{"id":301340,"date":"2025-07-28T20:43:10","date_gmt":"2025-07-28T20:43:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/301340\/"},"modified":"2025-07-28T20:43:10","modified_gmt":"2025-07-28T20:43:10","slug":"reisners-blick-auf-die-front-die-russen-stossen-vor-wie-die-zaehne-einer-saege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/301340\/","title":{"rendered":"Reisners Blick auf die Front: &#8222;Die Russen sto\u00dfen vor wie die Z\u00e4hne einer S\u00e4ge&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Im Donbass gelingt es den Russen derzeit, f\u00fcnf St\u00e4dte mehr und mehr einzukesseln. Die ukrainischen Verteidiger k\u00f6nnen nur mit kleinen Lieferungen versorgt werden. Daf\u00fcr riskieren die Soldaten ihr Leben mehr als im Sch\u00fctzengraben, erkl\u00e4rt Oberst Markus Reisner ntv.de. <\/p>\n<p><b>ntv.de: Herr Reisner, im Raum Sumy, im n\u00f6rdlichen Frontabschnitt konnten die Ukrainer die russischen Angreifer teilweise erfolgreich zur\u00fcckdr\u00e4ngen. Wieso gelingt das dort, aber nicht im Donbass, wo die Ukrainer schon so lange so stark unter Druck stehen?<\/b><\/p>\n<p>Markus Reisner: Zwar greifen die russischen Truppen entlang der gesamten Front mit unverminderter Heftigkeit an. Aber ihr Ziel im n\u00f6rdlichen und im s\u00fcdlichen Teil des Frontbogens ist es, dort vor allem die ukrainischen Kr\u00e4fte zu binden, die ukrainischen Truppen also dort zu fixieren. Der Vorsto\u00df Richtung Sumy ist ja aus der erfolgreichen Abwehr des ukrainischen Vorsto\u00dfes auf russisches Territorium bei Kursk entstanden. Die Russen haben die Ukrainer damals wieder zur\u00fcckgedr\u00e4ngt und sind dann weiter auf ukrainisches Gebiet einmarschiert. Sie wollen dort gar nicht bis Sumy vorsto\u00dfen, dazu haben ihre Truppen nicht die erforderliche St\u00e4rke. Sie sind aber stark genug, um daf\u00fcr zu sorgen, dass die Ukrainer ihre Truppen aus der Kursk-Offensive dort noch immer nicht abziehen k\u00f6nnen. Diese ukrainischen Brigaden sind \u00e4u\u00dferst kampfkr\u00e4ftig, darum gelingen ihnen immer wieder die von Ihnen erw\u00e4hnten Gegenst\u00f6\u00dfe. Aber gerade die FPV-Drohnen-Einheiten w\u00fcrden dringend im eigentlichen Schwerpunkt der russischen Anstrengungen ben\u00f6tigt. Der liegt nach wie vor im Zentralraum, im Mittelabschnitt der Front, also im Donbass. Dort fehlen diese ukrainischen Kr\u00e4fte. <\/p>\n<p><b>Darum k\u00f6nnen die russischen Truppen dort so kontinuierlich aufmarschieren?<\/b><\/p>\n<p>Die ukrainischen Truppen sind dort bereits abgek\u00e4mpft und sehr ausged\u00fcnnt. In den letzten beiden Monaten haben die Russen etwa 15 bis 20 Quadratkilometer pro Tag erobert, punktuell hat sich diese Bilanz sogar in diesem Monat noch gesteigert. Darum erkennt man derzeit auch auf pro-ukranischen Kartenwerken, wie die russischen Angreifer im Moment wie eine Tsunamiwelle auf Pokrowsk zurollen. <\/p>\n<p><b>Aber Pokrowsk ist nicht der einzige Kessel dort, oder?<\/b><\/p>\n<p>Die Russen sind dabei, im Mittelabschnitt von Nord bis S\u00fcd insgesamt f\u00fcnf St\u00e4dte einzukesseln: Kupjansk, Siwersk, Kostjantynivka, Pokrowsk und Nowopavlika. Sie sind entweder von einer Umschlie\u00dfung bedroht oder befinden sich bereits mitten in einem Kessel. Vor allem nord\u00f6stlich von Pokrowsk gewinnen die Russen immer mehr Raum. Die Front h\u00e4ngt hier deutlich \u00fcber und daraus entsteht f\u00fcr die Verteidiger in der Stadt eine akute Bedrohung, eingeschlossen zu werden. Wenn wir bei der Frontbetrachtung ein bisschen hineinzoomen, erscheinen die russischen Vorst\u00f6\u00dfe wie ein Muster, wie die Z\u00e4hne einer S\u00e4ge. All diese Z\u00e4hne, die aus der Frontlinie hervorspringen, sind Vorst\u00f6\u00dfe der Russen um Ortschaften herum. Das ist ein Grundprinzip, an dem die Russen \u00fcber die letzten Jahre festgehalten haben: den Gegner aus mehreren Richtungen anzugreifen, von den Flanken, aus der Tiefe, ihn so zu binden und auch zu \u00fcberfordern. Dazu werden die Versorgungslinien abgeschnitten. <\/p>\n<\/p>\n<p><b>Eine sehr langfristige Taktik, aber die Russen haben ja auch keinen Zeitdruck?<\/b><\/p>\n<p>Gef\u00fchlt dauert das sehr lang, aber nach zwei, drei, vier Monaten sehen Sie das Ergebnis. Wir schauen auf die Karte und denken: Da tut sich nicht viel. Aber wenn wir den Frontverlauf im Zeitraffer betrachten, allein vom letzten Sommer bis heute, dann wird deutlich, wie gro\u00df die russischen Vorm\u00e4rsche tats\u00e4chlich sind. Die russischen Gel\u00e4ndegewinne summieren sich, die ukrainischen Soldaten werden immer weniger.<\/p>\n<p><b>Derzeit halten sich die f\u00fcnf eingekesselten St\u00e4dte noch. Haben also alle f\u00fcnf noch mindestens eine Versorgungslinie offen, \u00fcber die sie Nachschub bekommen und Verwundete abtransportieren k\u00f6nnen?<\/b><\/p>\n<p>Hier ist der Raum einer der entscheidenden Faktoren, beispielsweise kann ein Flusslauf in der N\u00e4he dieser St\u00e4dte sehr bedeutsam sein. Auf Videos der Frontabschnitte ist erkennbar, wie die Russen versuchen, Br\u00fccken \u00fcber Fl\u00fcsse in der N\u00e4he zu zerst\u00f6ren. Die sind ein Nadel\u00f6hr f\u00fcr die Versorgung, und durch eine zerst\u00f6rte Br\u00fccke kann die Logistik wirksam unterbrochen werden. Bedeutsam sind auch Gel\u00e4ndeabschnitte, die sich von der H\u00f6he her unterscheiden. Gelingt es den Russen, im flachen Osten der Ukraine hingegen sogar H\u00f6hengel\u00e4nde in Besitz zu nehmen, dann k\u00f6nnen sie von dort aus sehr viel weiter wirken. Das verschlechtert die Lage in den eingekesselten St\u00e4dten enorm.<\/p>\n<p><b>Dann sind dort nur noch wenige Kr\u00e4fte in den St\u00e4dten, um diese zu verteidigen?<\/b><\/p>\n<p>Die prek\u00e4re Versorgungslage l\u00e4sst nichts anderes zu. Die Kessel beginnen dann langsam, sich zu schlie\u00dfen und schlussendlich kann der Ort nicht mehr gehalten werden. Dazu ist es vielleicht auch gar nicht notwendig, dass der Kessel unmittelbar geschlossen wird. Man spricht von einer &#8222;operativen Schlie\u00dfung&#8220; des Kessels, wenn es dem Angreifer bereits gelingt, durch weitreichende Waffensysteme die wichtigsten Versorgungsrouten in den Kessel zu beherrschen. Sie wissen ja, die gr\u00f6\u00dften Ausf\u00e4lle auf beiden Seiten entstehen nicht unmittelbar im Gefecht, im Kampf Mann gegen Mann oder Kampfpanzer gegen Stellungssystem. Die meisten Soldaten verliert man bei der Rotation und bei der Versorgung. <\/p>\n<p><b>Wie genau passiert das?<\/b><\/p>\n<p>Die Ukrainer sind oft \u00fcber Wochen und Monate in kleinen Erdl\u00f6chern, Bunkern oder unterirdischen Kellern eingeschlossen, wo sie nur darauf hoffen k\u00f6nnen, irgendwie versorgt zu werden. Durch Drohnen zum Beispiel oder durch ihre Kameraden, die selbst versuchen, Nachschubg\u00fcter zu den bedr\u00e4ngten St\u00fctzpunkten oder in den Kessel hineinzubringen. Und nat\u00fcrlich geht es auch darum, Verwundete herauszuholen, um sie medizinisch versorgen zu k\u00f6nnen. Solche Aktionen sind die verwundbarsten Momente, genau dann greifen die Russen an. Im Gegenzug versuchen nat\u00fcrlich auch die Ukrainer dies zu tun.<\/p>\n<p><b>Haben die Soldaten denn \u00fcberhaupt eine realistische Chance, \u00fcber eine solche Route oder Stra\u00dfe bei ihrem Ziel anzukommen? Im Donbass gibt es ja schon lange das gl\u00e4serne Gefechtsfeld, das von beiden Seiten vollst\u00e4ndig \u00fcberwacht wird.<\/b><\/p>\n<p>Das Lagebild beider Seiten ist nahezu l\u00fcckenlos, richtig. Darum versucht man gar nicht erst, eine Rotation einmalig mit einer gro\u00dfen Gruppe durchzuf\u00fchren. Auch nachts nicht. Stattdessen wird das immer dezentral, vereinzelt, in sehr kleinen Gruppen oder Trupps gemacht. Oft vielleicht ein, zwei Soldaten, die sich auf diesen m\u00fchevollen Weg machen &#8211; an die Front selbst oder von dort zur\u00fcck. Solange man sich auf den eigenen Beinen bewegen kann, funktioniert das relativ gut, zumindest bis die Drohnen das Gr\u00fcppchen erkannt haben.<\/p>\n<p><b>Wie schnell passiert das in der Regel?<\/b><\/p>\n<p>Nach zehn bis 15 Minuten. Sp\u00e4testens.<\/p>\n<p><b>Und dann haben sie keine Chance mehr? Wenn sie das Summen der Drohne am Himmel h\u00f6ren?<\/b><\/p>\n<p>Die Soldaten m\u00fcssen dann versuchen, sich zu zerstreuen, sich zu tarnen, um nicht getroffen zu werden. Ist einer bereits verletzt oder versucht, einen Verletzten zu transportieren, dann wird es sehr schwierig. In den letzten Wochen hat die Ukraine mehr und mehr unbemannte Systeme eingesetzt, Unmanned Ground Vehicles (UGV), also Landroboter. Die k\u00f6nnen aus sicherer Entfernung gesteuert werden, \u00fcber Relaisstationen oder eine andere Drohne, und bewegen sich zu vereinbarten Punkten, etwa mit geladenem Trinkwasser, Essen und \u00e4hnlichem. Nach der schnellen Entladung wird ein Verwundeter auf den Roboter gelegt und dann f\u00e4hrt der wieder zur\u00fcck. Wird der fahrende Roboter aber erkannt, hat der Verletzte kaum Chancen, sich zu sch\u00fctzen. Ein klarer Versto\u00df gegen das V\u00f6lkerrecht \u00fcbrigens, einen Verwundetentransport anzugreifen. <\/p>\n<\/p>\n<p><b>Woher bekommt die Ukraine die Boden-Drohnen?<\/b><\/p>\n<p>Die erfolgreichsten Fahrzeuge sind in der Ukraine selbst produziert worden, weil die Ukrainer nat\u00fcrlich im Gefechtsfeld die unmittelbarsten Erfahrungen machen. Robert Brovdi, ist Kommandant einer ber\u00fchmten ukrainischen Drohneneinheit, sein Pseudonym lautet &#8222;Magyar&#8220;. Vor kurzem hat er vor Vertretern der Nato-Streitkr\u00e4fte in Deutschland einen Vortrag gehalten. Brovdi wies nachdr\u00fccklich darauf hin, dass die westlichen Streitkr\u00e4fte beginnen m\u00fcssen, sich mit den Entwicklungen auf dem Schlachtfeld auseinanderzusetzen. Die Ukraine macht t\u00e4glich die Erfahrung, wie radikal sich das Wesen des Krieges ver\u00e4ndert hat. Bei vielen im Westen ist das noch nicht wirklich angekommen.<\/p>\n<p><b>Darum reden im Westen noch immer so viele von einer Sommer-Offensive? Obwohl die Russen einfach permanent und schon seit dem Winter an allen Frontabschnitten Druck machen?<\/b><\/p>\n<p>Der westliche Betrachter verkn\u00fcpft mit dem Begriff der Offensive eine schnell vorgetragene Bewegung, vor allem von mechanisierten Verb\u00e4nden, die rasch vorsto\u00dfen und schnell Raum gewinnen. So wie wir das vielfach im Nahen Osten gesehen haben &#8211; im Irak, in Afghanistan. Aber der Krieg in der Ukraine heute hat einen ganz anderen Charakter. Hier geht es darum, den Gegner abzunutzen, an der Gefechtslinie den Gegner mit 1000 kleinen Nadelstichen zu treffen, bis er zerm\u00fcrbt ist. Das ist die russische Theorie des Sieges. Die Gel\u00e4ndegewinne sind klein, die Verluste sind schwer, aber es ist die M\u00f6glichkeit, schlussendlich territoriale Erfolge einzufahren. F\u00fcr uns ist eine derartige Herangehensweise unvorstellbar, f\u00fcr die Russen ein Mittel, um ihre Ziele zu erreichen.<\/p>\n<p>Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Im Donbass gelingt es den Russen derzeit, f\u00fcnf St\u00e4dte mehr und mehr einzukesseln. 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