur verfasste Roman, enth\u00fcllt letztlich die grausamen Fakten. Es sind die Bilder, die Hugo Adema malt und zusammen mit einer Toninstallation ausstellen will. Ihr Entstehungsprozess und ihr Charakter sind so gut beschrieben und von Bettina Bach ins Deutsche \u00fcbertragen, dass man sie vor Augen hat.<\/p>\n<p>Das Buch<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-factBox-paragraph\"><strong>Tommy Wieringa:<\/strong> Nirwana. Roman. A. d. Niederl\u00e4nd. v. Bettina Bach. Hanser, M\u00fcnchen 2025. 478 S., 28 Euro<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Ungew\u00f6hnlich f\u00fcr einen Roman, sind an seinem Ende Quellen aufgef\u00fchrt. Dazu geh\u00f6rt die Festschrift zum 50-j\u00e4hrigen Bestehen der Firma Heerema Marine Contractors. Im Netz findet man die Beschreibung, sie sei eines der f\u00fchrenden Dienstleistungsunternehmen in der Offshore-\u00d6l- und -Gas-Industrie. Sie als Vorbild der Firma im Roman zu identifizieren, l\u00e4sst noch deutlicher sehen, dass Wieringa ein Problem in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung seines Landes behandelt: Wegen der Besetzung durch die Deutschen seit dem Mai 1940 galt die niederl\u00e4ndische Bev\u00f6lkerung allgemein als Opfer, \u00fcber Nazikollaborateure wurde wenig gesprochen.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Man muss an Philipp Oehmkes Buch \u201eSch\u00f6nwald\u201c denken, 2023 erschienen, im selben Jahr wie das Original von \u201eNirwana\u201c. Dieser Familienroman geht von dem realen Vorfall aus, dass in Berlin einer Frau vorgeworfen wurde, sie h\u00e4tte ihre Buchhandlung mit ererbtem schmutzigen Geld finanziert. Das Wort \u201eNazihintergrund\u201c machte damals die Runde. Oehmke erfindet f\u00fcr die Figuren um die Buchh\u00e4ndlerin Geschichten aus dem Problemkasten der Gegenwart.<\/p>\n<p>Viele \u00fcberraschende Wendungen<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Auch Tommy Wieringa nutzt den Nazihintergrund eines Industriellen, um zu schildern, wie Verbrechen vertuscht wurden. Daf\u00fcr erz\u00e4hlt er noch von weiteren Personen, beschreibt deren Verhalten in verschiedenen Situationen. Seine Roman-Familie ist nicht gut umgegangen mit Menschen, die ihr gef\u00e4hrlich werden konnten, sogar aus dem engsten Kreis. <\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Die Sorge vor dem Erstarken des Populismus kommt im Buch hinzu, der beschleunigte Klimawandel wird bemerkt, ein weiteres Thema ist die Erniedrigung von Frauen durch M\u00e4nner. Geschickt variierend, verbindet Wieringa das Personal mit diesen Fragen auf mehreren Ebenen und auch untereinander. \u201eNirwana\u201c f\u00fchrt die Debatten unserer Tage in einem beeindruckenden Tableau zusammen.<\/p>\n<p class=\"id-StoryElement-paragraph\">Selbst der vermeintlich saubere Hugo, ein Mann, dessen Leidenschaft f\u00fcr die Meditation sich der Titel verdankt, hat Abgr\u00fcnde. Er hat f\u00fcr ein Bild Geld aus fragw\u00fcrdiger Herkunft bekommen, ahnend, dass es \u201enach Erpressung und verbrannten Haaren\u201c stank. Und dann sorgt die Verbindung zu seiner Ex-Freundin noch einmal f\u00fcr einen starken H\u00f6hepunkt \u2013 nicht der letzte in diesem Buch voll \u00fcberraschender Wendungen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Startseite Kultur Literatur Stand: 22.07.2025, 16:23 Uhr DruckenTeilen Amsterdam 1941: Besatzer bei einer Sportveranstaltung, rechts in Zivil B\u00fcrgermeister&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":285492,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-285491","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114897837330057794","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/285491","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=285491"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/285491\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/285492"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=285491"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=285491"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=285491"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}