{"id":297162,"date":"2025-07-27T04:48:28","date_gmt":"2025-07-27T04:48:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/297162\/"},"modified":"2025-07-27T04:48:28","modified_gmt":"2025-07-27T04:48:28","slug":"ueber-katie-kitamura-und-ihren-neuen-roman-die-probe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/297162\/","title":{"rendered":"\u00dcber Katie Kitamura und ihren neuen Roman \u201eDie Probe\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Die amerikanische Autorin Katie Kitamura bringt ihre Figuren gern in Situationen, in denen etwas aus den Fugen ger\u00e4t. Da ist die Erz\u00e4hlerin des Romans \u201eTrennung\u201c, die nach Griechenland reist, um dort ihren Mann zu suchen, von dem sie heimlich getrennt lebt. Als er tot aufgefunden wird, spielt sie die trauernde Witwe. In \u201eIntimit\u00e4ten\u201c verdolmetscht eine Frau am Den Haager Strafgerichtshof die Aussagen von Kriegsverbrechern. Ein Angeklagter findet Gefallen an ihr, betrachtet die Dolmetscherin, die vor Gericht seine Worte spricht, als Verb\u00fcndete. Sie selbst sp\u00fcrt eine beunruhigende Verbindung, \u201eals w\u00e4re ich in einen K\u00f6rper verpflanzt worden, in dem ich nicht sein wollte\u201c.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">In ihrem neuen Roman \u201eDie Probe\u201c dreht Kitamura diese Idee der ausfransenden Enden weiter. Erneut geht es um die Risse, die sich durch solide Leben und Beziehungen ziehen. Um die Machtk\u00e4mpfe, die darin ausgefochten werden, und die Rollen, die wir spielen \u2013 je nachdem, mit wem wir es gerade zu tun haben. Es ist aber auch ein Roman, der das Prinzip von Stabilit\u00e4t an sich abschaffen will. Wirklichkeit ist darin Ansichtssache, eine Frage der Interpretation. In diesem Sinne kann alles so sein, wie man denkt. Oder genau andersherum.<\/p>\n<p>Ein unbekannter Sohn<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Im Mittelpunkt steht eine New Yorker Theaterschauspielerin: erfolgreich, eta\u00adbliert. In einem teuren, aber gesichtslosen Restaurant in Manhattan trifft sie einen viel j\u00fcngeren Mann. Gedanklich geht sie durch, welchen Eindruck das Rendezvous auf die anderen G\u00e4ste macht. Sehen die zwei aus wie Mutter und Sohn? Oder h\u00e4lt man ihn f\u00fcr ihren Geliebten, gar f\u00fcr eine bezahlte Begleitung? Diese Art von Spekulation ist typisch f\u00fcr Kitamura, deren k\u00fchle Protagonistinnen im Kopf oft ausgefeilte Szenarien entwerfen.<\/p>\n<p>      <img decoding=\"async\" class=\"Sonntagszeitung\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/1753476492_862_latest.jpg\"\/><\/p>\n<p>Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.<\/p>\n<p>        <a href=\"https:\/\/zeitung.faz.net\/meine-ausgaben\/fas\/\" class=\"Button\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">&#13;<br \/>\n          &#13;<br \/>\n         <\/a><\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Doch die Begegnung verl\u00e4uft anders als erwartet. Der junge Mann, Xavier, hat eine \u00fcberraschende Theorie: Er h\u00e4lt die Schauspielerin f\u00fcr seine Mutter. Tats\u00e4chlich gibt es zwischen ihnen eine gewisse \u00c4hnlichkeit. Und hat sie nicht in einem Interview, sogar mit Bedauern, davon gesprochen, ein Baby weggegeben zu haben? Aber die Schauspielerin hat nie ein Kind geboren. Langsam schwant ihr, dass hinter der Unbedarftheit, mit der Xavier ein Kinderessen aus Hamburger und Pommes bestellt, hinter seinem Charme noch etwas anderes stecken k\u00f6nnte. Bevor sich das l\u00f6sen l\u00e4sst, taucht pl\u00f6tzlich ihr Mann im Restaurant auf.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Katie Kitamura: \u201eDie Probe\u201c\" height=\"1041\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/katie-kitamura-die-probe.jpg\" width=\"650\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Katie Kitamura: \u201eDie Probe\u201cHanser<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">F\u00fcr eine Weile sieht es dann so aus, als habe man es mit der Geschichte einer gut situierten und etwas eingefahrenen Ehe zu tun. Die Schauspielerin und ihr Mann Tomas leben in einem sch\u00f6nen Apartment auf der Upper West Side. Sie befolgen allerlei Alltagsrituale. Doch die seltsame Begegnung mit Xavier hat etwas verschoben. \u201eDu betr\u00fcgst mich doch nicht wieder, oder?\u201c, fragt er aus heiterem Himmel. Es ist eine von vielen Kehrtwenden des Romans, die abrupt die Perspektive verschieben.<\/p>\n<p>Ein Blick unter die Oberfl\u00e4che<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Einiges ist \u00fcber die Distanz geschrieben worden, die in Kitamuras B\u00fcchern zwischen den Figuren herrscht. Weil ihr Stil pr\u00e4zise und reduziert ist und ihre Protagonistinnen cool und namenlos, hat man die Autorin mit Rachel Cusk verglichen. Man k\u00f6nnte auch sagen, dass Kitamura, 1979 als Tochter japanischer Einwanderer in Kalifornien geboren, Thriller des Zwischenmenschlichen schreibt.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Ihr Interesse gilt den Tumulten, die sich unter der Oberfl\u00e4che abspielen. Den Missverst\u00e4ndnissen und Fehleinsch\u00e4tzungen. Menschliche Begegnungen sind bei ihr ein Powerplay: Es gibt einen Gewinner und einen Verlierer. Jemanden, der die Oberhand beh\u00e4lt, und jemanden, der geschlagen vom Platz zieht. Nervenzerrend und am\u00fcsant zugleich ist etwa eine Szene in \u201eTrennung\u201c, in der die Erz\u00e4hlerin eine junge Hotelangestellte, mit der ihr Mann vielleicht eine Aff\u00e4re hatte, zum Abendessen einl\u00e4dt. Wie mit dem Skalpell nimmt Kitamura das Kr\u00e4ftemessen bei buttrigem Hummer auseinander.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Auch \u201eDie Probe\u201c fragt, ob wir die Menschen, die uns nahestehen, je wirklich kennen k\u00f6nnen, ob unser Verhalten gegen\u00fcber anderen blo\u00dfe Performance ist. Wie passend, dass die Erz\u00e4hlerin ihr Geld mit Schauspiel verdient. Das ist eine weitere Parallele zu Cusk: Nat\u00fcrlich geht es im Buch auch darum, was es braucht, um als Frau Kunst zu machen.<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Vieles spielt sich deshalb auf der Theaterb\u00fchne ab. Die Schauspielerin hadert mit einer komplizierten Rolle. Die Proben f\u00fcr das St\u00fcck einer angesagten jungen Autorin sind fast beendet, doch sie bekommt die entscheidende Szene nicht hin. Das Chaos ist komplett, als Xavier wieder auftaucht: Er ist der neue Regieassistent. Ihr fr\u00fcheres Treffen scheint allein die Schauspielerin zu befremden. \u201eIch fragte mich unwillk\u00fcrlich, ob ich sein bizarres Anliegen missverstanden, falsch aufgefasst oder sogar verkehrt in Erinnerung hatte.\u201c<\/p>\n<p>Was ist hier real?<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Auf die Idee f\u00fcr das Buch habe sie eine Boulevard\u00fcberschrift gebracht, hat Katie Kitamura gesagt: \u201eEin Fremder sagte, er sei mein Sohn\u201c. Den Artikel habe sie dann gar nicht mehr lesen m\u00fcssen. \u201eMich hat die Vorstellung gefesselt, dass in einem einzigen Moment, alles, was man \u00fcber sich selbst und seinen Platz in der Welt wei\u00df, auf den Kopf gestellt werden kann.\u201c Passend dazu folgt, gerade als man auf die Aufl\u00f6sung der seltsamen Begebenheit hofft, ein harter Schnitt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" alt=\"Die amerikanische Schriftstellerin Katie Kitamura\" height=\"2126\" loading=\"lazy\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/die-amerikanische.jpg\" width=\"1417\" class=\"sm:w-content-xs w-full\" tabindex=\"0\"\/>Die amerikanische Schriftstellerin Katie KitamuraClayton Cubbit<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Es beginnt der zweite Teil des Buchs, der sich am ehesten als eine Art verrutschte Realit\u00e4t beschreiben l\u00e4sst. Noch immer befindet man sich im Kosmos der Schauspielerin: die schicke Wohnung, Tomas, das Fr\u00fchst\u00fcck und das Theaterst\u00fcck, mittlerweile ein rauschender Erfolg. Auch Xavier ist da \u2013 blo\u00df ist er nun tats\u00e4chlich der Sohn der Schauspielerin. Bei einem erneuten Restaurantessen wird beschlossen, dass er wieder zu Hause einziehen kann, solange er seine Regieassistenz macht. \u201eIn diesem Moment fiel mir ein, wie es gewesen war, ihn als Kind zu umarmen, sein nach Tier riechender Nacken, ein \u00fcberw\u00e4ltigendes Gef\u00fchl.\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Und von hier an legt Kitamura falsche F\u00e4hrten. Zur Vorbereitung auf den Roman hat die Autorin Horrorfilme geschaut, David Lynch, \u201eRosemary\u2019s Baby\u201c von Roman Pola\u0144ski. Auch wenn \u201eDie Probe\u201c mit den Genre wenig gemein hat: Entscheidend war das Gef\u00fchl der Entfremdung. Eine Ahnung von Unwirklichkeit zieht sich durch, wenn die Schauspielerin in ihrer Wohnung den Eindruck hat, \u201eR\u00e4ume zu betreten, die lange Zeit unbewohnt gewesen waren und doch in allen Details meinem Zuhause glichen, bis hin zur Vase auf dem Tisch im Flur und den M\u00e4nteln an der Garderobe, nur dass es eben nicht mein Zuhause war.\u201c<\/p>\n<p class=\"p1 sm:p1-medium items-start pb-[20px]\" data-selector=\"body-paragraph\" data-external-selector=\"body-elements-paragraph\" data-v-af81c750=\"\" data-v-439309db=\"\">Immer mehr kippt die Handlung ins Surreale. Das er\u00f6ffnet interessante Perspektiven zum Thema Subjektivit\u00e4t. Was, wenn wir unserer Wahrnehmung nicht trauen k\u00f6nnen? Wenn wir uns st\u00e4ndig selbst etwas vormachen? Man merkt, dass man die ganze Zeit ein v\u00f6llig anderes Buch gelesen hat, als man dachte. Das Ende f\u00e4llt etwas \u00fcberdreht aus. Das kann einen erst einmal ratlos stimmen. Man kann es aber auch als Einladung verstehen: die Geschichte gleich noch einmal von vorne zu lesen.<\/p>\n<p><strong>Katie Kitamura, \u201eDie Probe\u201c. <\/strong>Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Hanser Verlag, 176 Seiten, 23 Euro.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die amerikanische Autorin Katie Kitamura bringt ihre Figuren gern in Situationen, in denen etwas aus den Fugen ger\u00e4t.&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":297163,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-297162","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114923392908416349","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/297162","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=297162"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/297162\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/297163"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=297162"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=297162"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=297162"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}