{"id":299513,"date":"2025-07-28T03:28:18","date_gmt":"2025-07-28T03:28:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/299513\/"},"modified":"2025-07-28T03:28:18","modified_gmt":"2025-07-28T03:28:18","slug":"ns-bau-in-nuernberg-wie-die-kongresshalle-zum-ort-fuer-kunst-und-erinnerung-wird-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/299513\/","title":{"rendered":"NS-Bau in N\u00fcrnberg: Wie die Kongresshalle zum Ort f\u00fcr Kunst und Erinnerung wird"},"content":{"rendered":"<p>Das Kolosseum in Rom war Vorbild, als in N\u00fcrnberg ab 1935 nach dem Willen Adolf Hitlers einer der gr\u00f6\u00dften Monumentalbauten entstehen sollte. Doch die Kongresshalle blieb wegen des Kriegs unvollendet &#8211; ab 1939 wurde nicht mehr weitergebaut. Sp\u00e4ter wurde der Bau jahrzehntelang als Lagerraum, aber auch f\u00fcr Probenr\u00e4ume genutzt.<\/p>\n<p>Vertreter der Stadt betonen seit langem, dass man N\u00fcrnberg mit dem historischen Erbe des Reichsparteitagsgel\u00e4ndes und der Kongresshalle nicht alleinlassen d\u00fcrfe. Nun soll im Innenhof und im Bestand der Kongresshalle ein Geb\u00e4ude entstehen, in das 2028 Ateliers, Studiob\u00fchnen, Ausstellungsfl\u00e4chen und Prober\u00e4ume f\u00fcr Kunst und Kultur und die Interimsspielst\u00e4tte des Staatstheaters einziehen. Um das zu bezahlen, wirbt die N\u00fcrnberger Kulturb\u00fcrgermeisterin Julia Lehner (CSU) f\u00fcr die Errichtung einer nationalen Stiftung.<\/p>\n<p class=\"interview-frage\">Sie sind in N\u00fcrnberg aufgewachsen. Welche ersten Erinnerungen an die Kongresshalle und das Reichsparteitagsgel\u00e4nde haben Sie?<\/p>\n<p>Julia Lehner: Tats\u00e4chlich war f\u00fcr mich das ehemalige Reichsparteitagsgel\u00e4nde sehr lange eine Terra incognita (red: unbekannte Welt). Ich wusste lange nichts von der Geschichte des Gel\u00e4ndes und dessen eigentlicher Bedeutung, weder aus Berichten und Erz\u00e4hlungen noch aus eigener Anschauung. Erstmals vor Ort war ich anl\u00e4sslich der Bundesjugendspiele, die zu meiner Gymnasialzeit im Umfeld des Stadions stattfanden. Wir sa\u00dfen auf der Zeppelintrib\u00fcne und sahen den sportlichen Aktivit\u00e4ten zu. Die entscheidende inhaltliche Ann\u00e4herung ereignete sich w\u00e4hrend meiner Studienzeit, als an einen Kommilitonen das Thema f\u00fcr seine Dissertation vergeben wurde.<\/p>\n<p class=\"interview-frage\">Mit dem riesigen Geb\u00e4ude der unvollendeten Kongresshalle, die f\u00fcr 50.000 Besucher gebaut werden sollte, ist die Stadt N\u00fcrnberg gewisserma\u00dfen geschlagen. Wie denkt die Stadtspitze, wie sie mit der Hinterlassenschaft umgehen muss?<\/p>\n<p>Bereits 2004 hat die Stadt N\u00fcrnberg eine eigene Satzung f\u00fcr den Umgang mit diesem gesamten Gel\u00e4nde beschlossen: Man will die Bauten bewahren und gleichzeitig den kommenden Generationen erm\u00f6glichen, ihren eigenen Umgang damit zu finden. Mit Blick auf Zeppelinfeld und Zeppelintrib\u00fcne sind wesentliche Ver\u00e4nderungen auf Dauer nicht vorgesehen, hier entsteht k\u00fcnftig ein Lern- und Begegnungsort, der das didaktische Angebot des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgel\u00e4nde erg\u00e4nzen wird.<\/p>\n<p>Bei der Kongresshalle handelt es sich dagegen um einen nicht vollendeten Bau, der nie von den Nazis in Betrieb genommen wurde. Schon immer ist der Rundbau sehr pragmatisch genutzt worden. In der Nachkriegszeit unter anderem als Lager, als Parkplatz, als Ausstellungsfl\u00e4che. Es gibt auch zwei kulturelle Ankerinstitutionen: Seit 1963 haben die N\u00fcrnberger Symphoniker hier ihren Sitz, seit 2001 das Dokumentationszentrum. Zuletzt war die Kongresshalle mit ihren rund 80.000 Quadratmetern Fl\u00e4che weitestgehend ungenutzt.<\/p>\n<p>Nach einem intensiven \u00f6ffentlichen Diskurs hat der Stadtrat einen neuen, einen mutigen Ansatz vorgegeben: Die Stadt N\u00fcrnberg besetzt diesen Ort weiter mit Kunst und Kultur, schafft hier weiten Raum f\u00fcr K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler der Freien Szenen und integriert eine neue Spielst\u00e4tte f\u00fcr das Staatstheater. Und die Menschen, die den Kulturort Kongresshalle k\u00fcnftig aufsuchen, werden sich automatisch mit dessen Historie auseinandersetzen m\u00fcssen.<\/p>\n<p class=\"interview-frage\">Sie sagen, Sie wollen der n\u00e4chsten Generation die Handhabe geben, den eigenen Umgang mit den Hinterlassenschaften der Nazis zu finden. Ist der Ersatzbau f\u00fcrs Opernhaus in der Mitte der Kongresshalle ein solcher Pfad?<\/p>\n<p>Ja, die Kongresshalle wird ein einzigartiger Ort kultureller Praxis. Die Stadt N\u00fcrnberg nutzt die M\u00f6glichkeit, diesen riesigen und kaum genutzten Torso zu \u00f6ffnen und f\u00fcr alle Menschen begehbar zu machen. Mit dem Musiktheater und der Ballettsparte des Staatstheaters, einer Vielzahl von m\u00f6glichen Nutzungen durch Ateliers, durch Prober\u00e4ume, durch Ausstellungsfl\u00e4chen und mit den Institutionen vor Ort wird hier ein Miteinander kultureller Wege in gro\u00dfer Vielfalt angeboten werden.<\/p>\n<p class=\"interview-frage\">Wenn Sie den riesigen Torso des Nazibaus \u00f6ffnen, wollen Sie daf\u00fcr auch nationale und internationale Beachtung. Wie k\u00f6nnen Sie erreichen, dass dieser Schritt deutschlandweit im Gespr\u00e4ch ist?<\/p>\n<p>Das Reichsparteitagsgel\u00e4nde ist ein nationales Erbe. Die Stadt N\u00fcrnberg tr\u00e4gt nicht alleine die Verantwortung f\u00fcr die NS-Zeit und f\u00fcr diese unglaublichen Br\u00fcche des 20. Jahrhunderts. Diese Kongresshallenarchitektur ist dabei baulicher Ausdruck der Herrschaftsanspr\u00fcche der NS-Diktatur. Sie ist eine der gr\u00f6\u00dften NS-Hinterlassenschaften im Land und so auch von nationaler Bedeutung.<\/p>\n<p>International steht dieser unvollendete Monumentalbau symbolisch f\u00fcr Deutschlands NS-Vergangenheit und gleichzeitig f\u00fcr den Umgang damit im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Das besitzt eine internationale Relevanz und wir stellen fest, wenn wir im Verlauf der letzten zweieinhalb Jahre kleine Interventionen oder Pr\u00e4sentationen in der Kongresshalle gemacht haben, dass diese fast 50.000 Menschen dorthin gef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal hat dort eine Kooperation mit dem Deutschen Pavillon auf der Biennale de Venezia au\u00dferhalb Italiens stattgefunden. Wir haben mit Stars wie John Malkovich und Veronica Ferres eine Lesung bewusst an diesem Ort durchgef\u00fchrt. Der neue amerikanische Choreograf des Staatstheaters, Richard Siegal, h\u00e4tte leicht andernorts arbeiten k\u00f6nnen, aber er will hier, an diesem Ort, inszenieren.<\/p>\n<p class=\"interview-frage\">Sie haben nun die Idee, um an Finanzen zu kommen, um diesen &#8222;ma\u00dflosen Bau&#8220;, wie Sie sagen, zu unterhalten, eine Stiftung zu gr\u00fcnden. Wie soll das funktionieren?<\/p>\n<p>Wir streben die Gr\u00fcndung einer Stiftung an, an der Bund, der Freistaat Bayern und die Stadt st\u00e4ndig beteiligt sind, um das Vorhaben auf solide finanzielle F\u00fc\u00dfe zu stellen. Die Kongresshalle ist ein emblematisches nationales Erbe mit internationaler Bedeutung &#8211; das kann keine Stadt alleine stemmen. Der Stadtrat hat sich f\u00fcr die Gr\u00fcndung einer Stiftung ausgesprochen und im neuen Koalitionsvertrag der Bundesregierung ist mit Blick auf die Kongresshalle eine sogenannte Ankerformulierung enthalten, die als Bekenntnis f\u00fcr ein Engagement gewertet werden kann. Nun muss man die n\u00e4chsten Schritte gehen &#8211; das w\u00e4chst.<\/p>\n<p class=\"interview-frage\">W\u00e4re alles etwas leichter, wenn man wie angestrebt 2025 Europ\u00e4ische Kulturhauptstadt geworden w\u00e4re?<\/p>\n<p>Sicher ist: Ohne die Kulturhauptstadtbewerbung g\u00e4be es dieses Projekt heute nicht, hier erfolgte der erste Impuls, die Kongresshalle f\u00fcr Kunst und Kultur weiter zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p class=\"interview-frage\">Noch einmal ein Blick zur\u00fcck in die ersten Jahrzehnte nach dem Krieg. Wie haben Sie erlebt, wie N\u00fcrnberg wahrgenommen wurde? Hatte die Stadt noch das Image der T\u00e4ter oder der Reichsparteitage?<\/p>\n<p>Vielleicht darf ich eine Episode erz\u00e4hlen. Als Teenagerin war ich mit meiner Mutter verreist und wir kamen in einer Gastwirtschaft mit einem Ehepaar ins Gespr\u00e4ch, das sich zun\u00e4chst nur auf Englisch unterhielt. Sie fragten uns, woher wir k\u00e4men. Als ich ganz schnell &#8218;N\u00fcrnberg&#8216;, antwortete und fragte, &#8218;Waren Sie schon mal bei uns?&#8216; stupste mich meine Mutter unter dem Tisch ans Bein und versuchte, ein anderes Thema anzuschneiden. Anschlie\u00dfend erkl\u00e4rte sie: &#8218;Das war ein j\u00fcdisches Ehepaar und der Name N\u00fcrnberg schmerzt sie sicher immer noch.&#8216;<\/p>\n<p>Zum ersten Mal habe ich da gesp\u00fcrt, dass meine Heimatstadt, die ich so liebe, einen Schatten mit sich zieht. Heute darf ich dieses Thema in meinem Tun, in meinem Engagement, auf meinem beruflichen Weg benennen, und uns alle im Kollektiv daran erinnern, dass wir hier mit einer st\u00e4ndigen Herausforderung konfrontiert sind.<\/p>\n<p class=\"interview-frage\">Und gibt es heute die Gefahr, dass rechtsradikale Kr\u00e4fte N\u00fcrnberg instrumentalisieren?<\/p>\n<p>N\u00fcrnberg b\u00fcndelt, auch in der Zivilgesellschaft, ein gro\u00dfes Engagement gegen solche Tendenzen. Und ich nehme mir heraus, f\u00fcr alle zu sprechen, die sich hier einbringen: All unsere Bem\u00fchungen sind stetig darauf ausgerichtet, dies mit aller Kraft zu verhindern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Das Kolosseum in Rom war Vorbild, als in N\u00fcrnberg ab 1935 nach dem Willen Adolf Hitlers einer der&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":297368,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1837],"tags":[3274,772,3364,29,9485,30,5508,14,15,3783,575,9486],"class_list":{"0":"post-299513","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-nuernberg","8":"tag-kirche","9":"tag-bayern","10":"tag-de","11":"tag-deutschland","12":"tag-evangelisch","13":"tag-germany","14":"tag-journalismus","15":"tag-nachrichten","16":"tag-news","17":"tag-nuernberg","18":"tag-religion","19":"tag-sonntagsblatt"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114928740318185987","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/299513","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=299513"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/299513\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/297368"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=299513"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=299513"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=299513"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}