{"id":286635,"date":"2025-07-23T03:17:09","date_gmt":"2025-07-23T03:17:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/286635\/"},"modified":"2025-07-23T03:17:09","modified_gmt":"2025-07-23T03:17:09","slug":"raubkunst-rueckgaben-in-bayern-man-mauert-weiterhin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/286635\/","title":{"rendered":"Raubkunst-R\u00fcckgaben in Bayern: &#8222;Man mauert weiterhin!&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Im Februar schlug der NS-Raubkunstskandal in den Bayerischen Staatsgem\u00e4ldesammlungen bundesweit hohe Wellen. Der Vorwurf: Man wusste bei hunderten Gem\u00e4lden im Depot von ihrer problematischen Herkunft, hatte sich aber jahrelang nicht oder zu wenig um Aufkl\u00e4rung und R\u00fcckgaben bem\u00fcht. Der damalige Museumschef Bernhard Maaz musste seinen Hut nehmen, CSU-Kunstminister Markus Blume entschuldigte sich im Landtag reum\u00fctig bei NS-Opfern und ihren Nachfahren und <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/kultur\/umgang-mit-ns-raubkunst-neue-aera-oder-beruhigungspille,UhDX5Ab\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">versprach mehr Tempo bei der Aufkl\u00e4rung und bei R\u00fcckgaben<\/a>. <\/p>\n<p>Die Erben der j\u00fcdischen M\u00fcnchner Kunsthandlung &#8222;Br\u00fcder Lion&#8220; h\u00f6rten damals genau zu \u2013 denn sie fordern schon seit \u00fcber zwei Jahren Bilder zur\u00fcck, die unter fragw\u00fcrdigen Umst\u00e4nden mitten in der NS-Zeit in die staatliche Sammlung gelangt waren. <\/p>\n<p>Opfer-Nachfahren: &#8222;Sehen keine Verbesserung&#8220;<\/p>\n<p>Miguel Meyer, Enkel des Kunsth\u00e4ndlers Louis Lion, und sein Anwalt Hannes Hartung haben die Ank\u00fcndigungen des Ministers auch f\u00fcnf Monate sp\u00e4ter noch gut im Ohr. Ihre Zwischenbilanz ist eine n\u00fcchterne: &#8222;Wir sehen \u00fcberhaupt keine Verbesserung, man mauert eigentlich weiterhin, so ist unser Eindruck,&#8220; sagt Hartung.<\/p>\n<p>Sein Mandant Miguel Meyer wuchs nach der Flucht seines Gro\u00dfvaters Louis in S\u00fcdamerika auf, heute lebt der 76-J\u00e4hrige ehemalige Sprachlehrer in Freiburg. Er ist nach M\u00fcnchen gekommen, um erstmals \u00f6ffentlich zu schildern, wie er und seine Familie heute das Ringen um die R\u00fcckgaben erleben: &#8222;Mein lieber Opa Louis war sehr verbittert \u00fcber sein Schicksal, wir sind tief entt\u00e4uscht \u00fcber den Umgang des Freistaats Bayern mit uns. Das h\u00e4tten wir nie gedacht!&#8220;<\/p>\n<p>R\u00fcckgabeforderung f\u00fcr wertvolles Biedermeier-Gem\u00e4lde<\/p>\n<p>Vier Gem\u00e4lde fordert die \u00fcber die ganze Welt verstreute Erbengemeinschaft Lion vom Freistaat Bayern zur\u00fcck, das wichtigste vielleicht: <a href=\"https:\/\/www.sammlung.pinakothek.de\/de\/artwork\/k2xnYgN4Pd\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">&#8222;Junges M\u00e4dchen mit Strohhut&#8220; von Friedrich von Amerling<\/a> (externer Link). Der \u00d6sterreicher gilt als bedeutendster Portr\u00e4tmaler der Wiener Biedermeierzeit. Eine zweite, nahezu identische Version des Portr\u00e4ts wurde 2008 f\u00fcr 1,5 Millionen Euro in Wien versteigert. <\/p>\n<p>Wie kam &#8222;M\u00e4dchen mit Strohhut&#8220; in die staatliche Sammlung?<\/p>\n<p>Im Januar 1935, unter dem Druck der Naziherrschaft, laufen die Gesch\u00e4fte der Br\u00fcder Lion schlecht. Die Lions tauschen das Amerling-Bild mit den Staatsgem\u00e4ldesammlungen, um daf\u00fcr zwei Bilder aus dem Museumsdepot zu bekommen. Zu ihren genauen Beweggr\u00fcnden \u2013 und ob sie die Bilder \u00fcberhaupt ausgeh\u00e4ndigt bekommen haben \u2013 gibt es keine schriftlichen Unterlagen mehr. Was es aber schriftlich gibt, ist ein Aktenvermerk des damaligen Generaldirektors Ernst Buchner zu dem Tausch. Darin beschreibt Buchner die herausgegebenen Bilder als durchaus entbehrliche, kitschig-banale Depotware. Anwalt Hannes Hartung interpretiert das als Beweis f\u00fcr ein Unter-Wert-Gesch\u00e4ft, als NS-bedingten Zwangstausch unter Ausnutzung der Notlage der j\u00fcdischen Kunsth\u00e4ndler: &#8222;Es werden zwei v\u00f6llig billige Bilder hergegeben, f\u00fcr ein fantastisches Bild von Amerling. W\u00e4re es ein Kauf, w\u00fcrde man sagen, es ist kein angemessener Kaufpreis bezahlt worden.&#8220;<\/p>\n<p>Indizien f\u00fcr Tauschgesch\u00e4ft auf Augenh\u00f6he?<\/p>\n<p>Im Mai erhielt Anwalt Hannes Hartung nun ein 59-seitiges internes Forschungsdossier der Staatsgem\u00e4ldesammlungen. Der Inhalt irritierte ihn. Denn in den Ausf\u00fchrungen der Provenienzforscher wird dem internen Vermerk des Generaldirektors jegliche Beweiskraft abgesprochen: Bei Tauschvorg\u00e4ngen \u2013 egal ob mit j\u00fcdischen oder sogenannten arischen H\u00e4ndlern \u2013 sei es stets die Strategie des Direktors gewesen, die gew\u00fcnschten Bilder als besonders wertig und die vom Museum abgegebenen als verzichtbar darzustellen, sonst h\u00e4tte das \u00fcbergeordnete Ministerium niemals zugestimmt. \u00dcber den tats\u00e4chlichen Gegenwert der musealen Tauschware sage der Aktenvermerk folglich nichts aus. In vergleichenden Sch\u00e4tzungen kommen die Autoren des Dossiers am Ende sogar zu dem Schluss, dass die Museumsbilder wertvoller waren als der eingelieferte Amerling. <\/p>\n<p>Opfer-Anwalt: &#8222;Eindeutig NS-Raubkunst!&#8220;<\/p>\n<p>Hannes Hartung kritisiert den Inhalt des Dossiers aufs Sch\u00e4rfste und fragt ganz grunds\u00e4tzlich, ob es diesen Tausch ohne den Druck der NS-Verfolgung gegeben h\u00e4tte: &#8222;W\u00e4re dieses Rechtsgesch\u00e4ft au\u00dferhalb des Nationalsozialismus so geschlossen worden? Niemals!&#8220; F\u00fcr den Anwalt ein klarer Fall von NS-verfolgungsbedingtem Entzug, der eine unverz\u00fcgliche R\u00fcckgabe zur Folge haben m\u00fcsste: &#8222;Dass man da noch ernsthaft dar\u00fcber anf\u00e4ngt zu diskutieren, halte ich f\u00fcr \u00e4u\u00dferst fragw\u00fcrdig!&#8220;<\/p>\n<p>Museum und Kunstministerium bitten um Geduld<\/p>\n<p>Die Staatsgem\u00e4ldesammlungen beantworten auf BR24-Anfrage derzeit keine inhaltlichen Nachfragen zu dem Dossier. Es handle sich um die sachlich neutrale Darstellung des Falls unter Einbeziehung aller verf\u00fcgbaren Unterlagen und Dokumente, an der juristischen Bewertung und einer Empfehlung zum weiteren Vorgehen arbeite man gerade noch, hei\u00dft es aus dem Museum. Ende Juli will Kunstminister Markus Blume nochmals dem Landtag \u00fcber den Zwischenstand in Sachen Aufarbeitung rund um die Staatsgem\u00e4ldesammlungen berichten. Ob es im Fall Amerling bis dahin zu einer Entscheidung kommt, ist offen. Miguel Meyer richtet die letzten Worte seines Statements daher direkt an den Kunstminister: &#8222;Es ist nie zu sp\u00e4t, das Richtige zu tun!&#8220;<\/p>\n<p>223 Werke neu auf Lost Art eingestellt<\/p>\n<p>Seit der kritischen Berichterstattung im Februar wurden von den Staatsgem\u00e4ldesammlungen 223 Werke neu in die Datenbank Lost Art eingestellt. In den museumseigenen Datenbanken sind derzeit im Provenienzampelsystem 86 Werke mit &#8222;rot&#8220; markiert, 443 mit dem Vermerk &#8222;orange&#8220;. Rot steht f\u00fcr einen gesicherten Raubkunstverdacht, orange f\u00fcr einen wahrscheinlichen, der weitere Forschungen n\u00f6tig macht. Neue Anspr\u00fcche an das Museum von Nachfahren NS-verfolgter Kunsth\u00e4ndler oder Sammlerinnen gab es seit Februar 2025 nach Auskunft der Staatsgem\u00e4ldesammlungen nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Februar schlug der NS-Raubkunstskandal in den Bayerischen Staatsgem\u00e4ldesammlungen bundesweit hohe Wellen. 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