{"id":292948,"date":"2025-07-25T13:31:15","date_gmt":"2025-07-25T13:31:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/292948\/"},"modified":"2025-07-25T13:31:15","modified_gmt":"2025-07-25T13:31:15","slug":"julia-engelmann-himmel-ohne-ende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/292948\/","title":{"rendered":"Julia Engelmann: &#8222;Himmel ohne Ende&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Charlie ist am Ende. Die beste Freundin hat sie verraten. Der Junge, nach dessen N\u00e4he sie sich sehnt, nickt ihr im besten Fall zu. Und ihre Mutter ist gedanklich mit einer neuen Liebe besch\u00e4ftigt. Das gr\u00f6\u00dfte Problem aber \u2013 da macht sich Charlie nichts vor \u2013 ist sie selbst. Ein junges M\u00e4dchen, das still bleibt, wenn andere leidenschaftlich werden. <\/p>\n<p>              <strong>Stille als Leitmotiv<\/strong><\/p>\n<p>Die Stille zieht Julia Engelmann leitmotivisch durch ihren ersten Roman &#8222;Himmel ohne Ende&#8220; und stellt sie in allen denkbaren Varianten vor: Da ist das leise Weinen, um der Mutter nicht zur Last zu fallen. Das Halskratzen, von dem Charlie annimmt, es sei blo\u00df \u201edie Summer aller Worte\u201c, die ihr ein Leben lang im Hals stecken geblieben waren.<\/p>\n<p>Da ist der begehrte Mitsch\u00fcler, der auf eine Weise still ist, die Charlie glauben l\u00e4sst, \u201edass man sich gut mit ihm unterhalten\u201c k\u00f6nne. W\u00e4hrend der Partner der Mutter so still ist, \u201edass es laut war\u201c. Zuerst f\u00fchlt sich Charlie wegen ihrer Stille noch isoliert, sp\u00e4ter aber \u2013 nach einer Wende in ihrem Leben \u2013\u00a0merkt sie, dass sich Stille genau richtig anf\u00fchlen kann, womit diese sich endg\u00fcltig zum Nachweis emotionaler Tiefe gemausert hat.<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Vielleicht braucht man manchmal gar nicht die richtigen Worte, sondern blo\u00df die richtige Stille.<\/p>\n<p>Stille ist aber nicht blo\u00df das zentrale Motiv in Engelmanns Roman, es ist zugleich Symptom seiner Schlichtheit. Denn dem ganzen Schlamassel der Jugend\u00a0\u2013 der Verlorenheit wie der besonderen Sensibilit\u00e4t dieses Alters \u2013 kann Engelmann im tausendsten Aufguss eines Adoleszenzromans kaum etwas \u00dcberraschendes abtrotzen.<\/p>\n<p>              Leben hinter der Glasscheibe<\/p>\n<p>Dennoch dekliniert sie ihre Leitmotive durch, als br\u00e4uchte es mehrere Anl\u00e4ufe, um sie in ihrer ganzen Tiefe zu durchdringen. Die Glasscheibe ist ein weiteres Beispiel daf\u00fcr \u2013 eine Scheibe, die Charlie zwischen sich und der Welt sp\u00fcrt:<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Ich f\u00fchlte mich, als w\u00fcrde mein ganzes Leben hinter einer Glasscheibe ablaufen. Alles, was jemand zu mir sagte, jedes Mal, wenn mich jemand anl\u00e4chelte, alles Traurige, Tragische, Lustige, Sch\u00f6ne, das sich vor meinen Augen abspielte, all das passierte hinter dieser Glasscheibe, durch die ich zwar sehen konnte, die mich aber von allem trennte.<\/p>\n<p>Womit eigentlich alles gesagt w\u00e4re, aber Engelmann erkl\u00e4rt noch ein paar S\u00e4tze weiter:<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Egal, wo ich mich befand, egal, mit wem oder unter wie vielen Leuten, es war, als ob ich an nichts und niemanden rankam und niemand an mich. Als ob mich etwas Unsichtbares und Un\u00fcberwindbares von allem abschnitt.<\/p>\n<p>Auch der Kniff, gedankliche Tiefe durch Wiederholung zu simulieren \u2013 durch einen weiteren Satz, eine weitere Umformulierung desselben Gedankens \u2013, zieht sich durch den Roman. <\/p>\n<p>              <strong>Schw\u00e4chen im Stil<\/strong><\/p>\n<p>Was Leserinnen immerhin genug Luft l\u00e4sst, um auf die Sprache zu achten, auch auf die kleinen Details, umst\u00e4ndliche Formulierungen zum Beispiel. Einmal etwa \u2013\u00a0da hat Charlies Schwarm sich gerade zu ihr umgedreht \u2013\u00a0\u00fcberkommt sie die Angst, ihr w\u00fcrde etwas zum Thema seiner Sch\u00f6nheit oder ihrer Liebe rausrutschen. Ein Stilist wie Michael Maar h\u00e4tte den Satz rasch umgebaut, die ungelenke Wendung \u201ezum Thema seiner Sch\u00f6nheit oder meiner Liebe\u201c gestrichen und so das Holpern behoben. Julia Engelmann aber gef\u00e4llt die Wendung so gut, dass sie sie keine 30 Seiten sp\u00e4ter gleich wieder bem\u00fcht: <\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Und auch wenn das nur ein normaler Moment zwischen normalen Momenten war und ich an dem Tag nat\u00fcrlich null wissen konnte, wer dieser Junge mal f\u00fcr mich sein w\u00fcrde, (&#8230;) h\u00e4tte ich schw\u00f6ren k\u00f6nnen, dass da was in der Luft lag zum Thema er und ich.<\/p>\n<p>Damit sind die Gedanken zum \u201eThema er und ich\u201c noch nicht zu Ende gedacht, denn der Beteuerung, Charlie h\u00e4tte schw\u00f6ren k\u00f6nnen, da liege etwas in der Luft, f\u00fcgt Engelmann noch einen bedeutungsschweren Nachsatz an:<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Und irgendwie, irgendwie habe ich es vielleicht sogar gewusst.<\/p>\n<p>Auch hier soll die leichte Variation desselben Gedankens Tiefe nahelegen, ist aber eigentlich nur auf Effekt hingeschriebene Prosa. Denn so au\u00dfergew\u00f6hnlich tief sind die Gedanken von Charlie dann doch wieder nicht \u2013 m\u00fcssten sie auch gar nicht sein. Wer w\u00fcrde das von seinem 15-j\u00e4hrigen Ich schon erwarten? Nur m\u00fcsste die sprachliche Ausgestaltung eines Romans diese Tiefe dann auch nicht immerzu nahelegen, daf\u00fcr aber auf einer anderen Ebene k\u00fcnstlerisch funktionieren. <\/p>\n<p>              <strong>Hesse als unverkennbares Vorbild<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Charlie immerhin geht die Geschichte gut aus. Ein Junge wechselt auf ihre Schule, das Blatt wendet sich damit, und sie erf\u00e4hrt vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, was Freundschaft bedeutet. Aber gerade, als einen diese Freundschaftsgeschichte wirklich ber\u00fchrt, feiert die Glasscheibe ihren letzten gro\u00dfen Auftritt und st\u00f6\u00dft einen erneut auf das mechanische Variieren der gro\u00dfen Leitmotive:<\/p>\n<p class=\"media-content-box-main-text\">Und das alles, weil die Glasscheibe, hinter der sich in letzter Zeit mein Leben abgespielt hatte, ein Autofenster geworden war. Ein Autofenster, das mich zwar lange von allem getrennt hatte, aber nie so endg\u00fcltig, wie es sich angef\u00fchlt hatte, weil ich es die ganze Zeit h\u00e4tte \u00f6ffnen k\u00f6nnen. Und nun, da es endlich offen stand, f\u00fchlte ich, wie die leichte Brise meine Haut ber\u00fchrte, die auch alles Traurige, Tragische, Lustige, Sch\u00f6ne, das sich vor meinen Augen abspielte, ber\u00fchrte. Ich atmete die gleiche Fr\u00fchlingsluft wie die anderen Leute.<\/p>\n<p>Unn\u00f6tig zu erw\u00e4hnen, dass diesem Resonanzmoment die Lekt\u00fcre Hesses vorausgeht. Denn \u2013 auch das geh\u00f6rt zu den wenig \u00fcberraschenden Volten \u2013\u00a0ein Buch vom Urvater der bitters\u00fc\u00dfen jugendlichen Melancholie kriegt Charlie zu Weihnachten geschenkt. Und in einer Hinsicht ist das sogar angemessen: Engelmann meint das alles n\u00e4mlich so unironisch wie der Nobelpreistr\u00e4ger von 1946 sein magisches Seelentheater.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Charlie ist am Ende. Die beste Freundin hat sie verraten. Der Junge, nach dessen N\u00e4he sie sich sehnt,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":292949,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[85918,1784,1785,29,214,30,85917,93,215],"class_list":{"0":"post-292948","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-adoleszenzroman","9":"tag-books","10":"tag-buecher","11":"tag-deutschland","12":"tag-entertainment","13":"tag-germany","14":"tag-julia-engelmann","15":"tag-literatur","16":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114914124539832052","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/292948","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=292948"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/292948\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/292949"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=292948"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=292948"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=292948"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}