{"id":289984,"date":"2025-07-24T10:09:10","date_gmt":"2025-07-24T10:09:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/289984\/"},"modified":"2025-07-24T10:09:10","modified_gmt":"2025-07-24T10:09:10","slug":"jungle-world-arbeitskampf-bei-lieferando","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/289984\/","title":{"rendered":"jungle.world &#8211; Arbeitskampf bei Lieferando"},"content":{"rendered":"<p>Unscheinbar ist der schmale Eingang zur McDonald\u2019s-Filiale an der Frankfurter Hauptwache. Wie eingequetscht liegt er in der Einkaufsgegend zwischen einem Modegesch\u00e4ft und einem Laden f\u00fcr Fruchtgummi. Davor stehen oft zahlreiche Fahrr\u00e4der verschiedener Lieferunternehmen, mit Lieferrucks\u00e4cken in Gr\u00fcn, Blau oder Orange. Am Donnerstagabend vergangener Woche war vor der Filiale ein riesiges Transparent aufgespannt. Die Aufschrift: \u00bbLieferstreik\u00ab.<\/p>\n<p>Kuriere von Lieferando\u00a0\u2013 die mit den orangenen Rucks\u00e4cken\u00a0\u2013 aus Frankfurt am Main, Offenbach, Darmstadt und Mainz streikten an dem Tag bei Sonnenschein und lauter Musik in der Frankfurter Innenstadt. \u00bbStreikerando\u00ab stand auf ihren schwarzen Westen, die ein zum Totenkopf stilisiertes Lieferando-Logo zierte. Der Co-Vorsitzende der Linkspartei, Jan van Aken, kam vorbei und dr\u00fcckte den Streikenden seine Solidarit\u00e4t aus. Deren Parole \u00bbLiefer? Streik!\u00ab war weit zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Streik in Frankfurt<\/p>\n<p>Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gastst\u00e4tten (NGG) hatte zum Streik bei Lieferando aufgerufen. Sie fordert einen tariflichen Stundenlohn von 15\u00a0Euro f\u00fcr alle Kuriere sowie Zuschl\u00e4ge f\u00fcr Sonn- und Feiertagsarbeit. Am 11. und 12.\u2009Juli gingen mit einem 36-Stunden-Ausstand, dem l\u00e4ngsten in der Geschichte Lieferandos, die bundesweiten Warnstreiks los.<\/p>\n<p>Derzeit verdienen die Fahrer bei Lieferando nur den gesetzlichen Mindestlohn plus einen Bonus f\u00fcr besonders viele Lieferungen innerhalb eines \u00adMonats. Die Rider, so nennen sich die Kuriere selbst, sind teils mit dem Auto, teils mit Motorrollern, teils mit dem Fahrrad unterwegs. \u00bbUnsere Mitglieder brauchen mehr Lohn, um von ihrer Arbeit \u00fcberhaupt leben zu k\u00f6nnen\u00ab, sagte Mark Baumeister, Referatsleiter der NGG f\u00fcr das Gastgewerbe, am Rande der Streikkundgebung der Jungle World. Lieferando hat auf eine Anfrage der Jungle World nicht reagiert.<\/p>\n<blockquote>\n<p>\u00bbHeute Morgen dachte ich noch wir k\u00e4mpfen f\u00fcr einen Tarifvertrag. Jetzt k\u00e4mpfen wir auch f\u00fcr den Erhalt der Arbeitspl\u00e4tze.\u00ab\u2002Anna Langensiepen, Gewerkschaftssekret\u00e4rin bei der NGG<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das Unternehmen ist der deutsche Marktf\u00fchrer unter den plattformbasierten Essenslieferdiensten. Es geh\u00f6rt zum internationalen Konzern Just Eat Takeaway, der in 17 L\u00e4ndern t\u00e4tig ist. In erster Linie ist Lieferando ein Online-Marktplatz: \u00dcber 80\u00a0Prozent der Bestellungen werden dem Unternehmen zufolge von den Restaurants selbst ausgeliefert. F\u00fcr die Vermittlung \u00fcber seine Plattform kassiert Lieferando nach eigenen Angaben 14\u00a0Prozent Kommission von den Restaurants. Wenn Lieferando au\u00dferdem die Lieferung \u00fcbernimmt, werden 30\u00a0Prozent Kommission f\u00e4llig. Die L\u00f6hne und Arbeitsbedingungen in diesem Liefersegment sind sehr schlecht.<\/p>\n<p>Pinar Mahmood, die Betriebsratsvorsitzende bei Lieferando in Frankfurt und Offenbach, sagte der Jungle World: \u00bbEs geht in erster Linie ums Geld. Aber mir ist auch wichtig, dass meine Kollegen auf der Stra\u00dfe sicher sind.\u00ab Sie erkl\u00e4rt, dass Lieferando von den Fahrern verlangt, ihr privates Rad, Auto und Smartphone zu nutzen. Die Kompensation, die daf\u00fcr pro Kilometer gezahlt wird, reiche aber nicht aus. Wenn ihre Kollegen einen Unfall oder eine Panne haben, wird ihnen kein Ersatz angeboten und ihre ausfallenden Schichten werden nicht bezahlt, berichtet Mahmood weiter.<\/p>\n<p>Seit Februar 2023 k\u00e4mpft die NGG f\u00fcr einen Tarifvertrag f\u00fcr die rund 6.000\u00a0Rider von Lieferando, doch das Unternehmen weigert sich, dar\u00fcber auch nur zu verhandeln. \u00bbLieferando versucht, den Konflikt auszusitzen\u00ab, sagt Baumeister der Jungle World.<\/p>\n<p>Aufbau der \u00bbSchattenflotte\u00ab<\/p>\n<p>Eine Stunde bevor die Streikkundgebung in Frankfurt begann, hatte Lieferando \u00f6ffentlich gemacht, bis Ende des Jahres 2.000\u00a0Besch\u00e4ftigte entlassen zu wollen. Anna Langensiepen, Gewerkschaftssekret\u00e4rin der NGG in der Region Rhein-Main, wurde w\u00e4hrend der Streikvorbereitung von der Nachricht \u00fcberrascht. \u00bbHeute Morgen dachte ich noch, wir k\u00e4mpfen f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen durch einen Tarifvertrag\u00ab, sagte sie der Jungle World am Rande des Streiks. \u00bbDas tun wir nat\u00fcrlich immer noch. Aber jetzt k\u00e4mpfen wir auch f\u00fcr den Erhalt der Arbeitspl\u00e4tze bei Lieferando.\u00ab<\/p>\n<p>Die NGG wirft dem Unternehmen vor, eine \u00bbSchattenflotte\u00ab aufbauen zu wollen. Bisher sind bei Lieferando fast alle Rider fest angestellt. Das ist die Ausnahme in der Lieferbranche. Die Konkurrenten Wolt und Uber Eats besch\u00e4ftigen die meisten ihrer Rider nicht selbst, sondern leihen sie von Subunternehmen aus, sogenannten \u00bbFlottenpartnern\u00ab. Lieferando geht nun mit den geplanten Entlassungen in dieselbe Richtung. Das Unternehmen k\u00fcndigte an, die Zusammenarbeit mit Subunternehmern auszubauen.<\/p>\n<p>\u00bbGegen den Aufbau der \u203aSchattenflotte\u2039 werden wir uns mit aller Kraft wehren\u00ab, sagte Langensiepen. \u00bbDie Belegschaft setzt heute ein starkes Zeichen, dass sie das nicht mit sich machen l\u00e4sst.\u00ab<\/p>\n<p>Der NGG zufolge hat Lieferando in den vergangenen Monaten allein in Berlin rund 500\u00a0feste Arbeitspl\u00e4tze abgebaut und durch Rider ersetzt, die f\u00fcr den Flottenpartner Fleetlery arbeiten. Teils seien entlassene Besch\u00e4ftigte sogar von Subunternehmen kontaktiert worden, die ihnen angeboten h\u00e4tten, weiter f\u00fcr Lieferando Essen auszuliefern, aber zu deutlich schlechteren Konditionen. Bei Fleetlery gibt es dem RBB zufolge in der Regel keine Festanstellungen und damit auch keinen Mindestlohn. Stattdessen werde pro Lieferung gezahlt und Fleetlery fordere f\u00fcr jeden Auftrag eine Vermittlungsgeb\u00fchr.<\/p>\n<p>Die Konkurrenz nutzt Subunternehmen<\/p>\n<p>Die Folgen des Subunternehmertums in der Essenslieferbranche kann man bei den Lieferando-Konkurrenten Wolt und Uber Eats beobachten, die schon l\u00e4nger auf \u00bbFlottenpartner\u00ab zur\u00fcckgreifen. Das internationale Forschungsprojekt Fairwork bewertet regelm\u00e4\u00dfig die Arbeitsbedingungen in Plattformunternehmen. Dessen letztem Bericht von 2025 ist zu entnehmen, dass manche Rider ohne formalen Arbeitsvertrag oder mit einer \u00bbAttrappe\u00ab eines Arbeitsvertrags arbeiten, dessen Vereinbarungen in der Praxis nicht eingehalten werden.<\/p>\n<p>So sei in den Vertr\u00e4gen beispielsweise ein Stundenlohn festgelegt, der aber nicht zur Auszahlung komme. Denn in der Regel werden die Fahrer pro Lieferung bezahlt\u00a0\u2013 das bringt mit sich, dass sie f\u00fcr Wartezeiten nicht entlohnt werden, so dass viele von ihnen tats\u00e4chlich weniger als den gesetzlichen Mindestlohn verdienen.<\/p>\n<p>Manche Fahrer erhalten Fairwork zufolge keine oder falsche Lohnabrechnungen, oft m\u00fcssten sie monatelang auf ausstehenden Lohn warten. Viele m\u00fcssen ihre Krankenversicherung selbst tragen, sie verdienen nichts, wenn sie krank werden, und erhalten keinen Urlaub. In einigen F\u00e4llen m\u00fcssen die Fahrer bis zu 35\u00a0Prozent ihres Einkommens als Provision an die Flottenpartner abtreten. Einige der f\u00fcr den Bericht befragten Arbeiter:innen mussten eine Beitrittsgeb\u00fchr von 500\u00a0Euro an das Subunternehmen zahlen, nur um \u00fcber dessen App Zugang zu Auftr\u00e4gen zu erhalten. Durch die Flottenpartner k\u00f6nnen sich die Plattformunternehmen der Verantwortung f\u00fcr die Arbeitsbedingungen der Rider entziehen.<\/p>\n<p>Wolt widerspricht den Vorw\u00fcrfen auf Anfrage der Jungle World. Das Unternehmen beteuert, nur mit Flottenpartnern zusammenzuarbeiten, die \u00bbhohe Standards einhalten und verantwortungsvoll mit ihren Mitarbeitenden umgehen\u00ab. Wolt verweist auf umfassende und regelm\u00e4\u00dfige Kontrollen seiner Dienstleister, in denen unter anderem Arbeitserlaubnisse und die Einhaltung des Mindestlohns gepr\u00fcft w\u00fcrden. Uber Eats lie\u00df eine Anfrage bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet.<\/p>\n<p>Mark Baumeister warnt im Gespr\u00e4ch mit der Jungle World: \u00bb Lieferando gibt mit dem Ausbau seiner \u203aSchattenflotte\u2039 die Verantwortung ab.\u00ab Die Lieferando-Rider und die NGG gehen davon aus, dass es dann Arbeitsrechtsverletzungen bei den Subunternehmern geben wird. Lieferando verteidigte den Schritt damit, dass die Nutzung von Subunternehmen \u00bbin der Branche \u00fcblicher Standard\u00ab sei.<\/p>\n<p>Die EU-Plattformrichtlinie<\/p>\n<p>Bei der Streikkundgebung skandierten die Lieferando-Rider: \u00bbWir brauchen Bas, Bas, Bas\u00a0\u2013 Stoppt die Schattenflotte!\u00ab Gemeint war die Bundesarbeitsministerin B\u00e4rbel Bas (SPD), deren Ministerium die Arbeitsbedingungen \u00adim Liefersektor auf politischem Wege verbessern k\u00f6nnte. Ende 2024 hat die EU die sogenannte Plattformrichtlinie beschlossen, die bis Ende 2026 in nationales Recht \u00fcberf\u00fchrt werden muss. Die Richtlinie legt fest, dass beim Einsatz von Subunternehmen die Besch\u00e4ftigten \u00bbdenselben Schutz\u00ab genie\u00dfen, wie wenn sie beim beauftragenden Unternehmen selbst eingestellt w\u00e4ren. Au\u00dferdem sollen die entsprechenden Organe der Mitgliedstaaten anhand der tats\u00e4chlichen Arbeitsverh\u00e4ltnisse der Leute und nicht anhand ihrer Vertr\u00e4ge beurteilen, ob Plattformarbeiter abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigte \u00adoder Selbst\u00e4ndige sind. Wer seine Auftr\u00e4ge von einer App erh\u00e4lt und dabei st\u00e4ndig \u00fcberwacht wird, w\u00fcrde erst mal als angestellt gelten\u00a0\u2013 die Unternehmen m\u00fcssten das Gegenteil beweisen.<\/p>\n<p>Die EU-Plattformrichtlinie k\u00f6nnte also Ridern dabei helfen, ihre Rechte gegen die Lieferunternehmen einzuklagen. \u00bbWie hilfreich sie sein wird, wird von ihrer konkreten Umsetzung abh\u00e4ngen\u00a0\u2013 etwa davon, ob Plattformunternehmen f\u00fcr Verfehlungen ihrer Subunternehmen haftbar ge\u00admacht werden\u00ab, meint Johannes Specht vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der gewerkschaftsnahen Hans-B\u00f6ckler-Stiftung im Gespr\u00e4ch mit der Jungle World. Ein Referentenentwurf des Bundesministeriums f\u00fcr Arbeit und Soziales soll im Laufe dieses Jahres vorgelegt werden. Baumeister von der NGG k\u00fcndigt bereits an: \u00bbDen Druck auf die Politik, der systematischen Arbeitsrechtsverletzung Einhalt zu gebieten, werden wir weiter erh\u00f6hen.\u00ab<\/p>\n<p>Tarifvertrag<\/p>\n<p>So wichtig gesetzliche Regeln w\u00e4ren\u00a0\u2013 viele Missst\u00e4nde lie\u00dfen sich schon jetzt durch Tarifvertr\u00e4ge beheben. \u00bbBranchenweite Standards zu L\u00f6hnen, Zuschl\u00e4gen, Urlaub und vielem mehr k\u00f6nnte man durchsetzen, indem ein Unternehmen einen Tarifvertrag abschlie\u00dft, der dann von der Politik f\u00fcr allgemeinverbindlich erkl\u00e4rt wird\u00ab, so Specht. \u00bbEr w\u00fcrde f\u00fcr die ganze Branche gelten und dem Unterbietungswettbewerb der Plattformen w\u00e4re ein Riegel vorgeschoben.\u00ab<\/p>\n<p>Lieferando k\u00f6nnte hier Vorreiter sein. Das Unternehmen weigert sich aber nach wie vor, \u00fcberhaupt mit der NGG zu verhandeln. Die Gewerkschaft hat angek\u00fcndigt, den Druck mit weiteren Streiks und Aktionen aufrechtzuerhalten. Anna Langensiepen von der NGG sagt: \u00bbEs braucht \u00f6ffentlichen Druck, den Lieferando sp\u00fcrt.\u00ab<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Unscheinbar ist der schmale Eingang zur McDonald\u2019s-Filiale an der Frankfurter Hauptwache. 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