{"id":295735,"date":"2025-07-26T15:11:17","date_gmt":"2025-07-26T15:11:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/295735\/"},"modified":"2025-07-26T15:11:17","modified_gmt":"2025-07-26T15:11:17","slug":"john-akromfrah-im-kunstmuseum-ravensburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/295735\/","title":{"rendered":"John Akromfrah im Kunstmuseum Ravensburg"},"content":{"rendered":"<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Es kann ganz sch\u00f6n hart sein, aufmerksam andere Perspektiven anzusehen, die es nicht in die zum Teil doch sehr eindimensionale Geschichtsschreibung geschafft haben. John Akomfrah jedenfalls bringt mit seinen Film-Kunstwerken neue Impulse ins kollektive Ged\u00e4chtnis. Er geht dabei bildgewaltig vor, \u00fcberblendet und dramatisiert, aber ohne erhobenen Zeigefinger.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/375b6af8-3890-4a85-b7f0-59a5f0ffea37.jpg\" loading=\"lazy\" alt=\"John Akomfrah\"\/><img decoding=\"async\" alt=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\" class=\"sm:tw-w-9 sm:tw-h-9\" src=\"https:\/\/www.schwaebische.de\/_next\/static\/media\/imageExpand.10dba927.svg\"\/><\/p>\n<p>John Akomfrah (Foto: Smoking Dog Films)<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Der britisch-ghanaische K\u00fcnstler ist sp\u00e4testens seit seiner Inszenierung im britischen Pavillon auf der Biennale von Venedig im vergangenen Jahr international bekannt. Seine Videoarbeiten nehmen viel Platz in Anspruch. Sie bestehen meistens aus drei, manchmal auch aus f\u00fcnf gro\u00dfen Screens, \u00fcber die zeitgleich filmische Ausschnitte und Bilder laufen \u2013 Archivbilder und eigens aufgenommene Aufnahmen. Sie rauschen zu einer Multiperspektive zusammen, akustisch begleitet von eindrucksvollen Sounds und Stimmen, die singen oder erz\u00e4hlen. Man braucht Zeit und zwischendrin vielleicht mal eine Pause, denn die Bilder sind aufw\u00fchlend.<\/p>\n<p>Poetische Hommage an einen Vordenker<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Im Kunstmuseum Ravensburg wird jetzt \u201eThe Unfinished Conversation\u201c (auf Deutsch: Das unvollendete Gespr\u00e4ch) gezeigt. In dieser Mehrkanalinstallation aus dem Jahr 2012 hat sich der 68-j\u00e4hrige K\u00fcnstler mit dem britischen Kunsttheoretiker, Soziologen und Begr\u00fcnder der Cultural Studies, Stuart Hall, auseinandergesetzt. Hall, 1932 in Jamaika geboren, hatte ab 1952 an der Eliteuniversit\u00e4t Oxford studiert, sich der Neuen Linken angeschlossen und sich unter anderem mit Antikolonialismus und kultureller Identit\u00e4t besch\u00e4ftigt. Seine Kindheit war durchdrungen von kolonialistischem Denken. Obwohl Hall England als seine Heimat verstand, hat er sich der Gesellschaft dort nie wirklich zugeh\u00f6rig gef\u00fchlt. Vermutlich lag es auch daran, dass seine Hautfarbe \u201edrei Nuancen dunkler\u201c war als die seiner Familie.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Akomfrah widmet sich in der \u201eunvollendeten Unterhaltung\u201c dem Verm\u00e4chtnis Halls. Dabei stellt er \u00fcber 45 Minuten dessen Privatleben, Reden und Fernsehinterviews in den Kontext historischer Ereignisse. F\u00fcr Hall war Identit\u00e4t ein \u201enie abgeschlossener Prozess des Werdens\u201c und damit Teil eines fortlaufenden Gespr\u00e4chs.<\/p>\n<p>Mal gestochen scharf, mal verschwommen<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Zu sehen sind: alte Aufnahmen rassistischer Polizeigewalt, get\u00f6tete schwarze Menschen, Privatfotos der Hall-Familie, Tiere, die in \u00d6l verenden, eine menschliche Geburt im Close-up, Szenen aus dem Vietnamkrieg, der Einmarsch der Russen 1956 in Ungarn, die Suezkrise, Mahalia Jackson, die tr\u00e4nen\u00fcberstr\u00f6mt einen Gospel singt, Textfragmente aus der Literatur. All das und noch viel mehr spielt sich in kurzer Abfolge oder simultan ab. Mal sind die Bilder gestochen scharf, dann wieder verschwommen. Auf Makroaufnahmen folgen Totalaufnahmen. Sch\u00f6nheit und Schrecken, Freude und Leid prallen immer wieder aufeinander.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Hinter den Bildstr\u00f6men steckt enorm viel Recherchearbeit in Archiven. Die Komposition zu einer Mehrkanalinstallation ist aufwendig. Deshalb versteht sich John Akomfrah mittlerweile auch eher als Choreograf, denn als K\u00fcnstler.<\/p>\n<blockquote class=\"tw-m-0 tw-italic tw-flex tw-items-start before:tw-hidden\">\n<p class=\"tw-text-secondary tw-mb-0 tw-text-base sm:tw-text-base\">Die Zukunft geh\u00f6rt (\u2026) denen, die bereit sind, sie selbst zu sein und gleichzeitig ein St\u00fcck der anderen in sich aufzunehmen.<\/p>\n<p>Stuart Hall (1932-2014)<\/p><\/blockquote>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">\u201eThe Unfinished Conversation\u201c ist eine ber\u00fchrende Hommage an Stuart Hall, sein undogmatisches Denken \u00fcber Rassismus, Klasse und Identit\u00e4t. F\u00fcr Ute Stuffer, die Leiterin des Kunstmuseums, sind diese Themen aktueller denn je. \u00a0Die Videoarbeit l\u00e4dt also dazu ein \u201edar\u00fcber nachzudenken, wie wir uns selbst und andere sehen\u201c, meint Stuffer.<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Jede Menge Anregungen zum Nachdenken finden sich auch im sogenannten Conversation Room im Erdgeschoss des Kunstmuseums. Der Raum besteht aus Texten und B\u00fcchern, die zur weiterf\u00fchrenden Besch\u00e4ftigung mit den Themen Herkunft, Identit\u00e4t, Zugeh\u00f6rigkeit, Rassismus und soziales Miteinander anregen \u2013 sowohl f\u00fcr Erwachsene als auch f\u00fcr Kinder und Jugendliche. Ein Glossar erkl\u00e4rt zentrale Begriffe, wie etwa \u201efarbig\u201c, \u201eschwarz\u201c oder \u201erace\u201c. Hinzu kommt eine Wandinstallation in Blau und Wei\u00df von Diana Ejaita, einer K\u00fcnstlerin mit nigerianisch-italienischen Wurzeln. F\u00fcr sie ist Identit\u00e4t ein \u201eflie\u00dfender Strom von Zugeh\u00f6rigkeiten\u201c. Nicht ohne Grund weckt ihre Arbeit Assoziationen an Wasser, Seen, Fl\u00fcsse und B\u00e4che. Die Bibliothek ist sehr gut sortiert und l\u00e4dt \u2013 bei freiem Eintritt! \u2013 zum St\u00f6bern ein. Wie sagte Stuart Hall einmal so treffend: \u201eDie Zukunft geh\u00f6rt (\u2026) denen, die bereit sind, sie selbst zu sein und gleichzeitig ein St\u00fcck der anderen in sich aufzunehmen.\u201c<\/p>\n<p>Unter Druck im Obergeschoss<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\">Der Expressionismus geh\u00f6rt zu den k\u00fcnstlerischen Bewegungen, f\u00fcr die die Druckgrafik eine wichtige Rolle spielte. Die Sammlung Selinka besitzt eine gro\u00dfe Anzahl an Holzdrucken, Radierungen, Lithografien. Unter dem Titel \u201eUnder Pressure\u201c sind jetzt im Obergeschoss des Kunstmuseums ausgew\u00e4hlte Werke aus der Kollektion zu sehen. Die Schau umfasst 42 Arbeiten, darunter sind auch drei Holzdruckst\u00f6cke aus dem Br\u00fccke-Museum in Berlin inklusive des jeweiligen Blatts aus der hauseigenen Sammlung. Was auff\u00e4llt, ist die reduzierte Formensprache, die starken Linien und die kr\u00e4ftigen Farben. Maserungen, Astl\u00f6cher und Unebenheiten wurden nicht entfernt, sondern bewusst in die Gestaltung mit einbezogen. Beste Beispiele daf\u00fcr sind Erich Heckels \u201eWei\u00dfe Pferde\u201c (1912) oder Karl Schmidt-Rottluffs \u201eK\u00f6pfe II\u201c (1911).<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/6004c11a-aae4-48ec-96c9-585474679348.jpg\" loading=\"lazy\" alt=\"Holzdruckstock und Blatt zu \u201eK\u00f6pfe II\u201c von Karl Schmidt-Rottluff.\"\/><img decoding=\"async\" alt=\"Bild vergr\u00f6\u00dfern\" class=\"sm:tw-w-9 sm:tw-h-9\" src=\"https:\/\/www.schwaebische.de\/_next\/static\/media\/imageExpand.10dba927.svg\"\/><\/p>\n<p>Holzdruckstock und Blatt zu \u201eK\u00f6pfe II\u201c von Karl Schmidt-Rottluff. (Foto: Wynrich Zlomke)<\/p>\n<p class=\"paragraph tw-mx-auto tw-mb-6\"><strong>John Akomfrah \u201eThe Unfinished Conversation\u201c<\/strong> und <strong>\u201eUnder Pressure\u201c<\/strong> im Kunstmuseum Ravensburg dauern jeweils bis 2. November. \u00d6ffnungszeiten: Di. 14-18 Uhr, Mi.-So. 11-18 Uhr, Do. 11-19 Uhr. Mehr auf: <a href=\"http:\/\/www.kunstmuseum-ravensburg.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.kunstmuseum-ravensburg.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Es kann ganz sch\u00f6n hart sein, aufmerksam andere Perspektiven anzusehen, die es nicht in die zum Teil doch&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":295736,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1775],"tags":[1793,29,214,30,18074,86490,12546,1794,86491,382,86492,86493,215,41743],"class_list":{"0":"post-295735","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-kunst-und-design","8":"tag-art-and-design","9":"tag-deutschland","10":"tag-entertainment","11":"tag-germany","12":"tag-identitaet","13":"tag-john-akomfrah","14":"tag-krisen","15":"tag-kunst-und-design","16":"tag-kunstmuseum-ravensburg","17":"tag-migration","18":"tag-the-unfinished-conversation","19":"tag-umbrueche","20":"tag-unterhaltung","21":"tag-videoinstallation"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114920179949004723","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/295735","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=295735"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/295735\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/295736"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=295735"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=295735"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=295735"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}