{"id":29040,"date":"2025-04-13T16:37:10","date_gmt":"2025-04-13T16:37:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/29040\/"},"modified":"2025-04-13T16:37:10","modified_gmt":"2025-04-13T16:37:10","slug":"finnland-wenn-wir-die-grenze-oeffnen-kann-es-zur-massenmigration-kommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/29040\/","title":{"rendered":"Finnland: \u201eWenn wir die Grenze \u00f6ffnen, kann es zur Massenmigration kommen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Finnland teilt eine rund 1340 Kilometer lange Grenze mit Russland \u2013 und h\u00e4lt sie seit anderthalb Jahren geschlossen. Helsinki sieht darin einen Akt der Notwehr. Vor Ort zeigt sich, wie die Finnen sich auf den Ernstfall vorbereiten.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Stacheldrahtzaun und Betonbarrieren riegeln die Allee zum finnischen Grenzposten Niirala ab. Von hier in Nordkarelien sind es nur zwei Kilometer nach Russland, doch das Gebiet gleicht einer milit\u00e4rischen Sperrzone. \u201eStopp\u201c prangt auf drei Schildern, daneben auch auf Russisch der Hinweis: kein Durchkommen. Seit knapp eineinhalb Jahren h\u00e4lt Finnland seine rund 1340 Kilometer lange Ostgrenze geschlossen.<\/p>\n<p>Die Regierung begr\u00fcndet die Schlie\u00dfung als einen Akt der Notwehr gegen Putins hybride Kriegsf\u00fchrung. Der Vorwurf: Russland setze Massenmigration als Waffe ein, um den Nachbarstaat zu destabilisieren. Laut dem finnischen Innenministerium gelangten zwischen August und Dezember 2023 etwa 1300 <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/plus250473596\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;\/plus250473596&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Personen ohne Visum <\/a>illegal \u00fcber die russischen Grenzstellen nach Finnland. Sie kamen aus L\u00e4ndern wie Syrien, Somalia, dem Jemen und dem Irak. Die meisten von ihnen beantragten Asyl und hatten Russland nur zur Durchreise genutzt.<\/p>\n<p>Zu dem Grenzeklat kam es nur wenige Monate, nachdem Finnland 2023 offiziell der Nato beigetreten war. Der Beitritt war ein Einschnitt nach Jahrzehnten der milit\u00e4rischen B\u00fcndnisneutralit\u00e4t, aber eine klare Reaktion auf Russlands Angriff gegen die gesamte Ukraine. <\/p>\n<p>Seit dem \u00dcberfall auf Kiew im Februar 2022 hat sich in Finnland das Bewusstsein f\u00fcr die eigene Bedrohung gesch\u00e4rft. In dem Land mit 5,5 Millionen Einwohnern gilt f\u00fcr M\u00e4nner noch immer die Wehrpflicht. Im Kriegsfall kann die Armee auf Hunderttausende Reservisten zur\u00fcckgreifen. Im Winterkrieg 1939 hatte die Rote Armee Finnland mit knapp einer halben Million Soldaten angegriffen.<\/p>\n<p>Durch die Nato-Mitgliedschaft ist Finnland wieder st\u00e4rker ins Visier des Kremls ger\u00fcckt. In der ostfinnischen Stadt Mikkeli richtet das Milit\u00e4rb\u00fcndnis derzeit ein neues Multinationales Landkommando (MCLCC) ein. Eine k\u00fcnftige Aufgabe ist es, Pl\u00e4ne f\u00fcr die Landkriegsf\u00fchrung auszuarbeiten. Anfang April hat die finnische Regierung beschlossen, die Verteidigungsausgaben ab dem Jahr 2029 auf mindestens drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>Hauptmann Eetu Multanen hat vor anderthalb Jahren vor Ort erlebt, wie sich die Lage an der Ostgrenze zugespitzt hat. Der 34-J\u00e4hrige leitet den Grenz\u00fcbergang in Niirala. \u201eAn drei verschiedenen Tagen hatten wir allein hier pl\u00f6tzlich jeweils etwa 200 Migranten\u201c, sagt er im Gespr\u00e4ch mit WELT AM SONNTAG nahe der Grenzstelle. Das russische Vorgehen sei eine \u201eInstrumentalisierung von Migration\u201c. Mittlerweile sei die Situation aber unter Kontrolle, und es gebe nur noch vereinzelt Versuche, die Grenze illegal zu \u00fcberqueren, berichtet Multanen.<\/p>\n<p>Auf h\u00f6herer Ebene st\u00fcnden die russische und finnische Seite weiterhin im Austausch. Hunderttausende Russen hatten die Grenzstelle vor der Schlie\u00dfung j\u00e4hrlich \u00fcberquert, um in der Region einzukaufen oder ihre Ferien zu verbringen. Nun habe sich der Fokus ihrer Arbeit verschoben, berichtet Multanen, von den Grenzkontrollen zur<a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/article248766626\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;\/article248766626&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"> \u00dcberwachung der Landgrenze<\/a>. Es gebe Patrouillen, aber sie nutzten auch Drohnen zur Aufkl\u00e4rung. \u201eWir k\u00f6nnen nicht jeden Meter jederzeit \u00fcberwachen, also m\u00fcssen wir analysieren, wo Eins\u00e4tze notwendig sind\u201c, erkl\u00e4rt der Grenzsch\u00fctzer.<\/p>\n<p>Finnland hat sich dazu entschlossen, die Verteidigung gegen Russland durch den Bau eines Sperrzauns zu st\u00e4rken. Nach bisherigen Pl\u00e4nen soll der Zaun auf einer L\u00e4nge von etwa 200 Kilometern entlang der Ostgrenze entstehen. Daf\u00fcr wurden in S\u00fcdostfinnland und Nordkarelien bereits gro\u00dffl\u00e4chig B\u00e4ume entfernt. Die Fertigstellung des gesamten Sperrzauns ist f\u00fcr das Jahr 2026 vorgesehen. <\/p>\n<p>\u201eDie Stellen, an denen der Zaun errichtet wird, gelten als Hochrisikogebiete \u2013 zum Beispiel Grenz\u00fcbergangsstellen\u201c, erkl\u00e4rt Hauptmann Multanen. In Niirala etwa werde der Zaun nur einige Kilometer lang sein. Auch das finnische Milit\u00e4r hat derzeit genau im Blick, was an der Grenze zu Russland vor sich geht. <\/p>\n<p>Generalleutnant Vesa Virtanen, Chef des Verteidigungskommandos der Verteidigungskr\u00e4fte Finnlands (FDF), beobachtet eine erh\u00f6hte Aktivit\u00e4t der russischen Streitkr\u00e4fte entlang der finnischen Grenze. \u201eJetzt sehen wir, dass Russland neue Infrastruktur aufbaut und \u2013 sobald es ihnen m\u00f6glich ist \u2013 mehr Truppen in die Region bringen wird\u201c, sagte Virtanen im Gespr\u00e4ch mit WELT AM SONNTAG. Die russische Armee reorganisiere sich. \u201eAus Brigaden werden Divisionen \u2013 vielleicht vier oder f\u00fcnf Divisionen, ein Armeekorps und unterst\u00fctzende Einheiten. Es wird also mehr russische Truppen geben als vor dem Krieg in der Ukraine.\u201c<\/p>\n<p>Virtanen berichtet, dass vor dem Krieg etwa 20.000 russische Soldaten sowie rund vier Bereitschaftsbrigaden an der finnischen Grenze stationiert waren. Die meisten dieser Truppen seien mittlerweile f\u00fcr den Fronteinsatz in der Ukraine von der finnischen Grenze abgezogen worden. Gleichzeitig sieht er keine Chance, die Grenzschlie\u00dfung auf absehbare Zeit aufzuheben. \u201eWir haben Hinweise, dass es bei einer Wieder\u00f6ffnung der Grenze erneut zu einer Welle von Massenmigration kommen k\u00f6nnte. Deshalb halten wir sie geschlossen\u201c, erkl\u00e4rt der Generalleutnant.<\/p>\n<p>Einen russischen Angriff auf Finnland oder einen anderen Nato-Staat h\u00e4lt Virtanen derzeit f\u00fcr \u201esehr unwahrscheinlich, aber m\u00f6glich.\u201c Vielmehr teste der Kreml seit Jahren durch die Steuerung von Migrationsstr\u00f6men, durch Cyberangriffe oder auch durch GPS-St\u00f6rungen die Grenzen von Artikel 5, der den B\u00fcndnisfall regelt. \u201eRussland lotet aus, wie weit man gehen kann, ohne den B\u00fcndnisfall auszul\u00f6sen.\u201c Im vergangenen Dezember war erneut ein Unterseekabel \u2013 dieses Mal zwischen Finnland und Estland \u2013 besch\u00e4digt worden. Aus finnischen Sicherheitskreisen hei\u00dft es, man habe trotz anf\u00e4nglichen Verdachts bislang keinen Beweis f\u00fcr eine russische Verantwortung finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie in Deutschland registriere man aber verd\u00e4chtige Drohnenfl\u00fcge \u00fcber Finnland, sagt Virtanen. \u201eWir haben auch beobachtet, wie sich Personen in der N\u00e4he kritischer Infrastrukturen bewegt haben, und wir waren Ziel einiger Informationsoperationen\u201c, so Virtanen weiter. Im Sommer 2023 wies Finnland neun Personen aus, die an der russischen Botschaft t\u00e4tig waren und nachweislich nachrichtendienstliche Aktivit\u00e4ten betrieben hatten. Bereits im Jahr zuvor waren zwei Mitglieder der russischen Botschaft ausgewiesen worden, in Abstimmung mit Ma\u00dfnahmen anderer EU-Staaten.<\/p>\n<p>Wer in diesen Wochen durch Finnland reist, nimmt keinerlei Panik wahr, aber eine erh\u00f6hte Sensibilit\u00e4t. Grenzsch\u00fctzer Eetu Multanen sagt, sein Team k\u00f6nne sich im Kriegsfall jederzeit in eine milit\u00e4rische Organisation verwandeln. An der Grenzstelle greifen sie schon jetzt rigoros durch. Als der Reporter dieser Redaktion beim Ausparken f\u00fcr wenige Meter in die verbotene Grenzzone rollt, pfeift ihn der Hauptmann zur\u00fcck. Es drohe sonst eine Geldstrafe. Die Finnen meinen es ernst.<\/p>\n<p><a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/autor\/ibrahim-naber\/\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;\/autor\/ibrahim-naber\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\"><b>Ibrahim Naber <\/b><\/a><b>ist seit 2022 Chefreporter der WELT und berichtet regelm\u00e4\u00dfig von der Front in der Ukraine sowie \u00fcber die US-Wahlen 2024.<\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Finnland teilt eine rund 1340 Kilometer lange Grenze mit Russland \u2013 und h\u00e4lt sie seit anderthalb Jahren geschlossen.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":29041,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4013],"tags":[331,332,7286,16311,13,382,7283,14,15,4043,4044,850,307,15725,115,12,45,14981,4136],"class_list":{"0":"post-29040","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-russland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-finnland-politik","11":"tag-grenzen","12":"tag-headlines","13":"tag-migration","14":"tag-naber-ibrahim","15":"tag-nachrichten","16":"tag-news","17":"tag-russia","18":"tag-russian-federation","19":"tag-russische-foederation","20":"tag-russland","21":"tag-russland-politik","22":"tag-russland-ukraine-krieg-24-2-2022","23":"tag-schlagzeilen","24":"tag-texttospeech","25":"tag-wams-online","26":"tag-wams-auswahl"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114331637886000246","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29040","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=29040"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29040\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/29041"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=29040"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=29040"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=29040"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}