{"id":298299,"date":"2025-07-27T15:42:10","date_gmt":"2025-07-27T15:42:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/298299\/"},"modified":"2025-07-27T15:42:10","modified_gmt":"2025-07-27T15:42:10","slug":"buch-ueber-moderne-sklaverei-wir-alle-profitieren-von-menschenhandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/298299\/","title":{"rendered":"Buch \u00fcber moderne Sklaverei: Wir alle profitieren von Menschenhandel"},"content":{"rendered":"<p class=\"bodytext paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Dass sogenannte Lovescammer ihren Opfern unter falscher Identit\u00e4t Liebe vorgaukeln, um ihnen Geld aus der Tasche zu ziehen, ist als Ph\u00e4nomen des Internetzeitalters sp\u00e4testens seit Martina Hefters Erfolgsroman <a href=\"https:\/\/taz.de\/Portraet-der-Autorin-Martina-Hefter\/!6030856\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">\u201eHey guten Morgen, wie geht es dir?\u201c<\/a> bekannt, ebenso, dass diese moderne Form des Betrugs oft eine koloniale Dimension hat. Im Roman sitzt ein Afrikaner bei Kerzenschein am Handy und bezirzt eine Frau in Deutschland. Anders als Hefter hat sich die beim Nachrichtensender CNN arbeitende Journalistin Barbie Latza Nadeau dem Ph\u00e4nomen investigativ gen\u00e4hert. Sie fand heraus, dass es oft Opfer von Menschenhandel sind, die in sogenannten Betrugsfabriken festgehalten und gezwungen werden, Internetverbrechen zu begehen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Liebesschw\u00fcre per Mail, vermeintlich lukrative Geldanlagetipps oder Anrufe aus einem dubiosen Callcenter \u2013 laut Latza Nadeau ist es ziemlich wahrscheinlich, dass der Mensch, der hinter solchen Kontaktaufnahmen steckt, dazu gezwungen wurde. Die Autorin erz\u00e4hlt die Geschichte eines chinesischen B\u00fcroangestellten, der mit einem plausibel klingenden Jobangebot nach Thailand gelockt wurde und dort sieben Monate in einem umz\u00e4unten Arbeitslager fest sa\u00df, wo man ihn zwang, als Buchhalter die Millionenprofite einer kriminellen Organisation zu \u00fcberpr\u00fcfen, die auf Anlagebetrug und \u201eSchweinemast\u201c (ein Synonym f\u00fcr Lovescamming) spezialisiert war. Latza Nadeau zufolge sind ganze Regionen S\u00fcdostasiens seit der Pandemie zu Hotspots des Cybercrime geworden; die marktlogische Ausweichbewegung einer Industrie, die nach Sch\u00e4tzungen der Internationalen Arbeits\u00adorganisation (ILO) j\u00e4hrlich rund 150 Milliarden Dollar einbringt.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">\u201eDer Handel mit Personen, oder Menschenhandel, ist eine Form der modernen Sklaverei\u201c, stellt Barbie Latza Nadeau eingangs fest. In ihrem Buch rollt sie die Aktionsfelder der Menschenh\u00e4ndler systematisch auf, von den \u201eMaklern des Elends\u201c, die Menschen auf der Flucht \u00fcbers Mittelmeer oder \u00fcber die Balkanroute in die Schuldknechtschaft zwingen, bis zu Organh\u00e4ndlern und denen, die als Anwerberin, Zuh\u00e4lter oder Logistiker Frauen, M\u00e4nner und Kinder sexuell ausbeuten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Schon der Buchtitel \u201eEvery Body Counts\u201c macht deutlich: Latza Nadeau schreibt aus einer engagierten menschenrechtlichen Perspektive \u2013 und scheut dabei nicht vor moralischen Fragen zur\u00fcck. So fordert sie die Le\u00adse\u00adr:in auf: \u201eGehen Sie eine beliebige Stra\u00dfe in einer beliebigen Gro\u00dfstadt dieser Welt entlang. Sehen Sie sich die Person genauer an, die Ihnen im Nagelstudio die Finger manik\u00fcrt. \u00d6ffnen Sie Ihren Kleiderschrank, Ihre Kommode. Werfen Sie einen Blick auf Ihr Handy. Wer passt auf Ihre Kinder auf? Wer putzt Ihr Haus? Man muss kein Menschenh\u00e4ndler sein, um sich ins wirtschaftliche Netz des Menschen\u00adhandels zu verstricken.\u201c<\/p>\n<p>Das Buch<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\"><strong>Barbie Natza Ladea<\/strong>u: <strong>\u201e<\/strong>Every Body Counts. Gier und der Handel mit Menschen\u201c. Aus dem Englischen von Alexander Weber. Hanserblau, Berlin 2025, 272 Seiten, 24 Euro<\/p>\n<p>      Kriege bieten den N\u00e4hrboden f\u00fcr Kinderhandel<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"6\">Wir alle, lautet die Botschaft der Autorin, profitieren von moderner Sklaverei, von der laut einem UN-Bericht von 2022 rund 40 bis 50 Millionen Menschen betroffen sind. Dass Ausbeutung in der Mode-und <a href=\"https:\/\/taz.de\/Femnet-Chefin-ueber-Bangladesch\/!6030411\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Textilindustrie<\/a>, der Landwirtschaft und der Rohstoffgewinnung weit verbreitet sind, ist keine Neuigkeit. Ebenso wenig, dass mit erzwungenen sexuellen Dienstleistungen Milliardenprofite gemacht werden. Dennoch r\u00fcckt Barbie Latza Nadeau manches, was man zu wissen meint, zurecht. So sei es ein Missverst\u00e4ndnis zu glauben, dass Menschenhandel ein Synonym f\u00fcr Sexhandel sei: \u201eNur\u201c 22 Prozent der weltweiten Opfer von Menschenhandel w\u00fcrden zur Prostitution oder zu anderen Formen sexueller Ausbeutung gezwungen. Die anderen w\u00fcrden als Arbeitskr\u00e4fte ausgebeutet, fielen Organhandel zum Opfer oder w\u00fcrden verschleppt, um f\u00fcr das organisierte Verbrechen, etwa als Drogenkurier, zu arbeiten.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-9\" pos=\"7\">Andere Formen von Menschenhandel sind erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Kinder, die vermeintlich aus Waisenh\u00e4usern zur Adoption freigegeben wurden, seien in Wirklichkeit ihren Eltern gestohlen oder von ihnen verkauft worden oder stammten aus sogenannten Babyfarmen, \u2013 Orten, wo Frauen, nicht immer freiwillig, Kinder zum Zweck des Verkaufs geb\u00e4ren. Bei ihren Recherchen stie\u00df Barbie Latza Nadeau auf die Geschichte ihrer eigenen Urgro\u00dfmutter, die als Baby im d\u00f6rflichen Afghanistan von einem Jesuitenmissionar \u201egerettet\u201c und einem katholischen \u00f6sterreichischen Ehepaar gegeben worden war. Wurde sie wom\u00f6glich verkauft oder verschleppt? In Afghanistan gibt es auch heute keinerlei Richtlinien zum Schutz von Kindern vor illegaler Adoption oder der Rekrutierung als Kindersoldaten. Die Richtlinien der UNHCR, die den Verkauf von Kindern verbieten, w\u00fcrden bei internationalen Adoptio\u00adnen oft nicht durchgesetzt, da L\u00e4nderstandards unterschiedlich seien und bei Privatadoptionen Standards unterlaufen w\u00fcrden, schreibt die Journalistin.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"8\">Natza Ladeau, die sich bei ihren Recherchen auf Material von NGOs und internationalen B\u00fcndnissen gegen Menschenhandel st\u00fctzt, aber auch auf eigene Recherchen etwa in Fl\u00fcchtlingslagern und an Bord eines Seenotrettungsschiffs, beleuchtet die Rolle dubioser Agenturen und weist darauf hin, dass Kriege idealen N\u00e4hrboden f\u00fcr Kinderhandel bieten: Rund 19.000 <a href=\"https:\/\/taz.de\/Hoffnung-fuer-ukrainische-Kinder\/!6089910\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">ukrainische Kinder<\/a> wurden vom russischen Milit\u00e4r \u201eevakuiert\u201c und nach Russland verbracht; in anderen Kriegsregionen werden verkaufte oder verschleppte Kinder zur Sexarbeit oder Schlimmerem gezwungen. Barbie Latza Nadeaus Kapitel \u00fcber den Handel mit \u201eSnuff-Videos\u201c, in dem Kinder vor laufender Kamera vermeintlich oder tats\u00e4chlich get\u00f6tet werden, f\u00fcr zahlende Kundschaft, geh\u00f6ren zu den unertr\u00e4glichsten Passagen in diesem an drastischen Beispielen reichen Buch.<\/p>\n<p>      Die wohlmeinende Naivit\u00e4t der Seenotretter<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-13\" pos=\"10\">In allen Kapiteln strukturiert die Autorin ihre Recherche, indem sie erst Akteure und Mechanismen des Gesch\u00e4ftsmodells beschreibt, Geschichten von Betroffenen erz\u00e4hlt und dann \u2013 der Spur des Geldes folgend \u2013 fragt, wer profitiert und wer daf\u00fcr verantwortlich ist.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"11\">Ein wesentlicher Faktor ist die Migrationspolitik: Laut einer Erhebung der Internationalen Organisation f\u00fcr Migration sind 70 Prozent aller Migranten, die mit dem Boot aus Nordafrika in Europa ankommen, Opfer von Menschenhandel. Was w\u00e4re, fragt Barbie Latza Nadeau, wenn diese Menschen in ihren Heimatl\u00e4ndern Asyl beantragen k\u00f6nnten, statt sich auf eine gef\u00e4hrliche Reise zu begeben? Obwohl das Palermo-Protokoll, das Opfern von Menschenhandel Schutz gew\u00e4hren soll, von 178 L\u00e4ndern ratifiziert wurde, erhalten illegal Eingeschleppte nirgends automatisch ein legales Einwanderungsrecht, was sie ausbeutbar macht. Auch Hilfepl\u00e4ne, die auf dem Papier bestehen, werden vielerorts nicht umgesetzt, \u2013 stattdessen riskieren Opfer, die sich bei Beh\u00f6rden melden, sofortige Abschiebung oder Inhaftierung.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-16\" pos=\"12\">Wie sehr der Wunsch nach einem immer h\u00e4rteren Anti-Migrations-Kurs die Verletzlichsten weiter entrechtet, illustriert Latza Nadeau anhand einer Nigerianerin, die sich in Rom auf der Stra\u00dfe prostituiert \u2013 unfreiwillig. Sie habe mehrmals versucht, zu fliehen, sagte die Frau, doch die Polizei habe sie an die Hotline verwiesen und die sei dauerbesetzt. Als sich Latza Nadeau selbst ans Telefon klemmt, bekommt sie schlie\u00dflich die Auskunft, es gebe keine freien Pl\u00e4tze im Wohnheim. In Italien wurden Einrichtungen f\u00fcr Menschenhandelsopfer unter Giorgia Meloni die Finanzierung gek\u00fcrzt, stattdessen wurden Abschiebehaftanstalten f\u00fcr neu ankommende Migranten gebaut.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"13\">Latza Nadeau kritisiert diese migrationsfeindliche, brutale H\u00e4rten und Menschenrechtsverst\u00f6\u00dfe in Kauf nehmende Politik, die auch in vielen anderen L\u00e4ndern auf dem Vormarsch ist, vehement. Sie hat aber auch Kritik an denen, die sich f\u00fcr Migranten einsetzen: Ist es, so fragt sie, nicht ein krasses Versagen von Seenotrettungsorganisationen, wenn diese zwar die Menschen aus dem Wasser holen, nicht aber unterbinden k\u00f6nnen, dass sie noch auf den Rettungsbooten von Bordell\u00adbetreibern und anderen Ausbeutern als \u201eWare\u201c in Empfang genommen werden? Laut ihrer Analyse hat die wohlmeinende Naivit\u00e4t der Seenotretter f\u00fcr die Betroffenen die gleichen Konsequenzen wie der Hass der Migrationsfeinde.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"14\">Menschenhandel, zeigt dieses stringent durchargumentierte Buch, ist \u00fcberall. Man muss ihn nur sehen wollen. Wie das Hinschauen im Alltag geht, zeigt Latza Nadeau anhand einiger konkreter Hinweise. Ihr Buch ist keine leichte, aber eine erhellende Lekt\u00fcre.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Dass sogenannte Lovescammer ihren Opfern unter falscher Identit\u00e4t Liebe vorgaukeln, um ihnen Geld aus der Tasche zu ziehen,&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":298300,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1774],"tags":[1784,1785,29,214,30,215],"class_list":{"0":"post-298299","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-buecher","8":"tag-books","9":"tag-buecher","10":"tag-deutschland","11":"tag-entertainment","12":"tag-germany","13":"tag-unterhaltung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114925964303325610","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/298299","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=298299"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/298299\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/298300"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=298299"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=298299"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=298299"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}