{"id":301455,"date":"2025-07-28T21:48:17","date_gmt":"2025-07-28T21:48:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/301455\/"},"modified":"2025-07-28T21:48:17","modified_gmt":"2025-07-28T21:48:17","slug":"das-juedische-museum-berlin-zeigt-design-juedischer-kuenstlerinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/301455\/","title":{"rendered":"Das J\u00fcdische Museum Berlin zeigt Design j\u00fcdischer K\u00fcnstlerinnen"},"content":{"rendered":"<p>Sie hat zwischen Spinnen und Staub in Tel Aviv im M\u00fcll gew\u00fchlt, die Dachb\u00f6den von Familien durchsucht, die dort Artefakte ihrer l\u00e4ngst vergessenen und fr\u00fcher vielleicht einmal ber\u00fchmten Gro\u00dfm\u00fctter vermuteten. Und sie hat \u00fcber Jahre in Archiven recherchiert, um m\u00fchsam ihre Namen und Adressen zu identifizieren, sie zu entr\u00e4tseln und in Verbindung zu bringen. Sie hat Flohm\u00e4rkte besucht und ist jeder Spur nachgegangen, die zu den Keramiken, den Holzschnitten, dem Modedesign oder den Grafiken sowie der Textil-, Gold- und Silberschmiedekunst j\u00fcdischer Designerinnen der Moderne f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Seit nunmehr 20 Jahren sucht und findet die Kunsthistorikerin und Kuratorin Michal Friedlander unz\u00e4hlige Gegenst\u00e4nde, darunter Taschen, H\u00fcte, Uhren, Puppen, Perlenstickereien, Geschirr, Sederteller, Plakate, Entw\u00fcrfe, Druckgrafiken, Illustrationen, Teeservice und Automaten \u2013 allesamt Dinge, die von K\u00fcnstlerinnen geschaffen wurden, an deren Namen sich fast niemand mehr erinnert. Und trotzdem pr\u00e4gen sie mit ihrer radikalen Modernit\u00e4t unser Formempfinden bis heute.<\/p>\n<p>Friedlander, seit 2001 zust\u00e4ndig f\u00fcr Judaica und angewandte Kunst im J\u00fcdischen Museum Berlin, ist bei ihrer Recherche stets diskret vorgegangen. Es gab keinen Markt f\u00fcr die Kunst und das Kunstgewerbe j\u00fcdischer Designerinnen, ein Umstand, der sich mit dieser Ausstellung im J\u00fcdischen Museum allerdings grundlegend \u00e4ndern wird.<\/p>\n<p>Ohne jede \u00dcbertreibung spektakul\u00e4r<\/p>\n<p>Denn mit ihren rund 400 Exponaten von 60 K\u00fcnstlerinnen ist sie ohne jede \u00dcbertreibung spektakul\u00e4r, und das aus zahlreichen Gr\u00fcnden. Zun\u00e4chst ersch\u00fcttert die simple Tatsache, dass die schlichte Sch\u00f6nheit sowie die Wertigkeit der Kunst- und Gebrauchsgegenst\u00e4nde uns in ihren Bann ziehen, aber ihre Sch\u00f6pferinnen so gut wie unbekannt sind.<\/p>\n<p>Immer wieder steht man verbl\u00fcfft vor Alltagsgegenst\u00e4nden, beispielsweise einem Tortenheber, der in seiner Gestaltung als silberner Halbkreis an einem schmalen Griff und seinen Proportionen formsch\u00f6ner ist als alle bekannten Kuchenbestecke. Oder vor einem Chanukkaleuchter auf neun zarten silbernen Ringen. <\/p>\n<p>Den Namen der Sch\u00f6pferin d\u00fcrften \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 wenige Experten je geh\u00f6rt haben: Rose Leon. Die Silberschmiedin, 1909 in Berlin geboren, hat an der Schule Reimann im Fachbereich Metallarbeit j\u00fcdische Zeremonialobjekte entworfen und gefertigt. Wie alle anderen j\u00fcdischen Designerinnen verlor auch sie nach 1933 Arbeits- und Ausstellungsm\u00f6glichkeiten. Ihr gelang als eine der wenigen die Flucht in die USA, jedoch konnte Leon nicht mehr an die Erfolge ihre Berliner Zeit ankn\u00fcpfen. Bis jetzt war ihr Name weitestgehend vergessen.<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Die Gegenst\u00e4nde ziehen in ihren Bann, aber ihre Sch\u00f6pferinnen kennt niemand.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ebenfalls in der privaten Schule Reimann, die von den Nazis 1938 in der Pogromnacht verw\u00fcstet wurde, war Alice Neumann t\u00e4tig. Ihre Modezeichnungen f\u00fcr den Ullstein Verlag machten sie ber\u00fchmt, ihre gezeichneten \u00bbFrauen in Sportkleidung\u00ab beweisen eine zeitlose Eleganz. Geboren als Alice \u00bbLissy\u00ab Edler, zeigte sie bereits in sehr jungen Jahren ein \u00fcberbordendes k\u00fcnstlerisches Talent. Ihre Karriere endete mit der \u00fcberst\u00fcrzten Flucht nach London. Dort konnte Neumann ihre Familie zun\u00e4chst mit ihrer Kunst ern\u00e4hren, doch dann, auch dies ein typisches Frauenschicksal, unterst\u00fctzte sie ihren Mann beim Aufbau seiner Arztpraxis. Ihr Name ist heute so gut wie vergessen.<\/p>\n<p>Die Holzbildhauerin, Maskenschnitzerin und B\u00fchnenbildnerin Marianne Heymann ist eine weitere faszinierende K\u00fcnstlerin, die heute so gut wie niemand kennt. Weil sie Paul Klee, ihren Lehrer am Bauhaus, bewunderte, schnitzte sie eine Handpuppe mit dessen strengen Gesichtsz\u00fcgen und gro\u00dfen Augen sowie wei\u00dfem Kittel. Heymann gelang die Flucht nach Haifa.<\/p>\n<p>Flucht, Deportation, Ermordung<\/p>\n<p>Wenigstens, so k\u00f6nnte man argumentieren, haben diese Designerinnen ihr Leben retten k\u00f6nnen \u2013 aus dem kulturellen Ged\u00e4chtnis sind sie jedoch entschwunden. Andere hatten nicht so viel Gl\u00fcck, sie wurden ermordet. Oder sie begingen aus Furcht vor der Deportation Selbstmord wie 1942 die \u00bbBlumendichterin\u00ab Franziska Bruck, die das Blumenbindehandwerk revolutioniert hat. Ein Bewunderer ihrer Arbeit scherzte: \u00bbFranziska Bruck ist die ber\u00fchmteste Pers\u00f6nlichkeit von Berlin, denn sie hat Unkraut salonf\u00e4hig gemacht.\u00ab Inspiriert von Ikebana und dem japanischen Minimalismus, hatte sie sogar eine Schule f\u00fcr Blumenschmuck in Berlin-Charlottenburg gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Die Portr\u00e4tmalerin und Kinderbuch\u00adillustratorin Elly Frank wurde beim Massaker von Rumbula in Lettland erschossen. Ida Dehmel, M\u00e4zenin und Perlenstickerin, beging 1942 Suizid. Ihre Arbeiten sind bezaubernd filigran und poetisch. Franziska Schlopsnies, so lesen wir in dem liebevoll wie detailliert gestalteten Katalog, gilt als eine der bedeutendsten Modegrafikerinnen der 1920er-Jahre. Sie hatte zahlreiche Titelbl\u00e4tter gro\u00dfer Magazine gestaltet, ihre Gouachemalerei \u00bbDie elegante Frau\u00ab geh\u00f6rt definitiv zu den Highlights der Ausstellung. Im Dezember 1944 wurde sie in Auschwitz ermordet. <\/p>\n<p>Und der Hut aus schwarzem Samt mit wei\u00dfem Vogel von Paula Schwarz ist eine Mode-Ikone auf der Ausstellung, seine Macherin wurde 1943 in Theresienstadt umgebracht.<\/p>\n<p>Sie alle waren Pionierinnen in einem gesellschaftlichen Umfeld, das Frauen die F\u00e4higkeit zur Kreativit\u00e4t absprach. Wenn \u00fcberhaupt, konnte man als Amateurin ein wenig dekorativ arbeiten, nie aber wirklich sch\u00f6pferisch, hie\u00df es noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. \u00bbDiese Abwertung schr\u00e4nkte sie ein\u00ab, betont Michal Friedlander. \u00bbDie Nischen, die sie sich suchten, boten ihnen aber auch Chancen.\u00ab<\/p>\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>Viele J\u00fcdinnen studierten an Kunstakademien. Frauen waren meist erst nach 1919 zugelassen.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die K\u00fcnstlerinnen arbeiteten teilweise in den eigenen vier W\u00e4nden, verkauften privat oder an Haushaltswarengesch\u00e4fte und gr\u00fcndeten ihre eigenen Unternehmen. Trotz der gesellschaftlichen Marginalisierung erwarben sie sich bis 1933 herausragende Positionen, und zwar k\u00fcnstlerisch und oft auch wirtschaftlich. Gegen die gesellschaftlichen \u00bbWiderst\u00e4nde\u00ab, daher der Titel der Ausstellung.<\/p>\n<p>Sie k\u00e4mpften nicht nur um Anerkennung und, oft aus der Not heraus, um finanzielle Unabh\u00e4ngigkeit \u2013 auch angestaubte Wertvorstellungen galt es zu \u00fcberwinden, und das au\u00dfer- und innerhalb ihrer jeweiligen j\u00fcdischen Lebenswelt. All diese \u00bbWiderst\u00e4nde\u00ab zeigt das erste der in zehn thematische Kapitel gegliederten Ausstellung.<\/p>\n<p>So sollte Frauen bis 1919 der Zugang zu fast allen Kunstakademien in Deutschland verwehrt bleiben. Als das Studium dann m\u00f6glich wurde, waren J\u00fcdinnen \u00fcberproportional vertreten, da sie zumeist aus b\u00fcrgerlichen Familien stammten, in denen Bildung, Kunst und finanzielle Unabh\u00e4ngigkeit besonders hoch gesch\u00e4tzt wurden. <\/p>\n<p>Die private Schule Reimann hatte mehr als 15.000 Absolventinnen und Absolventen<\/p>\n<p>So gr\u00fcndete das j\u00fcdische Kunstwerkerpaar Albert und Klara Reimann 1902 die gleichnamige Schule. Was ihren F\u00e4cherkanon und die Studierendenzahlen betraf, so war sie gr\u00f6\u00dfer als das Bauhaus \u2013 trotzdem ist sie heute weitestgehend in Vergessenheit geraten. Unterrichtet wurden dort nicht nur Malerei und Bildhauerei, sondern bald auch Modezeichnen, Grafik, Plakatkunst, Batik, Buchbinden, Lederschnitt, Metallbearbeitung sowie Fotografie und Schaufenstergestaltung. Mehr als 15.000 Absolventen und Absolventinnen z\u00e4hlte man bis 1943, als die Reimann-Schule bei einem Bombenangriff zerst\u00f6rt wurde.<\/p>\n<p>\u00bbUnser Anliegen ist es\u00ab, so Friedlander, \u00bbdeutsch-j\u00fcdischen Designerinnen Sichtbarkeit und Anerkennung zu verschaffen und die Geschichtsschreibung dort, wo sie ausgeschlossen wurden, zu korrigieren.\u00ab Nat\u00fcrlich unterscheide sich eine von einer j\u00fcdischen Frau entworfene Teekanne nicht von einer, die eine nichtj\u00fcdische Frau gestaltet hat. Das essenziell Andere, glaubt Friedlander, zeige sich vielmehr in dem gesellschaftlichen Kontext, aus dem die j\u00fcdische Kulturproduktion hervorgegangen sei. <\/p>\n<p>Die K\u00fcnstlerinnen l\u00f6sten sich, so Friedlanders These, \u00bbaus der warmen Umarmung ihres Herkunftsmilieus und stiegen an die Spitze ihres jeweiligen Berufsfelds auf\u00ab.<\/p>\n<p>Allein Anni Albers und ihren abstrakten Webarbeiten, die sie zu einer der einflussreichsten Textilk\u00fcnstlerinen des 20. Jahrhunderts machten, wurde jener Ruhm zuteil, der so vielen j\u00fcdischen Designerinnen eigentlich geb\u00fchren w\u00fcrde. Das MoMA in New York hat ihr 1949 als erster Textilk\u00fcnstlerin eine Einzelausstellung gewidmet.<\/p>\n<p>Aber immerhin: \u00bbWiderst\u00e4nde\u00ab sorgt jetzt daf\u00fcr, dass eine Leerstelle in der deutsch-j\u00fcdischen Kulturgeschichte endlich verschwindet. Die Ausstellung ist zweifellos ein Gl\u00fccksfall zu nennen.<\/p>\n<p>\u00bbWiderst\u00e4nde. J\u00fcdische Designerinnen der Moderne\u00ab. Bis 23. November im J\u00fcdischen Museum Berlin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Sie hat zwischen Spinnen und Staub in Tel Aviv im M\u00fcll gew\u00fchlt, die Dachb\u00f6den von Familien durchsucht, die&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":301456,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1825],"tags":[573,296,574,29,30,411,570,576,572,80,14,16,575,571],"class_list":{"0":"post-301455","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-berlin","8":"tag-berichte","9":"tag-berlin","10":"tag-blogs","11":"tag-deutschland","12":"tag-germany","13":"tag-israel","14":"tag-juedische-allgemeine","15":"tag-juedisches-leben","16":"tag-kommentare","17":"tag-kultur","18":"tag-nachrichten","19":"tag-politik","20":"tag-religion","21":"tag-wochenzeitung"},"share_on_mastodon":{"url":"https:\/\/pubeurope.com\/@de\/114933065861809151","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/301455","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=301455"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/301455\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/301456"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=301455"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=301455"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=301455"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}