{"id":301084,"date":"2025-07-28T18:19:09","date_gmt":"2025-07-28T18:19:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/301084\/"},"modified":"2025-07-28T18:19:09","modified_gmt":"2025-07-28T18:19:09","slug":"andrey-gurkovs-neues-buch-ueber-russland-nichts-wird-mehr-so-sein-wie-frueher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/301084\/","title":{"rendered":"Andrey Gurkovs neues Buch \u00fcber Russland: Nichts wird mehr so sein wie fr\u00fcher"},"content":{"rendered":"<p class=\"Initial paragraph first  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-1\" pos=\"1\">Die Geografie k\u00f6nne man vergessen, meint der in K\u00f6ln lebende russische Journalist Andrey Gurkov: \u201eRussland geh\u00f6rt nicht mehr zu Europa \u2013 und will es auch nicht.\u201c Mit dieser klaren Absage an vorschnelle Hoffnungen auf eine Demokratisierung Russlands in absehbarer Zukunft, die viele hierzulande noch immer hegen, beginnt Gurkovs k\u00fcrzlich erschienenes, \u00fcberaus aufschlussreiches Buch \u201eF\u00fcr Russland ist Europa der Feind\u201c. Es beschreibt Russlands Abkehr von der europ\u00e4ischen Idee und das Erstarken totgeglaubter Gro\u00dfmachtfantasien \u2013 sowohl im Kreml als auch in weiten Teilen der russischen Gesellschaft.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-2\" pos=\"2\">Gurkov macht unmissverst\u00e4ndlich klar: Es ist nicht nur Putins Krieg, der gegen die Ukrai\u00adne gef\u00fchrt wird. Die <a href=\"https:\/\/taz.de\/Russlands-Angriffskrieg-in-der-Ukraine\/!6068228\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">russische Gesellschaft tr\u00e4gt ihn<\/a> weitgehend mit. Hinter dieser Haltung verbirgt sich eine hasserf\u00fcllte, von Widerspr\u00fcchen durchsetzte Ideologie. Europa ist ein als beliebtes Shoppingparadies wahrgenommenes Reiseziel und zugleich \u201eGayropa\u201c, wie es in Russland absch\u00e4tzig hei\u00dft. Russland wiederum ist das gr\u00f6\u00dfte Land der Welt, aber vielerorts nur d\u00fcnn besiedelt, die Infrastruktur ist schlecht ausgebaut und marode. Und dennoch strebt man nach immer mehr Territorien.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-4\" pos=\"3\">Der Autor gibt zu: Viel lieber h\u00e4tte er ein ganz anderes Buch geschrieben. Denn lange Zeit verstand er sich als Br\u00fcckenbauer zwischen seiner Heimat Russland und seiner zweiten Heimat Deutschland. 1959 in Moskau geboren, in Ostberlin, Bonn und Moskau als Sohn eines sowjetischen Korrespondenten aufgewachsen, studierte er Journalistik und arbeitete sp\u00e4ter f\u00fcr verschiedene deutsche und russische Medien.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-5\" pos=\"4\">Als das Sowjetimperium br\u00f6ckelte, als <a href=\"https:\/\/taz.de\/Beschluss-von-1975\/!6094558\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Gorbatschow<\/a> vom \u201egemeinsamen Haus Europa\u201c sprach, sei auch bei ihm die Hoffnung auf ein freies Russland noch gro\u00df gewesen, schreibt Gurkov. Doch Putin machte wenige Jahrzehnte sp\u00e4ter diese Vision zunichte. Die Familientradition des Br\u00fcckenbaus k\u00f6nne und wolle der Autor nicht mehr fortf\u00fchren. Schon 2014, als Russland Teile der Ukraine besetzte, seien ihm erhebliche Zweifel gekommen.<\/p>\n<p>      Ein demokratisches Russland?<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-7\" pos=\"6\">Mit dem \u00dcberfall auf das ganze Land am 24. Februar 2022 wurde f\u00fcr ihn daraus Gewissheit. Ein demokratisches Russland? \u201eEs hat nicht funktioniert, wir haben verloren.\u201c Das m\u00fcsse man sich endlich eingestehen, schreibt Gurkov. Statt sich um einen zum Scheitern verurteilten Dialog mit dem Kreml zu bem\u00fchen, gelte es, Europa \u2013 zu dem ausdr\u00fccklich auch die Ukraine geh\u00f6rt \u2013 zu st\u00e4rken und vor russischen Angriffen zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-8\" pos=\"7\">Gurkov ist Russe und Europ\u00e4er, er kennt beide Welten. Sein Buch ist ein kluger, tiefgr\u00fcndiger Beitrag zur Frage, wie Russland auf Europa blickt \u2013 und vice versa. Seine zeitgeschichtlichen Einsch\u00e4tzungen erg\u00e4nzt er durch instruktive historische Exkurse. Denn die Frage, ob Russland zu Europa geh\u00f6rt oder einen \u201eeigenen, slawischen Weg\u201c einschlagen sollte, zieht sich wie ein roter Faden durch die russische Geistesgeschichte. Zar Peter der Gro\u00dfe wollte das Land mit seinen Reformen Anfang des 18. Jahrhunderts europ\u00e4isieren, er stie\u00df \u201eein Fenster nach Europa auf\u201c, wie der Nationaldichter Puschkin es formulierte.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-10\" pos=\"8\">Der Philosoph Pjotr Tschaadajew beklagte die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit Russlands trotz dieser Bem\u00fchungen und initiierte den im Grunde bis heute andauernden Disput zwischen \u201eWestlern\u201c und \u201eSlawophilen\u201c. In seinem Ersten Philosophischen Brief, in russischer Fassung im Jahr 1836 erschienen, lie\u00df er seinem Frust freien Lauf \u2013 in Russland gab es zu dieser Zeit nach wie vor Leibeigenschaft und strikte Zensur. Entsprechend lie\u00df Zar Nikolaus I. den Philosophen f\u00fcr verr\u00fcckt erkl\u00e4ren und mit Hausarrest bestrafen.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-11\" pos=\"9\">\u201eOrthodoxie, Autokratie und Nationalit\u00e4t\u201c lautete damals die Doktrin des Zaren \u2013 sie w\u00fcrde knapp 200 Jahre sp\u00e4ter wieder zu Putin passen, der Russland per Dekret als \u201eStaat mit eigenst\u00e4ndiger Zivilisation, als umfassende eurasisch-pazifische Gro\u00dfmacht\u201c festschreiben lie\u00df und gerne von der \u201erussischen Welt\u201c schwadroniert. Kurzum: In Russland herrscht aktuell eine aktualisierte Variante der \u201eSlawophilie\u201c vor.<\/p>\n<p>      Anna Netrebko mit Neurussland-Flagge<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-14\" pos=\"11\">Daran ankn\u00fcpfend thematisiert Gurkov auch die Rolle der russisch-orthodoxen Kirche und der russischen Kultur im Krieg. \u201eWelche Mitschuld tragen Puschkin und Dostojewski?\u201c, hei\u00dft eines der Kapitel. In einem anderen widmet er sich der Frage, ob Anna Netrebko zu Auftritten in deutschen Opernh\u00e4usern eingeladen werden sollte.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-15\" pos=\"12\">W\u00e4hrend er es f\u00fcr den falschen Weg h\u00e4lt, russische Klassiker einfach nachtr\u00e4glich zu canceln und stattdessen eine kritische Lekt\u00fcre als geeigneten Umgang empfiehlt, ist <a href=\"https:\/\/taz.de\/Kuenstler-mit-Naehe-zu-Putin\/!6100513\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">sein Urteil bez\u00fcglich Netrebko<\/a> ein hartes. Er verweist auf ihre \u00f6ffentlichkeitswirksamen chauvinistischen Auftritte in der Vergangenheit und ihre halbherzigen Entschuldigungen daf\u00fcr nach Beginn der Gro\u00dfinvasion: Sie posierte Ende 2014 mit einer Neurussland-Flagge, dem Symbol der russischen Besatzung der \u00f6stlichen Ukraine, und spendete einen betr\u00e4chtlichen Betrag an das Opernhaus in der von Russland besetzten Stadt Donezk. Offensichtlich handelt es sich hier um mehr als blo\u00dfe Kontaktschuld.<\/p>\n<p>Das Buch<\/p>\n<p class=\"bodytext first paragraph last\"><strong>Andrey Gurkov:<\/strong> \u201eF\u00fcr Russland ist Europa der Feind. Warum meine Heimat mit dem Westen gebrochen hat\u201c. Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln 2025, 320 Seiten, 24 Euro<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-17\" pos=\"13\">Gurkovs Schlussfolgerungen sind ern\u00fcchternd. Der Putinismus werde nicht mit Putin enden. Kaum jemand in Russland habe ein Interesse daran, Fehler einzugestehen \u2013 mit Ausnahme einer Minderheit oppositionell eingestellter Menschen. Die Zuversicht vieler Deutscher in Bezug auf eine demokratische Wende in Russland h\u00e4lt Gurkov f\u00fcr naiv. Sie speise sich aus der eigenen Erfahrung mit der Friedlichen Revolution von 1989. Es habe sich aber um einen historischen Gl\u00fccksfall gehandelt. Friedliche Proteste in Diktaturen seien in j\u00fcngster Zeit immer wieder gescheitert \u2013 <a href=\"https:\/\/taz.de\/Demokratische-Partei-in-Hongkong-bereitet-ihre-Aufloesung-vor\/!6079017\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">in Hongkong<\/a>, Belarus, im Iran.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-18\" pos=\"14\">Au\u00dferdem sei Russland nicht <a href=\"https:\/\/taz.de\/Ex-belarussicher-Gefangener\/!6096131\/\" class=\"link in-text-link\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Belarus<\/a>. Die russische Zivilgesellschaft sei schw\u00e4cher, die Menschen vor allem an Konsum statt an Werten interessiert. Die Mentalit\u00e4t sei gepr\u00e4gt vom imperialen Narrativ, man sei das gr\u00f6\u00dfte und deshalb beste Land der Welt, mit den entsprechenden Befugnissen.<\/p>\n<p>      Die deutsche Sehnsucht nach einer heilen Welt<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-20\" pos=\"16\">Die Lekt\u00fcre des Buches bietet einen dringend ben\u00f6tigten Reality Check: \u201eIch sp\u00fcre in Deutschland eine Sehnsucht nach einer heilen Welt in den Beziehungen zu Russland, ein Verlangen, es m\u00f6ge doch bitte wieder so werden wie fr\u00fcher. Aber machen wir uns keine Illusionen: Nichts wird mehr so sein wie fr\u00fcher.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-21\" pos=\"17\">Nat\u00fcrlich ist Krieg schlecht, die diplomatische L\u00f6sung immer erstrebenswerter als die milit\u00e4rische. Aber wenn ein aggressiver Staat, dem Menschenleben nichts wert sind, sein Nachbarland \u00fcberf\u00e4llt und den Zerfall der EU herbeisehnt, muss man sich wehrhaft zeigen. Ohne glaubw\u00fcrdige Abschreckung macht man eine Ausweitung des jetzigen Krieges auf weitere L\u00e4nder wahrscheinlicher.<\/p>\n<p class=\"bodytext paragraph last  typo-bodytext is-block column pv-0 is-8-tablet mgh-auto-tablet mobile-order-22\" pos=\"18\">Diese Position, die einschl\u00e4gige Ex\u00adper\u00adt:in\u00adnen vertreten, nimmt auch Gurkov ein und warnt eindringlich vor den besserwisserischen, naiven Russ\u00adland\u00adver\u00adste\u00adhe\u00adr:in\u00adnen hierzulande, deren gr\u00f6\u00dftes Problem sei, dass sie oft gar kein Russisch verstehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Die Geografie k\u00f6nne man vergessen, meint der in K\u00f6ln lebende russische Journalist Andrey Gurkov: \u201eRussland geh\u00f6rt nicht mehr&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":301085,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4013],"tags":[331,332,13,14,15,4043,4044,850,307,12],"class_list":{"0":"post-301084","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-russland","8":"tag-aktuelle-nachrichten","9":"tag-aktuelle-news","10":"tag-headlines","11":"tag-nachrichten","12":"tag-news","13":"tag-russia","14":"tag-russian-federation","15":"tag-russische-foederation","16":"tag-russland","17":"tag-schlagzeilen"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114932244196586982","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/301084","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=301084"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/301084\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/301085"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=301084"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=301084"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=301084"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}