{"id":290757,"date":"2025-07-24T17:14:38","date_gmt":"2025-07-24T17:14:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/290757\/"},"modified":"2025-07-24T17:14:38","modified_gmt":"2025-07-24T17:14:38","slug":"sensation-in-italien-diese-bronzen-lagen-2000-jahre-im-schlamm","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/290757\/","title":{"rendered":"Sensation in Italien: Diese Bronzen lagen 2000 Jahre im Schlamm"},"content":{"rendered":"<p>Die Bronzen von San Casciano dei Bagni sind der bedeutendste Antikenfund seit f\u00fcnfzig Jahren in Italien. Sie erz\u00e4hlen vom Heilglauben der Etrusker und ihrem Opferkult. Dass die Skulpturen jetzt in Berlin gezeigt werden, hat weltlichere Gr\u00fcnde.<\/p>\n<p class=\"is-first-paragraph\" data-external=\"Article.FirstParagraph\">Siebzig Kilometer s\u00fcd\u00f6stlich von Siena liegt das Dorf San Casciano dei Bagni auf einem toskanischen H\u00fcgel. An mehr als vierzig Stellen im Umkreis tritt <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/print-wams\/article132733\/Baden-wie-die-alten-Roemer.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/print-wams\/article132733\/Baden-wie-die-alten-Roemer.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">40 Grad hei\u00dfes Wasser aus dem Boden<\/a>. Schon vom 5. vorchristlichen bis zum 5. nachchristlichen Jahrhundert wurde in Etrurien, wozu die heutige Toskana geh\u00f6rte, im Thermalwasser gebadet. Besonders die Quelle des \u201ebagno grande\u201c galt als Heiligtum, als gesundheitsf\u00f6rdernd bei Augenkrankheiten und Schwerh\u00f6rigkeit, bei Leberleiden, Unterleibsbeschwerden und Fortpflanzungsschwierigkeiten.<\/p>\n<p>Vor ungef\u00e4hr 2000 Jahren ist hier der Blitz eingeschlagen. Und die Etrusker taten, was sie in so einem Fall h\u00f6herer, g\u00f6ttlicher Gewalt tun mussten: das Ritual des \u201efulgur conditum\u201c befolgen. Die St\u00e4tte wurde geschlossen. Alles, was der Blitz \u201eber\u00fchrt\u201c hatte, wurde vergraben, regelrecht \u201ebeerdigt\u201c, eine Inschriftentafel aufgestellt und der Ort \u201egeweiht\u201c. F\u00fcrs Erste hie\u00df das: Baden verboten!<\/p>\n<p>Selbst als das Baden wieder erlaubt war, ahnte niemand von dem Schatz im Boden. Nicht die R\u00f6mer, die bald ein Thermalbad anlegten. Auch nicht als sie Christen wurden und das heidnische Spa wieder schlossen. Ahnungslos waren die Medici, die das Bad viel sp\u00e4ter erneut ausbauten. Ebenso die Besucher der heute \u00f6ffentlichen Badestelle mit drei Becken. Erst seit 2021 wird ausgegraben: Dutzende Skulpturen und Kunstobjekte kamen ans Tageslicht. Jetzt sind <a class=\"is-link c-block-items__link is-external c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.smb.museum\/ausstellungen\/detail\/die-bronzen-von-san-casciano-dei-bagni\/\" title=\"(Link wird in einem neuen Tab ge\u00f6ffnet)\" rel=\"nofollow noopener\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.smb.museum\/ausstellungen\/detail\/die-bronzen-von-san-casciano-dei-bagni\/&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\">\u201eDie Bronzen von San Casciano dei Bagni\u201c<\/a> erstmals au\u00dferhalb Italiens zu sehen, in der James-Simon-Galerie, der Sonderausstellungshalle der Staatlichen Museen zu Berlin auf der Museumsinsel.<\/p>\n<p>Votivgaben von au\u00dferordentlicher Qualit\u00e4t<\/p>\n<p>Luftdicht im warmen Wasserbad eingeschlossen und von einer Schicht Dachpfannen vor Pl\u00fcnderern abgeschirmt, wurden die Bronzen sozusagen \u201esous vide\u201c konserviert. Arch\u00e4ologen waren begeistert, als sie das dicht gef\u00fcllte Lager fanden \u2013 ein Bronzeblitz, der auf dem Deckel lag, f\u00fchrte sie auf die hei\u00dfe Spur. Auch Agnes Schwarzmaier, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Berliner Antikensammlung, spricht von einem der wichtigsten Antikenfunde der vergangenen f\u00fcnfzig Jahre. Er werfe eine neue Perspektive auf die etruskische Kultur.<\/p>\n<p>Die Vielzahl von Skulpturen, auch in Form von Kinderstatuen, K\u00f6rperteilen und Organen, zeugt davon, das mit der Ausgrabung des Thermalbades und der arch\u00e4ologischen Funde das Zentrum eines Heilkultes gefunden wurde. Die Besucher flehten hier die Quellg\u00f6ttin Flere Havens an, aber auch Apoll und Asklepius und dessen Tochter Hygieia. Sie baten um Heilung der Augen und Ohren, um die Erf\u00fcllung ihres Kinderwunsches als auch die Verschonung vor hoher Kindersterblichkeit und Linderung schwerer Krankheiten. <\/p>\n<p>Auf der Suche nach g\u00f6ttlich-medizinischer Hilfe war es \u00fcblich, symbolische Opfer zu hinterlassen \u2013 sogenannte Votivgaben. Normalerweise sind sie aus Ton. Im Thermalschlamm aber wurden haupts\u00e4chlich Bronzen gefunden, viele von k\u00fcnstlerisch au\u00dferordentlicher Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Besonders eindr\u00fccklich ist die Statue eines stehenden Kindes aus dem 2. Jahrhundert vor Christus mit Schlangenarmreif und einem frei drehbar in der Hand gelagerten Ball. Auf der Tunika ist eine lange dreizeilige Inschrift in etruskischer Sprache eingraviert, die den Namen und die Herkunft des Stifters verr\u00e4t. Ohne den unbedingten Glauben an die Heilkraft des Bades w\u00e4re eine derart aufwendige Figur wohl nicht gestaltet worden.<\/p>\n<p>Eine weitere herausragende Skulptur stellt einen jungen Mann dar, der unter seinen deformierten Gliedern und dem asymmetrisch verformten Brustkorb sehr gelitten haben muss. Dank der Gravur auf seinem fu\u00dflosen Bein kennen wir seinen romanisierten Namen: Lucius Marcius Grabillo, Angeh\u00f6riger der bedeutenden etruskischen Familie Marcni Crapilu. Sechs weitere Votive von F\u00fc\u00dfen und Beinen, also erkrankten K\u00f6rperteilen, weihte er der Quelle. Ob zum Dank der Genesung oder mit Hoffnung auf Heilung, muss die Forschung erweisen.<\/p>\n<p>Spektakul\u00e4r ist der Fund auch deshalb, weil er Aufschl\u00fcsse gibt, dass sich die etruskische Kultur l\u00e4nger gehalten hat als bisher angenommen, sich sp\u00e4ter der r\u00f6mischen Dominanz angepasst und assimiliert hat. So fanden sich Inschriften in etruskischer und lateinischer Schrift sowie Mischformen. Besonders ihre Opfertraditionen haben die Etrusker wohl auch nicht aufgegeben, sondern vergemeinschaftet. Das zeigt die Grabung im kulturellen Schmelztiegel der Thermalquelle. Die arch\u00e4ologischen Funde, so liest man im Buch zur Ausstellung (Verlag Schnell &amp; Steiner, 24 Euro), w\u00fcrden sogar \u201eeine antike Ethik der Heilung und F\u00fcrsorge\u201c offenbaren.<\/p>\n<p>Eine Projektion aus der Antike auf die Gegenwart mit ihren Care- und Achtsamkeits-Trends sei das keinesfalls: \u201eGesundheit war das essenzielles Thema\u201c, sagt Agnes Schwarzmaier, \u201eund mit den G\u00f6ttern stand man in einer materialistischen Verbindung.\u201c Wollte man g\u00f6ttliche Hilfe, musste man den G\u00f6ttern auch etwas geben. Wie reich die Gabe an die heilige Quelle von San Casciano dei Bagni noch ist, wird die Zukunft zeigen. Die Gemeinde will die Ausgrabung fortsetzen und im Dorf ein Museum gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Die Ausstellung der Bronzen wurde zuerst 2023 im Palazzo del Quirinale in Rom gezeigt, dann 2024 im Arch\u00e4ologischen Nationalmuseum von Neapel und schlie\u00dflich bis Anfang 2025 im Arch\u00e4ologischen Nationalmuseum von Reggio Calabria. Dass sie jetzt in der James-Simon-Galerie zu sehen ist, hat ebenfalls einen durchaus materialistischen Hintergrund. Die Berliner <a class=\"is-link c-block-items__link c-link--rich-text-renderer\" href=\"https:\/\/www.welt.de\/regionales\/berlin\/article252011374\/Altes-Museum-gibt-Vasen-aus-Raubgrabungen-an-Italien-zurueck.html\" data-internal-tracking-enabled=\"true\" data-internal-tracking=\"{&quot;action&quot;:&quot;click&quot;,&quot;label&quot;:&quot;link&quot;,&quot;name&quot;:&quot;Inline Element&quot;,&quot;data&quot;:{&quot;source&quot;:&quot;&quot;,&quot;target&quot;:&quot;https:\/\/www.welt.de\/regionales\/berlin\/article252011374\/Altes-Museum-gibt-Vasen-aus-Raubgrabungen-an-Italien-zurueck.html&quot;,&quot;trackingName&quot;:&quot;&quot;,&quot;trackingLabel&quot;:&quot;&quot;}}\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Antikensammlung restituierte<\/a> im Jahr 2024 ein Konvolut arch\u00e4ologischer Objekte \u2013 vorrangig apulische Vasen \u2013 an Italien. Sie stammten wahrscheinlich aus Raubgrabungen und hatten laut Schwarzmaier eine \u201ekomplett erlogene Provenienz\u201c. Im Gegenzug f\u00fcr die R\u00fcckgabe erhielt die Antikensammlung langfristige Leihgaben aus italienischen Museen und den Zuschlag, die Bronzen von San Casciano dei Bagni in Berlin zeigen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>\u201eDie Bronzen von San Casciano dei Bagni. Eine Sensation aus dem Schlamm\u201c, bis 12. Oktober 2025, James-Simon-Galerie, Berlin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Bronzen von San Casciano dei Bagni sind der bedeutendste Antikenfund seit f\u00fcnfzig Jahren in Italien. Sie erz\u00e4hlen&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":290758,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[6425,1793,16076,85461,29,214,85460,30,1794,78767,215],"class_list":{"0":"post-290757","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-archaeologie","9":"tag-art-and-design","10":"tag-bildende-kunst","11":"tag-bildhauerei-ks","12":"tag-deutschland","13":"tag-entertainment","14":"tag-etrusker-ks","15":"tag-germany","16":"tag-kunst-und-design","17":"tag-toskana","18":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114909339009709705","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/290757","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=290757"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/290757\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/290758"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=290757"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=290757"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=290757"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}