{"id":294117,"date":"2025-07-26T00:04:24","date_gmt":"2025-07-26T00:04:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/294117\/"},"modified":"2025-07-26T00:04:24","modified_gmt":"2025-07-26T00:04:24","slug":"leitlinien-fuer-stuttgart-die-stadt-als-wichtigster-ort-des-erinnerns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/294117\/","title":{"rendered":"Leitlinien f\u00fcr Stuttgart: Die Stadt als wichtigster Ort des Erinnerns"},"content":{"rendered":"<p>Stuttgart gibt sich \u201eLeitlinien f\u00fcr eine zukunftsgerichtete Erinnerungskultur\u201c. Eine gute Nachricht f\u00fcr alle, die sich auf diesem Feld b\u00fcrgerschaftlich engagieren.<\/p>\n<p>Der Rahmen f\u00fcr die Pr\u00e4sentation der lange erwarteten Stuttgarter Leitlinien zur Erinnerungskultur war passend zum Thema gew\u00e4hlt: ein beachtlicher Kreis von stadtgeschichtlich Interessierten versammelte sich im von dem gro\u00dfen <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/thema\/Stuttgart\" title=\"Stuttgart\" class=\"art_thema\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stuttgart<\/a>-Erinnerer Gustav Wais initiierten und vor 75 Jahren er\u00f6ffneten Lapidarium in der M\u00f6rikestra\u00dfe, in dem ein Teil des \u201eStadtged\u00e4chtnisses\u201c ruht \u2013 steinerne Denkmale, die auf das verweisen, was nicht zuletzt durch den Krieg in der Stadt verloren gegangen ist. <\/p>\n<p>  <img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/media.media.8845a5ce-3899-4e42-9ed9-2448ab36b03f.original1024.media.jpeg\"\/>     Aleida Assmann    Foto: imago\/dts Nachrichtenagentur    <\/p>\n<p>Der Rahmen war auch sonst treffend abgesteckt \u2013 durch eine Theaterperformance, die um das Thema Erinnern kreiste, und durch den Auftritt der mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichneten Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann. Sie ruft in Erinnerung, oder macht bewusst, dass der heute vielfach verwendete Begriff Erinnerungskultur vor 30 Jahre noch gar nicht existiert hat. Im Gegensatz zu Erinnerungsformen, in denen es um stolze Selbstdarstellung geht, richtet sich \u201edie neue Erinnerungskultur gegen das Vergessen im Sinne von Verdr\u00e4ngen, Leugnen und Schweigen\u201c, wie sie betonte. Diese Form der Erinnerung sei aber keineswegs negativ, wie ihr von nationalistischen und faschistischen Parteien oft unterstellt werde, betonte Assmann. Sie berge vielmehr \u201eein positives Potential\u201c, das es erm\u00f6gliche, zu ehemals verfolgten Gruppen wieder \u201ekonstruktive Beziehungen aufzubauen und damit Vertrauen wiederherzustellen\u201c. Durch selbstkritisches Erinnern, das immer ein \u201eMiteinander-Erinnern\u201c sei, werde eine gemeinsame Zukunft wieder m\u00f6glich. Dies habe sich als \u201eSt\u00fctze der Demokratie\u201c bew\u00e4hrt. <\/p>\n<p>W\u00fcrdigung von Stuttgarts gro\u00dfem Sohn Fritz Bauer <\/p>\n<p> <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.unterschriftenaktion-in-stuttgart-sollte-fritz-bauer-ehrenbuerger-werden.99f72c89-c502-468c-841f-4aa06b61181e.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ausdr\u00fccklich w\u00fcrdigte die Kulturwissenschaftlerin den 1903 in Stuttgart geborenen Fritz Bauer<\/a>, der als hessischer Generalstaatsanwalt die Frankfurter Auschwitz-Prozesse Anfang der 1960er Jahre ins Rollen gebracht hatte. Bis dahin habe die \u201eSchlussstrichpolitik\u201c Konrad Adenauers vorgeherrscht, der die Nachkriegsgesellschaft auf Schweigen eingeschworen habe. Bauer sei eine \u201eGegenfigur\u201c zu Adenauer gewesen, an die sich seine Heimatstadt auff\u00e4llig sp\u00e4t erinnert habe. Sie lobte die laufenden Bem\u00fchungen der queeren Community in Stuttgart, Bauer zus\u00e4tzliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. <\/p>\n<p>Das \u201eSchweigen in Deutschland\u201c endete f\u00fcr Assmann jedoch erst am 8. Mai 1985 mit der Rede des damaligen Bundespr\u00e4sidenten Richard von Weizs\u00e4cker im Bundestag, in der er das Kriegsende als einen \u201eTag der Befreiung\u201c bezeichnete. \u201eHier taucht erstmals der Begriff des Erinnerns auf\u201c. <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.8-mai-1945-das-ende-des-zweiten-weltkriegs-die-verrueckten-kriechen-wieder-aus-den-loechern.26a76a73-6295-42ee-b740-207f13fd1ef0.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Seitdem habe sich das Erinnern verstetigt, erkl\u00e4rte Assmann.<\/a> Die dritte Nachkriegsgeneration sei darin sehr aktiv \u2013 auch im Sinne der j\u00fcngst verstorbenen Holcoaust-\u00dcberlebenden Margot Friedl\u00e4nder, wonach jeder Zeuge werden k\u00f6nne, wenn er das Zeugnis weitertrage. <\/p>\n<p>Die Kulturwissenschaftlerin betonte dabei auch die Rolle der Stadt als \u201ewichtigster Ort f\u00fcr die Erinnerungskultur\u201c: \u201eHier ist Erinnern kein abstraktes Ritual, sondern findet in einem Raum statt, der ges\u00e4ttigt ist mit Anschauung.\u201c Als beispielhaft bezeichnete sie die Stiftung Gei\u00dfstra\u00dfe und den Lern- und Erinnerungsort Hotel Silber. Diese aus b\u00fcrgerschaftlichem Engagement hervorgegangenen Erinnerungsinitiativen \u201est\u00e4rken die Demokratie in Stuttgart und schaffen Voraussetzung f\u00fcr ein friedliches Zusammenleben\u201c. Der Kulturamtschef spricht von einem \u201eMeilenstein\u201c.<\/p>\n<p>Um die Stadt als Ort des Erinnerns geht es auch in den von Kulturamtschef Marc Gegenfurtner und der Leiterin der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur, Nadine Seidu, vorgestellten \u201eLeitlinien\u201c, angelehnt an ein Positionspapier des St\u00e4dtetags von 2023. Ausgangspunkt war der Auftrag des Gemeinderats, ein Konzept f\u00fcr eine \u201ezukunftsgerichtete Erinnerungskultur\u201c vorzulegen. Gegenfurtner sprach von einem \u201eMeilenstein\u201c, der entsprechend Zeit erfordert habe. <\/p>\n<p>In den neuen Leitlinien wird die Besch\u00e4ftigung mit allen Aspekten der NS-Geschichte als zentral bezeichnet. Man stehe f\u00fcr eine nachhaltige und langfristig gedachte \u201emultiperspektivische Erinnerungskultur\u201c, die der Vielfalt der Stadtgesellschaft gerecht werde, Kontinuit\u00e4ten sichtbar mache, offen f\u00fcr gesellschaftlichen Wandel sei und auch gegenw\u00e4rtige diskriminierende Missst\u00e4nde benenne. Erinnerungsarbeit wird als \u201epartizipativer Prozess\u201c verstanden, bei der Menschen, die von Unrechtserfahrungen betroffen seien, eingebunden w\u00fcrden. Erinnert werden soll gezielt auch an \u201epositiv besetzte Ereignisse\u201c der Demokratiegeschichte.<\/p>\n<p> Die Leitlinien enthalten ein Bekenntnis zum Zusammenwirken der Vielzahl von Akteuren, die sich in der Stadt mit Erinnerungskultur besch\u00e4ftigen. Gegenfurtner betonte, man entscheide sich bewusst nicht zwischen Wissenschaft und Ehrenamt, sondern setze auf Kooperation und unterschiedliche Formen der Erinnerung. Die Koordinierungsstelle im Rathaus versteht sich dabei als eine \u201eAnlaufstelle f\u00fcr eine vielschichtige Erinnerungskultur in Stuttgart\u201c. <\/p>\n<p> Appell, nicht an der Erinnerungskultur zu sparen <\/p>\n<p>Um junge Zielgruppen zu erreichen will die Koordinierungsstelle verst\u00e4rkt digitale Formate nutzen. Es sollen neue Informationsangebote, wie Stelen oder Plaketten entwickelt werden. Angedacht ist ein neues \u201eLeitsystem, das relevante Orte, Kunstwerke und Stra\u00dfen markiert\u201c. Zudem sollen Empfehlungen f\u00fcr die Benennung oder Neubenennung von Stra\u00dfen oder Pl\u00e4tzen entwickelt werden. Um Akteure der Stadtgesellschaft zu st\u00e4rken, bietet die Koordinierungsstelle Zugang zu finanzieller Unterst\u00fctzung an. Sie vermittelt, ber\u00e4t und will \u201eerm\u00f6glichen\u201c. Am Ende der Leitlinien findet sich der Satz: \u201eIn Zeiten haush\u00e4lterischer Engp\u00e4sse darf die Bedeutung der Erinnerungskultur zum Schutz demokratischer Werte nicht vergessen werden.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Stuttgart gibt sich \u201eLeitlinien f\u00fcr eine zukunftsgerichtete Erinnerungskultur\u201c. 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