{"id":294357,"date":"2025-07-26T02:19:11","date_gmt":"2025-07-26T02:19:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/294357\/"},"modified":"2025-07-26T02:19:11","modified_gmt":"2025-07-26T02:19:11","slug":"die-gott-in-frankreich-hymne-in-burgund-intoniert-marine-le-pen-der-freitag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/294357\/","title":{"rendered":"Die Gott-in-Frankreich-Hymne in Burgund intoniert Marine Le Pen \u2014 der Freitag"},"content":{"rendered":"<p class=\"bc-article-intro__text u-hyphens\">Der ultrarechte Rassemblement National (RN) hat vor einem Jahr im St\u00e4dtchen Saulieu die Parlamentswahl gewonnen. Die Provinz ist halt so anmutig wie nationalistisch<\/p>\n<p>        Sieht so Frankreichs \u201etiefster Seelengrund, eine Landschaft wie eine einzige, stolze Selbstvergewisserung\u201c aus? Naja<\/p>\n<p>Foto: iStock<\/p>\n<p>Es kommt wohl nicht wieder vor, dass mich eine einzige Gott-in-Frankreich-Hymne auf die Reise schickt, die Frankfurter Allgemeine brachte aber genau das zuwege: Das burgundische Hauben-K\u00fcchen-Nest Saulieu suche ich allein deswegen auf, weil es Edelfeder Jakob Strobel y Serra als \u201eerzfranz\u00f6sische Kleinstadt\u201c besingt, \u201edie sich mit ihren windschiefen Spitzgiebelh\u00e4uschen, den krummen Kopfsteinpflastergassen und der stolzen, von steinernen Greifen bewachten Basilika seit den Zeiten von Rabelais\u2019 ,Gargantua und Pantagruel\u2018kaum ver\u00e4ndert zu haben scheint\u201c.<\/p>\n<p>Der Autor erw\u00e4hnt nicht, dass Marine Le Pens nationalpopulistischer Rassemblement National (RN) die Parlamentswahlen vor einem Jahr in Saulieu mit 51,4 Prozent gewann und dass nationa<\/p>\n<p>\n    nn und dass nationalistische bis rechtsextreme Listen bei den Europawahlen zuvor einen ebensolchen Stimmenanteil verzeichneten. Ich begab mich deswegen erst recht hinein in \u201eLa France profonde\u201c. Oder \u2013 mit Strobel y Serras Worten \u2013: ich suchte \u201eFrankreichs tiefsten Seelengrund, eine Landschaft wie eine einzige, stolze Selbstvergewisserung\u201c.Saulieu liegt weizengolden, aber weitgehend weinlos am Nordrand des D\u00e9partements C\u00f4te-d\u2019Or in der Bourgogne \u2013 in der ein Hektar Land schon einmal zehn Millionen Euro kosten kann \u2013 am Fu\u00dfe des dunklen Waldmassivs Morvan. Die Einfahrtsstra\u00dfe nach einer Aldi-Filiale erschreckt mit niedrig \u00e4rmlicher, grau verputzter Bebauung. Lastkraftwagen rattern so r\u00fccksichtslos durchs Zentrum, dass das H\u00f4tel \u201eDu Lion D\u2019Or\u201c mit Schallisolierung wirbt.Ein erzfranz\u00f6sisches Mittagsmen\u00fc und ein wenig Patina (\u201eseit 1832\u201c) bietet immerhin das \u201eCaf\u00e9 Parisien\u201c. Dort kellnert eine alte hagere Britin, die den Politfrust im vermeintlichen Paradies damit erkl\u00e4rt, dass \u201edie Jungen hier nur im Sommer Arbeit finden\u201c. Als ich in der Autowerkstatt gegen\u00fcber von Aldi darauf warte, dass eine junge Azubi meine eingesackte Seitenscheibe fixiert, sehe ich einen sch\u00f6nen Querschnitt der franz\u00f6sischen Provinz vorbeiziehen. Die erotische Empfangsfrau wickelt am Telefon f\u00fcnf F\u00e4lle ab, von denen ihr zwei \u201enie im Leben untergekommen sind\u201c. In Frankreich rede man nicht \u00fcber Politik, wimmelt sie meine Frage ab, \u201eund in der Europ\u00e4ischen Union w\u00e4hlt jeder, was er will\u201c.Die zahlreichen Restaurants entstanden, weil Saulieu an der Nationalstra\u00dfe von Paris in Richtung C\u00f4te d\u2019Azur liegt. Die Schlacht von Saulieu vom 16. Juni 1940 nach dem deutschen \u00dcberfall endete mit einem R\u00fcckzug der franz\u00f6sischen Soldaten in die Restaurants \u2013 so ist es \u00fcberliefert.In Saulieu ist die Altstadt zur H\u00e4lfte unbewohntStrobel y Serras \u201eHeiligtum\u201c, \u201eTempel\u201c, \u201eSchrein\u201c und \u201eRuhmeshalle\u201c hei\u00dft offiziell \u201eRelais &amp; Ch\u00e2teaux Bernard Loiseau\u201c und wurde vom ersten an der Pariser B\u00f6rse gelisteten Haubenkoch aufgebaut, der 2003 \u2013 hoch verschuldet um seinen dritten Michelin-Stern f\u00fcrchtend \u2013 Selbstmord beging. Seither hat sich die Firma Loiseau auf umliegende Geb\u00e4ude ausgebreitet, die kulinarische Mittelschicht \u2013 etwa das \u201eH\u00f4tel de la Poste\u201c mit einem bereits verwildertem Innenhof \u2013 ist fl\u00f6ten gegangen, und Billigkneipen f\u00fcrs Volk wie \u201eAutant Ici Ou Ailleurs\u201c (Hier genauso wie anderswo) oder \u201eBar du March\u00e9\u201c stehen aufgrund baldiger Pensionierung zum Kauf. Die 220 bis 250 Euro teuren Men\u00fcs bei Loiseau sind durchgetaktet wie Gottesdienste orthodoxer Calvinisten, Genaueres bringe ich aber nicht in Erfahrung, denn keiner der in Saulieu Befragten war je dort essen. Auch nicht der zugezogene Pariser Handwerker, eine m\u00fcrrische Rothaut, die mit m\u00fcder Hand auf dem Motorradhelm \u00fcber Frankreichs \u201eEroberung durch den Islam\u201c sinniert.Wir reden auf der Terrasse des Lokals \u201eSowohl hier als auch woanders\u201c, dessen Wirtin nach 40 Jahren aufh\u00f6rt. K\u00e4ufer lie\u00dfen sich keine finden, sagt die Rothaut voraus, \u201edie Stammg\u00e4ste bringen nichts ein und lassen dauernd anschreiben\u201c. Nach der Sperrstunde um neun wird es so langweilig, dass ich Pflaster vermessen gehe. Weit kann Strobel y Serra nicht \u00fcber Loiseaus \u201emythische Froschschenkel\u201c hinausgekommen sein (\u201emit zwei Cremes aus Petersilie und Knoblauch, als konzentrische Kreise angerichtet wie ein abstraktes Gem\u00e4lde\u201c), denn das krumme Kopfsteinpflaster in den verwahrlosten Seiteng\u00e4sschen Pasteur, Vauban und Gambetta ist zusammengerechnet keine 70 Meter lang.\u00dcberhaupt fragt man sich, wann der bet\u00f6rende Feuilletonist eigentlich zum letzten Mal in Saulieu war: Die Altstadt ist zur H\u00e4lfte unbewohnt, die Place Charles de Gaulle erweist sich als Parkplatz vor einem t\u00fcrkischen D\u00f6ner-Laden, \u201ewindschiefe Spitzgiebelh\u00e4uschen\u201c sind rare Ausnahmen. Der wegen Pensionierung aufgegebene Gourmet-und-Geschenke-Laden \u201eCadeaux Gourmand\u201c schockiert mit der nackten Hinteransicht eines Toilettenbeckens, und die \u201esteinernen Greifen der Basilika\u201c Saint-Andoche machen zwar auf d\u00fcsteren schwarz-wei\u00dfen Detailfotografien schaudern, in der Realit\u00e4t sind die b\u00f6sen obsz\u00f6nen romanischen Tiermonster aber klein, sitzen hoch oben an S\u00e4ulen und wirken in ihrer hellen Sandfarbe \u2013 wurden sie etwa gewaschen? \u2013 geradezu putzig.Ein ehrlicheres Gesicht des \u201eOrts, der in der unersch\u00fctterlichen Gewissheit lebt, das wahre Frankreich zu sein und den kulinarischen Gral der Grande Nation zu h\u00fcten\u201c, sehe ich fr\u00fch am Morgen, erm\u00f6glicht durch einen Blick vom Aldi-Parkplatz aus. Nette unscheinbare Arbeiterinnen und Arbeiter meist mittleren Alters str\u00f6men in Kleinwagen herbei, um in der angrenzenden Fabrik Lederwaren f\u00fcr franz\u00f6sische Luxusmarken zu verarbeiten. Dieser Rest der franz\u00f6sischen Industrie funktioniert einstweilen noch. Die Maroquinerie Thomas besch\u00e4ftigt in Saulieu zweihundert Leute, achtzig von ihnen wagten es, 2016 kurz zu streiken, es waren zumeist Mitglieder der linken Gewerkschaft CGT. An der Trafostation beim Eingangstor klebt weithin sichtbar ein Plakat, auf dem zu lesen ist: \u201eRassemblement National \u2013 Hoffnung f\u00fcr Frankreich\u201c.Europa TransitRegelm\u00e4\u00dfig berichtet Martin Leidenfrost \u00fcber nahe und fernab gelegene Orte in Europa\n  <\/p>\n<p>          Alles lesen, was die Welt ver\u00e4ndert.<\/p>\n<ul>\n<li>Gute Argumente \u2013 1 Monat lang kostenlos<\/li>\n<li>Danach f\u00fcr \u20ac 16 im Monat weiterlesen<\/li>\n<li>kein Risiko \u2013 monatlich k\u00fcndbar<\/li>\n<\/ul>\n<p>        <a href=\"https:\/\/abo.freitag.de\/checkout\/digital-1mkolo-1az?returnUrl=https%3A%2F%2Fwww.freitag.de%2Flogin%2Fc7f9f05a87054e11a0a396f2fca987e1&amp;sourceid=https%3A%2F%2Fwww.freitag.de%2Fautoren%2Fmartin-leidenfrost%2Fdie-gott-in-frankreich-hymne-in-burgund-intoniert-marine-le-pen&amp;utm_content=DF22047&amp;utm_term=Paywall&amp;utm_campaign=Paywall&amp;utm_medium=Paywall&amp;utm_source=Website+freitag.de&amp;produkte=F%2B+Paywall+%2F+1+Monat+AZ%2CUpgrade+digital+zu+print+%2F+1+Monat+AZ%2CU30+F%2B+Paywall+%2F+1+Monat+AZ\" class=\"bo-btn buttons-eigenwerbung\" data-button-type=\"Paywall\" data-upscore-conversion=\"1\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Jetzt kostenlos testen<\/a><\/p>\n<p>      Sie sind bereits Digital-Abonnent:in?<br \/>\n      <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/@@login\" class=\"bo-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Hier anmelden<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der ultrarechte Rassemblement National (RN) hat vor einem Jahr im St\u00e4dtchen Saulieu die Parlamentswahl gewonnen. 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