{"id":299568,"date":"2025-07-28T04:02:19","date_gmt":"2025-07-28T04:02:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/299568\/"},"modified":"2025-07-28T04:02:19","modified_gmt":"2025-07-28T04:02:19","slug":"der-tod-ist-halb-so-wild-georgi-gospodinovs-zaertlicher-abschied-vom-vater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/299568\/","title":{"rendered":"Der Tod ist halb so wild \u2013 Georgi Gospodinovs z\u00e4rtlicher Abschied vom Vater"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"headline__lead\">Der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov gedenkt auf bewegende Weise seines Vaters. Zwar stirbt dieser als \u00abHeld am Ende dieses Buches\u00bb, und doch ist es \u00abkein Buch \u00fcber den Tod, sondern \u00fcber die Sehnsucht nach dem Leben, das fortgeht\u00bb.<\/p>\n<p>   <img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" alt=\"Georgi Gospodinov ringt in seinem Buch mit dem Schmerz, mit der Sprache, mit der Ungeheuerlichkeit des Endes. Bild: Sechsel\u00e4utenplatz, 2019.\" data-nzz-tid=\"article-image\" width=\"3712\" height=\"5568\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-content\/uploads\/2025\/07\/0f9cb530-28a4-4d7a-8655-1c90ec0d73ae.jpeg\" loading=\"eager\"  class=\"image-placeholder__image\" style=\"cursor:pointer;transform:scale(1);\"\/>    Georgi Gospodinov ringt in seinem Buch mit dem Schmerz, mit der Sprache, mit der Ungeheuerlichkeit des Endes. Bild: Sechsel\u00e4utenplatz, 2019. <\/p>\n<p>Christoph Ruckstuhl \/ NZZ<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j03sobts0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text\">Wenn Schriftsteller Abschied von den Eltern nehmen, Mutter- oder Vatererz\u00e4hlungen \u00fcber diese Portalfiguren ihres Lebens schreiben \u2013 von Peter Weiss \u00fcber Peter Handke bis Arno Geiger \u2013, dann geben sie meist viel \u00fcber sich selbst preis. So auch der grossartige bulgarische Autor Georgi Gospodinov in seinem Vaterbuch \u00abDer G\u00e4rtner und der Tod\u00bb.<\/p>\n<p> Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen <\/p>\n<p>\n        NZZ.ch ben\u00f6tigt JavaScript f\u00fcr wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.\n      <\/p>\n<p>Bitte passen Sie die Einstellungen an.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j044941t1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Er hatte im Mai 2023 den International Booker Prize f\u00fcr seinen prophetisch-phantastischen Roman \u00abZeitzuflucht\u00bb bekommen, und nur wenige Monate sp\u00e4ter begann sein Vater zum zweiten Mal zu sterben. Denn er hatte bereits siebzehn Jahre davor auf wundersame Weise einen ersten Tumor \u00fcberlebt, doch mit dem Lungenkrebs, der ihn nun zu martern begann, sollte er Weihnachten nicht mehr erleben.<\/p>\n<p>Es zwickt ein wenig im Kreuz<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j03sobtu0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Der Sohn schreibt mit dem Tod um die Wette, schon w\u00e4hrend der Vater stirbt und immer abwiegelt: \u00abmich zwickt es ein wenig im Kreuz\u00bb, aber das sei alles \u00abhalb so wild\u00bb. Das war seine optimistische Standardfloskel im gramen Leben unter dem Kommunismus und ist es auch jetzt noch im Sterben, damit er den S\u00f6hnen nicht zur Last f\u00e4llt.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j044a7hc1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">In der ersten H\u00e4lfte dieses anr\u00fchrenden Buches wird minuzi\u00f6s das Sterben eines einfachen Mannes erz\u00e4hlt, in der zweiten hingegen wird das Mosaik seines Lebens in poetischen Splittern erstellt. Es entsteht dabei \u00abein elegischer Roman, ein Memoirenroman\u00bb, wie der Autor selbst in seinem Text schreibt.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j03sobtv0\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Es sei gleich zu Beginn gesagt, schreibt er, \u00abdass der Held am Ende dieses Buches stirbt\u00bb, und doch sei dies \u00abkein Buch \u00fcber den Tod, sondern \u00fcber die Sehnsucht nach dem Leben, das fortgeht\u00bb. Aus dem l\u00e4ndlichen S\u00fcdosten Bulgariens nimmt der Sohn den Vater zu sich in seine Wohnung in Sofia, pflegt den Sterbenden, f\u00fcttert ihn \u00abwie ein V\u00f6gelchen\u00bb, wechselt seine Windeln als \u00ababsolut blutiger Anf\u00e4nger\u00bb, erz\u00e4hlt ergreifend von der Peinlichkeit und Pein dieser erzwungenen Intimit\u00e4t.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j044bh2c1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Er beschreibt die Gespr\u00e4che mit \u00c4rzten, die sich hilflos hinter ihrem Fachjargon verschanzen (\u00abDer Tod spricht Latein\u00bb), und wie in einer Litanei wiederholt er den Satz \u00abIch bete, dass mein Vater keine grossen Schmerzen hat\u00bb. Und der Vater wiederholt im \u00abKampf mit dem Drachen des Schmerzes\u00bb sein wenig glaubw\u00fcrdiges Mantra \u00abhalb so wild\u00bb.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j03sobu10\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Wie das Sterben war auch das Leben dieses Vaters kein Zuckerschlecken, unter anderem als G\u00e4rtner in einer psychiatrischen Klinik, meist in \u00e4rmlichen Wohnungen, geg\u00e4ngelt im Kommunismus, dann bedr\u00e4ngt im wilden Kapitalismus, als er durch den \u00abFleischwolf der 90er\u00bb seine Arbeit verlor.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j044bslc1\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Trotzdem war er lebenslang ein witziger Geschichtenerz\u00e4hler und fand zuletzt Zuflucht und Frieden im Garten auf seinem eigenen Grundst\u00fcck. Der Garten wird in diesem Vaterbuch zur zentralen Metapher, er ist sein Lebensraum, aber auch ein Ort des Verfalls. Der Vater habe diesen Garten mit seiner Lebenskraft gespeist, schreibt der Sohn, je r\u00f6ter die Tomaten werden, desto bleicher wird der G\u00e4rtner.<\/p>\n<p>Schmerz, Zeit und Endlichkeit<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j03sobu30\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Georgi Gospodinov ringt in diesem stillen Buch mit dem Schmerz, mit der Sprache, mit der Ungeheuerlichkeit des Endes. In unpr\u00e4tenti\u00f6sen S\u00e4tzen gelingt es ihm, leise das Unaussprechliche zu umkreisen \u2013 und der \u00dcbersetzer Alexander Sitzmann gibt auf Zehenspitzen das Beste. Wie schon in den Romanen \u00abPhysik der Schwermut\u00bb oder \u00abZeitzuflucht\u00bb experimentiert der Autor auch hier mit der Zeit \u2013 doch diesmal ist es keine metaphysische Zeitreise, sondern eine zutiefst pers\u00f6nliche und schmerzhafte R\u00fcckblende.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j03sobu40\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">Die Erz\u00e4hlung l\u00e4uft r\u00fcckw\u00e4rts und vorw\u00e4rts, springt von einem Krankenhaus in Sofia zur\u00fcck zu einem Brunnen in der Kindheit, zum winterlichen Sterbelager des Vaters, zu einem Fr\u00fchlingsmorgen mit Schneegl\u00f6ckchen. Denn dieser Vater war in seinem Leben nicht nur ein hilfloser Patient, sondern auch Basketballspieler und Familienmensch, ein \u00dcberlebender des Sozialismus und vor allem ein l\u00e4ndlicher Sisyphos in seinem Garten.<\/p>\n<p data-team-paragraph=\"\" id=\"id-doc-1j03sobu60\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"p\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent text nzzinteraction\">So entsteht in \u00abDer G\u00e4rtner und der Tod\u00bb auch das melancholische Zustandsbild von Vergangenheit und Gegenwart, von der G\u00e4ngelung der \u00abKinder des Sozialismus\u00bb einst bis zu den Katastrophen von heute. \u00abEin Krieg in Europa, noch einer in Pal\u00e4stina.\u00bb Schmerzlich konstatiert Georgi Gospodinov seine gegenw\u00e4rtige Lage: \u00abIch sch\u00e4me mich f\u00fcr die Welt, in der mein Vater stirbt.\u00bb Der nahe Krieg und der noch n\u00e4here Krebs nagen auch an ihm, und trauernd tastet er sich durch sein eigenes Befinden in diesem eindringlich stillen Requiem.<\/p>\n<p data-team-footnote=\"\" id=\"id-doc-1j03sobu70\" content=\"\" pagetype=\"Article\" componenttype=\"footnote\" data-vars-danzz-last-article-element=\"true\" is-new-line-child=\"true\" class=\"articlecomponent footnote nzzinteraction\">Georgi Gospodinov: Der G\u00e4rtner und der Tod. Roman. Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann. Aufbau-Verlag, Berlin 2025. 240\u00a0S., Fr. 34.90.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov gedenkt auf bewegende Weise seines Vaters. 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