{"id":293101,"date":"2025-07-25T14:52:17","date_gmt":"2025-07-25T14:52:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/293101\/"},"modified":"2025-07-25T14:52:17","modified_gmt":"2025-07-25T14:52:17","slug":"inspiriert-von-tim-struppi-der-freitag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/293101\/","title":{"rendered":"Inspiriert von Tim &#038; Struppi \u2014 der Freitag"},"content":{"rendered":"<p><strong>Man k\u00f6nnte<\/strong> die letzten 200 Jahre auch so erz\u00e4hlen: Nach dem Tod von Goethe und Hegel f\u00fchlte man sich nur mehr epigonal. Doch, wie die antiken Epigonen mit der Eroberung Thebens, zugleich als Vollender dessen, was die V\u00e4ter wollten. Bald erhob sich gegen das Goethe\u2019sche \u201eWeh dir, da\u00df du ein Enkel bist\u201c, der sozialistische Optimismus, dass es die Enkel besser ausfechten w\u00fcrden. Anbetung der Zukunft. Damit die Moderne und die Avantgarden. Leider auch der Zivilisationsbruch der Nazis. Auf den Literaturwissenschaftler und Philosophen Friedrich Theodor Vischer anspielend: \u201eIn unserer experimentellen Gesellschaft versteht sich alles von selbst, nur das Moralische nicht.\u201c<\/p>\n<p>Und: \u201eDen vielfach gegens\u00e4tzlichen Einfl\u00fcssen vonseiten eines nur \u00e4u\u00dferlich noch angenommenen Glaubens und einer halb begriffenen Wissenschaft ausgesetzt, wird diese wachsende Schicht der Halbgebildeten eine leichte Beute misanthropischer Auffassung werden, wenn der Horizont der Zeit verdunkelt ist genauso leicht, wie sie einmal im ausgehenden 19. Jahrhundert unter freundlicheren Aspekten die Beute eines nicht weniger bedenkenlosen Optimismus geworden war.\u201c<\/p>\n<p>So dezent ging der Philosoph Helmuth Plessner, der die Verfolgung durch die Nazis \u00fcberlebt hatte, 1952 das Thema der Unmenschlichkeit und Menschenverachtung in seiner Antrittsvorlesung in G\u00f6ttingen an. Zwei seiner Essays kann man jetzt nachlesen, wobei die Aktualit\u00e4t sich von selbst versteht.<\/p>\n<p><strong>Doch das ist<\/strong> vom Post aus gesehen Pr\u00e4posterium. L\u00e4ngst geht nur noch das Post ab. Postindustriell, Post-Covid, postmortal \u2026<\/p>\n<p>Der Philosoph Dieter Thom\u00e4 hat sich in seinem Nachruf auf eine Vorsilbe tief in den ubiquit\u00e4ren Postismus eingearbeitet \u2013 und kommt mit einem elegant geschriebenen Buch heraus, das unbedingt zu empfehlen ist! Es vertreibt zwar nicht die Gespenster, aber bl\u00e4st die Wortnebel drum herum weg. Kultur- und philosophiegeschichtlich eingebettet, untersucht es die diversen Stichwortgeber in ihrer Genealogie, fasst Positionen pointiert zusammen, setzt sie in Beziehung. Er konzentriert sich dabei auf die drei Oberpostdirektionen: Posthistoire, mit dem Nebenpfad Postheroismus, Postmoderne, mit der Sackgasse Posthumanismus, und Postkolonialismus.<\/p>\n<p>Gemeinsam ist ihnen, das Vergangene, \u00fcber das sie sich jeweils erheben wollen, sich als \u201eKlotz ans Bein\u201c zu binden. Thom\u00e4 pl\u00e4diert daf\u00fcr, statt im Post sich auf der \u201eSchwelle\u201c zu sehen, unterwegs, ohne Vergangenheits\u00fcberbietung wie -vergessenheit. Besonders deutlich wird der Doublebind des Postkolonialismus, der um der eigenen moralischen \u00dcberlegenheit (und Alimentation) willen, Kolonialismus und Rassismus \u201estrukturell\u201c am Werk sieht, allerdings nie bei seinen M\u00fcndeln, sondern stets nur unter unter der wei\u00dfen Haut.<\/p>\n<p><strong>Nun kann und muss man<\/strong> dar\u00fcber streiten, ob \u00fcberhaupt oder in welchem Ma\u00dfe die Gegenwart sich zum Vormund von Vergangenheiten aufschwingen darf. Wann wird Gerechtigkeit zur Selbstgerechtigkeit? Welche Mittel sind beim S\u00fcndenexorzismus der Vergangenheit erlaubt? Davon unmittelbar betroffen sind die sogenannten V\u00f6lkerkundemuseen. Wie geht man mit dem Geist, aus dem sie entstanden, wie mit den Provenienzen der Objekte um? In einer Moraloffensive, in der sich Wissenschaft, Politik, Kunst und Museumsdidaktik zur Avantgarde der Menschheitsl\u00e4uterung zusammenfinden. Mathias Brodkorb hat einschl\u00e4gige Museen be- und untersucht. Berlin, Leipzig, Wien, Hamburg, sowie die Biennale 2024 in Venedig. Er fand dort statt erneuerter Aufkl\u00e4rung postkoloniale Mythen und Spuren eines modischen Narrativs.<\/p>\n<p>Einseitiges Verschweigen, Erfindungen, M\u00e4rchen, gar L\u00fcgen \u2013 verblendetes Eifern in der h\u00f6heren Gewissheit des Menschheitsdienstes. Doch: \u201eDie Weltgeschichte ist ein vertracktes Ding.\u201c Sklaven und Versklaver, Ausbeuter und Wohlt\u00e4ter, Geraubtes und Verkauftes, Banales und Erhebendes sind weit verquickter, zeigt er, als die schulmeisternde Weisheit sich zusammentr\u00e4umt.<\/p>\n<p><strong>Die alte, ewig junge<\/strong> Comic-Serie um Tim und Struppi wird Martin Meyer, der jahrzehntelang das Feuilleton der NZZ pr\u00e4gte, zum Anlass seiner Menschenkunde. Leben, schreibt er einleitendend, sei \u201edie \u00dcberwindung von Widerstand. Der erste Widerstand wird durch die Geburt besiegt. Dem vermutlich letzten haben wir nichts entgegenzusetzen.\u201c Da darf der \u201eGegenwind\u201c nicht fehlen, nicht die b\u00f6se \u00dcberraschung und der finale Abgang: \u201eAm liebsten w\u00e4re man, wenn es einen trifft und betrifft, selbst nicht mit von der Partie.\u201c 33 Stationen aus dem t\u00e4glichen Leben dienen ihm zu ebenso gebildeten wie lebensnahen Reflexions-Miniaturen \u00fcber Widerst\u00e4ndiges und R\u00fcstzeug. Von Apokalypse bis Zerstreutheit reicht das, dazwischen so Verschiedenes wie Eigentum, Geduld, Genuss, Gewohnheit, Schreiben, Schlaf, Treue, \u00dcberraschungen und W\u00fcnsche. Eine bewundernswerte \u00dcbung in Aufmerksamkeit und Bedacht!<\/p>\n<p><strong>Unmenschlichkeit und Menschenverachtung. Zwei Essays <br \/><\/strong>Helmuth Plessner <br \/>Reclam 2025, 70 S., 7 \u20ac <\/p>\n<p><strong>Post-. Nachruf auf eine Vorsilbe<\/strong> <br \/>Dieter Thom\u00e4 Suhrkamp 2025, 399 S., 28 \u20ac <\/p>\n<p><strong>Postkoloniale Mythen. Auf den Spuren eines modischen Narrativs<\/strong> <br \/>Mathias Brodkorb <br \/>zu Klampen! 2025, 272 S., 28 \u20ac <\/p>\n<p><strong>Menschenkunde. 33 Stationen aus dem t\u00e4glichen Leben inspiriert von Tim und Struppi <\/strong>Martin Meyer <br \/>Kein &amp; Aber 2024, 152 S., 24 \u20ac<\/p>\n<p><strong>Unmenschlichkeit und Menschenverachtung. Zwei Essays <br \/><\/strong>Helmuth Plessner <br \/>Reclam 2025, 70 S., 7 \u20ac <\/p>\n<p><strong>Post-. Nachruf auf eine Vorsilbe<\/strong> <br \/>Dieter Thom\u00e4 Suhrkamp 2025, 399 S., 28 \u20ac <\/p>\n<p><strong>Postkoloniale Mythen. Auf den Spuren eines modischen Narrativs<\/strong> <br \/>Mathias Brodkorb <br \/>zu Klampen! 2025, 272 S., 28 \u20ac <\/p>\n<p><strong>Menschenkunde. 33 Stationen aus dem t\u00e4glichen Leben inspiriert von Tim und Struppi <\/strong>Martin Meyer <br \/>Kein &amp; Aber 2024, 152 S., 24 \u20ac<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Man k\u00f6nnte die letzten 200 Jahre auch so erz\u00e4hlen: Nach dem Tod von Goethe und Hegel f\u00fchlte man&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":293102,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-293101","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114914442993023966","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/293101","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=293101"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/293101\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/293102"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=293101"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=293101"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=293101"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}