{"id":295440,"date":"2025-07-26T12:30:12","date_gmt":"2025-07-26T12:30:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/295440\/"},"modified":"2025-07-26T12:30:12","modified_gmt":"2025-07-26T12:30:12","slug":"massaker-traum-erinnerung-han-kang-erzaehlt-von-einem-verdraengten-kapitel-koreanischer-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/295440\/","title":{"rendered":"Massaker, Traum, Erinnerung: Han Kang erz\u00e4hlt von einem verdr\u00e4ngten Kapitel koreanischer Geschichte"},"content":{"rendered":"<p>Zu Beginn des Romans der s\u00fcdkoreanischen Literaturnobelpreistr\u00e4gerin Han Kang steht ein Albtraum. Ihre Erz\u00e4hlerin Gyeongha tr\u00e4umt von einem Massaker im s\u00fcdkoreanischen Gwangju, zu dem sie lange recherchiert und einen eigenen Roman geschrieben hat. Seitdem leidet sie unter posttraumatischen Belastungsst\u00f6rungen und f\u00fchlt sich manchmal von Soldaten verfolgt. Sie schl\u00e4ft nicht gut, isst wenig, zieht sich immer mehr zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Bis ihre Freundin Inseon anruft, die nach einem Unfall in eine Klinik in der s\u00fcdkoreanischen Hauptstadt Seoul eingeliefert wurde. Sie musste ihren Papagei zur\u00fccklassen, in ihrem Haus auf der etwa 450 Kilometer entfernten Insel Jeju. Und das Tier droht zu verdursten.<\/p>\n<p>Inseons Familie wurde Opfer antikommunistischer, von den USA unterst\u00fctzter Massaker<\/p>\n<p>So macht sich Gyeongha mit Flugzeug, Bus und schlie\u00dflich zu Fu\u00df in das entlegene Jeju auf. Der Weg zu Inseons Haus wird zu einem \u00dcberlebenskampf gegen einen Schneesturm und &#8211; einmal angekommen &#8211; taucht sie tief in die grausame Familiengeschichte ihrer Freundin ein.<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8222;Erst im Morgengrauen findet sie, die Finger und Zehen taub, Inseons Haus. Und den toten Vogel. Und noch etwas: kistenweise Dokumente \u00fcber das Abschlachten von \u00fcber 30.000 vermeintlich &#8222;Roten&#8220; in den Jahren 1948 und 1949 auf Jeju.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Denn Inseons Familie wurde Opfer antikommunistischer Massaker, noch vor dem Ausbruch des eigentlichen Koreakrieges. S\u00fcdkoreanische Milit\u00e4r- und Polizeikr\u00e4fte, unterst\u00fctzt von den USA, gingen mit brutaler H\u00e4rte gegen Rebellen vor und machten auch vor Zivilisten nicht halt. Sie brannten ganze D\u00f6rfer nieder, ermordeten Frauen und Kinder. Dabei wurden tausende Leichen ins Meer gekippt, an einem Strand, der heute eine Attraktion f\u00fcr Touristen ist. Jahrzehntelang wurde \u00fcber die Ereignisse geschwiegen, erst in den 1990er Jahren begann eine offizielle Aufarbeitung.<\/p>\n<p>Von den Massakern betroffen, war auch Inseons Mutter. Ihr Ehemann entkam gerade noch dem Tod, sa\u00df jedoch viele Jahre im Gef\u00e4ngnis, wurde gefoltert, verschwand und starb an den Sp\u00e4tfolgen. Seiner Frau blieb nur, ihn zu suchen, zu recherchieren und zu warten. Sie sammelte Fotos und Zeitungsausschnitte, kontaktierte Opfervereinigungen und kam doch nie \u00fcber den Verlust hinweg.<\/p>\n<blockquote>\n<p>&#8222;Dann l\u00e4sst sie (\u2026) sich von Inseon \u2013 oder vielmehr ihrem Geist \u2013 die Geschichte ihrer Familie erz\u00e4hlen, so wie Inseon sie aus Archiven herausgearbeitet hat und was ihr ihre Mutter von ihren Besuchen von Massengr\u00e4bern und Gef\u00e4ngnissen berichtet hat.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ob die eigentlich verletzte Inseon wirklich auf die Insel zur\u00fcckkommt oder das nur ein Geist, ein Traum oder eine Halluzination ist, bleibt offen. Ebenso wenig woher der Papagei auf einmal wieder herkommt.<\/p>\n<p>Teppich aus Traum, Wirklichkeit und Erinnerungen<\/p>\n<p>Denn die Autorin Han Kang kn\u00fcpft in ihrem Roman einen Teppich aus Traum, Wirklichkeit und Erinnerungen. Sie verwebt das \u00adMassaker von Jeju mit der Geschichte zweier Freundinnen, die sich gegenseitig Halt geben. Sie schreibt \u00e4u\u00dferst poetisch, doch wissen wir nie, was sich wom\u00f6glich nur im Kopf der Erz\u00e4hlerin abspielt.<\/p>\n<p>Das Komitee f\u00fcr den Literaturnobelpreis in Stockholm lobt genau diesen Stil, diese &#8222;intensive poetische Prosa.&#8220; Die Autorin stelle sich &#8222;historischen Traumata&#8220; und lege &#8222;die Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens offen,&#8220; hei\u00dft es in der Begr\u00fcndung der Akademie. Dabei ist Han Kang die erste S\u00fcdkoreanerin, die die hohe Auszeichnung erz\u00e4hlt. &#8222;Unm\u00f6glicher Abschied&#8220; ist kein leichter Stoff, aber gro\u00dfe Literatur.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Han Kang (2024): Unm\u00f6glicher Abschied, Aufbau Verlag, 315 Seiten, 24 Euro.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.buch7.de\/produkt\/unmoeglicher-abschied-han-kang\/1050044839?ean=9783351041847&amp;partner=sonntagsblatt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hier im sozialen Buchhandel Buch7 bestellen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Zu Beginn des Romans der s\u00fcdkoreanischen Literaturnobelpreistr\u00e4gerin Han Kang steht ein Albtraum. 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