{"id":291163,"date":"2025-07-24T20:51:23","date_gmt":"2025-07-24T20:51:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/291163\/"},"modified":"2025-07-24T20:51:23","modified_gmt":"2025-07-24T20:51:23","slug":"wir-mussten-unser-erbrochenes-essen-das-trauma-der-verschickungskinder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/291163\/","title":{"rendered":"&#8222;Wir mussten unser Erbrochenes essen&#8220; &#8211; Das Trauma der Verschickungskinder"},"content":{"rendered":"<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/screenshot1895292.webp\" alt=\"In einem gro\u00dfen Saal liegen Kinder nebeneinander in Hochbetten \" title=\"In einem gro\u00dfen Saal liegen Kinder nebeneinander in Hochbetten  | Screenshot\" class=\"responsive\"\/><\/p>\n<p>AUDIO: &#8222;Wir mussten unser Erbrochenes essen&#8220; &#8211; Das Trauma der Verschickungskinder (17 Min)<\/p>\n<p>\n            Stand: 24.07.2025 17:17 Uhr<\/p>\n<p class=\"preface\">In der Nachkriegszeit wurden viele Kinder auf Empfehlung von \u00c4rzten in sogenannte Kurheime geschickt. So erging es auch Susanne Speck. Im Interview spricht sie \u00fcber eine traumatische Kindheitserfahrung.<\/p>\n<p class=\"\">\nDie Buchh\u00e4ndlerin aus Rendsburg wurde 1965 nach Uffing am Staffelsee in Oberbayern geschickt.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>Frau Speck, wenn Sie an diesen Kurheimaufenthalt 1965 zur\u00fcckdenken, was ist Ihr erstes Bild?<\/strong><\/p>\n<p>                    <a href=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/speck-102.webp\" class=\"zoomimage\" title=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\"><\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/speck-102.webp\" alt=\"Eine \u00e4ltere Frau blickt freundlich in die Kamera\" title=\"Susanne Speck war f\u00fcnf Jahre alt, als sie den Sommer in einem Kurheim in Oberbayern verbringen musste. | privat\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>                    <\/a><\/p>\n<p>                    Susanne Speck war f\u00fcnf Jahre alt, als sie den Sommer in einem Kurheim in Oberbayern verbringen musste.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>Susanne Speck:<\/strong> Das erste Bild, was ich im Kopf habe, ist der Bahnhof in Neum\u00fcnster; ich bin von Neum\u00fcnster aus verschickt worden. Meine Eltern haben mich abends zum Zug gebracht und ich habe gedacht, ich fahre mit meinen Eltern in den Urlaub. Und pl\u00f6tzlich war ich alleine im Zug. Ich kann mich erinnern an Panik und an viele Kinder. Und da bricht dann die Erinnerung ab. Ich kann mich auch an die Zugfahrt nicht erinnern. Ich denke, es war ein Schutzmechanismus.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>Wie alt waren Sie damals?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>Speck:<\/strong> Ich war f\u00fcnf Jahre alt.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>In Uffing gab es die sogenannten Tanten, nicht ausgebildete Frauen, die sich um Kinder gek\u00fcmmert haben. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Betreuungskr\u00e4fte?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>Speck:<\/strong> Ich habe kaum Erinnerungen. Ich kann mich an kein Gespr\u00e4ch dieser Tanten mit uns erinnern. Es sind ja sechs Wochen gewesen. Es gibt keine Erinnerungen an Gespr\u00e4che, an Spielzeug, an gemeinsames Spielen oder ans Sprechen \u00fcberhaupt. Die Tanten waren Geister im Hintergrund und keine Ansprechpartnerinnen f\u00fcr uns, sie waren f\u00fcr uns nicht greifbar.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>Erinnern Sie sich an Kommunikation der Kinder untereinander?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>Speck:<\/strong> Auch ganz schwer. Ich glaube, das wurde kritisch betrachtet, denn wir h\u00e4tten uns auch verb\u00fcnden k\u00f6nnen. Ich glaube, das wurde vermieden. Es war eher so, dass die Kinder sich untereinander beobachten sollten, und es gab auch Verurteilungen der Kinder untereinander. Zum Beispiel, wenn jemand ins Bett gemacht hat, wurden die anderen Kinder aufgefordert, dieses Kind auszulachen.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/covervoeller-100.webp\" alt=\"Cover  Eva V\u00f6ller, &quot;Der Sommer am Ende der Welt&quot;\" title=\"Cover  Eva V\u00f6ller, &quot;Der Sommer am Ende der Welt&quot; | Droemer\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>Eva V\u00f6ller erz\u00e4hlt mit krimihafter Spannung vom Schicksal der &#8222;Verschickungskinder&#8220; auf der ostfriesischen Insel.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>Sie haben auch sehr dunkle Erinnerungen an die Nahrungsaufnahme in dem Heim, oder?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>Speck:<\/strong> Genau. Das ist eine ganz, ganz schlimme Erinnerung f\u00fcr mich. Es ist f\u00fcr mich bis heute unm\u00f6glich, einen Speisesaal zu betreten. Ich wei\u00df zum Beispiel noch genau, an welchem Tisch ich gesessen habe. Das Essen war f\u00fcr mich fremd &#8211; ich komme aus Schleswig-Holstein und in Bayern hat man anders gegessen. Ich mochte das Essen \u00fcberwiegend nicht. Wir wurden gezwungen, das Essen aufzuessen. Ich wei\u00df, dass ich mich erbrochen habe, auch kann mich an den Geschmack von Erbrochenem erinnern. Das hei\u00dft, ich musste es aufessen.<\/p>\n<p class=\"\">\nIch kann mich an eine Situation erinnern: Es gab Fleisch in W\u00fcrfeln, aber das Fleisch war ungenie\u00dfbar f\u00fcr mich, und ich habe es einfach hinter mich auf den Boden geworfen. Als f\u00fcnfj\u00e4hriges Kind habe ich nat\u00fcrlich nicht geahnt, dass man mich identifizieren konnte, aber jeder wusste, wer da gesessen hat. Und da bricht dann die Erinnerung ab. Ich gehe davon aus, dass es eine Sanktion gab. Das ist typisch f\u00fcr uns Verschickungskinder, dass immer die Erinnerungen abbrechen, wenn etwas ganz dramatisch wurde.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>Es gab wahrscheinlich auch keinen Kontakt nach Hause, oder?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>Speck:<\/strong> Nein, die Eltern durften nicht anrufen. Das wurde untersagt mit der Begr\u00fcndung, es w\u00fcrde das Heimweh f\u00f6rdern, was f\u00fcr mich heute unbegreiflich ist. Es ist mir auch unbegreiflich, warum die Eltern das mit sich haben machen lassen. Und Postkarten wurden von der &#8222;Tante&#8220; geschrieben &#8211; ich konnte ja mit f\u00fcnf Jahren noch nicht schreiben. Die Karten habe ich noch: Es war alles wunderbar, Susanne hat sich gut eingelebt und so weiter. Aber das entsprach \u00fcberhaupt nicht der Wahrheit. Ich wei\u00df, dass Karten von \u00e4lteren Kindern, die schon schreiben konnten, zensiert wurden. Und wenn da etwas Kritisches geschrieben wurde, dann wurde die Karte zerrissen.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>Wann haben Sie Ihren Eltern erz\u00e4hlt, dass es dort schrecklich war?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>Speck:<\/strong> Ich bin nach Hause gekommen, die Familie war f\u00fcr mich fremd, und ich habe meine Mutter gefragt: Warum habt ihr das gemacht, warum musste ich da hin und meine Geschwister nicht? Ich bin das mittlere Kind. Und meine Mutter hat es abgewehrt und nur gesagt: Der Arzt hat es ja so gesagt. Ich habe versucht sie dahin zu dr\u00e4ngen, dass sie es mir erkl\u00e4rt, dass sie auch mir mal zuh\u00f6rt, aber das wurde sofort abgeb\u00fcgelt. Mit meiner Mutter habe ich dann nie wieder dr\u00fcber geredet. Es wurde totgeschwiegen in der Familie, auch meine Geschwister haben mit mir nicht dr\u00fcber gesprochen. Mein Vater hat mir sp\u00e4ter, kurz bevor er gestorben ist, gesagt, dass das nicht richtig war, was sie gemacht h\u00e4tten &#8211; da war ich aber schon Mitte 50.<\/p>\n<p>        <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/verschickungskinder-100.webp\" alt=\"Ein ehemaliges &quot;Verschickungskind&quot; h\u00e4lt ein Bild aus Kindertagen von sich in der Hand\" title=\"Ein ehemaliges &quot;Verschickungskind&quot; h\u00e4lt ein Bild aus Kindertagen von sich in der Hand | picture alliance\/dpa\" class=\"responsive\" loading=\"lazy\"\/><\/p>\n<p>&#8222;Verschickungskinder&#8220; sollten sich in Kurheimen eigentlich erholen k\u00f6nnen. Doch bis in die 1970er-Jahre erlebten sie oft Dem\u00fctigung und Gewalt. Laut einer umfassenden Studie gab es erhebliche strukturelle Missst\u00e4nde in den Heimen.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>Als Schulkind denkt man vielleicht, das sei &#8222;normal&#8220;. Wann hat Ihnen das erste Mal jemand gesagt, dass Ihnen da Schlimmes widerfahren ist?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>Speck:<\/strong> Das war 2019. Ich bin Buchh\u00e4ndlerin. Ich hab gesehen, dass das Buch von Anja R\u00f6hl, &#8222;Das Elend der Verschickungskinder&#8220; erscheinen sollte, habe es sofort bestellt und habe es in meiner Wohnung an einem Abend durchgelesen. Ich habe drei Stunden lang nur geheult. Und da habe ich erst gemerkt, mir ist Unrecht geschehen.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>Wie haben Sie denn Ihr ganzes Erwachsenenleben \u00fcber diesen Sommer 1965 gedacht?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>Speck:<\/strong> Ich habe gewusst, dass mir das passiert ist. Ich habe gewusst, dass das schlimm war. Ich habe gedacht, ich war die Einzige. Ich habe gedacht, dass ich schlimm gewesen sein muss, dass man mich weggeschickt hat. Ich habe nicht gewusst, dass das so viele betroffen hat. Heute wei\u00df man, dass das um die zehn Millionen Kinder waren. Ich habe das eigentlich mir zugeschoben. Ich habe mich seit diesem Sommer in meinem ganzen Leben falsch gef\u00fchlt. In der Schule war ich unheimlich still, weil ich v\u00f6llig traumatisiert war. Ich konnte mich in Gruppen nicht mehr verhalten. Ich habe trotzdem das Abitur geschafft. Aber ich konnte nicht studieren, weil es f\u00fcr mich undenkbar war, in ein Studentenwohnheim zu gehen. Das habe ich diffus alles gesp\u00fcrt. Ich habe dann die Buchh\u00e4ndlerausbildung gemacht. Und so hat es mich bis 2019 begleitet, dass ich mich immer falsch gef\u00fchlt habe, weil ich gedacht habe: Ich bin bestraft worden, ich muss etwas Schlimmes gemacht haben, ich bin ein schlimmes Kind gewesen. Es hat mir keiner erkl\u00e4rt, es war niemand da.<\/p>\n<p class=\"\"><strong>Sie haben mit dieser Art der Aufarbeitung erst vor f\u00fcnf Jahren begonnen. Inwiefern geht es Ihnen heute anders als davor?<\/strong><\/p>\n<p class=\"\"><strong>Speck:<\/strong> Es geht mir deutlich besser, die Lebensqualit\u00e4t ist eine andere. Ich wei\u00df jetzt, was mir passiert ist, und ich wei\u00df, dass ich daf\u00fcr nicht verantwortlich bin. Daf\u00fcr sind andere verantwortlich gewesen, und das ist der entscheidende Unterschied. Deswegen geht es mir besser. Ich kann jetzt dar\u00fcber reden. Ich habe zwei S\u00f6hne, und ich konnte nie mit ihnen dar\u00fcber reden. Ich habe meine Kinder besch\u00fctzt, wahrscheinlich viel zu sehr, weil ich nicht wollte, dass sie so etwas erleben. Und jetzt kann ich mit meinen S\u00f6hnen dar\u00fcber reden.<\/p>\n<p class=\"\">Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/mischa-kreiskott,kreiskott112.html\" title=\"Mischa Kreiskott\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Mischa Kreiskott<\/a>. Das komplette Interview finden Sie oben auf dieser Seite.<\/p>\n<p>        Schlagw\u00f6rter zu diesem Artikel<\/p>\n<p>            <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/buch\/Romane-Buch-Rezensionen-Lesungen-und-Podcasts,romane107.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Romane<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"AUDIO: &#8222;Wir mussten unser Erbrochenes essen&#8220; &#8211; Das Trauma der Verschickungskinder (17 Min) Stand: 24.07.2025 17:17 Uhr In&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":291164,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1834],"tags":[3364,29,3688,85555,30,2699,2134,1209,1800,85556],"class_list":{"0":"post-291163","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-essen","8":"tag-de","9":"tag-deutschland","10":"tag-essen","11":"tag-eva-voeller","12":"tag-germany","13":"tag-gespraech","14":"tag-interview","15":"tag-nordrhein-westfalen","16":"tag-romane","17":"tag-verschickungskinder"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114910192436048651","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/291163","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=291163"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/291163\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/291164"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=291163"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=291163"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=291163"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}