{"id":287633,"date":"2025-07-23T12:34:14","date_gmt":"2025-07-23T12:34:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/287633\/"},"modified":"2025-07-23T12:34:14","modified_gmt":"2025-07-23T12:34:14","slug":"ein-bloggender-chemie-professor-und-seine-sicht-auf-die-welt-%c2%b7-leipziger-zeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/287633\/","title":{"rendered":"Ein bloggender Chemie-Professor und seine Sicht auf die Welt \u00b7 Leipziger Zeitung"},"content":{"rendered":"<p>J\u00f6rg Matysik ist \u201eerstaunt\u201c, als er in der vergangenen Woche eine Anfrage der Leipziger Zeitung (LZ) erh\u00e4lt: \u201eNehmen wir einmal an, jemand, der Sie nicht leiden kann, Grund ist egal, rammt Ihnen ein Messer in den R\u00fccken. Oder dieser jemand verleumdet Sie mit absurden Anschuldigungen auf Plakaten. Diese Person ist offenbar ein Krimineller. Ein Journalist fragt Sie dann: Was haben Sie falsch gemacht, dass der Messerstecher so au\u00dfer sich war?\u201c<\/p>\n<p>Wer diese angenommenen Personen in der Realit\u00e4t sein sollen, ist offensichtlich: Der Journalist bin ich, das Opfer ist Matysik und der Messerstecher ist eine Gruppe von antifaschistischen Studierenden. Als letztere bezeichnen sich zumindest eine oder mehrere Unbekannte in einem \u201eOuting\u201c, das sie Ende Juni ver\u00f6ffentlicht haben. Sie warnen darin vor einem \u201erassistischen Prof\u201c namens J\u00f6rg Matysik.<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/ccdc00c5705945b3868815eb8ec39717.gif\" alt=\"\" width=\"https:\/\/www.l-iz.de\/leben\/gesellschaft\/2025\/07\/1\" height=\"https:\/\/www.l-iz.de\/leben\/gesellschaft\/2025\/07\/1\"\/><\/p>\n<p>Dieser lehrt seit 2013 als Professor am Institut f\u00fcr Analytische Chemie der Universit\u00e4t Leipzig. Laut Uni-Homepage hat es sich seine Forschungsgruppe zum Ziel gesetzt, \u201edie Spin- und Photochemie von photosynthetischen Systemen, Photorezeptoren und Materialien durch die Entwicklung und Anwendung von optischen NMR-Methoden zu verstehen\u201c.<\/p>\n<p>Outing im Internet und am Campus<\/p>\n<p>Au\u00dferdem soll Matysik auf einem eigenen Blog \u201eCorona-Schwurbel\u201c betreiben, den Klimawandel leugnen und \u201efaschistoiden Hass auf Migrant*innen\u201c sch\u00fcren. So ist es in dem Outing zu lesen, das sowohl auf den linksradikalen Online-Plattformen \u201eIndymedia\u201c und \u201eKnack.News\u201c als auch am Campus der Fakult\u00e4t f\u00fcr Chemie und Mineralogie verbreitet wurde. Auf den Plakaten finden sich zudem ein Foto des Professors und Zitate von seinem Blog.<\/p>\n<p>Dort schrieb er beispielsweise: \u201eDer kriminelle Abschaum aber, der polizeibekannt ist, der sich nicht abschieben lassen werden wird, muss nach der Genfer Konvention interniert werden, wenn Abschiebung trotz Drucks nicht m\u00f6glich ist.\u201c Den \u201eAbschaum\u201c ersetzte Matysik sp\u00e4ter durch \u201eAbenteurer\u201c, nachdem ein \u201egesch\u00e4tzter Kollege\u201c das Wort als nicht akademisch genug kritisiert habe.<\/p>\n<p>Matysik betont auf seinem Blog, dass freiwillige Ausreise \u201enat\u00fcrlich immer m\u00f6glich\u201c sei, und zeigt Gnade mit gut integrierten Migrant*innen: \u201eWer Richard Wagner auf dem Klavier oder Matthias Claudius auf der Orgel spielen kann, soll bitte bleiben! Herzlich willkommen, wunderbare Menschen! Hier mich gerne kontaktieren.\u201c<\/p>\n<p>Bis vor Kurzem war mit \u201ehier\u201c gemeint: das <a href=\"https:\/\/www.chemie.uni-leipzig.de\/institut-fuer-analytische-chemie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Institut f\u00fcr Analytische Chemie<\/a>. Dieses hatte Matysik auf der Kontaktseite als Adresse angegeben, inklusive Telefonnummer seines Sekretariats. F\u00fcr den virtuellen Kontakt war seine pers\u00f6nliche Uni-Mailadresse hinterlegt.<\/p>\n<p>Das Blog selbst nutzt keine Infrastruktur der Universit\u00e4t, sondern ist Teil einer privaten Homepage von Matysik. Er informiert dort \u00fcber Forschung und Ver\u00f6ffentlichungen, kommentiert aber eben auch ausf\u00fchrlichst das politische Weltgeschehen.<\/p>\n<p>Sympathie mit Trump und gegen den \u201ewoken Wahnsinn\u201c<\/p>\n<p>Dabei vertritt er immer wieder rechte Positionen und l\u00e4sst keine Zweifel an seinen Sympathien: \u201eMeloni, Wilders und Trump sind nur der Beginn. Diese und ihre Nachfolger werden den Wahnsinn beseitigen, der uns nun bedroht und hemmt.\u201c An anderer Stelle wird Matysik pr\u00e4ziser, welche Art von Wahnsinn er meint: \u201eDie letzten f\u00fcnf Jahre waren besonders unangenehm. \u00dcberall in Deutschland erschien der woke Wahnsinn.\u201c<\/p>\n<p>In der folgenden Erl\u00e4uterung des \u201ewoken Wahnsinns\u201c \u00e4u\u00dfert sich Matysik abwertend \u00fcber trans Menschen und queere Kinder, beklagt angebliche Sprechverbote und behauptet, dass die Unschuldsvermutung nicht mehr f\u00fcr M\u00e4nner gelte und dass es zum \u201esozialen Tod\u201c f\u00fchre, die Vorstellung <a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/politik\/kassensturz\/2025\/07\/immer-ofter-heiss-und-trocken-leipziger-rekordjahr-2024-zahlen-629509\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">vom menschengemachten Klimawandel<\/a> zu kritisieren.<\/p>\n<p>In einem anderen Kommentar schreibt Matysik, dass \u201e1+1=2 nicht mehr f\u00fcr Schwarze gelten soll\u201c, und meint damit offenbar angebliche Ausw\u00fcchse von Identit\u00e4ts- und Gleichstellungspolitik. \u00dcber die Bedeutung l\u00e4sst sich nur spekulieren, denn die Frage, was genau damit gemeint ist, blieb unbeantwortet.<\/p>\n<p>Uni-Gremien reagieren zur\u00fcckhaltend, deutlich oder gar nicht<\/p>\n<p>\u00c4hnlich zur\u00fcckhaltend reagierten verschiedene Stellen an der Universit\u00e4t auf Anfragen der Leipziger Zeitung. Die Gleichstellungsbeauftragte der Chemie-Fakult\u00e4t antwortete gar nicht, das Dekanat verwies auf die Pressestelle der Universit\u00e4t; Chemie-Fachschaftsrat (FSR) und Unileitung argumentieren, dass es sich um private \u00c4u\u00dferungen handle, die \u2013 so eine Sprecherin des FSR Chemie \u2013 \u201eau\u00dferhalb des universit\u00e4ren Kontexts get\u00e4tigt\u201c worden seien.<\/p>\n<p>Zumindest letztere Aussage erscheint fragw\u00fcrdig, verwies doch das Impressum zum Zeitpunkt der Anfrage klar auf das universit\u00e4re Chemie-Institut und die universit\u00e4re Mailadresse. Mittlerweile wurden diese Angaben gel\u00f6scht und durch pers\u00f6nliches Postfach und private Mailadresse ersetzt. Ob das auf Druck oder freiwillig geschah, blieb seitens Matysik unbeantwortet. Laut Uni-Pressestelle war das Impressum zuvor \u201eGegenstand einer internen Pr\u00fcfung\u201c.<\/p>\n<p>Fachschaftsrat und Unileitung betonen, dass ihnen Menschenw\u00fcrde, Pluralit\u00e4t, Toleranz, Vielfalt und Chancengleichheit wichtig seien. Nat\u00fcrlich ganz unabh\u00e4ngig von der Personalie Matysik.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.l-iz.de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/matysik1.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-629962\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/matysik1-698x465.jpg\" alt=\"\" width=\"698\" height=\"465\"  \/><\/a>Fakult\u00e4t f\u00fcr Chemie und Mineralogie der Universit\u00e4t Leipzig. Foto: Ren\u00e9 Loch<\/p>\n<p>Deutlicher positioniert sich das Stura-Referat f\u00fcr Hochschulpolitik. \u201eDie Inhalte seines Blogs sind in Teilen menschenverachtend, diskriminierend, wissenschaftsfeindlich und verh\u00f6hnen die Lebensrealit\u00e4t vieler Studierender\u201c, teilen die beiden Referent*innen Pauline Rothkegel und Alaska Krakor auf Anfrage mit. Es sei \u201enicht hinnehmbar\u201c, dass sich ein Universit\u00e4tsprofessor \u201egegen die Existenzweise von trans*, nicht-bin\u00e4ren und rassifiziert wahrgenommenen Studierenden\u201c stelle.<\/p>\n<p>Mit seinen Aussagen schaffe Matysik eine \u201eAtmosph\u00e4re der Einsch\u00fcchterung\u201c, vor allem f\u00fcr Studierende, die sich kritisch \u00e4u\u00dfern oder zu den im Blog erw\u00e4hnten Gruppen geh\u00f6ren. \u201eWir fordern eine kritische Auseinandersetzung der Universit\u00e4t Leipzig mit der Personalie J\u00f6rg Matysik und erwarten, dass sie ihre Verantwortung gegen\u00fcber ihrer diversen Studierendenschaft wahrnimmt.\u201c<\/p>\n<p>Hinweise darauf, dass sich der Chemie-Professor gegen\u00fcber Studierenden \u00e4hnlich \u00e4u\u00dfert wie auf seinem Blog, gibt es nicht. Das betonten mehrere Gespr\u00e4chspartner*innen im Laufe der Recherche \u2013 auch solche, die das Blog kritisch sehen.<\/p>\n<p>Matysik \u00e4tzt auch gegen Kolleg*innen der eigenen Hochschule<\/p>\n<p>Matysik teilte mit, dass er zu den \u201eErgebnissen seiner Analysen\u201c stehe: \u201eMan muss stolz sein, von Kriminellen \u2013 in meinem Falle: rot-lackierten Nazis \u2013 beschuldigt worden zu sein. Man muss der Kripo viel Erfolg bei den Ermittlungen w\u00fcnschen.\u201c Wissenschaft lebe von Dialog und Disput, so Matysik.<\/p>\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr Dialog und Disput schilderte Matysik k\u00fcrzlich in sp\u00f6ttischem Ton auf seinem Blog: \u201eAuch ich wurde von ein\/em\/er\/x Kolleg\/en\/in\/x (m\/w\/d\/x\/y) aus der\/die Leipziger\/in KulturWissenschaft\/in angesprochen: In den Naturwissenschaften seien ja kolonialistische Strukturen noch sehr stark.\u201c Matysik erg\u00e4nzte mit einem augenzwinkernden Smiley, dass er \u201enat\u00fcrlich sofort herzlich zugestimmt\u201c habe. Danach argumentierte er mit Beispielen gegen die These.<\/p>\n<p>\u201eEs freut mich, dass Herr Kollege Matysik noch einen freien Platz im Internet gefunden hat\u201c, schreibt Thomas Schmidt-Lux, Leiter der von Matysik erw\u00e4hnten Leipziger Kulturwissenschaften, auf LZ-Anfrage. \u201eSeine Kenntnisse kulturwissenschaftlicher Perspektiven sind nur zu bewundern und werden sicherlich eine angemessene Leserschaft finden.\u201c<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise wird Matysik seine Kenntnisse aber bald an einem anderen Platz im Internet vermitteln. Nach LZ-Informationen gab es ein Gespr\u00e4ch zwischen ihm und der F\u00fchrungsebene der Universit\u00e4t. Ergebnis soll unter anderem gewesen sein, dass sein Blog und die sonstigen Inhalte der Homepage k\u00fcnftig st\u00e4rker voneinander getrennt werden. Matysik wollte das auf Anfrage nicht best\u00e4tigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"J\u00f6rg Matysik ist \u201eerstaunt\u201c, als er in der vergangenen Woche eine Anfrage der Leipziger Zeitung (LZ) erh\u00e4lt: \u201eNehmen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":287634,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1832],"tags":[32845,3364,29,2650,30,71,859,22082],"class_list":{"0":"post-287633","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-leipzig","8":"tag-antifa","9":"tag-de","10":"tag-deutschland","11":"tag-diskriminierung","12":"tag-germany","13":"tag-leipzig","14":"tag-sachsen","15":"tag-uni-leipzig"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114902575730146902","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/287633","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=287633"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/287633\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/287634"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=287633"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=287633"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=287633"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}